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Ralf Lottmann: Bildung im Alter - für alle?

Cover Ralf Lottmann: Bildung im Alter - für alle? Altersbilder, Ziele und Strukturen in der nachberuflichen Bildung in Deutschland und den USA. W. Bertelsmann Verlag GmbH & Co. KG (Bielefeld) 2013. 294 Seiten. ISBN 978-3-7639-5111-6. D: 34,90 EUR, A: 35,90 EUR, CH: 46,90 sFr.

Reihe: Erwachsenenbildung und lebensbegleitendes Lernen - Grundlagen & Theorie.
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Thema

Die steigende Lebenserwartung und die damit verbunden auch bessere Lebensqualität im Alter hat die Frage nach Altersbildern und Lebenszielen des Alters in Bewegung gebracht. Vor diesem Hintergrund formuliert der Autor die Leitfrage seines Buches: „Was bedeutet Bildung für Menschen, die keiner Erwerbstätigkeit mehr nachgehen und sich im so genannten „Ruhestand“ befinden?“ (S. 11) Auf der Basis der Ergebnisse des Mikrozensus 2003 und 2007 untersucht der Autor, wer an Bildungsangeboten im Alter ab 55 Jahren teilnimmt und wie sich soziale Ungleichheit auf die Bildungspartizipation im ganzen Lebensverlauf auswirkt. In einer qualitativen Erhebung bei deutschen und US-amerikanischen „Experten“ verdeutlicht der Autor deren Altersbilder, ihre Auswirkung auf die Ziele der nachberuflichen Bildung sowie sich daraus ergebende innovative Ansätze für die Bildungsarbeit mit älteren Menschen.

Autor

Ralf Lottmann hat Soziologie in Berlin und Gerontologie in Amsterdam studiert. Er wurde in Dresden mit der vorliegenden Arbeit zum Dr. phil. promoviert. Lottmann ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Deutschen Bundestag. Dort betreut er den Ausschuss für Gesundheit und erarbeitet in diesem Bereich politische Initiativen.

Aufbau und Inhalt

Nach einem Vorwort (S. 9f) erläutert der Verfasser in der „Einleitung“ (S. 11-14) sein Arbeitsvorhaben.

Kap. 2 „Die Lebensphase Alter(n)“ (S.15-55): Der Autor gibt zunächst (2.1, S. 15ff) einen Einblick in die aktuelle Diskussion über Altersbilder, befasst sich dann mit den Auswirkungen sozialer und familialer Wandlungsprozesse auf das Alter und geht schließlich auf die sozioökonomische Situation alter Menschen ein. Dabei zeigt sich, dass im Unterschied zur Gesamtbevölkerung derzeit der Hauptschulabschluss bei alten Menschen mit weit über 60% dominiert. Ähnlich verhält es sich mit beruflichen Bildungsabschlüssen der über 60-Jährigen (32% gegenüber 61,2% bei den 50-59-Jährigen im Jahr 2002). – Im zweiten Teil (2.2, S. 31ff) des Kapitels geht es um „Lernen in der nachberuflichen Phase“. Hier werden u.a. Fragen des altersbezogenen Bildungsbegriffs, lernpsychologische Aspekte, biografische Bezüge, Ziele und Lernfelder sowie geragogische Aspekte der Lernens im Alter in den Blick genommen.

Kap. 3 „Alter(n)ssoziologische Theorien vom Alter(n)“ (S. 57-88): Das Kapitel enthält einen Überblick über den aktuellen Stand der Diskussion. Dabei werden insbesondere die Aspekte Disengagement vs. Aktivitätspostulat, Kontinuität vs. Diskontinuität, Gesellschaftliche vs. Individuelle Altersbilder sowie Altersbilder vs. Empirische Sozialforschung in den Blick genommen. Hieraus entwickelt der Verfasser seine Forschungs- und Untersuchungsfragen für das weitere Vorgehen. Sie differenzieren sich in drei Sachdimensionen, nämlich: 1. Altersbilder, 2. Ziele, 3. Strukturen.

Kap. 4 „Sozialstrukturelle Aspekte der Altenbildung in Deutschland“ (S. 89-146): Hier geht es zunächst um einen Überblick über Bildungsangebote für Menschen in der nachberuflichen Phase (4.1, S. 89ff), um die Datenlage zur Bildungspartizipation im Alter (4.2, S. 104ff) sowie um die Bildungsbeteiligung von älteren Menschen in Deutschland, wie sie sich aus einer Analyse der Mikrozensusdaten der Jahre 2003 und 2007 ergibt. (4.3, S. 114ff) – Die bisher eher lückenhafte empirische Datenlage zum Bildungsverhalten älterer Menschen – der Autor verweist auf S.Kade, Altern und Bildung (2007, S. 16) und M.Kohli, H.Künemund, Lernen und Weiterbildung in der nachberuflichen Lebensphase (2000, S. 157) – wird hier durch eine umfassende Erhebung und Auswertung aktueller Daten vervollständigt. Die ernüchternden Ergebnisse früherer Untersuchungen zur Partizipation alter Menschen in der Altenbildung werden, so der Autor auf S. 142f, bestätigt. Insbesondere zeigt sich, dass der bereits bestehende mehr oder weniger ausgeprägte Bildungshintergrund der Befragten den wichtigsten Prädiktor für ihre Bildungsbeteiligung in der nachberuflichen Phase bildet. (S. 143)

