socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Wolfgang Senf, Michael Broda u.a.: Techniken der Psychotherapie

Cover Wolfgang Senf, Michael Broda, Bettina Wilms: Techniken der Psychotherapie. Georg Thieme Verlag (Stuttgart) 2013. 320 Seiten. ISBN 978-3-13-163161-9. D: 79,99 EUR, A: 82,30 EUR, CH: 112,00 sFr.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Die Weiterentwicklung der Psychotherapie in den letzten Jahren hat dazu geführt, dass schulenübergreifend unterscheidbare Kompetenzen für eine psychotherapeutische Behandlung notwendig sind. Dies haben die Autoren des vorliegenden Buches im vorangegangen Buch „Praxis der Psychotherapie“ begründet und dargestellt. Hier stellen sie nunmehr in sinnvoller Ergänzung ein methodenübergreifendes Kompendium vor, in dem im Sinne einer „Allgemeinen Psychotherapie“ bewährte psychotherapeutische Techniken und Methoden vorgestellt werden.

Herausgeber und Herausgeberin, Autoren und Autorinnen

Die Herausgeber vertreten in wechselseitigem Respekt die Fachrichtungen Medizin und Psychologie: Senf ist Mediziner und Professor für psychosomatische Medizin und Psychotherapie an der medizinischen Fakultät Duisburg-Essen, zudem Direktor am Universitätsklinikum Essen im gleichen Fachgebiet und in eigener Praxis tätig.

Broda ist promovierter Diplom-Psychologe und Psychotherapeut in eigener Praxis, zudem Lehrtherapeut.

Wilms ist Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, Lehrtherapeutin für Systemische und Verhaltenstherapie. Sie ist Chefärztin einer Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik in Nordhausen.

Die Herausgeber sind auch (Mit-) Autoren des Buches, dessen Stärke liegt gerade an den ausgewiesenen Mitautoren (insgesamt mehr als 70!), die Kompetenz in jedes Kapitel des Buches bringen.

Entstehungshintergrund

In der Weiterentwicklung der Psychotherapie sehen die Autoren die Chance, auf der Basis eines weithin akzeptierten Grundmodells Behandlungsmethoden und -techniken zusammenzubringen, die die zunehmend auf einander zugehenden Richtungen der Psychotherapie anzubieten haben. Sie beantworten die Frage, was sich in Sinne wissenschaftlich gesicherter Wirkfaktoren an Behandlungsmöglichkeiten als effizient erwiesen hat und in der Praxis tatsächlich Anwendung findet; sie verbinden so Wissenschaft und Praxis auf pragmatisch wohltuende Weise und ergänzen ihr 2012 im gleichen Verlag erschienenes Lehrbuch „Praxis der Psychotherapie“ sinnvoll und anregend. Bewusst geben sie vielen Autoren mit „Herkunft“ aus verschiedenen Therapierichtungen (deren Integration sie mit Genugtuung beobachten) Raum zu pointiert klaren Beiträgen.

Aufbau und Inhalt

Nach einem Vorwort und einer Liste der Autoren wird im Inhaltsverzeichnis der Aufbau des Buches deutlich: in insgesamt sechs Teilen gibt es 57 Kapitel (vgl. link weiter unten).

Hierbei ergibt sich für die Autoren eine brauchbare Struktur zur Klassifikation der reichhaltigen Psychotherapieverfahren in Analogie zu der Einteilung nach Grawe in problem- bzw. ressourcenorientierte Verfahren (Teil II und Teil III, die den größten Teil des Kompendiums ausmachen).Teil IV widmet sich dann noch emotionsorientierten, Teil V den eher speziellen Therapieverfahren. Im letzten und 6. Teil werden noch die (gesetzlich- sozialrechtlichen) Rahmenbedingungen der Psychotherapie dargestellt. Der Reihe nach:

