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Achim Rogoss (Hrsg.): Wir sind empört!

Cover Achim Rogoss (Hrsg.): Wir sind empört! Gegen die Zerstörung des Sozialstaates und den Angriff auf unsere Grundrechte. Pahl-Rugenstein (Bonn) 2012. 215 Seiten. ISBN 978-3-89144-503-7. D: 19,90 EUR, A: 23,60 EUR.
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Thema

Wir leben in einer Zeit, in der die Grund- und Freiheitsrechte der deutschen Demokratie fast unbemerkt ausgehöhlt werden. Zu denken ist etwa an den schleichenden Abbau des Sozialstaates zugunsten der Umverteilung von unten nach oben. Genau dieses Thema, insbesondere am Beispiel von Hartz IV wird im vorliegenden Buch detailliert aufgegriffen, wissenschaftlich analysiert und skandalisiert. Daher erinnert das Werk des pensionierten Sozialarbeiters Achim Rogoss mit seinem Titel an das bedeutende, vom Umfang her schmale, aber vom Engagement überragende Buch des Franzosen Stéphane Hessel „Empört Euch! (Berlin: Ullstein 2010), der dort „zum friedlichen Widerstand gegen die Ungerechtigkeit in unserer Gesellschaft“ (Backcover) aufruft. Ein solcher Beitrag zum intellektuellen Widerstand ist das herausgegebene Werk von Rogoss ebenfalls.

Herausgeber und Autoren

Achim Rogoss, als Herausgeber des Buches und Vorsitzender der Georg-Elser-Initiative Bremen, hat mit diesem Buch einen Reader vorgelegt, der zahlreiche namhafte Autoren versammelt, die für ihr fundiertes und wissenschaftlich begründetes Eintreten für Demokratie und soziale Gerechtigkeit bekannt sind. So haben etwa Heiner Keupp, Karl Heinz Roth, Peter Grottian und Helga Spindler neben vielen anderen Beiträge geliefert, die deutlich machen, welche Gefahren in den aktuellen politischen Entwicklungen für die Demokratie lauern. Allein die Einführung von Hartz IV führt zur Präkarisierung eines großen Teils der Bevölkerung und damit zur Gefahr für die Stabilität bundesdeutscher Verhältnisse.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist in drei Teile gegliedert, denen Rogoss zahlreiche Aufsätze zugeordnet hat.

Im ersten Teil, der den Titel trägt „Vergleiche und Diagnosen: „1932Heute“ versammeln sich antifaschistische Positionen der Autoren Jörg Wollenberg, Stephan Alexander Glienke, Heiner Keupp, Jan Lohl, Karl Heinz Roth, Rüdiger Bahr, Elke Steven, Rolf Gössner, die unter dem Slogan „Wehret den Anfängen!“ ebenfalls plausibel werden. Hier steht das Buch ganz in der Tradition von Georg Elser, der 1939, nach dem Überfall von Hitlerdeutschland auf Polen, einen leider erfolglosen Anschlag gegen Hitler und seine Gefolgsleute verübte. Er wollte damit, in weiser Vorausahnung, den Weltkrieg verhindern.

Im zweiten Teil werden von den Autoren Peter Grottian, Lutz Hausstein, Heinz-J. Bontrup und Mohssen Massarrat, Helger Spindler, Michael Ramminger und Katja Strobel sowie Christian Gloede „Beiträge für eine gerechtere Gesellschaft“ entwickelt, die als Voraussetzung bewertet werden können, damit konkrete Utopien und Veränderungsideen entstehen können. Beispielhaft sei Grottians Text erwähnt, der den schönen Titel trägt: „Arbeitslosigkeit und Armut abschaffen! Eine realistisch-unrealistische Utopie“.

Im dritten Teil, der den metaphorischen Titel trägt „Die Angst vorm Klappern des Briefkastens“ versammelt der Herausgeber Texte von Fabian Rust, Hans-Dieter Binder und Heinrich Pachl. Rust beispielsweise macht deutlich, wie der Staat in Gestalt des Jobcenters als Agent der so genannten Hartz IV-Reform Opfer in Übeltäter umdeutet.

Diskussion

Der vom Herausgeber in seiner Einleitung abgesteckte Rahmen wird von den genannten Autorinnen und Autoren inhaltlich gefüllt und konkretisiert. In vielen Beiträgen wird die Praxis von Hartz IV hinterfragt und scharf kritisiert. Dadurch erschließt sich eine vielen Menschen unbekannte Welt, in der die Betroffenen durch staatliche Maßnahmen als Verursacher ihres eigenen Leids diskriminiert werden und wirksame Hilfe ausbleibt. Weiterhin verdient die substantiell durch mehrere Autoren erfolgte Kritik der Finanzmärkte, mit denen inzwischen sogar Regierungen erpresst werden, besondere Hervorhebung. Das Buch macht deutlich, wie der zunehmende Einfluss des ökonomischen Systems zu einer veränderten deutschen Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik und damit auch zu den Hartz IV-Regelungen geführt hat.

Um Demokratie und den Sozialstaat zu sichern, scheint es derzeit vor allem angebracht, etwas zu zeigen, was der Titel des Werkes zum Ausdruck bringt: Empörung! Das ist der erste Schritt, um die Augen aufzumachen und sich nicht abzugeben mit einer schleichenden Transformation zum Schlechteren – zumindest für all die, die nicht auf der Sonnenseite des Kapitalismus wohnen. Vom systemischen Denken wissen wir, dass sich große Veränderungen durch sehr kleine Schritte anbahnen können. Wenn wir alle nur einen halben Schritt in Richtung Empörung gehen und Ungerechtigkeiten beim Namen nennen, können sich am Ende tatsächlich nachhaltige Veränderungen zeigen. Das fängt im Kleinen, etwa vor unseren Haustüren an (zum Beispiel bezüglich der Empörung beim versuchten Abriss der East Side Gallery in Berlin) und geht weiter bis hin zu großen Bewegungen, die tatsächlich politische Systeme stürzen (zum Beispiel bezüglich des arabischen Frühlings).

Zielgruppe

Das Buch soll all denen empfohlen werden, die sich nicht mit dem Status quo einer neoliberal agierenden Gesellschaft abgeben wollen und die Argumente suchen, wie die gegenwärtige Lage in ihrer Brisanz beschrieben, aber vor allem auch kritisiert werden kann. Das Buch bietet die Möglichkeit, sich ein tieferes Verständnis der aktuellen Entwicklungen anzueignen und den Blick zu schärfen für die zunehmende Ungerechtigkeit in der Gesellschaft, die sich selbst als demokratisch und sozialstaatlich beschreibt.

Fazit

Das Buch kann für die Entwicklung einer Haltung sehr dienlich sein, die Fachkräften und Betroffenen Mut macht, sich mit Missständen nicht abzufinden. Dafür liefert es tiefgreifende Analysen sowie Alternativen, die das Bessere in Sichtweite bringen.


Rezensentin
Prof. Britta Haye


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Zitiervorschlag
Britta Haye. Rezension vom 22.04.2013 zu: Achim Rogoss (Hrsg.): Wir sind empört! Gegen die Zerstörung des Sozialstaates und den Angriff auf unsere Grundrechte. Pahl-Rugenstein (Bonn) 2012. ISBN 978-3-89144-503-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14921.php, Datum des Zugriffs 22.07.2017.


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