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Sebastian Braun, Stefan Hansen u.a.: Bürgerschaftliches Engagement an Schulen

Rezensiert von Dr. Rolf Frankenberger, 02.10.2013

Cover Sebastian Braun, Stefan Hansen u.a.: Bürgerschaftliches Engagement an Schulen ISBN 978-3-658-01727-9

Sebastian Braun, Stefan Hansen, Ronald Langner: Bürgerschaftliches Engagement an Schulen. Eine empirische Untersuchung über Schulfördervereine. Springer VS (Wiesbaden) 2013. 167 Seiten. ISBN 978-3-658-01727-9. D: 34,99 EUR, A: 35,97 EUR, CH: 44,00 sFr.
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Thema

Die Kinder gehen in die Schule. Und ihre Eltern immer öfter in den Förderverein. Sei es, um eine Mensa zu betreiben, einzelne Schulprojekte zu fördern oder um die Hausaufgabenbetreuung zu organisieren. Kaum eine Schule kann heute auf das freiwillige Engagement von Eltern, Schülern und interessierten Bürgerinnen und Bürgern verzichten. Bürgerschaftliches Engagement im deutschen Bildungs- und Schulsystem ist auch der Gegenstand der von Sebastian Braun, Stefan Hansen und Ronald Langner vorgelegten empirischen Untersuchung über Schulfördervereine.

Autoren

Die drei Autoren arbeiten im Forschungszentrum für Bürgerschaftliches Engagement der Humboldt-Universität Berlin. Sebastian Braun ist Leiter des Forschungszentrums und Autor zahlreicher Studien zum Bürgerschaftlichen Engagement. Stefan Hansen und Ronald Langner sind dort als Mitarbeiter tätig. Mit ihrer Studie durchleuchten die Autoren die bislang hinsichtlich ihrer Strukturen und Funktionen kaum erforschten Schulfördervereine etwas genauer. Es geht ihnen darum, „Strukturen von Schulfördervereinen und zentrale Dimensionen der Vereinstätigkeit zu beschreiben und deutend zu verstehen“ (S.20).

Aufbau

Die vorliegende Studie ist in fünf inhaltliche Teile gegliedert.

  • In Teil A erläutern Braun, Hansen und Langner in Teil A die Konzeption und das Methodische Vorgehen der Studie.

Mit den Teilen B „Expansion und Ausdifferenzierung zivilgesellschaftlicher Infrastruktur in bildungsbezogenen Kontexten“ und C „Schulfördervereine als freiwillige Vereinigungen in bildungsbezogenen Kontexten“ tragen die Autoren vor allem zur Beschreibung des Phänomens Engagement in Schulfördervereinen bei.

  • Im Zentrum von Teil B steht dabei Sonderauswertung der Daten der Freiwilligensurveys der Jahre 1999, 2004 und 2009 zu bürgerschaftlichem Engagement in Schule und Kindergarten.
  • In Teil C analysieren die Autoren Strukturmerkmale von Schulfördervereinen anhand von quantitativ erhobenen Umfragen in Fördervereinen.
  • In Teil D steht das deutende Verstehen im Vordergrund. Anhand von qualitativen Interviews mit Funktionsträgern ausgewählter Fördervereine untersuchen die Autoren die praktische Vereinsarbeit und arbeiten eine Typisierung von Schulfördervereinen heraus, in der sie entlang der Mitgliederzusammensetzung und der Vereinsführung zwischen Lehrer-, Eltern-, Misch- und Schulleitungsgesteuerten Vereinen unterscheiden.
  • In Teil E fassen Braun, Hansen und Langner die Ergebnisse zusammen und formulieren einige kurze Empfehlungen im Sinne der „Realisierung von Bildungschancen für nachwachsende Generationen“ (S.25).

Inhalt

In der Einleitung verorten die Autoren ihre Untersuchung von Schulfördervereinen in der Diskussion um bürgerschaftliches Engagement und liefern eine sehr übersichtliche und zielführende Zusammenfassung ihrer Studie. Diese sollten sich alle Kaufinteressierten ansehen. Die komplette Datei steht beim Springer Verlag unter www.springerlink.com/content/978-3-658-01728-6 zum Download als PDF-Datei (DRM-free) zur Verfügung und ermöglicht so das Blättern.

