Marietta Hutter: Bildung ermöglichende Verhältnisse
Rezensiert von Prof. Dr. Manfred Gerspach, 31.07.2013
Marietta Hutter: Bildung ermöglichende Verhältnisse. Pädagogisch-psychoanalytische Fallstudien zu Bildungsprozessen bei schwierigen Jugendlichen.
Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung
(Bad Heilbrunn) 2013.
282 Seiten.
ISBN 978-3-7815-1911-4.
D: 36,00 EUR,
A: 37,10 EUR,
CH: 47,90 sFr.
Reihe: Klinkhardt forschung.
Thema
Ausgehend von zwei differenziert beschriebenen und aufbereiteten Fallstudien schwieriger Jugendlicher diskutiert der Band theoretische und methodische Aspekte der psychoanalytischen Pädagogik. Insbesondere der reflektierte Umgang mit jenen Affekten der Jugendlichen, die sehr stark durch bereits früh erlittene massive narzisstische Kränkungen mitbestimmt sind, und mit deren ungestillten Bedürfnissen und Wünschen, die in (noch) nicht symbolisierter Weise bestehen und ein Sich-Einlassen auf die kognitiven und sozialen Anforderungen erschweren, ist Gegenstand der vergleichenden Untersuchung. Vor allem geht es in einem schmerzlichen Prozess der Annäherung an die Realität um die Nutzbarmachung von Größenphantasien für gelingende Bildungsprozesse im Sinne von Könnenserfahrungen.
Aufbau und Inhalt
In den beiden ersten Abschnitten werden Bildungskonzepte und Bildungsverständnis im Rahmen der psychoanalytischen Pädagogik vorgetragen. Beginnend mit einem Blick in ihre Geschichte wird das dort zur Anwendung kommende Paradigma sogenannter Verhaltensstörungen erläutert. Hierzu ist Bezug genommen auf die bahnbrechenden Arbeiten von Aichhorn, Bettelheim und Redl sowie im Anschluss Trescher, wiewohl doch nicht ganz einleuchten will, warum die namhafte Frankfurter Schule mit ihrem Begründer Aloys Leber und seiner Rezeption des szenischen Verstehens für die praktische Pädagogik nicht weiter beachtet wird.
Im nächsten Kapitel geht es um die methodologische Ausrichtung der Untersuchung. Ausgehend vom Grundsatz einer erkenntnisleitenden hermeneutischen Perspektive wird vor allem die teilnehmende Beobachtung als Teil einer qualitativen Sozialforschung skizziert und insbesondere in Bezug auf ihre Nutzbarkeit für die nachfolgenden pädagogisch-psychoanalytischen Fallstudien kenntlich gemacht. Weder ist der Fall ein bedeutungslos Einzelnes noch geht er auf in einer allgemeinen Regularität – es gilt, sich der Dialektik von Allgemeinem und Besonderem zuzuwenden – dazu die kleine Randbemerkung, dass es bereits Adorno war, der diese Forderung prägnant formuliert hat. Zentral in diesen Passagen ist die Betonung einer gleichschwebenden Aufmerksamkeit als Forschungsgrundhaltung, um einem frühzeitigen Fokussieren auf bestimmte Problemlagen und -felder, und also, mit Devereux gesprochen, der Gefahr einer unbewussten Entgiftung des Materials vorzubeugen.
Den Hauptteil des Buches machen die beiden Fallstudien, ihre Analysen und ihr Vergleich aus. Mit Ernst und Theo werden uns zwei früh traumatisierte Jugendliche mit dramatisch scheiternden Bildungskarrieren vorgestellt, die endlich in einer sogenannten Kleinschule landen und dort noch eine – allerdings unterschiedlich genutzte – Chance erhalten, ihre scheiternden und von immerwährenden Kränkungen und Missachtungen begleiteten Schulerfahrungen im Rahmen eines emotional korrigierenden Beziehungsklimas bewältigen und neue Lernerfahrungen machen zu können. Beide Jugendliche haben auf Grund biographischer Belastungen und emotionaler Entbehrungen mit erheblichen affektiven inneren Turbulenzen zu kämpfen und sehen sich immer wieder mit ihren schweren Insuffizienzgefühlen und dem Erleben von Ausgeliefertsein konfrontiert – mit den entsprechend heftigen und zur Eskalation treibenden Reaktionen. Während sich Theo aber immer besser auf eine triadische, symbolvermittelte Struktur einzulassen vermag, und insbesondere bei der Bearbeitung von Konflikten produktiv wird, bleibt Ernst in einer dyadischen Beziehung zu seinem Lehrer befangen, mit allen damit gesetzten Hemmungen der Freisetzung symbolisch-kultureller Kräfte.
