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Sibylle Friedrich: Resourcenorientierte Netzwerkmoderation

Cover Sibylle Friedrich: Resourcenorientierte Netzwerkmoderation. Ein Empowermentwerkzeug in der sozialen Arbeit. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2012. 139 Seiten. ISBN 978-3-531-17763-2. 19,95 EUR.
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Thematischer Rahmen

„Multiproblemfamilien“, „komplexe Problemsituationen“, „mehrdimensionale Fallkonstruktionen“ – (neue) Etiketten lassen erahnen, mit welchen fachlichen Bewältigungsaufgaben die Kinder- und Jugendhilfe konfrontiert ist, wenn es darum geht, die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen in Familien zu fördern, wenn dort angelegte Interessen, Verhaltensweisen, Konflikte und Problemlagen ihre Entwicklung zur eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit (§ 1 SGB VIII/Kinder- und Jugendhilfegesetz) behindern oder in Frage stellen. Auch stellt sich immer wieder die Frage, wie Familien aktiver im Hilfeprozess beteiligt bzw. wie in der Hilfegewährung nicht selten eingeschlossene Prozesse der Passivierung aufgehoben werden können. Aber auch wachsender (vor allem ökonomistisch-fiskalischer bzw. aktivierungstheoretisch – und damit politisch – begründeter) Handlungsdruck auf der Kinder- und Jugendhilfe erfordert kreative Zugänge und Umgangsformen mit komplexeren Problemkonstellationen in Familien.

Das Verfahren der Ressourcenorientierten Netzwerkmoderation, das Gegenstand der vorliegenden Veröffentlichung von Sybille Friedrich ist, stellt eine (weitere) „Antwort“ auf diese Anforderungen dar. Es ist, so die Autorin, „insbesondere als Instrument der Sozialpädagogischen Familienhilfe konzipiert und kommt in laufenden Hilfen immer dann zum Einsatz, wenn es sich von der Beschaffenheit des oder der vorangigen Hilfeziele(s) her anbietet“ (S. 8). Eine Ressourcenorientierte Netzwerkmoderation sei dann „empfehlenswert, wenn es sich um ein nachvollziehbares und relevantes Ziel handelt, das nur dann erreicht werden kann, wenn mehrere Menschen sich dafür engagieren und an einem Strang ziehen“ (S. 78). Die Übertragung auf weitere ambulante Hilfen zur Erziehung (z. B. Erziehungsbeistandschaft, Intensive Sozialpädagogische Einzelbetreuung) sei „ohne größere Schwierigkeiten denkbar und möglich“ (S. 8).

Vier aufeinander folgende Stufen kennzeichnen die Herangehensweise, die Friedrich im vorliegenden Band präsentiert: Zunächst wird 1. „gemeinsam mit dem/r Klienten/in das Ziel in seiner Attraktivität eingeschätzt und konkretisiert“; dabei geht es auch die „Einschätzung, welche der klienteneigenen Stärken zur Zielerreichung zur Verfügung stehen bzw. mobilisiert werden sollten“. Sodann werden 2. konkrete Schritte zur Zielerreichung geplant und dabei geprüft, welche Unterstützung von Menschen aus dem (informellen) Netzwerk in den Handlungsplan denkbar sind. 3. erfolgt ein Risikocheck, bei dem der Handlungsplan „noch einmal auf den Prüfstand gestellt“ wird. Und 4. geht es um die „Herausarbeitung des allerersten kleinen Schrittes“ und die „wiederholte Nachfrage nach dem aktuellen Stand im Zielerreichungsprozess“ (S. 76).

Autorin

Dr. phil. Sybille Friedrich ist Diplom-Psychologin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Fachbereich Psychologie der Universität Hamburg. Sie lehrt und forscht an der Schnittstelle zwischen Psychologie und Sozialer Arbeit und arbeitet im Bereich der Netzwerkarbeit und Ressourcenorientierung mit verschiedenen sozialen Einrichtungen in Hamburg zusammen. Darüber hinaus ist sie Ausbilderin und Mitbegründerin der Fortbildungsreihe RessourcenCoach des Institutes für Soziale Praxis der Evangelischen Hochschule für Soziale Arbeit und Diakonie in Hamburg. In ihrer Dissertation (Die Aktivierung sozialer Netzwerke in der sozialpädagogischen Familienhilfe, Universität Hamburg 2008) hat Friedrich das im vorliegenden Band populärer vermittelte Thema ausführlich bearbeitet. Diese Hamburger Erfahrungen fließen in die Veröffentlichung unmittelbar mit ein.

