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Alexander Veltin: Die Anstaltsfamilie

Cover Alexander Veltin: Die Anstaltsfamilie. Psychiatrie Verlag GmbH (Köln) 2013. 122 Seiten. ISBN 978-3-88414-576-0. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 40,90 sFr.

Reihe: Biografisches Archiv für Psychiatrie. Forschung für die Praxis - Hochschulschriften.
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Thema

Die Geschichte der Irrenanstalt von ihren im Ausgang des 18. Jahrhunderts und in den Anfängen des 19. Jahrhunderts liegenden Anfängen bis hin zum Ende der traditionellen psychiatrischen Anstalt in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts ist schon unter vielen Aspekten untersucht worden. Doch noch nie stand dabei -meines Wissens- so sehr die Frage im Mittelpunkt, wie die soziale Institution der Familie diese fast 200jährige Anstaltsgeschichte beeinflusst und geprägt hat.

Autor

Alexander Veltin, der kurz nach Beendigung dieser Studie im März 2013 im Alter von 91 Jahren verstarb, gehörte zu den namhaften und bekannten Psychiatern der Bundesrepublik. Entscheidenden Anteil hatte er an dem Wechsel von der verwahrenden zur therapeutischen Psychiatrie. Er war beteiligt an der Transformation von der langlebigen Verwahranstalt zu kleineren, übersichtlichen Kliniken und dem damit verbundenen Aufbau gemeindepsychiatrischer Strukturen, also an dem Anfang der 60er Jahre in Gang gekommenen und in den 70er und 80er Jahre intensivierten Prozess der Reform der bundesrepublikanischen Psychiatrie. Ich kann mich sehr gut daran erinnern, wie wir in Herne Anfang der 80er Jahre beim Aufbau der Gemeindepsychiatrie oft nach Mönchengladbach geschaut haben, um vom dort tätigen Alexander Veltin zu lernen. Seine beruflichen Stationen: Alexander Veltin arbeitete von 1952-1961 an der Universitätsnervenklinik Tübingen und von 1961-1972 am Westfälischen Landeskrankenhaus Gütersloh; danach leitete er bis Ende 1983 die Rheinische Landesklinik Mönchengladbach.

Aufbau und Inhalt

Im ersten Kapitel wird gezeigt, wie Christian Friedrich Wilhelm Roller (1802-1878) vor der Realisierung kleinteiliger Versorgungsformen und des dezentralen familialen Behandlungsansatzes warnt und die Konzeption einer auf 200 Betten begrenzten Heilanstalt in Verbindung mit einer Pflegeanstalt gleicher Platzzahl vorzieht. In seiner so konzipierten Anstalt, der Illenau, verwirklicht er gleichwohl ein familiengleiches oder familienähnliches Zusammenleben von Kranken und Betreuern unter Einbindung seiner eigenen Familie und praktiziert somit die Familiaritas (W.Leibbrand) als Richtschnur für die Gestaltung des täglichen Miteinanders der Anstaltspfleglinge und der Anstaltsbediensteten. Die anderen Gründungsväter der Anstaltspsychiatrie und die Anstaltsdirektoren der nachfolgenden Generationen folgten seinem Beispiel. Die familiale Gemeinschaft des Anstaltslebens beginnt dort, wo sich an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert die Psychiatrie wissenschaftlich und institutionell zu entfalten beginnt, und endet im Zuge der Psychiatriereform in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Die Vorbilder und den Anfangspunkt für das familiale Miteinander in der Anstalt stellt das zweite Kapitel kurz vor: Es handelt sich dabei um das 1796 eröffnete Retreat des William Tuke (1732-1822) in der englischen Stadt York und das private asylum von Dr. Francis Willis (1718-1807), der in Lincolnshire im eigenen Haus 20 bis 25 psychisch Kranke aufnahm und weitere Patienten behandelte, die in den Pächterfamilien seines Besitzes betreut wurden.

Das ebenfalls kurze folgende dritte Kapitel legt dar, was unter familia als ganzem Haus und unter der sich gerade herausbildenden bürgerlichen Kernfamilie zu verstehen ist. Die Anstalt wird angesichts der auf Unterbringung von 200 Patienten gerichteten baulichen Gestaltung und personellen Ausstattung auf die größere Haushaltsform familia bezogen. Sie umfasst den gesamten Personenverband und wird von einer mit Herrschergewalt ausgestatteten Person geleitet, die Leben und Auskommen aller Angehörigen sichern muss. Mit diesem Modell wurden die Anstalten auf dem Weg gebracht.

