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Eike Quilling, Hans J. Nicolini u.a.: Praxiswissen Netzwerkarbeit

Cover Eike Quilling, Hans J. Nicolini, Christine Graf, Dagmar Starke: Praxiswissen Netzwerkarbeit. Gemeinnützige Netzwerke erfolgreich gestalten. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2013. 180 Seiten. ISBN 978-3-531-17144-9. 19,90 EUR.
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Thema

Keine Einführung in die Grundlagen und Methoden der Sozialen Arbeit kommt mehr ohne eigenen eigenständigen Beitrag zur Netzwerktheorie und Netzwerkarbeit aus. Seit dem John Barnes (Class and Comittees in a Norwegian Island Parish; in: Human Relations 7/1954: 39-58) die Beziehungen zwischen Individuen am Beispiel des norwegischen Bremnes als Beziehungsgeflecht zwischen Akteuren mit einem Fischernetz verglichen und von dort auf die Etablierung gesellschaftlicher Strukturen und Funktionen als (gestaltbaren) Netzwerken geschlossen hat, ist das Konzept als Netzwerkarbeit zu einer festen Größe im Methodenkanon der Sozialen Arbeit geworden.

Die Individualisierung, so argumentiert das Autor/inn/en-Team der vorliegenden Veröffentlichung „Praxiswissen Netzwerkarbeit“, führe dazu, „dass die kommunale Gesamtaufgabe der Daseinsvorsorge im Laufe der Zeit immer mehr in funktionale Teilaufgaben zerlegt wurde“; eine Antwort darauf laute: „Wir brauchen ein Netzwerk.“ In der Sozialen Arbeit gäbe „es zahlreiche Beispiele für Netzwerke in unter schiedlichen Kontexten. In den vergangenen Jahren ist die Zahl der entstandenen Netzwerke ebenso rasant gestiegen wie die inflationäre Verwendung des Netzwerkbegriffs“. Netzwerkarbeit sei „eine hilfreiche Methode, Arbeit und finanzielle Ressourcen effizienter zu nutzen und die Effektivität von Maßnahmen zu erhöhen“. Die vorliegende Veröffentlichung will deshalb„einen Beitrag dazu leisten, Netzwerkstrukturen im sozialen Kontext ebenso professionell aufbauen und managen zu können, wie dies in der Wirtschaft selbstverständlich ist“ (S. 10f). Regionale und lokale Netzwerke könnten einen wichtigen Beitrag zur Erfüllung der sozialen Grundversorgung in einer Kommune leisten. Netzwerkarbeit liefere die hierzu notwendigen Strategien und Instrumente für ein erfolgreiches Management von Netzwerken im Non-Profit-Bereich.

Autoren und Autorinnen

Dr. Eike Quilling hat eine Juniorprofessur für Netzwerk- und Interventionsmanagement in der Lebensstilforschung an der Deutschen Sporthochschule Köln inne, Dr. Hans J. Nicolini ist Lehrbeauftragter an privaten und öffentlichen Weiterbildungseinrichtungen, Prof. Dr. Dr. Christine Graf leitet die Abteilung Bewegungs- und Gesundheitsförderung im Institut für Bewegungs- und Neurowissenschaft an der Deutschen Sporthochschule Köln und Dr. Dagmar Starke ist Referentin für Epidemiologie und Gesundheitsberichterstattung in der Akademie für öffentliches Gesundheitswesen.

Aufbau und Inhalt

„Praxiswissen Netzwerkarbeit“ gliedert sich in sechs Kapitel und substanziell in drei Blöcke:

  1. Unter der Kapitelüberschrift „Definition und Grundlagen“ wird zunächst eine theoretische Einführung gegeben und der Netzwerkbegriff, Netzwerktypen und deren Struktur erläutert (S. 10 – 33).
  2. Die „Initiierung von Netzwerken“ steht im Mittelpunkt des zweiten Kapitels (S. 34 – 61), das „Netzwerkmanagement“ wird in das Zentrum des dritten Kapitels (S. 62 – 93) gerückt; damit werden die relevanten Prozesse und Verfahren zur Netzwerkentwicklung und -gestaltung diskutiert.
  3. Die Kapitel 3 bis 6 stehen im Zeichen operativer Detailaspekte der Netzwerkthematik: Zunächst geht es im vierten Kapitel um die „Presse- und Öffentlichkeitsarbeit für Netzwerke der sozialen Arbeit“ (S. 94 – 121). Die „Netzwerkevaluation“ ist Gegenstand des 5. Kapitels (S. 122 – 144); hier werden nach einer Begriffbestimmung und einer Klärung der Qualitätsdimensionen der Netzwerkevaluation Methoden und Indikatoren der Netzwerkevaluation vorgestellt. Im abschließenden Kapitel („Finanzierung“, S. 145 – 170) wird das relevante Finanzierungswissen (vor allem Arten der Netzwerkfinanzierung und das Finanzcontrolling) ausgebreitet.

Fünf Seiten Literaturangaben und einige weblinks vervollständigen den Band.

Zielgruppe

Vor allem Studierende, Lehrende und Fachkräfte der Sozialen Arbeit werden von „Praxiswissen Netzwerkarbeit“ profitieren; ob die Verlagsauskunft, der Band richte sich auch an „FachwissenschaftlerInnen in praxisnahen Forschungs- und Beratungskontexten des Sozialwesens“, angemessen ist, mag angesichts der starken Anwendungsorientierung doch eher fraglich sein.

