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Peter Tonn: Handbuch Seniorenbegleitung

Cover Peter Tonn: Handbuch Seniorenbegleitung. Lehr- und Praxisbuch für die Alltags- und Seniorenbegleitung. Books on Demand GmbH (Norderstedt) 2012. 340 Seiten. ISBN 978-3-8448-0094-4. D: 49,90 EUR, A: 51,30 EUR, CH: 66,90 sFr.
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Thema

Der Titel spricht für sich: Das Handbuch Seniorenbegleitung stellt sich der Aufgabe eine Grundlegung und Handreichung für das stark anwachsende Handlungsfeld der psychosozialen Betreuung bzw. Begleitung älterer Menschen zu liefern.

Der Autor führt sein Doktorat imponierend auf dem Bucheinband, was mich – bitte verzeihen Sie – nicht nur über Understatement und Marketing stutzen, sondern auch nicht augenblicklich an wissenschaftliche Unterfütterung und Seriosität denken lässt, ebenso wenig wie die Publikation bei books on demand.

Nichtsdestotrotz zeigt sich, dass der promovierte Hamburger Neurologe Tonn ein engagierter und im besten Sinne umtriebiger Agent einer kompetenten und ambitionierten Betreuung alter Menschen ist: Neben seiner neurologischen Praxis ist Tonn Gesellschafter eines „Service für Senioren, Haushalt und Familie“, der als Franchisegeber für ambulante Alltagsbegleitung reüssiert.

Die Notwendigkeit einer solchen Veröffentlichung soll an dieser Stelle nicht erörtert, sondern lediglich angezeigt werden.

Durch die zunehmende Klinisierung der altenpflegerischen Profession und unübersehbarer personalpolitischer Grenzgänge hat sich der Bereich der psychosozialen Pflege und Therapie einerseits stetig verselbständigt und andererseits wurde er gleichsam kompensatorisch gefordert und verrechtlicht (zB. § 11 (1) 2 HeimG; §§ 45a.b.c; 87b (1) 1f. SGB XI), bevor eine angemessene Selbstverständigung der professionell handelnden und multiprofessionell orientierten Betreuungskräfte geführt werden konnte. – Als naheliegende Parallele sei auf die einsetzende Professionalisierung der Sozialdienstleistenden in der Altenpflege verwiesen, deren Aufgabenkataloge sich lesen wie ein all inclusive der Sozialarbeit. (Vgl. gerne das lobenswerte, aber weitgehend noch singuläre Projekt Altenheimsozialarbeit.de).

Das Feld der „Alltagsbegleitung“ neben oder unterhalb der drei klassischen Pflegebedarfe etabliert sich derzeit ebenfalls außerhalb stationärer Einrichtungen, eben im ambulanten und privatwirtschaftlichen Bereich. Agenturen, wie diejenige von Peter Tonn oder auch „home instead“ eröffnen hier einen, in der Regel wohl nebenberuflichen Markt für eine, sit venia verbo: Familienbindungsersatzdienstleistung. Die formale Grundqualifikation in diesem entstehenden Markt ist noch weit marginaler zu veranschlagen, als im Bereich des § 87b, der die (ökonomischen)Voraussetzungen dafür geschaffen hat.

Umso wichtiger also, dass die AlltagsbegleiterInnen, „87b-Kräfte“ oder SeniorenbetreuerInnen ein Kompendium der benötigten Handlungs-, Reflexions- und Wissensbereiche an die Hand bekommen und zur Hand nehmen können.

Aufbau und Inhalt

In den acht Kapiteln zeigt sich übersichtlich strukturiert die Praxisorientierung des Buches: Nach einer Darstellung des „Arbeitsfeld Seniorenbegleitung“ (Kap. 1) geht es medias in res mit Ausführungen zur „Kommunikation“ (Kap.2), deren prominenter Stellung im Arbeitsbereich Altenhilfe man vorbehaltlos zustimmen kann.

Nach einem prägnanten Ritt durch die Sozialgerontologie (Kap. 3), widmet sich das Buch ausführlich den körperlichen (Kap. 4) und psychischen (Kap. 5) Veränderungen im Alter: Schließlich ist der Autor erfahrener (geriatrischer) Neurologe.

Nach der Darstellung des eher hintergründigen Wissens über Alter und Altern, kommt es mit „Aktiv, kreativ, strukturiert“ (Kap. 6) dann zu konkreten Handlungsbezügen und -orientierungen. Nach einem Abschnitt „Rechtsfragen“ (Kap. 7), klappen „Spezielle Themen“ (Kap. 8) mit dem Traktat von Aspekten der „Ernährung für Senioren“, „Schlaf und Schlafhilfen“, „Reisen, Reisebegleitung“, „Wohnen und Wohnumfeldgestaltung“, sowie „Hilfe und Supervision für Seniorenbegleiter/innen“ etwas nach und vermitteln gewiss mancherlei Wissenswertes und Hilfreiches.

Den Abschluss bilden vier „Anhänge“ und liefern neben dem Literatur und Abbildungsverzeichnis (sic!) ein brauchbares Stichwortverzeichnis und handgestrickte, hilfreiche Vorlagen, bspw. einen Ersterfassungsbogen, eine Art Betreuungsplanung oder ein Trinkprotokoll.