Im Teil I werden Grundlagen vermittelt, in denen insbesondere der Stellenwert von „Werten“ in der Psychodiagnostik, im Transformations- und Veränderungsprozess und in den angestrebten Zielen thematisiert wird. Ziel von Psychotherapie sollte dementsprechend sein, dem Klienten/ Patienten zu helfen, vielfältiges Leben mit seinen Ansprüchen unter Wahrung von Identität und Lebenssinn zu strukturieren und zu gestalten. Im 2. Kapitel verdeutlichen die Herausgeber ihren „Blick“ auf die psychotherapeutische Arbeit: gezielte Anwendung von wissenschaftlich fundierten Methoden, die psychotherapeutische Kommunikation in einer professionellen Beziehung herstellen und steuern. Sie bieten hierfür für drei Richtungen der Psychotherapie (Psychoanalyse, Verhaltenstherapie und Systemische Therapie) tabellenartig einen Überblick zu Definition, Theorie, Krankheitslehre, Wirkfaktoren und Behandlungs-methoden, sowie durch Hinweise zur therapeutischen Beziehung, zu Kompetenzen des Therapeuten und zur Selbsterfahrung hierbei eine erste Orientierung an, die dann weiter expliziert wird. Fallbeispiele und Tabellen/ Abbildungen erläutern dies anschaulich.

Teil II des Werkes fokussiert ressourcenorientierte Techniken in der Psychotherapie – 14 werden in unterschiedlicher, in der jeweiligen Technik durch praktischer Erfahrung ausgewiesene Autoren dargestellt- von z.B. Stressbewältigungstraining über Rollenspiel, Vermittlung von Achtsamkeit bis hin zu Reframing. Für alle Artikel ist kennzeichnend, dass zunächst deren Bedeutsamkeit im Rahmen der Wirkfaktoren nach Grawe gewürdigt wird, die Ziele und Indikationsvoraussetzungen des Verfahrens angesprochen werden, bevor das Verfahren selbst beschrieben wird und hierzu erläuternd ein Fallbeispiele präsentiert wird. Literaturhinweise ergänzen den jeweiligen Artikel. Durch dieses Verfahren wird dem Leser ein guter, knapper (die Artikel sind zumeist nicht länger als 4-6 Seiten), dennoch gleichwohl qualitativ guter Einblick ermöglicht.

Teil III beschäftigt sich mit problemorientierten Methoden – hier sind es 10 an der Zahl, die vorgestellt werden: von Problemlösetechniken, über Deutung und Traumdeutung, Kognitive Umstrukturierung bis hin zu Psychoedukation spannt sich ein weiter Bogen - die Darstellungsstruktur und -Qualität folgt den Beispielen aus Teil II.

Im IV. Teil werden emotionsorientierte Verfahren vorgestellt, es sind hier 5 die herausgestellt werden: Dialektisch- behaviorale Therapie, Systemaufstellungen, Expositionstraining, 30-Sekunden-Buchführung, Eye-Movenment.Desensitazation (EMDR). Inhaltlich und didaktisch wird die Struktur der vorangehenden Teile fortgeführt.

Teil V ergänzt die bisherigen Methoden um hier „Speziell“ genannte Techniken: als Beispiel für die insgesamt 20 ausgeführten Verfahren seien genannt: Arbeit mit Familien, Sexualtherapie, Körperorientierte Techniken, Autogenes Training, Kunst- und Musiktherapeutische Verfahren, Hypnotherapie und Schematherapie. Die Darstellungsstruktur folgt dem bereits oben erläutertem Muster.

Unter den hier „Rahmenbedingungen“ genannten Themen in Teil VI des Buches werden Anmerkungen zum psychotherapeutischen Alltag aus Sicht des Therapeuten, zur Antragstellung, Begutachtung und den Umgang mit Psychopharmatherapie u.a. Themen angesprochen, bevor ein Sachverzeichnis das Werk abschließt. (Das differenzierte Inhaltsverzeichnis ist unter www.thieme.de/medias/ einsehbar).