Diskussion

Die Perspektive der Veröffentlichung, der Duktus des Bandes ist durchaus manageriell zu nennen, was zum Beispiel (S. 37) die Orientierung an Strukturen, Interessen, Einfluss und Strategien der Stakeholder illustriert. Netzwerke werden vor allem als Konstruktionsleistungen und Resultate motivierter Initiativen und gesteuerter Interventionen begriffen. Insoweit führt der Titel „Praxiswissen Netzwerkarbeit“ zum Kern; soziale Netzwerke als Prozesse subjektiv er Selbstorganisation sind hier nicht gemeint.

Im Rahmen dieser Zugangslogik ist die Darstellung konsequent. Das Autor/inn/en-Team um Eike Quilling verzichtet nicht auf eine theoretische Begründung, stellt diese aber nicht in den Mittelpunkt, sondern beschränkt sich – stets einer Praxishilfe verpflichtet – hierbei aber im Überblick (1. Kapitel) auf das Wesentliche. Ganz besonders praxisnah sind einzelne Abschnitte des Buches gestaltet, zum Beispiel zur Presse- und Öffentlichkeitsarbeit (Abschnitt 4.4.1, S. 102 – 111); hier sagt der (ehemalige) Journalist im Rezensenten: Ja, so geht es! Auch warten die Autor/inn/en auch mit der einen oder anderen interessanten Argumentation auf: So zum Beispiel bestimmen Quilling, Nicolai, Graf und Starke über das übliche (an Avedis Donabedian anschließende) Instrumentarium der Struktur-/Potenzial-, Prozess- und Ergebnisqualität hinaus auch die Konzept-, die Planungs-(S. 128) und die Kommunikationsqualität (S. 128ff) als relevante Dimensionen der Netzwerkarbeit, wodurch der (besondere) Steuerungscharakter von Netzwerkarbeit im hier beschriebenen Sinne noch einmal herausgearbeitet und betont wird.

Auch die Aufmachung unterstreicht den Anspruch des Bandes, eine praxisrelevante Unterstützung darzustellen: Grafisch hervorgehobene (grau hinterlegte) Bilanzierungen einzelner Aspekt (z. B. generellerer Natur zu wesentlichen Eigenschaften von Netzwerken [S. 28], zu den zentralen Zielen von Netzwerken [S. 31] oder en detail z. B. zur Goal Attainment Scale [S. 136]), wenige Merksätze (z. B. S. 31) und unterschiedlich umfangreich eingestreute (zum Teil fiktive) Beispiele (ausführlich im 2. und 6. Kapitel) oder (Praxis-) Tipps (auf ganz unterschiedlicher Ebene, z. B. „Zur Terminfindung eignen sich Online-Tools wie beispielsweise Doodle, vorausgesetzt, dass mit allen potenziellen Netzwerkpartner bereits persönliche Gespräche geführt worden sind“ [S. 44] oder zur Förderdatenbank des Bundes [S. 154]) unterstützen die Argumentation vorteilhaft.

An dieser Stelle ist freilich auch ein Mangel zu markieren: Illustrationen dieser Art fehlen an anderer Stelle (z. B. werden Beispiele im 3. und 5. Kapitel nahezu vergeblich gesucht). Ähnliches gilt für die zum Teil eingebrachten Zusammenfassungen (1. Kapitel [S. 61] und 3. Kapitel [S. 93]), die aber im 4. und 5. Kapitel wiederum fehlen. Kurze Fazits schließen die das 5. und das 6. Kapitel (S. 143 und S. 170) ab, nicht aber die übrigen Kapitel. Dies lässt auf eine von Kapitel zu Kapitel, ja, Abschnitt zu Abschnitt unterschiedliche Autor/inn/enschaft (und damit verbundene disparate Präferenzen) schließen, die nicht abgestimmt erscheint, was zu einem etwas irritierten Gesamteindruck über das vorliegende Werk beiträgt. Hier wird eine gewissen Uneinheitlichkeit in der Darstellung deutlich, die für an Orientierung interessierte Einsteigerinnen und Einsteiger in die Netzwerkarbeit nicht unbedingt förderlich sein muss.

Fazit

Insgesamt kann bilanziert werden, dass in der vorliegenden Veröffentlichung die Themenbereiche Netzwerke und ihre Strukturen, Ebenen und Prozesse der Netzwerkarbeit und Netzwerkmanagement, Qualitätsdimensionen und Erfolgsfaktoren erfolgreicher Netzwerkarbeit, Kommunikation in der Netzwerkarbeit, Moderation von Netzwerken, die Finanzierung von Netzwerken und nicht zuletzt die Evaluation von Netzwerken überwiegend beispielstark und praxisnah dargestellt werden. Illustriert durch vielfältige Beispiele aus unterschiedlichen Handlungsfeldern vermittelt dieses Buch Grundlagenwissen zu Aufbau, Steuerung, Marketing, Finanzierung und Nachhaltigkeit von Netzwerken. Mit „Praxiswissen Netzwerkarbeit“ liegt eine überwiegend handliche Unterstützung für jene vor, die in die Netzwerkarbeit einsteigen (wollen), die auf eine knappe (erste) Orientierung angewiesen sind und „schnell zum Punkt“ kommen wollen.


Rezensent
Prof. Dr. Peter-Ulrich Wendt
Hochschule Magdeburg/Stendal
Homepage www.PUWendt.de
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Zitiervorschlag
Peter-Ulrich Wendt. Rezension vom 10.03.2014 zu: Eike Quilling, Hans J. Nicolini, Christine Graf, Dagmar Starke: Praxiswissen Netzwerkarbeit. Gemeinnützige Netzwerke erfolgreich gestalten. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2013. ISBN 978-3-531-17144-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14919.php, Datum des Zugriffs 21.07.2017.


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