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Tim Seidenschnur: Antisemitismus im Kontext

Cover Tim Seidenschnur: Antisemitismus im Kontext. Erkundungen in ethnisch heterogenen Jugendkulturen. transcript (Bielefeld) 2013. 280 Seiten. ISBN 978-3-8376-2293-5. D: 29,80 EUR, A: 30,70 EUR, CH: 38,90 sFr.

Reihe: Sozialtheorie.
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Thema

Tim Seidenschnur stellt in seiner Dissertation aus 2012 einen Zusammenhang zwischen der Funktion nonchalanter antisemitischer Äußerungen und einem kommunikativen Aushandlungsprozess als Status- und Identitätssicherung in jugendlichen Peer-Groups her.

Autor

Dr. Tim Seidenschnur lehrt Soziologie an der Universität Kassel am Lehrstuhl für Makrosoziologie.

Aufbau

Nach einem Vorwort gliedert sich das Buch gliedert wie folgt:

  1. Einleitung
  2. Stand der Forschung
  3. Methodisches Vorgehen
  4. Formen der Nonchalance und deren Grenzen
  5. Kommunikative Strategien
  6. Der Streit
  7. Verhandlungen über den Rahmen
  8. Einordnung der Nonchalance durch jüdische Jugendliche
  9. Perspektiven einer Bildungssoziologie
  10. Fazit
  11. Literatur

Ad Vorwort und Einleitung

Thema der Dissertation sind die Abgrenzungsdiskurse in der bundesrepublikanischen Gesellschaft, vor allem in Bezug auf den Antisemitismus bzw. antisemitische Redensarten (S. 7). Im Fokus der Doktorarbeit stehen antisemitische und antisemitisch erscheinende Äußerungen von Jugendlichen, wie z.B. die Verwendung des beschimpfenden Ausdrucks „Du Jude“, der als Schimpfwort auf Schulhöfen gebraucht wird (S. 9) (vgl. dazu auch: Scherr, Albert; Schäuble, Barbara: „Ich habe nichts gegen Juden, aber…“, S. 18). Die Sprache der Jugendlichen erinnert an den primären und sekundären Antisemitismus, wird aber meist im multikulturellen Milieu der Jugendlichen evoziert, wobei der Ausdruck selbst auch bei Jugendlichen ohne Migrationshintergrund verwendet wird, aber zugleich in einen anderen gesellschaftlichen Diskurs verweist, nämlich in den israelisch-palästinensischen Konflikt der Gegenwart. Die in der Studie von Tim Seidenschnur befragten Jugendlichen gehörten jedoch „nicht zu rechtsradikalen oder radikalislamischen Gruppen…“ (S. 10). Nach Seidenschnurs Überzeugung kann gegen diese Sprachspiele im Bereich verschiedener Jugendkulturen, die Tabubrüche evozieren, nur dann erfolgreich gehandelt werden, wenn zuvor die Prozesse dieser Interaktionsrituale und Identitätskonstruktionen geklärt sind (S. 11).