Aufbau und Inhalt

Wie die Autorin sicher zutreffend einschätzt, handelt es sich bei dem in der vorliegenden Veröffentlichung vorgestellten Verfahren um einen in Deutschland „recht neue(n) Ansatz“, der „bisher kein Standardwerkzeug der Sozialen Arbeit“ darstellt (S. 1). Daher sondiert sie zunächst den Rahmen für Ressourcenorientierte Netzwerkmoderation – „Kerngedanke ist das Zusammenrufen eines zentralen Teils des sozialen Netzwerkes, also relevanter Bezugspersonen eines/r Klienten/in bzw. einer Klientenfamilie“ (S. 1) – und nimmt eine Abgrenzung zu ähnlichen Ansätzen vor, zum Beispiel beim Wraparound-Konzept, der vor allem in den Vereinigten Staaten verfolgten „Idee einer ambulanten Betreuung des auffällig gewordenen bzw. bedrohten Kindes durch den Stadtteil“ (S. 6), der Familiengruppenkonferenz im Anschluss an das Konzept des neuseeländischen Familienrates, bei dem Familiengruppen bei der Diskussion und Klärung ihrer Problemlage „bewusst zur Entscheidungsfindung alleine gelassen“ werden (S. 9), oder dem niederländischen Homefinding-Konzept im Pflegekinderbereich, das „im Falle einer Kindesherausnahme um die Unterbringung des/r Kindes/r im sozialen Nahraum (bemüht ist). Nicht professionelle Pflegefamilien sind hier gefragt, sondern bereits vorhandene Bezugspersonen“ (S. 10).

Auf solche Abgrenzungen, die zugleich auch Anschlüsse konstituieren, weil sie in „traditionellen“ Verfahren oft nicht (mehr) gesehene Ressourcen zu erschließen suchen, baut das Konzept der Ressourcenorientierten Netzwerkmoderation auf. Dafür grundlegend ist ein Verständnis von Ressourcenorientierung, das an die Ansätze der Positiven Psychologie anknüpft und „die systematische Analyse und Aktivierung der klienteneigenen Fähigkeiten, Potenziale und Kraftquellen (meint). Sie hat eine gesundheits- und entwicklungsfördernde Stärkung der Selbstwirksamkeit, der Selbstverantwortung und des Selbstwertes zum Ziel, alles drei bedeutsame Komponenten für die eigene Lebenszufriedenheit und das psychische Wohlbefinden“ (S. 18): „Ziele, Wünsche und Lebensträume können unabhängig von ihrer Realisierung Kraftquellen darstellen, ebenso wie Interessen, Umgebungsressourcen wie eine gute Infrastruktur und Möglichkeiten der Naherholung sind ebenso Kraftspender wie kulturelle Ressourcen“, z. B. Glaube, Traditionen und Rituale sowie Familienkultur (S. 20). Eigene Ressourcen (z. B. die Gelassenheit, Dinge auszuhalten) sollen „bewusst und zugänglich werden“, so dass eine „individuelle Entscheidungen“ darüber möglich wird, wie sie einsetzt werden (S. 18)

