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Matthias Günther: Der Tod ist eine Tür

Cover Matthias Günther: Der Tod ist eine Tür. Seelsorge mit trauernden jungen Menschen. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2013. 144 Seiten. ISBN 978-3-525-62008-3. D: 17,99 EUR, A: 18,50 EUR, CH: 24,90 sFr.

Mit Beiträgen von Jutta Rühlemann und Peter Noß-Kolbe.
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Thema

Der Titel des Buches „Der Tod ist eine Tür“ von Matthias Günther rekurriert auf den Film „Palermo Shooting“, in dem der Tod sagt: „Ich bin die Tür“. Dies deutet bereits auf das Thema des Buches, die Seelsorge mit trauernden jungen Menschen hin, die von einem ermutigenden Zuspruch, „einer partnerschaftlichen Suche nach erweiterter Deutung, nach vorhandenen Ressourcen und eigenen Handlungsoptionen des jungen Menschen“ (8) getragen seien sollte.

Das bekannte Beziehungssystem gerät nämlich bei einem Trauerfall aus den Fugen und bedarf zwangsläufig einer aktiven Neugestaltung, wofür seelsorgerliche Kommunikations- und Kooperationsräume angeboten werden sollten.

Äußerst schwierig gestaltet sich der Trauerprozess bei Jugendlichen zudem deshalb, weil sie noch keine Erfahrungen im Umgang mit Verlust haben und daher auf keine Bewältigungstrategien zurückgreifen können.

Autor

Apl. Prof. Dr. theol. Dr. phil. habil. Matthias Günther ist kein Unbekannter auf dem Gebiet der Seelsorge, welches er seit vielen Jahren am Institut für Theologie und Religionspädagogik der Leibniz Universität Hannover vertritt und dass er -nicht nur prüfungstechnisch- bereits vielen Religionslehrern und Religionslehrerinnen mit auf ihren Weg in die Schule gegeben hat.

Als Schulpastor an der BBS Alfeld/Leine tätig, bringt er neben seiner einschlägigen wissenschaftlichen Qualifikation genau in dem Gebiet praktische Erfahrung ein, über das er auch schreibt.

Entstehungshintergrund

Vom Vorläuferexemplar „Seelsorge mit jungen Menschen“ (www.v-r.de/) von 2009 unterscheidet sich die vorliegende Ausgabe durch eine Vielzahl von Praxisbeispielen, die eine Umsetzung unmittelbar möglich machen, wodurch sich eine Neuausgabe mit dieser ausdifferenzierten Schwerpunktsetzung rechtfertigt.

Wie bereits das Buch von 2009 gezeigt hat, ist Günther ein wissenschaftlich fundierter Überblick über die aktuelle Seelsorge mit jungen Menschen, die ein Desiderat in der Religions- und Gemeindepädagogik darstellte, gelungen.

Aufbau

Neben einem recht kurz gehaltenen theoretischen Hintergrund im ersten Teil, der die psychologische Trauerforschung (in Ergänzung mit der empirischen, jugendtheologischen und seelsorglichen Perspektive) darstellt, bietet der zweite Teil sowohl praktische Beispiele für das konkrete seelsorgerliche Gespräch an, als auch Impulse für die Trauerbegleitung einer Gruppe von Jugendlichen.

Inhalt

Mit einer Klärung der Definition des Begriffes „Trauer“, deren Aufgaben und Zielen beginnt das 1. theoretische Kapitel von Matthias Günther. Dazu wird auf verschiedene Definitionen zurückgegriffen:

Sigmund Freud beschreibt Trauer als eine Reaktion auf den Verlust einer geliebten Person oder Abstraktion, deren Ziel die Lösung der Bindung an den Verstorbenen innerhalb eines Prozesses ist.

Kerstin Lammer modifiziert Freuds Definition, indem sie ein übergeordnetes Ziel des Trauerns zu erkennen vermag, das eine Neuverortung der verstorbenen Person beinhaltet.

Alfred Adler sieht Trauer als einen Verlust an, der im Kontext eines sozialen Umfelds stattfindet.

Christoph Morgenthaler geht ebenfalls von einem sozialen Prozess der Trauer aus, differenziert jedoch, indem er die Wechselwirkungen des Trauerns in einem betroffenen Beziehungssystem in den Blick nimmt. Damit ist Trauer bei ihm „ein systeminterner und kontextuell sozialer Konstruktionsprozess“ (Morgenthaler 2010, 422), dessen Ziel es ist, einen Ordnungsübergang im betroffenen Beziehungssystem herzustellen.