Diskussion

Nun gut. Peter Tonn hat mit dem Handbuch Seniorenbegleitung eine lesbare und im Einzelnen, so weit ich es beurteilen kann, fundierte Handreichung für das Arbeitsfeld vorgelegt. Die Stärke des Werkes liegt mE darin, ansprechend zu sein und weitgehend „barrierefrei“. Die Leserin, der Leser wird an tatsächlich anspruchsvolle Themen herangeführt und in sie hinein begleitet, ohne dass er befürchten muß, überfordert oder als interessierter Praktiker: überfrachtet zu werden. Dies ist, angesichts der anvisierten Zielgruppe (dazu gleich) ein didaktischer Vorteil und scheint gut durchdacht zu sein.

Der Anspruch, eine Lücke zu füllen hinsichtlich der bislang wenig ausgestalteten Profilierung und Professionalisierung von „Seniorenbegleitung“ und „Alltagsbegleitung“ ist glaubwürdig umgesetzt. Die Motivation, hier Schneisen zu schlagen, zieht Tonn aus seiner ärztlichen Erfahrung, dass er „jeden Tag [sieht,] wie ältere Menschen alleingelassen sind – solange, bis sie wirklich pflegebedürftig sind und erst dann kommt die Gesellschaft wieder und bietet Unterstützung an.“ Tonn nimmt sich dieses Problems an, sowohl mit dem Institut für nervenärztliche Versorgungsforschung e.V., als auch mit dem erwähnten Franchisekonzept.

Unter dem Dach des Franchisegebers sollen Menschen ermuntert werden, sich im Bereich der Betreuung selbständig zu machen und damit die identifizierte Lücke zu schließen und, in Tonns Verständnis präventiv bzw. ressourcenkonservierend tätig zu werden. Tonn und Partner reagieren auf ein ökonomisches, letztlich politisches Versorgungsdefizit mit privatwirtschaftlicher Initiative.

Der Aufbau erweckt etwas den Eindruck, aus einer Powerpointpräsention entstanden zu sein, die sich im Laufe der Zeit angereichert hat. Bescheiden bestätigt der Autor dies, indem er in aller Bescheidenheit anmerkt, dasjenige zusammenfassen zu wollen, das sich im Laufe der Zeit gesammelt hat.

Sicherlich wird dem interessierten angehenden Seniorenbegleiter hier vieles Wissenswerte geboten, doch die Gewichtung und Verzahnung der Inhalte scheint mir nicht immer nachvollziehbar.

Dabei sind die einzelnen Bereiche durchaus gut fundiert und kenntnisreich geschrieben und – so weit möglich – in didaktischer Dichte: Tonn ist sich offensichtlich durchgängig bewusst, für wen er schreibt. Das heißt auch und nicht zuletzt, dass er Wissen vermitteln will.

So wäre bspw. zu dem Bereich „Lokale Strukturen. – Angebote der öffentlichen Hand“ gewiss noch vieles zu sagen. Doch die wesentlichen Eckpunkte werden gesetzt, einschließend gelegentlicher, ich möchte fast sagen: liebevoller „Tipps“, zB Kontakte zum Sozialpsychiatrischen Dienst etc. herzustellen. Dies darf nicht so verstanden werden, als würde anspruchslos vorgegangen. Vielmehr agiert Tonn fast ausschließlich voraussetzungslos. Was genaugenommen, ein sehr großes Kompliment ist für jemanden, der ein Hand- und Lehrbuch zu schreiben sich vorgenommen hat.

Dies zeigt sich sehr gut an dem Kapitel über die Kommunikation. Beim ersten Blick hat man vielleicht den Verdacht, hier sei jemandem der psychologische Zettelkasten umgefallen, wenn in einem Ritt über den Bodensee Rogers, Habermas, Schulz von Thun und G.H. Mead als theoretische Gewährsmannen herangezogen und vorgestellt werden. Doch zeigt sich, dass die abfolgende Thematisierung von Zuhören – Wahrhaftigkeit/Charity – Gesprächsführung – Reflexion – Handlung nicht nur überzeugend und stimmig ist. Die Darstellung der Themenbereiche zu den einzelnen Namen ist zwar begrenzt (natürlich), aber das Gesagte ist nicht verkürzend. Zudem schafft es Tonn an entscheidenden Punkten der Darstellung durch Fallbeispiele und Hinweisen concretissime den Bezug zum Arbeitsfeld herzustellen, auch dadurch, dass er brauchbare Ratschläge nicht scheut, wie den, dass Paraphrasieren bei dementiell Erkrankten irgendwo hin führt, nur nicht weiter.

Fazit

Offengestanden fällt es mir schwer, ein Fazit zu formulieren. Das Handbuch Seniorenbegleitung ist gewiss keine strukturierte Übersicht und flächendeckende Abhandlung zum Thema. Doch ist dies weder Buch, noch Autor zum Vorwurf zu machen. Wer sich umfassende Orientierung und Unterrichtung in dieser Hinsicht wünscht, sollte auf ein anderes Werk zurückgreifen. – Das freilich noch geschrieben werden müsste.

Insofern hat Tonn ein gut lesbares und informatives Buch geschrieben, das sich sehr gut eignet für einen selbständigen Einstieg in das Themenfeld und das zB für hausinterne Weiterbildungen für Betreuungskräfte mit Gewinn verwendet werden kann.


Rezension von
Olaf Rosendahl


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Zitiervorschlag
Olaf Rosendahl. Rezension vom 06.12.2013 zu: Peter Tonn: Handbuch Seniorenbegleitung. Lehr- und Praxisbuch für die Alltags- und Seniorenbegleitung. Books on Demand GmbH (Norderstedt) 2012. ISBN 978-3-8448-0094-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14907.php, Datum des Zugriffs 07.04.2020.


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