Die Irrenanstalt in ihrer familialen Sozialform auf dem Weg vom Heilungsmittel schlechthin zum klinischen Institut – so lautet die Überschrift des vierten Kapitels. Die familienartige Ausgestaltung des Anstaltslebens findet sich in den Äußerungen zahlreicher Anstaltsdirektoren und in den den Geist von Familie, Religion und Landesherrschaft atmenden Hausordnungen dokumentiert. In geradezu modellhafter Weise sieht Veltin das familiale Umgangskonzept von Ludwig Binswanger (1820-1880) in dem Asyl Bellevue in Kreuzlingen verwirklicht, wo die Familie Binswanger in Wohn-und Tischgemeinschaft mit den Kranken lebt. War in diesem Jahrhundert unter den führenden Anstaltspsychiatern weitgehend anerkannt, daß die Anstalt selbst das größte Heilmittel war, so tritt in dieser Einschätzung doch eine Änderung ein. Die Anstalt wird nun zu einer Bedingung für die entscheidenden heilenden Wirkelemente. Das sind die methodisch fundierten Maßnahmen zur Behandlung und Pflege der Kranken. Ihre Rolle, selbst entscheidendes Heilmittel zu sein, verliert die Anstalt, und sie wird Anfang des 20. Jahrhunderts zum Träger wissenschaftlicher Diagnostik und Therapie. - Die Überfüllung der Anstalten führt in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts zu zahlreichen Neugründungen, die Bettenkapazität wird auf 1200-1500 Betten ausgeweitet und das Pavillon-System eingeführt. Auch diese Entwicklungen trugen dazu bei, dass einheitlicher Geist und patriarchalische Verhältnisse – also Familiaritas – immer mehr schwanden. Der 1. Weltkrieg, das mit Unterbrechungen bis nach dem 2. Weltkrieg andauernde Hungersterben in den Anstalten, die Nazi-Zeit mit ihrer systematischen Vernichtung „unwerten Lebens“ und die unrühmliche Rolle der Anstaltspsychiatrie in diesem Vernichtungsvorgang gaben der familialen Anstalt wohl den Todesstoß, wenngleich sie noch mit ihren geschlossenen Einrichtungen und patriarchalischen Gängelung der Patienten ein allzu lang dauerndes Leben führen sollte. Noch in der Gütersloher Anstalt der 60er Jahre und in zahlreichen weiteren von ihm besuchten Anstalten vermochte Veltin, etwas von der klassischen deutschen Anstaltspsychiatrie im positiven Sinne zu erkennen. Die Psychiatrie-Reformen, an denen Veltin aktiv und engagiert mitwirkte, haben dann für psychiatrische Abteilungen und Kliniken gesorgt, in denen sich Patienten, Pfleger, Ärzte als Partner im therapeutischen Prozess verstehen sollten.

Die christliche Familiaritas steht im Mittelpunkt des ausführlichsten (fünften) Kapitels. Wurden in den Anfängen der Anstalt Religion und Seelsorge in den Gesamtheilungsauftrag der Anstalt eingebunden, so standen am Ende des Jahrhunderts Religion und Seelsorge in einem äußeren Verhältnis zur Anstalt. Diese Ausgliederung der Seelsorge aus dem Gesamtkonzept der Anstalt war u. a. auch mit der Ausweitung des naturwissenschaftlichen Denkens verbunden, das das Hauptaugenmerk auf die somatischen Aspekte der psychischen Erkrankung legte und Religion zur Privatsache erklärte.

Das sechste Kapitel thematisiert die Seele der Anstalt, ihren ärztlichen Direktor. Patriarchal und autoritär zugleich ist das Ideal und Selbstverständnis der Anstaltsdirektoren gewesen, so muss wohl das Resümee lauten, das hinreichend belegt wird. Wer für die Auswahl künftiger leitender Psychiater zuständig ist, mag hier fündig werden. Im Rückgriff auf Wilhelm Griesinger (1817-1868) wird Rat gegeben.