Nach der Definitionsklärung wird sich der Situation trauernder junger Menschen zugewandt. Speziell die Kindheit (ca. 6-12 Jahre), die Frühadoleszenz (ca. 12-16 Jahre) und die Adoleszenz (ca. 16-18 Jahre) geben Aufschluss über die entwicklungspsychologischen Begleitumstände.

Über die empirische Perspektive (speziell die „Konstanzer Studie“ von Helmut Fend und die „Münchner Studie“ von Sabine Weiß) werden die Ergebnisse abgesichert.

Die jugendtheologische Perspektive fragt danach, wie Jugendliche sich ihre Theologie und ihre Religion denken. Besonders hervorzuheben und heikel stellt sich diese Situation dar, weil verschiedene Grundmuster (wie ganzheitliche Vorstellung, dualistisches Bild, zyklische Vorstellung, Sicht einer zeitlichen Begrenztheit, kein Glaube an Neuschöpfung) erkennbar sind, d.h. lediglich Deutungsbruchstücke. Allerdings sei eine Ordnung, die aus Deutungsbruchstücken konstruiert ist, zwangsläufig fragil. Deswegen sei Kontinuität in der Trauerarbeit vonnöten, um mit Kontingenzen den Umgang zu ermöglichen und gelebte Religion mit gelehrter Religion im Dialog in Verbindung bringen zu können.

Aus vorgenannter psychologischer, empirischer und jugendtheologischer Perspektive ergeben sich dementsprechend die Aufgaben der seelsorgerlichen Perspektive: das Zur-Verfügung-Stellen von Zeit- und Ordnungsräumen, die Stärkung der Kommunikations- und Kooperationskompetenzen und die Stärkung ihrer Deutungskompetenzen, die in Lammers Modell der Trauerbegleitung (Lammer 2010, 224-228) mit dem Akronym TRAUER zusammengefasst werden: Tod begreifen helfen (Realisation), Reaktionen Raum geben (Initiation), Anerkennung des Verlusts äußern (Validation), Uebergänge unterstützen (Progression), Erinnern und Erzählen anregen (Rekonstruktion), Ressourcen und Risiken einschätzen (Evaluation, Prävention).

Peter Noß-Kolbe steuert im 2. praktischen Teil über Seelsorge mit trauernden jungen Menschen im Gemeindeleben überwiegend Material für gezielte Gesprächsimpulse wie Bibeltexte, Gedichte, Songs, Filme, die Vorstellung des Trauerkoffers von Anna-Christina Petermann, Andachten, Ansprachen, Predigten und einen Gottesdienst bei.

Jutta Rühlemann beschreibt einen Projektaufbau des Diakonischen Werkes und des Kirchenkreises Osterholz-Scharmbeck zur Trauerarbeit mit jungen Menschen sowie eine Trauerwerkstatt, die 2001 die Bonner Trauerbegleiterin Chris Paul als 2 1/2-tägige Zukunftswerkstatt durchgeführt hat.

Fazit

Das Buch wird dem Anspruch eines Handbuches gerecht. Es enthält einen auf das Wesentliche konzentrierten, verständlichen Überblick über die Theorieansätze und Fallbeispiele sowie Impulse für die praktische Umsetzung.

Didaktisch und methodisch wird ein vielfältiges und breites Repertoire an Handlungsmöglichkeiten aufgezeigt, aus denen situativ ausgewählt werden kann. Gleichzeitig sind die Impulse derart offen gehalten, als dass sie keine einheitlich dogmatische Linie vorgeben, sondern den notwendigen Freiraum zur Ausgestaltung lassen.

Zudem wird Aufklärung geleistet, indem Unsicherheiten bspw. im Umgang mit dem Tod von SchülerInnen und LehrerInnen abgebaut und gleichzeitig Handlungsmöglichkeiten im Vorfeld ausgelotet werden. Allerdings kann und will es keine qualifizierte Ausbildung für die Seelsorge ersetzen. Trotzdem ist in der Not bekanntlich jede Hilfe recht. Nichtstun schützt vor Strafe nicht.


Rezensentin
Dr. des. Sandra Schaub


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Zitiervorschlag
Sandra Schaub. Rezension vom 04.05.2013 zu: Matthias Günther: Der Tod ist eine Tür. Seelsorge mit trauernden jungen Menschen. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2013. ISBN 978-3-525-62008-3. Mit Beiträgen von Jutta Rühlemann und Peter Noß-Kolbe. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14899.php, Datum des Zugriffs 21.11.2017.


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