Kap. 5 „Nachberufliche Bildung in den USA“ (S. 147-165): Nach einem Einstieg über „Lebenslanges Lernen aus internationaler Perspektive“ (S. 147f) geht der Autor zunächst auf die demografische Situation und das Sozialsystem in den USA ein. (S. 148ff) Aufgrund fehlender sozialer Netze und der eingeschränkten Bedeutung staatlicher Ebenen hat hier die Eigenverantwortung einen erheblich höheren Stellenwert, was auch die Zusammenhänge und Besonderheiten der nachberuflichen Bildung in den USA prägt. – Die US-amerikanische Altenbildung wird dann im einzelnen dargestellt (5.3, S. 153ff), wobei es um Begrifflichkeiten und Trends, um Aspekte der Entwicklung, um Strukturen und Angebote sowie um die Bildungspartizipation in der nachberuflichen Bildung geht. Ein Blick auf die Altenbildung im Licht der US-amerikanischen Sozialpolitik schließt das Kapitel ab.

Kap. 6 „Methoden“ (S. 167-177): Der Verfasser erläutert hier die Methodik seiner qualitativen Untersuchung, in der die in Kap. 3.4 entwickelten Forschungsfragen vertieft und geklärt werden sollen. Dabei geht es zunächst um die Methodik der Erhebung (6.1, S. 167ff) in Form des Experteninterviews. Insbesondere die Frage, wer eigentlich „Experten“ sind, wird hier zunächst grundsätzlich beantwortet (S. 167) und dann en détail erläutert (S. 171). Dabei handelt es sich um deutsche und US-amerikanische Personen aus dem behördlichen Bereich, aus dem Zusammenhang informeller Lernformen, aus der praktischen Arbeit bei privaten und öffentlichen Bildungsträgern sowie aus einschlägigen fachlichen Bezügen im Bereich der Universitäten. – Des Weiteren erläutert der Verfasser dann seine Methodik der Auswertung, in der die bestehenden qualitativen Auswertungsmethoden nach Maßgabe ihrer Praktikabilität eingesetzt werden (S. 174).

Kap. 7 „Ergebnisse der qualitativen Analyse“ (S. 179-228): Zunächst geht es um die Erhebung der Verhältnisse in Deutschland (7.1 – 7.5, S. 179-208). Nach einer Vorstellung der Interviewten (7.1, S. 179ff) verfährt der Autor im Sinne der in 3.4 vorgestellten Sachdimensionen: Strukturen der Altenbildung (S. 182ff), Ziele der Altenbildung (S. 190ff) und Altersbilder der Experten und Expertinnen (S. 196ff). – In einem weiteren Schritt wird das Verhältnis dieser Sachdimensionen zueinander untersucht (7.5, S. 202ff). – In einer weiteren Fallstudie (7.6, – 7.7, S. 208-231) werden nun Durchführung und Ergebnisse der Untersuchung in den USA in analoger Weise dargestellt.