Diskussion

Die Herausgeber und in deren Gefolgschaft die Autoren der vielen Beiträge teilen gemeinsam ein Haltung und Einstellung darüber, was Psychotherapie ist, was sie kann und unter welchen Gesichtspunkten sie das erreichen kann. Senf und Broda haben schon das vorangegangen veröffentliche Buch „Praxis der Psychotherapie“ (im gleichen Verlag) ähnlich orientiert. Die Sichtweise ist prägnant von einem der Herausgeber formuliert worden: „Therapeutischer Auftrag heißt: wirksame, also effektive und effiziente Behandlung und Prävention von Krankheit. Dieser Auftrag ist dann erfüllt, wenn alle Patientinnen und Patienten auch die Therapie erhalten, die für ihre Erkrankung notwendig ist. Das ist wegen des oft noch vorherrschenden „Schulen“-Denkens in der psychotherapeutischen Praxis und auch in der Aus- und Weiterbildung nicht gewährleistet! Kein Behandlungsmodell ist in der Lage, bei allen Problemen, Krankheiten und Störungen und bei allen Persönlichkeitstypen von Patientinnen und Patienten gleich wirksam zu sein und die Forderung nach präventiver, akuter, kurativer, bewältigungsorientierter oder palliativer Psychotherapie zu erfüllen. Deswegen müssen wir uns über sog. „integrative Konzepte“ intensiv Gedanken machen, um die jeweiligen Kompetenzen der verschiedenen psychotherapeutischen Perspektiven und Verfahren und Methoden nutzen zu können. Dazu bedarf es eines Dialoges, für den unsere Zeitschrift seit mehr als einem Jahrzehnt steht.“(Senf in: www.thieme.de/de/pid-psychotherapie-dialog).

Dieser Überzeugung folgt das vorliegende Buch -es kann als umfassende Therapie-Methoden-Schau eingeordnet werden, in dem sich die traditionellen, aber heute nicht mehr in Konkurrenz abgrenzenden, sondern zunehmend integrativ aufeinander zugehenden Therapieverfahren wiederfinden. Im Sinne einer „Allgemeinen Psychotherapie“ sensu Grawe

wird einer verbreiteten Beliebigkeit ein Wirkfaktorenkonzept entgegen gehalten und zugrunde gelegt und damit auch einer gewissen Evidenzdiskussion in der Psychotherapie Rechnung getragen – ohne damit allerdings ein für die Psychotherapie unzureichendes einfaches „Biomedizinisches Modell“ für Erklärung und Behandlung von psychischen Störungen zu übernehmen. Gerade die bewusst breite Thematisierung der therapeutischen Beziehung,die für die Anwendung jeglicher Methode Grundlage ist, durch die Aufnahme von Körper- und Kunst-/Musiktherapeutischen Verfahren, durch die Betonung von Um- und Mitwelt in der Genese und Aufrechterhaltung von psychischen Schwierigkeiten wird deutlich, dass für die Autoren „integrativ“ und „Ganzheitlichkeit“ keine Leerformel ist.

Fazit

Ein erfreulich gründliches, fundiertes und didaktisch hervorragend strukturiertes und zudem gut lesbares und durch Beispiele überaus praxistauglich-anregendes Buch! Gerade wegen der konsequenten Orientierung an Wirksamkeit und Integrationsfähigkeit der vorgestellten Verfahren in einem umfassenden und die Therapieschulen transzendierendem Ansatz sei das Buch allen Lernenden, Lehrenden und Praktikern im Bereich der Psychotherapie gerne und überzeugt empfohlen. Ein (zukünftiges) Standardwerk der Psychotherapie!


Rezensent
Prof. Dr. Christian Schulte-Cloos
Hochschullehrer Hochschule Fulda, Fachbereich Sozialwesen, seit 31.8.2011 pensioniert
E-Mail Mailformular


Alle 83 Rezensionen von Christian Schulte-Cloos anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Christian Schulte-Cloos. Rezension vom 12.03.2014 zu: Wolfgang Senf, Michael Broda, Bettina Wilms: Techniken der Psychotherapie. Georg Thieme Verlag (Stuttgart) 2013. ISBN 978-3-13-163161-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14878.php, Datum des Zugriffs 15.11.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung