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Arndt Dohmen, Manfred Fiedler u.a. (Hrsg.): Gesundheit ist (k)eine Ware

Cover Arndt Dohmen, Manfred Fiedler, Werner Rätz, Werner Schüßler (Hrsg.): Gesundheit ist (k)eine Ware. Wenn Geld die Medizin beherrscht! Ursachen – Folgen – Alternativen. VSA-Verlag (Hamburg) 2013. 96 Seiten. ISBN 978-3-89965-564-3. D: 7,00 EUR, A: 7,20 EUR, CH: 10,50 sFr.

Reihe: AttacBasis Texte - 43.
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Thema

Als Basistext von Attac ist diese Broschüre politisch die Begründung der Position von Attac bezogen auf das Gesundheitswesen.

Aufbau und Inhalt

Der Text ist gegliedert in drei Kapitel.

Das erste Kapitel wirft die Frage nach der Zwecksetzung des Gesundheitssystems auf, das zweite beschäftigt sich mit der Veränderung des Krankenhauswesens durch Einführung der Fallpauschalen und das dritte mit der ambulanten Gesundheitsversorgung einschließlich der Pharmaindustrie und der Medizinindustrie.

Die Autoren beginnen ihre Analyse mit Marx und dem Warencharakter von Gesundheit, wobei sie im Gegensatz zu Marx keine Zweckbestimmung vornehmen. Wo dieser aus der Analyse der Ware schließt, dass die Versorgung der Bevölkerung Mittel zur Reichtumsvermehrung ist und daher nur nach Maßgabe dessen erfolgt, wie sie dazu taugt, lösen die Autoren den Doppelcharakter der Ware in ein Sowohl-als-auch auf. Gesundheit ist eine Ware, dient dem Geschäft, um diese Feststellung kommen sie nicht umhin, nach ihrem Geschmack sollte sie es aber nicht sein und machen sich auf die Suche nach einer Begründung, warum sie es nicht sein sollte. Das lässt sie philosophisch werden und führt zur Frage, was Gesundheit überhaupt ist, stoßen dabei auf die Problematik, dass die Frage nach der Gesundheit heutzutage immer wieder verbunden wird mit der Schuldfrage und die Individuen für ihre Gesundheit verantwortlich gemacht werden, wo unübersehbar ist, dass die Menschen über ihre Lebensbedingungen, die die Gesundheit beeinträchtigen, gar nicht bestimmen. Doch auch hier erfolgt keine Schlussfolgerung, sondern eine Warnung vor der Vorstellung der Machbarkeit von Gesundheit. Dabei interessiert sie letztlich weniger, was Gesundheit zum Problem werden lässt, sondern ob diese auch gleich verteilt sei, ganz so, als ob die Menschen gesünder würden, wenn es ihnen alle gleichermaßen gut oder schlecht geht. Das Kapitel endet mit der WHO und der Ottawa-Charta, in der die Selbstbestimmung der Menschen über ihre Gesundheit und die Entfaltung ihres Gesundheitspotentials hervorgehoben wird, in der die Autoren aber nicht die eben von ihnen verworfene Schuldfrage wiederentdecken wollen, sondern ein hehres Ideal, dem das Gesundheitssystem eigentlich, wenn auch nicht wirklich verpflichtet sei, das durch seine Ökonomisierung pervertiert wird.

Das zweite Kapitel widmet sich der Veränderung in der Krankenhausversorgung durch die Einführung der Diagnosis Related Groups (DRG), in dem konstatiert wird, dass Krankenhäuser Wirtschaftsunternehmen sind und dies auch politisch so gewollt sei. Warum es politisch gewollt ist, welche Zwecke die Politik damit verfolgt, das bleibt zunächst offen. Ausgangspunkt der Analyse ist die Abrechnungsumstellung vom Selbstkostendeckungsprinzip zu den Fallpauschalen, deren negative Konsequenzen im Folgenden detail- und kenntnisreich behandelt werden. Dass im Selbstkostendeckungsprinzip bereits die Anforderung an das Gesundheitssystem steckt, sparsam und wirtschaftlich zu arbeiten und es eine Abrechnung nach Tagessätzen gibt, macht die Autoren nicht stutzig, sondern sie begeben sich in die Historie, um auch hier zu begründen, warum das Krankenhaus eigentlich einer anderen Zwecksetzung folgen müsse als die der Ökonomie, nämlich die der Daseinsfürsorge des Staates für seine Bevölkerung. Wieso der Staat dieser seiner eigentlichen Aufgabe nicht nachkommt, wird einem falschen Verständnis von Gesundheitsversorgung und Ökonomie angelastet. Im Gesundheitswesen würde ein anderes Verhältnis zwischen Käufern und Verkäufern existieren, als in der Wirtschaft, wo der Kunde weiß, was er braucht und damit auch den Verkäufer kontrollieren könne. Dieses Bild blamiert sich zwar schon in der Autowerkstatt, aber soll beweisen, dass das Vorhaben des Staates, die Pflege der Gesundheit seiner Bevölkerung als einen Geschäftszweig zu betreiben, nicht gehen kann. In der staatlichen Politik wollen die Autoren daher auch keine Interessen entdecken, die in unterschiedlicher Art und Weise bedient werden, sondern Verhaltensanreize, die zu Fehlsteuerungen führen, mal bewirken sie ein Zuviel und dann ein Zuwenig. Weil es um Verhaltenssteuerung geht, gibt es auch keine Gewinner – außer den großen Konzernen – sondern nur Opfer. Man muss sich nur wundern, wieso die Wohlfahrtsverbände und Kommunen trotz all der schlechten Wirkungen, die dieses neue System zeitigt, immer noch daran mitwirken wollen. Ärzte verdienen mit den Erfolgshonoraren nicht viel Geld, sondern sind Opfer einer Fehlsteuerung und sind mit viel Bürokratie belastet. Unter anderem leiden dann auch Pflege- und Hilfskräfte und die Patienten. Auch der Staat leidet, weil es ihm nicht Kosten spart, sondern zusätzliche Kosten beschert. Und das alles, weil man einer neoliberalen Ideologie aufsitzt, wo man sich nur wundern kann, wieso die solchen Erfolge zeitigt. Dieser Ideologie stellen die Autoren ihre Alternative entgegen und machen es sich dabei nicht einfach, denn eine Gesundheitsversorgung zu organisieren würde nach ihren Vorstellungen der Komplexität nicht gerecht werden, was nichts anderes beinhaltet, als das sie zu einer Versöhnung von Gesundheit als Ware und den darin enthaltenen Gegensätzen und einer Gesundheitsversorgung der Bevölkerung gelangen wollen, denn wozu bräuchte es in ihrem System sonst einen Ombudsmann.

Das dritte Thema bereitet den Autoren ein besonderes Problem, weil diese Sphäre traditionell ein Geschäftszweig freiberuflicher Ärzte ist. Doch auch hier finden sie einen Gegensatz zwischen dem eigentlich guten Anliegen der Ärzte im hippokratischen Eid und ihre Tätigkeit als Geschäft, der nicht so aufgelöst wird, dass damit das Helfen selber zu einem Geschäft wird, sondern zu einer Zerrissenheit der Ärzte führt, die zwischen diesen Zwecken aufgerieben werden. In diese Zerrissenheit wirkt dann ein unübersichtliches Abrechnungssystem mit Verhaltensanreizen so, dass die Ärzte sich fürs Geldverdienen entscheiden. Hinzu kommen noch die Verführungen durch die Pharmaindustrie, deren EDV die Ärzte in den Praxen steuert (wie die nur dahin kommt, bleibt offen). Außerdem sehen sie sich einer Konkurrenz mit den Medizinischen Versorgungszentren gegenüber, weil die Politik einiges getan hat, um auch hier Geschäftsmöglichkeiten zu schaffen. In allem dem sehen die Autoren eine Zerstörung einer ehemals solidarischen Gesundheitsversorgung und erheben so die staatliche Verpflichtung zur Beitragszahlung und zur Selbstvorsorge der Betroffenen zu einem Akt des freiwilligen Zusammenschlusses. Gegen diese Entwicklung halten die Autoren ihre Vorstellungen einer sprechenden Medizin hoch, die mit dem Patienten kooperiert und ihre Geschäftsbeziehungen offen legt. Auch eine Alternative zum Warencharakter von Gesundheit.

Fazit

Wer sich für die Auswirkungen der Gesundheitsreformen interessiert, für den bietet dieses Buch eine Fülle von Material, wer jedoch an einer politischen Analyse der Gründe für diese Zustände interessiert ist, wird enttäuscht.


Rezension von
Prof. Dr. Suitbert Cechura
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Zitiervorschlag
Suitbert Cechura. Rezension vom 04.07.2013 zu: Arndt Dohmen, Manfred Fiedler, Werner Rätz, Werner Schüßler (Hrsg.): Gesundheit ist (k)eine Ware. Wenn Geld die Medizin beherrscht! Ursachen – Folgen – Alternativen. VSA-Verlag (Hamburg) 2013. ISBN 978-3-89965-564-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14900.php, Datum des Zugriffs 25.05.2020.


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