Fachkräfte der Sozialen Arbeit haben, so Friedrich, „im Sinne eines ressourcenorientierten Vorgehens also zuallererst die Aufgabe, ihren Klient(inn)en die Vielfalt und das Ausmaß ihrer eigenen Ressourcen bewusst zu machen“ (S. 19). Soziale Netzwerke, die „aus seinen vielfältigen Kontakten und Beziehungen zu anderen Menschen“ bestehen (S. 29), sind hierbei zentral. Netzwerkkompetenz beginne damit „bei einer positiven Netzwerkorientierung. Damit ist die Erwartungshaltung gemeint, dass andere Menschen grundsätzlich bereit und in der Lage sind, mich zu unterstützen und dass ich grundsätzlich bereit und in der Lage bin, andere um Unterstützung zu bitten“ (S. 34). Konstitutiv ist hierfür Reziprozität, d. h. „die Balance zwischen Nehmen und Geben in Unterstützungsbeziehungen. Sie muss gewährleistet sein, sonst läuft die Beziehung Gefahr zu zerbrechen. (…) Zwar erlaubt eine engere Beziehung durchaus längere Phasen schwerpunktmäßigen Gehens oder Nehmens, irgendwann entsteht jedoch auch hier die Frage nach der Wiederherstellung des Gleichgewichts“ (S. 35).

Auf dieser Grundlage wendet sich Friedrich drei Aspekten zu:

  1. Zunächst wendet sie sich der Moderation der Prozesse zu: Unter Bezugnahme auf die Themenzentrierte Interaktion (S. 50ff) skizziert die Autorin zunächst Grundzüge einer Haltung, die für die Netzwerkmoderation von Bedeutung ist, die durch „Allparteilichkeit“ (beschrieben als das Bemühen, „jedes einzelne Gruppenmitglied möglichst genau zu verstehen, ihm zu seinem Recht zu verhelfen, sich zu äußern“, „Zugewandtheit“ und als „wachsame[r] Blick dafür …, wie die Kräfteverhältnisse in einer Gruppe sind und inwiefern sie dazu führen, dass menschliche Grundbedürfnisse nach Akzeptanz und Wertschätzung verletzt werden“ [S. 42ff]), die „Basiskompetenz des Aktiven Zuhörens“ und den „Grundgedanke(n)“der Prozessverantwortung (d. h. Bereitschaft, „die Verantwortung für den Ablauf, die Struktur, den roten Faden jedes einzelnen Treffens zu übernehmen“ [S. 46]) gekennzeichnet ist. Erst auf diese Grundlage erschließt sich das von ihr angebotene „Handwerkszeug“, das heißt Moderationsmethoden und Strukturierungshilfen, wie zum Beispiel das Öffnen und Schließen von Beratungen, Atmosphäre schaffen, Durchführung von befindlichkeitsrunden, Brainstorming, Kleingruppenarbeit, Punkt- und Kartenabfragen (S. 54f, 56 – 64, S. 66), Zeitmanagement (S. 56), Aktives Zuhören (S. 65). Auch Hinweise für einen abgestuften Umgang mit Konflikten (S. 84ff) zählen hierzu.
  2. Zu einzelnen Instrumenten (Netzwerk-, Unterstützungskarte und Ressourcenkarte), gibt Sibylle Friedrich ausführlichere Hinweise (S. 68 – 75).
  3. Schließlich führt sie im Lichte der vorgängigen Hinweise in die fünf Phasen der Ressourcenorientierten Netzwerkmoderation (1. Einführung, wer ist hier? – 2. Ressourcensammlung/Was bringen wir mit? – 3. Handlungsplan/Worauf einigen wir uns? – 4. Risikocheck – 5. Abschluss – Wie geht es weiter? – und [eigentlich 6.] Nachbesprechung, Dokumentation und Evaluation) ein (S. 93 – 108).

Arbeitsmittel als Kopiervorlagen im Anhang illustrieren die Darlegungen und unterstreichen zugleich den Anwendungscharakter des Bandes.

Zielgruppen

Vor allem Fachkräfte der Kinder- und Jugendhilfe, die in der Sozialpädagogischen Familienhilfe, der Erziehungsbeistandschaft oder der Intensiven Sozialpädagogischen Einzelbetreuung tätig sind, stellen die (Kern-) Zielgruppe der Veröffentlichung dar.