Ad 2

Die jugendlichen Sprachsymbole, die sich des Antisemitismus bedienen und ihn funktionalisieren, lassen sich nach Seidenschnurs Verständnis mit dem Begriff „Nonchalance“ umschreiben. Mit Bezug auf Zygmunt Bauman umfasst der Begriff „Nonchalance“ eine neue Form des Antisemitismus, der antisemitische, antizionistische und antijudaistische Elemente umfasst: „Im Antisemitismus der Gegenwart können sich deshalb, so Klaus Holz, Muslime und Christen, Araber und Europäer unterschiedlicher politischer Couleur treffen.“ (S. 15; vgl. Klaus Holz, Die Gegenwart des Antisemitismus, Hamburg 2005, S. 14). Im arabischen Raum hat diese neue Form des Antisemitismus vor allem mit der Erinnerung an die koloniale Vergangenheit (England, Frankreich) und mit der Gründung des Staates Israel zu tun und als Erinnerungsdiskurs steht dieser Diskurs dem bundesrepublikanischen Gedächtnis des Holocaust entgegen: „Diese Erinnerungsdifferenz wird bestärkt durch den Palästina-Konflikt, auf den sich arabischer Antisemitismus bezieht. Diese beiden Entwicklungen nennt Klaus Holz als Ursache einer wesentlichen Form des Antisemitismus der Moderne.“ (S. 15) Diese Gegenwart des islamischen Antisemitismus zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass er dem Staat Israel ein Existenzrecht verweigert (S. 16). Im Bereich der Nonchalance ist von Bedeutung, dass diese Überzeugungen immer wieder neu generiert werden und abhängig sind von den Interaktionen der jeweiligen Akteure und Akteurinnen, die auch Statusdefinitionen in der Bezugsgruppe mitliefern (S. 17). Das Schimpfwort „Du Jude“ kann deshalb als Schimpfwort verwendet werden, weil eine damit intendierte Ausgrenzung innerhalb der jugendlichen Peer-Group „erfolgreich“ ist und die Sprache damit Ausdruck von Verrohung und verbaler Gewalt ist (S. 18): „Erst aus diesem Spiel sprachlichen Handelns, das in derselben sozialen Situation als Richtgröße nicht nur einen Kampf um geltende kulturelle Deutungsmuster kennt, sondern in dem es darüber hinaus um das Erstreiten von Respekt im Rahmen jugendlicher Ausdrucksgewalt geht, lassen sich die Mechanismen und Sinnkonstruktionen antisemitischer Rhetorik schlussfolgern.“ (S. 19) Deswegen versteht Seidenschnur unter Nonchalance vor allem „die Bereitschaft, sich antisemitisch zu äußern, die aus dem Streben nach dem Respekt der Mitschüler im Kontext eines jugendlichen Vokabulars der Stärke resultiert, das sich im Fall der Nonchalance als stärker als die Verpflichtung zum Erhalt der bundesrepublikanischen Abgrenzungsnorm erweist. Es handelt sich bei der Nonchalance folglich um eine Sammlung kommunikativer Manöver im Kampf um den Respekt des jugendlichen Umfelds, die den Effekt der Nonchalance haben.“ (S. 19) Für antisemitisch sich äußernde Jugendliche aus heteronomen und diversen kulturellen Milieus dienen die Äußerungen als Funktion des Statuszugewinns innerhalb der eigenen Peer-Group, d.h. diese Form des Antisemitismus bezieht sich vor allem auf die Bezugsgruppe und damit auf die Vergemeinschaftung innerhalb dieser Gruppe (S. 20). Die Nonchalance „geht einher mit Lizenzen der Verwendung, die ihre Geltung für das Sprachhandeln im Milieu der Gleichaltrigen haben.“ (S. 21) Im bundesrepublikanischen Abgrenzungsdiskurs wird der Holocaust als massiv unmoralische Handlung charakterisiert, in der sich der Mensch von seinen humanen Grundlagen abwendet und antisemitische Äußerungen werden zu Recht als dehumanisierend charakterisiert. Die Jugendlichen, die nach Karl Mannheims Generationenbegriff heute zur vierten Generation nach Auschwitz gehören, übernehmen aber die Abgrenzungsdiskurse gegen Antisemitismus und Holocaust nicht (S. 29) und stellen damit auch den politischen und sozialen Grundkonsens der Gesellschaft in Frage. Hinzu kommt, dass Jugendliche mit Migrationshintergrund von anderen Grundnarrationen geprägt sind und damit andere Deutungsmuster etablieren (S. 31). Die entstehende soziale Situation ist vom Konfligieren mehrerer Grundnarrationen und Grunddiskurse geprägt. Die Konflikte werden dadurch noch verschärft, indem sie sich mit Ablehnungserfahrungen in der „Aufnahmegesellschaft“ verbinden (S. 34). Aber auch bei Jugendlichen ohne Migrationshintergrund entstehen neue Narrationen und diese Gruppen gehen ebenfalls auf Distanz zum Holocaust. In den Peers wird dann eine Art „kommunikativen Muts“ erprobt, indem antisemitische Äußerungen zugelassen werden (S. 37): „Damit ist die Abgrenzung von antisemitischen Äußerungen zwar Kernbestand deutscher interpretationsgemeinschaftlicher Identitätsnarrationen. Sie kann jedoch im sozialen Gefüge schulklassenspezifischer Gruppierungen mit der Akzeptanz einer Außenseiterrolle verbunden sein.“ (S. 39) Antisemitische Äußerungen im Gewand der Nonchalance stellen den Grundsatz in Frage, dass alle Menschen vor dem Grundgesetz gleich sind (S. 41) und diese Abgrenzung zugleich Identität stiftet (S. 42): „Auf diesem Wege besteht der Ursprung der Nonchalance in dem Streben nach einer gruppenspezifischen Identität in Abgrenzung von der Masse, folglich im Wunsch, nicht gänzlich den Normen der Ankunftskultur zu entsprechen.“ (S. 43)