Den Abschluss bilden überaus bedenkenswerte und sehr plausibel vorgetragene Überlegungen zur Anbindung der generierten Forschungsergebnisse an den bildungstheoretischen Diskurs. Ausgangspunkt ist die Einbettung des selbstbestimmten Subjekts in einen responsiven Dialog. Subjektivität ist von Anfang an intersubjektiv. Mit einem starken Bezug auf Erkenntnisse der neueren Phänomenologie werden mit Waldenfels die „Andersheit meiner selbst“, mit Meyer-Drawe die „Wiederentdeckung des Fremden als primordiale Bedingung des Eigenen“ oder mit Westphal „Bildung als Antwortgeben“ als zentrale Momente von (Selbst-)Bildungsprozessen herausgestellt. Dieser Intersubjektivitätsgedanke wird mit Honneths Ansatz der Anerkennung als Konstitutionsprinzip von Identität noch weitergedacht. Hier nun tritt uns der fundamentale, Bildung und schulischen Erfolg verhindernde Faktor früher beschädigend angelegter Persönlichkeitsstrukturen deutlich vor Augen. Die infantilen Größenphantasien, alles bereits zu wissen und also nichts mehr lernen zu müssen, bleiben wirkmächtig, weil die Erkenntnis des eigenen Nicht-Wissens als zu kränkend und vernichtend erlebt würde und somit die Reaktivierung früher Ohnmachtserfahrung über heftiges Agieren massiv abgewehrt wird.
Diskussion
In letzter Zeit werden erfreulicherweise zunehmend Bücher über Schule und hier vor allem die Gefahr scheiternder Schulerfolge aufgelegt, die uns jenseits rein fachdidaktischer Konzepte einen Zugang zur Innenwelt schwieriger Schüler weisen. Das vorliegende Werk greift zu Beginn und am Ende elementar wichtige Überlegungen aus Psychoanalyse und psychoanalytischer Pädagogik auf und offenbart im Mittelteil deren praktische Relevanz für die Arbeit mit ausgesprochen verhaltensauffälligen Jugendlichen. Vor allem Winnicotts Beitrag zur Objektbeziehungspsychologie wird uns als überaus bereichernd nahegebracht. Sein Konzept des Haltens, seine Vorstellung eines potentiellen Raums, in dem das Kind Potenzen in einem interpersonalen Prozess zu gewinnen vermag, sein – so paradox es zunächst klingen mag – liebevolles Bild von Aggression und Destruktion, die die Mutter bzw. der Pädagoge „überleben“ und die sich so in den Dienst einer gelingenden Entwicklung stellen, sie bereichern unser Wissen um schwierige oder gar scheiternde Verläufe auf unnachahmliche Weise. Ergänzt um Bions Containing, das Kinder brauchen, um ihre noch unverdauten Affekte bewältigen zu lernen, Sterns generalisierte Interaktionsrepräsentanzen (RIGs), die die verinnerlichte Grundlage sind, sich später in neuen Beziehungen – mit oft ähnlich schlechtem Ausgang – zu orientieren oder Fonagys Mentalisieren, das wir benötigen, um die Gedanken anderer zu lesen und so für Bildung überhaupt empfänglich zu werden, erhalten wir ein abgerundetes Bild gelingender wie misslingender (schulischer) Sozialisation. Und wir erfahren in der Verknüpfung von Theorie und Praxisbeispielen, wie wir den Beziehungsfallen entgehen und den Raum für Neues öffnen können.
Fazit
Der Band gewährt einen sehr präzisen Einblick in die pädagogische Arbeit mit früh traumatisierten, verhaltensauffälligen Jugendlichen im Kontext Schule. Ausgehend von der methodischen Darlegung eines tiefenhermeneutischen Fallverstehens werden zwei Beispiele sorgfältig und detailliert vorgestellt und interpretativ so ausgewertet, dass mehrschichtige Perspektiven aufscheinen und die vertikale Tiefendimension der Lebensgeschichte wie die horizontale, aktuelle Beziehungsdimension des Lehrer-Schüler-Settings anschaulich zutage treten. Abgerundet wird der Text durch eine dichte wie sehr eingängig aufbereitete Zusammenfassung zentraler Theorieelemente des neuen psychoanalytischen Fachdiskurses und ihrer großen Relevanz für die pädagogische Praxis.
Rezension von
Prof. Dr. Manfred Gerspach
lehrte bis 2014 am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften und Soziale Arbeit der Hochschule Darmstadt. Schwerpunkte: Behinderten- und Heilpädagogik, Psychoanalytische Pädagogik sowie die Arbeit mit so genannten verhaltensauffälligen Kindern und Jugendlichen. Seit 2015 lehrt er als Seniorprofessor am Institut für Sonderpädagogik der Goethe-Universität Frankfurt.
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