Kap. 8 „Diskussion und Ausblick“ (S. 233-258): Zu Beginn des Kapitels zitiert der Autor Cicero: „Das Alter wird nur dann respektiert werden, wenn es um seine Rechte kämpft und sich seine Unabhängigkeit und Kontrolle über das eigene Leben bis zum letzten Atemzug bewahrt.“ (S. 233) – Vor dem Hintergrund dieses Zitats werden – wieder in der Strukturierung „Struktur, Ziele, Altersbilder“ – die Ergebnisse der Untersuchung und daraus folgende weiterführende Fragen erörtert. Dabei werden die politisch-kulturellen Hintergründe der beiden Untersuchungsräume fokussiert und aufeinander bezogen. Es zeigt sich, dass in beiden Ländern die positiv sanktionierten dominanten Altersbilder maßgebliche Orientierungsgrößen für die Politik sind, dass hier wie dort nur solche Gruppen an der nachberuflichen Bildung partizipieren, die ohnehin über einen Bildungsvorsprung verfügen und dass die Problematik der Chancenungleichheit im bestehenden Schulsystem sich nachhaltig in den Partizipationsmöglichkeiten der nachberuflichen Bildung auswirkt. Eine wesentliche Besonderheit in den USA besteht darin, dass die festgelegten Altersgrenzen der Erwerbstätigkeit zunehmend in Auflösung begriffen sind, was zur Aushöhlung eines vom Ruhestand geprägten Altersbildes führt mit den Konsequenzen der Bedeutungsabnahme einer auf das Alter bezogenen Sozial- und Bildungspolitik. Hier zeichnen sich Entwicklungen ab, die in Deutschland noch nicht eingetreten aber absehbar sind. Dazu kommen zunehmend Diskussionen, die sich auf „tatsächliche und scheinbare überproportionale Belastungen des Sozialstaates durch bestimmte Altersgruppen“ (S. 255) beziehen. In diesem Zusammenhang zeigt sich auch: „Altersbilder, ganz gleich ob positiv oder negativ, werden dabei (politisch) instrumentalisiert.“ (S. 255) – Die aus diesen und weiteren Ergebnissen zu folgernden Aufgaben sieht der Autor vor allem darin, dass auf Bundes- und Länderebene eine empirisch besser als bisher fundierte genaue Planung und Gestaltung von Bildungsangeboten für ältere und alte Menschen unabweisbar notwendig wird. Hierzu ist nicht zuletzt die Entwicklung bisher nicht vorhandener Konzeptionen in der Praxis der nachberuflichen Altenbildung sowie die Etablierung nachhaltig geförderter Altenbildungsstrukturen erforderlich (S. 257). Letztlich geht es um da Ziel, dass es besser als zuvor gelingen muss, „die ältere Generation davon zu überzeugen, dass die Gesellschaft ein aufrichtiges Interesse an einer kompetenten und gleichberechtigten älteren Generation hat, die sich nicht aus einem Pflichtgefühl heraus einbringt, sondern weil ihr das Recht auf eine mitverantwortliche Teilhabe eingeräumt wird.“ (S. 258) – In diesem Zusammenhang warnt der Autor auch vor einer missbräuchlichen Ausbeutung ehrenamtlicher Tätigkeit alter Menschen.

Zielgruppe

Die Untersuchung bildet einen wichtigen Beitrag zum wissenschaftlichen Diskurs und ist im Bereich von Forschung und Lehre im Hochschulbereich von sehr hoher Relevanz. Darüber hinaus ist sie auf der makropolitischen Planungsebene von Bildungsstrukturen der nachberuflichen Lebensphase eine unabdingbare Entscheidungsgrundlage für die beteiligten Akteure. Auch für die Entwicklung von Bildungskonzepten im Bereich der Durchführung von konkreten Bildungsplanungen ist die Studie von Ralf Lottmann von hohem Wert.

Diskussion

Insbesondere die in Kap. 8 hier zwangsläufig nur unvollständig wiedergegebenen Ergebnisse der Untersuchung von Ralf Lottmann zeigen, wie gravierend die Defizite in der gegenwärtigen Bildungsplanung für ältere und alte Menschen sind. Dabei erweist sich, dass eine solche Bildungsplanung im Grunde nicht isoliert möglich ist, sondern im Zusammenhang einer Gesamtplanung von Bildung stehen sollte. Der aufgewiesene Zusammenhang von Defiziten in der Bildungspartizipation älterer Menschen mit dem dreiklassigen Schulsystem der Bundesrepublik zeigt, wie eng unterschiedliche Aktionsräume des Bildungssystems miteinander zusammenhängen. Eine nicht zu unterschätzende Warnung des Autors besteht auch in seinem Hinweis auf die Auflösung des festliegenden Verrentungsalters in den USA und die damit verbundenen Folgen – eine Entwicklung, die in Deutschland zwar erst am Anfang steht, deren Folgen aber jetzt schon absehbar sind. Neben diesen und anderen qualitativen Aspekten seiner Untersuchung kommt Ralf Lottmann auch das Verdienst zu, den der Bildungsdiskussion in Deutschland zugrunde liegenden Datenbestand auf der Basis des Mikrozensus von 2003 und 2007 aktualisiert zuhaben.

Fazit

Insgesamt erweist sich diese Untersuchung als ein höchst lesens- und bedenkenswerter Beitrag zur Bildungsdiskussion für die nachberufliche Lebensphase. Vor allem für Verantwortliche in der makropolitischen Planungsarbeit für ältere und alte Menschen kann das Buch als Pflichtlektüre bezeichnet werden. Kaum weniger gilt dies für den wissenschaftlichen Bereich. Insofern ist es auch konsequent und zu begrüßen, wenn der Autor jetzt als wissenschaftlicher Mitarbeiter in einem entsprechenden Bundestagsausschuss die Möglichkeit fachlich einflussreicher Tätigkeit erhalten hat.


Rezension von
Prof. Dr. Michael Brömse
Fachhochschule Hannover, Fakultät V (Diakonie, Gesundheit und Soziales)


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Zitiervorschlag
Michael Brömse. Rezension vom 26.09.2013 zu: Ralf Lottmann: Bildung im Alter - für alle? Altersbilder, Ziele und Strukturen in der nachberuflichen Bildung in Deutschland und den USA. W. Bertelsmann Verlag GmbH & Co. KG (Bielefeld) 2013. ISBN 978-3-7639-5111-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14891.php, Datum des Zugriffs 11.07.2020.


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ISSN 2190-9245

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