Diskussion und Fazit

Wie eingangs bereits betont (und oft angeführt): die Kinder- und Jugendhilfe ist unter Druck, sich auf (rasch) wandelnde Ausgangsbedingungen in Familien einzustellen, die Hilfen zur Erziehung in Anspruch nehmen. Auch der fiskalische Druck nimmt weiter zu, verknüpft mit der (politischen) Erwartung, bessere Hilfe nachhaltiger mit weniger Mitteleinsatz mehr zur Verfügung zu stellen. Damit werden Perspektiven auf die selbständige Problembewältigung – zum Beispiel durch die Erschließung von Unterstützung im sozialen Nahraum – eine noch größere Bedeutung erlangen. Darin liegen Chancen und Risiken zugleich. Eine Ressourcenorientierte Netzwerkmoderation wird (wie etwa auch das Verfahren der family-group-conference/Familienrat) dort Chancen haben, sich als sinnreiche Ergänzung zum gewohnten Methodenrepertoire zu etablieren, wo in der Familie subjektive Einsicht (bzw. zunächst Einsichtsfähigkeit) in die Notwendigkeit gegeben ist, etwas mit- und füreinander zu tun. Hier wird einerseits auch seitens der Fachkräfte eine positive(re) Sichtweise hilfreich sein (die sich von [durchaus auch erfahrungsgestützten] Erwartungen oder Projektionen voraussichtlichen Klient/inn/en-Scheiterns zu befreien in der Lage ist). Andererseits besteht sicher auch weiter das Risiko, dass auch die Ressourcenorientierte Netzwerkmoderation aufgrund der angedeuteten, auf dem System Kinder- und Jugendhilfe lastenden (politischen) Drucks zur „Wundermethode“ stilisiert wird, welche hilft, komplexe Problemlagen mit minimalem Mitteleinsatz zu lösen, obgleich in der Familie diese Bereitschaft eben tatsächlich nicht gegeben ist. Hier wird ein schmaler Grat deutlich, der zu sehen ist, wenn die Möglichkeiten des vorgestellten Ansatzes eingeschätzt werden sollen.

Die vorliegende Publikation gibt dafür jedenfalls Orientierungshilfen, und sie stellte Handlungsanleitungen für ein ressourcen- und netzwerkorientiertes Handeln vor, um durch ein systematisches Zusammenführen der in Netzwerken vorhandenen Ressourcen neue Klärungen und Lösungen für gegebene Fallsituationen zu erschließen. Diese Netzwerkmoderation kann „ein starkes Empowerment-Werkzeug für sozial benachteiligte und mehrfach belastete Familien“ darstellen, wie Sybille Friedrich selbst überzeugt ist (S. 16).

Das von ihr dargelegte Verfahren versteht sich als eine Art „Instrumentenkoffer“ der Sozialpädagogischen Familienhilfe. In diesem ausgewählten Bereich der Kinder- und Jugendhilfe tätigen Fachkräften ist der Band anzuraten, um das methodische Können kritisch zu reflektieren und produktiv anzureichern. Zweifellos wird es aber auch erforderlich sein, sich in den Rahmen – der mit dem Hinweis auf die Positive Psychologie im Anschluss an Martin Seligman angedeutet ist – einzudenken, um die Chancen, aber auch die Probleme des Konzepts einordnen zu können. Diese Perspektive betont stark die Chancen; die angedeuteten Risiken bleiben in der Darstellung aber eher ausgespart.

Wer die Chancen betont, der/die wird in der Veröffentlichung Friedrichs einen hilfreichen Band vorfinden, der knapp, anschaulich formuliert und praxisorientiert ausgestaltet ist und damit auch dazu aufruft, die eigene Praxis (kritisch) zu reflektieren und methodisch zu aktualisieren.


Rezensent
Prof. Dr. Peter-Ulrich Wendt
Hochschule Magdeburg/Stendal
Homepage www.PUWendt.de
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Zitiervorschlag
Peter-Ulrich Wendt. Rezension vom 13.09.2013 zu: Sibylle Friedrich: Resourcenorientierte Netzwerkmoderation. Ein Empowermentwerkzeug in der sozialen Arbeit. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2012. ISBN 978-3-531-17763-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14918.php, Datum des Zugriffs 21.07.2017.


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