Ad 3

Der Autor führte Gruppendiskussionen mit Schülern und Schülerinnen aus den Klassenstufen 7-9 in Hessen, Bayern und Niedersachsen durch (S. 47). Bedeutungen in den kommunikativen Akten entstehen dadurch, dass in diesen Gruppen spezifische Interpretationen ausgehandelt werden: „Meinungen, Einstellungen und Verhaltensweisen werden demnach von der Struktur der Aushandlungspraxis gebildet.“ (S. 49) Von Vorteil an der Methode der Gruppendiskussion ist, dass quasi eine Öffentlichkeit hergestellt wird und der experimentelle Charakter der Gruppendiskussion vom kommunikativen Verhalten des Diskussionsleiters abhängig ist. Durch gegenseitige Beeinflussung entsteht dann eine kollektive Gruppenmeinung (S. 53).

Ad 4

Schon erwähnt wurde der häufige gebrauchte Beschimpfungsausdruck „Du Jude“, gesteigert von „Du Drecksjude“ (S. 65). Im analysierten Beispieltext geht es um Anerkennung durch den Bruch einer gesellschaftlichen Konvention, für die die Empörung des Diskussionsleiters steht. Der sich so äußernde Schüler wird als „witzig-provokant“ von Seiten seiner Mitschüler_innen wahrgenommen. In Gruppendiskussionen stellte Seidenschnur vor allem das Phänomen des Provokationswettbewerbs fest, „in dem [es] um das Übertrumpfen der anderen geht.“ (S. 68) Die Nonchalance „erfüllt dabei die Funktion, Anerkennung im Umfeld der Gleichaltrigen zu erlangen und die eigene Stellung in der Gruppe zu festigen.“ (S.68) Der Provokateur wird in dieser Gruppensituation als »„mutiger“ Normbrecher« wahrgenommen! (S. 70) Auffallend ist, dass diese neue Form antisemitischer Äußerungen nicht auf traditionelles antisemitisches Repertoire zurückgreift (S. 77) und, „dass das Sprechen über Juden zwar häufig von antisemitischen Stereotypen durchsetzt ist, die meisten Jugendlichen diese aber eher synkretistisch und fragmentarisch reproduzierten und in der großen Mehrheit keineswegs einer konsistenten antisemitischen Weltanschauung folgten.“ (S. 81) Seidenschnur stellt darüber hinaus in weiteren Gruppengesprächen fest, dass diese Form des Antisemitismus mit einem massiven Informationsdefizit über Judentum als Religion und über die Geschichte des Israel-Palästina-Konflikts einher geht (S. 87). Hier verbindet sich dann der sekundäre Antisemitismus, der Opfer- und Täterrollen vertauscht, mit den Deutungsmustern der Jugendlichen: „In dieser Narration ist der Palästina-Konflikt von größerer Wichtigkeit als der Holocaust“ (S. 89), weil funktionale Deutungsmuster übernommen werden. „Dem Symbol des Nationalsozialismus wird das der Zeugenschaft des Vaters entgegengesetzt. Es handelt sich um eine andere Kollektividentifikation als die, die in der Bundesrepublik üblich ist.“ (S. 95) Die familiale Überlieferung von Antisemitismus unterstützt in diesem Kommunikationsprozess die Nonchalance der Jugendlichen und es entsteht eine neue Form gegenläufigen Gedächtnisses (vgl. Dan Diner: Gegenläufige Gedächtnisse, 2007; dito 1991; 2011; Diner & Benz 1987; Matveev & Noor 2011).