Einen Streifzug durch zwei Jahrhunderte Tischgemeinschaft in der Anstaltspsychiatrie bietet das siebte Kapitel. Die noch im 18. Jahrhundert aufkommende Tischgemeinschaft von „Irren“ und „Nichtirren“ zeugt eindrücklich von dem Wandel, der in jener Zeit im Umgang mit psychisch Kranken eintritt. Die gemeinsamen Mahlzeiten dienen in den Anstalten der Entwicklung tragfähiger menschlicher Beziehungen zwischen Kranken und ihren Helfern genauso wie der Ausrichtung des Sozialverhaltens der Kranken. Mit der Verbesserung der therapeutischen Möglichkeiten geht die Bedeutung der Mahlzeiten als Element der Krankenbehandlung zurück. Heute haben Mahlzeiten in den Tages- und Wochenplänen der Krankenstationen zwar einen festen Platz, doch ohne den soziotherapeutischen Potentialen besondere Beachtung zu schenken.

Kommen wir zum letzten Kapitel, in dem über die Erfahrungen des Autors während seiner Dienstzeit im Westfälischen Landeskrankenhaus Gütersloh berichtet wird. Die gewählte Überschrift – eine familiale dörfliche Gemeinde – will bei aller Kritik an den inhumanen Bedingungen der Anstaltsunterbringung die humanen Umgangsformen im Verkehr mit den Kranken festhalten. Es werden die behandlungs- und rehabilitationswidrigen Verhältnisse Anfang der 60er Jahre (!) beschrieben: in einheitsgrauen Drillich gekleidete Arbeitskolonnen, Bettensäle ohne Mobiliar, rehabilitationswidrige Arbeitstherapie, Kapo-System auf den Abteilungen für chronisch Kranke, keine sozial oder kulturell anregenden Aktivitäten außerhalb der Arbeitsstunden und die Einrichtung des „Hauskranken“, eine Haushaltshilfe für Anstaltsbedienteste. Das formelle und informelle Kommunikationsgefüge, das das Anstaltsleben prägt, wird ausführlich dargestellt. In der Rückschau, so der Autor, erscheint mir die Gütersloher Anstalt jener Jahre in Teilaspekten auch mit einer Grundherrschaft in staatlicher oder adeliger Verwaltung aus der Kaiserzeit vergleichbar.

In den Schlussbemerkungen weist uns Veltin auf die Übereinstimmung der Leitgedanken der Gründungsväter des Anstaltssystems mit den Behandlungsprinzipien der heute in einer reformierten Psychiatrie Tätigen hin. Auch sieht er Anknüpfungspunkte der Psychiatrie-Reformen an die in der Frühzeit der Anstaltspsychiatrie diskutierten dezentralen Versorgungskonzepte. Letztendlich findet er im Konzept der familialen Anstalt und der reformorientierten therapeutischen Gruppenarbeit eine enge Verwandtschaft, die darin besteht, die den menschlichen Gemeinschaften innewohnenden kommunikativen und kooperativen Potentiale zur Förderung von Genesung und Heilung ihrer kranken Mitglieder zu aktivieren. Im übrigen gilt: Von den in den verschiedenen Epochen der Psychiatrie von ihren Protagonisten propagierten Betreuungs-, Pflege-und Behandlungskonzepten darf nicht ohne Weiteres auf deren Realisierung im Anstaltsalltag geschlossen werden.

Fazit

Dieses Buch über die Anstalt ist ein Buch der leisen Töne, der Aufmerksamkeit für unbeachtete Entwicklungsstränge und der Achtung vor den psychiatrischen Gestalten und Gedanken der Geschichte, zu der die Psychiatrie anders als andere medizinische Disziplinen eine enge Beziehung hat. Deshalb sollte diese letzte Publikation von Alexander Veltin von allen denjenigen gelesen werden, die sich ernsthaft mit der Geschichte der Psychiatrie auseinandersetzen wollen und dabei auch Anregungen für die Gegenwart suchen.


Rezension von
Dr. Alexander Brandenburg
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Zitiervorschlag
Alexander Brandenburg. Rezension vom 27.05.2014 zu: Alexander Veltin: Die Anstaltsfamilie. Psychiatrie Verlag GmbH (Köln) 2013. ISBN 978-3-88414-576-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14917.php, Datum des Zugriffs 14.07.2020.


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