Ad 5 und 6

Wichtig ist die Differenz zu Jugendlichen ohne Migrationshintergrund, dass die familiale Tradition kaum Platz für Antisemitismus lässt! Trotzdem gilt: Beiläufige nonchalante antisemitische Äußerungen sind innerhalb der Bezugsgruppe zugleich ein Symbol der Stärke und erworbener Identität (S. 122). Gleichwohl folgt der kommunikative Modus dem Mechanismus der „Ausgrenzung eines unbekannten Anderen“ (S. 132) und nimmt dabei auch dialektisch und ambivalent gängige Mehrheitsdiskurse, z.B. die Abgrenzung gegen den Islam, auf. Je stärker der Konflikt in der Gruppe mit Mitteln der Nonchalance ausgetragen wird, desto stärker fragmentiert sich das WIR-Gefühl der Gruppe (S. 139). Das bedeutet aber, „dass sich das Angebot antisemitischer Rhetorik im ethisch-heterogenen Milieu vervielfacht hat.“ (S. 151) Für jüdische Mitschüler_innen ist ein Schulklima, in dem antisemitische Äußerungen per Nonchalance vorgetragen und geäußert werden, nahezu unerträglich (S. 176). Die Gegenstrategie – in diesem Fall die Selbstironisierung von Jugendlichen im Bereich der islamischen Kultur – funktioniert bei jüdischen Schülern und Schülerinnen nicht, da ihre Familiengeschichten direkt oder indirekt mit dem Holocaust zu tun haben. Hier verbietet sich die kommunikative Selbstironisierung aus moralischen Gründen (S. 177). Das Problem des Antisemitismus in Jugendkulturen mit Migrationshintergrund besteht in erster Linie, dass unter den Jugendlichen neue Aushandlungsprozesse entstehen, die sich dem bisherigen Präventionsdiskurs zum Antisemitismus schlicht entziehen: „Es sind solche Transferlogiken der partiellen Übereinkunft, die verdeutlichen, dass das Ausbilden eines allgemeingültigen Konsenses der Vergangenheitsinterpretation und des Umgangs mit Nonchalance eher unwahrscheinlich bleibt. An seine Stelle treten uneinheitliche Umgangsformen mit Nonchalance, die ihre Regelhaftigkeit über die feste Verknüpfung zu symbolisch gekennzeichneten Situationen entwickeln. Eine allgemeingültige Norm wird ersetzt durch ein System unterschiedlicher Regeln, deren Gestaltungskraft erstarken und verblassen mit der Veränderung der situationsabhängigen Struktur sprachlichen Handelns.“ (S. 180) Schwierig wird es, wenn gegenläufige Gedächtnisse existieren, die sich je partiell wieder mit gängigen Menschenrechtsdiskursen verbinden.

Ad 7

Die befragten Jugendlichen mit Migrationshintergrund gehen in ihrer jeweiligen Peergroup kein kommunikatives Risiko ein und sie stellen Normalität in ihrer Gruppe her, „indem sie die gewünschten kommunikativen Anschlüsse schaffen.“ (S. 189) Das Problem dabei sind die partiellen Gruppennormen, die Antisemitismus als Nonchalance zulassen und die diese mit Lizenzen zum jeweiligen Status des Gruppenmitglieds verbinden und so die Peergroup als Bühne der Selbstdarstellung und des Provokationswettbewerbs zur Verfügung stellen. „Weil die Jugendlichen antisemitische Äußerungen in der Nonchalance nie erklären, also nie abschließend dazu sagen wie diese Äußerungen wirklich gemeint sind, können sie rückblickend ihre Bedeutung konstituieren. Hieraus ergibt sich das beständige Spiel zwischen Ernst und Ironie, mit dem die Jugendlichen Infragestellungen der Nonchalance unter anderen Rahmenbedingungen entgegnen.“ (S. 200) Unter Freunden ist der nonchalante antisemitische Begriff bzw. die Redeweise zugelassen, weil die Selbstironisierungsstrategie funktioniert; antisemitische Nonchalance ist also ein Freundschaftscode.

Ad 8

Längst hat der nonchalante Gebrauch antisemitischer Redewendungen den privaten Bereich verlassen und ist zu einer öffentlichen Kommunikationsstrategie geworden (S. 219). Das Schimpfwort „Du Jude“ „ist in identifizierbaren schulischen Situationen Bestandteil des Sprachhandelns der Mitte geworden.“ (S. 221) Die Gefahr nonchalanter antisemitischer Redeweise besteht offensichtlich darin, dass diese Redeweise – ihrer Selbstironie entkleidet – zur Basis eines neuen politischen Antisemitismus wird: „Die Jugendlichen tätigen antisemitische Äußerungen auf der Bühne ihrer Peergroup und stehen damit in der Öffentlichkeit ihrer Altersgruppe. Um eine Scheinwerferöffentlichkeit der bundesrepublikanischen Gesellschaft insgesamt handelt es sich freilich nicht.“ (S. 223) Jüdische Jugendliche erleben jedoch in ihrem schulischen Umfeld nonchalante Äußerungen und müssen eine Strategie im Umgang mit diesen lernen, um nicht aus entsprechenden generationellen Verbindungen ausgegrenzt zu werden. Im schulischen Kontext werden nonchalante Äußerungen von Jugendlichen unterschiedlicher Herkunft und mit unterschiedlichen Familiennarrationen und Zugehörigkeiten getätigt, ohne direkt jüdische Schüler_innen zu beleidigen, sondern einfach als Ausdruck allgemeiner Beschimpfung (S. 230). Auch Schüler_innen mit höherem Bildungsgrad sind zu nonchalanten Äußerungen in der Lage (S. 231): „Jenseits der Existenz radikalisierter Jugendlicher kommt es demnach unter gebildeten und ungebildeten Jugendlichen, unter Jugendlichen mit und ohne Zuwanderungsgeschichte zu Situationen, in denen es für sie lohnt, antisemitisch zu reden. Die Nonchalance wird in solchen Momenten von den Mitschülern gern gesehen. Das lässt die Fatalität der Situation wachsen, wenn jüdische Jugendliche die Alltäglichkeit der Nonchalance miterleben.“ (S. 232) Jüdische Schüler_innen fühlen sich aber trotzdem diskriminiert, auch wenn sie die kommunikativen Strategien der Nonchalance erkennen: „Es handelt sich gewissermaßen um eine tragische Situation für die jüdischen Jugendlichen. Sie müssen sich fortlaufend entweder zu Gunsten der sozialen Beziehungen entscheiden und diese höher gewichten als ihren Anspruch, dass antisemitische Äußerungen als Unrecht anerkannt werden oder sie laufen Gefahr in der Peer-Group nicht akzeptiert zu werden.“ (S. 236)

Ad 9

Für eine antirassistische Bildungstheorie entstehen wegen der Verwendung antisemitischer Sprachfiguren im nonchalanten Modus erhebliche Probleme (S. 241) - einerseits müssen unterschiedliche Deutungsoptionen in einem pädagogischen Zusammenhang zugelassen werden, andererseits ist genau vor solchen Optionen zu warnen, die einen gesellschaftlichen Grundkonsens infrage stellen. Problematisch ist zudem der Verbund aus jugendlichen Aushandlungspraxen mit Nonchalance und Provokation und fragilen Identitätskonzepten, die genau diese Form fordern (S. 243). Wichtig wäre eine pädagogische Praxis der Perspektivenübernahme zu etablieren und einzuüben, die zwar gegenläufige Gedächtnisse zuließe, ohne sich jedoch auf Kosten der Identität der Anderen zu etablieren: „So ermöglicht die Erinnerungspädagogik einen Blick durch die Augen des jüdischen Betroffenen und des sensibilisierten Bundesbürgers, die Pädagogik der Menschenrechte und antirassistische Pädagogik einen Blick durch die Augen des modernen Weltbürgers, während die interkulturelle Pädagogik die Vielfalt der Deutungsschemata durch die Augen diverser Anderer ergänzt.“ (S. 247) „Jugendlichen müssen andere Skripte angeboten, in denen Nonchalance nicht mehr als notwendige Ironisierungsstrategie sinnvoll ist: Es gilt also, Symbole verfügbar zu machen, die im Sprachhandeln der Jugendlichen Vorteile, was die Stellung in der Gruppe angeht, mit der Klarheit verbinden, dass solche Vorteile nur über die Reproduktion politischer korrekter Rhetorik erreicht werden können.“ (S. 251) Eine Möglichkeit wäre, einen Diskurs gegen Rechtsradikalismus bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund zu beginnen. Zudem könnte die Nonchalance dann entschärft werden, wenn der Ausdruck „Du Jude“ seines Schimpfwortcharakters entkleidet werden würde, er sich also für den Tabubruch nicht mehr eignete: „Wenn in der Verwendung des Begriffs „Du Jude“ kein umfassender Normbruch von den Jugendlichen interpretiert wird, besteht kein Anlass, sich auf das Judentum abwertend zu beziehen.“ (S. 253) Wenn es gelänge, nonchalante Äußerungen als Dissens zu charakterisieren („das sagen nur Nazis“), entstünde in der Abwehr gegen „Rechts“ die Möglichkeit, den jugendlichen Antisemitismus kommunikativ zu unterwandern (S. 258).

Ad 10

Die Gräueltaten des Holocaust und des deutschen Nationalsozialismus insgesamt gehören in der Bundesrepublik Deutschland zum Abgrenzungsdiskurs mündiger und aufgeklärter Bürgerschaft. Tim Seidenschnur spricht vom „negativen Gründungsmythos“ (S. 261). Das Erinnern vollzieht sich in verschiedenen Formen des Gedächtnisses und des Gedenkens und ist zudem divers und unübersichtlich und an verschiedenen Bezugsgrößen orientiert (vgl. Bauman 2002, S. 57). Trotz der verschiedenen Umgangsformen mit der Erinnerung an den Holocaust gehört zum Grundkonsens der deutschen Gesellschaft, dass Abgrenzung sowohl zum Nationalsozialismus als auch zum Antisemitismus geboten ist. Ein Überschreiten dieser Diskursgrenzen zieht sofort zu Recht juristische und moralische Sanktionen nach sich. Jugendliche Nonchalance nimmt nun genau diesen Tabubruch in Kauf und provoziert den Protest gegen Verharmlosung. Die Provokation selbst umfasst zudem die Dimension der (negativen) Anerkennung innerhalb der Peergroup. Jugendliche mit Zuwanderungsgeschichte unterlaufen den Abgrenzungsdiskurs in zweifacher Weise: Zum einen wird die Provokation als Nonchalance in Kauf genommen und zum anderen spiegelt diese Art der Kommunikation die Tiefe der Ablehnung der Aufnahmegesellschaft wider; die dritte Dimension ist, dass dem Tabubrecher / der Tabubrecherin deswegen Anerkennung in der Peergroup zukommt, weil er / sie als „mutig“ angesehen wird (S. 263). Wirkungslose Reaktionen auf die Nonchalance sind in der Form „stiller Übereinstimmung“ oder als „kommunikative Überspielung“ wahrnehmbar: „Die antisemitische Nonchalance wird dann sachlich in Frage gestellt, ohne die nonchalanten Jugendlichen für ihr Sprachhandeln verantwortlich zu machen.“ (S. 263) Deutlich ist aber, dass die deutschen Abgrenzungsmechanismen gegen Nationalsozialismus und Antisemitismus für Jugendliche mit Migrationshintergrund deutlich an Überzeugungskraft verloren haben, weil andere konkurrierende Erinnerungsdiskurse auftreten. Kognitive Empathie in entwicklungspsychologischer Hinsicht muss sich vergegenwärtigen, dass die in Tim Seidenschnurs Studie befragten Jugendlichen in der Regel auf einer konventionellen Moralentwicklungsstufe sich befanden und dass es erst in einer höheren Entwicklungsstufe (im Modell von Lawrence Kohlberg) notwendig wird, „die Erwartungen der Anderen vor dem Hintergrund sozialer Verpflichtungen, wie sie politische Kultur der Bundesrepublik mit sich bringt, zu überprüfen.“ (S. 265)

Fazit

Pädagogisch bedeutsam und herausfordernd ist, die verschiedenen Erinnerungsdiskurse überhaupt erst einmal in Lernsituationen wahrzunehmen, zuzulassen und damit auch die unterschiedlichen Träger_innen und Akteur_innen und gleichzeitig die Mechanismen der antisemitischen Nonchalance in der Weise aufzuheben und zu bekämpfen, dass den Jugendlichen, die in der Nonchalance eine Basis ihrer Identitätskonstruktion sehen, eine andere Möglichkeit der Anerkennung zuteilwird, um antisemitisches Reden zu unterbinden. Das Buch von Tim Seidenschnur rüttelt auf und macht auch betroffen, weil in der bundesrepublikanischen Gesellschaft Ausgrenzungsmechanismen existieren, die es Jugendlichen mit Migrationsgeschichte enorm erschweren, an der Abgrenzung gegen Nationalsozialismus und Antisemitismus teilzuhaben. Das pädagogische Defizit in der politischen Jugendbildung der Gegenwart wird so offenbar (vgl. auch Assmann 2013). Darauf den Finger gelegt zu haben, ist das Verdienst Tim Seidenschnurs.

Literatur

  • Assmann, Aleida (2013): Das neue Unbehagen an der Erinnerungskultur. Eine Intervention. Orig.-Ausg. München: Beck (Beck´sche Reihe, 6098).
  • Bauman, Zygmunt (2002): Dialektik der Ordnung. Die Moderne und der Holocaust. Hamburg: Europ. Verl.-Anstalt (Eva-Taschenbuch, 105).
  • Diner, Dan (1991): Der Krieg der Erinnerungen und die Ordnung der Welt. 1. Aufl. Berlin: Rotbuch-Verl (Rotbuch-Taschenbuch, 50).
  • Diner, Dan (2007): Gegenläufige Gedächtnisse. Über Geltung und Wirkung des Holocaust. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht (Toldot, Bd. 7).
  • Diner, Dan (2011): Gedächtnisse der Ungleichzeitigkeit. Über koloniale und kontinentale Erinnerung an Weltkrieg und Holocaust. In: Julia Matveev und Ashraf Noor (Hg.): Die Gegenwärtigkeit deutsch-jüdischen Denkens: Festschrift für Paul Mendes-Flohr. München [u.a.]: Fink, S. 321-333.
  • Diner, Dan; Benz, Wolfgang (1987): Ist der Nationalsozialismus Geschichte? Zu Historisierung und Historikerstreit. Originalausgabe Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag.
  • Holz, Klaus (2005): Die Gegenwart des Antisemitismus. Islamistische, demokratische und antizionistische Judenfeindschaft. 1. Aufl. Hamburg: Hamburger Ed. HIS Verlagsgesellschaft. Online verfügbar unter http://deposit.ddb.de/cgi-bin/dokserv?id=2631856&prov=M&dok_var=1&dok_ext=htm.
  • Matveev, Julia; Noor, Ashraf (Hg.) (2011): Die Gegenwärtigkeit deutsch-jüdischen Denkens: Festschrift für Paul Mendes-Flohr. München [u.a.]: Fink.
  • Scherr, Albert; Schäuble, Barbara (2007): »Ich habe nichts gegen Juden, aber…« Ausgangsbedingungen und Perspektiven gesellschaftspolitischer Bildungsarbeit gegen Antisemitismus. Online verfügbar unter http://www.amadeu-antonio-stiftung.de/w/files/pdfs/ich_habe_nichts_2.pdf, zuletzt geprüft am 31.08.2014.

Rezensent
Prof. Dr. Wilhelm Schwendemann
Professor für Evangelische Theologie und Didaktik an der Evangelischen Hochschule Freiburg im Fachbereich II (Theologische Bildungs- und Diakoniewissenschaft)
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Zitiervorschlag
Wilhelm Schwendemann. Rezension vom 05.09.2014 zu: Tim Seidenschnur: Antisemitismus im Kontext. Erkundungen in ethnisch heterogenen Jugendkulturen. transcript (Bielefeld) 2013. ISBN 978-3-8376-2293-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14898.php, Datum des Zugriffs 18.10.2019.


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