In Teil A erläutern Braun, Hansen und Langner die verschiedenen methodischen Herangehensweisen der Studie, die sich aus drei Teilstudien zusammensetzt:

  • eine sekundärstatistische Auswertung der bundesweiten Freiwilligensurveys 1999, 2004 und 2009;
  • eine quantitative, standardisierte Onlinebefragung von Schulfördervereinen an verschiedenen Schulformen in den Bundesländern Berlin, Brandenburg, Baden-Württemberg sowie dem Schulbezirk Frankfurt /Oder und dem Kreis Paderborn mit insgesamt 401 beantworteten Fragebögen;
  • qualitative Interviews mit Funktionsträger von 22 ausgewählten Fördervereinen zur Erfassung subjektiver Sichtweisen von Funktionsträgern in den Vereinen. Die qualitative Interviews wurden entlang der aus der Grounded Theory stammenden Methode des theoretischen Kodierens zusammen mit den Internetauftritten der entsprechenden Fördervereine ausgewertet.

In dem den Kapiteln 3 und 4 bestehenden Teil B (S.43-66) werden zunächst zentrale Konzepte der Studie wie Wohlfahrtsstaat, Bürgerschaftliches Engagement und die Bedeutung von engagement in „bildungspluralistischen Arrangements“ (S.49) diskutiert und sodann die Daten der Freiwilligensurveys ausgewertet, um die strukturelle Entwicklung von Engagement in Schule und Kindergarten darzustellen. Dabei zeigen sich einige interessante Befunde:

  • Der Bereich Schule und Kindergarten ist ein wichtiger Engagementbereich, in dem ein Wachstum der Beteiligung von 5,9 auf 6,9% von 1999 bis 2009 festzustellen ist
  • Es zeigt sich ein Trend zum Engagement in zivilgesellschaftlichen Organisationsformen, also Vereinen und „selbstorganisierten Gruppen“ (S.55)
  • Die „Non-Formalisierung“ führt zu mehr Engagierten, aber auch zu weniger FunktionsträgerInnen.
  • Es sind überwiegend Frauen und höher Gebildete, die sich im Bereich Schule und Kindergarten engagieren, und das hauptsächlich aus Gestaltungswillen und persönlicher Betroffenheit heraus.

In Teil C werden die Ergebnisse der quantitativen Studie zu den Schulfördervereinen vorgestellt. In Kapitel 5 (S.67-76) werden die strukturellen Besonderheiten freiwilliger Vereinigungen (Freiwilligkeit der Mitgliedschaft, Mitgliederinteressen als Basis der Organisationsziele, Demokratische Entscheidungsstrukturen, Freiwilliges Engagement und Autonomie) sowie deren Handlungslogiken und Transformationsprozesse als theoretisches Gerüst für die Analyse kurz vorgestellt. Kapitel 6 beinhaltet die Auswertung der Befragung von 401 Schulfördervereinen entlang der vorher definierten Strukturmerkmale Schulische Anbindung, Finanzierung, Mitglieder, Aktivität und Engagement der Mitglieder und Aktivitäten der Vereine. Braun, Hansen und Langner kommen zu folgenden zentralen Befunden:

  • Die untersuchten Vereine sind überwiegend jung, mittelgroß und funktional nur gering differenziert, was dazu führe, dass „die Entscheidungen (…) überwiegend in den Händen weniger Mitglieder liegen“ (S.84);
  • Sie haben meist kleine Budgets, die sich überwiegend aus Mitgliedsbeiträgen, externen Spenden und Sponsorengeldern zusammensetzen. Öffentliche Fördermittel stehen selten zur Verfügung;
  • In den Vereinen sind Eltern und Lehrer die wichtigsten Gruppen. Schüler und Ehemalige spielen eine untergeordnete Rolle
  • In der Regel sind nur wenige Mitglieder, durchschnittlich etwa ein Viertel, tatsächlich aktiv und engagiert. Dabei sind es vor allem die Funktionsträger, von denen die Aktivität ausgeht. Solche Funktionen übernehmen Eltern fast ausschließlich während der Schulzeit der eigenen Kinder eine Funktion. Kontinuität und Rekrutierung sind daher Schlüsselherausforderungen, so die Autoren (S.97).
  • Insgesamt decken die Vereine ein breites Spektrum an Aktivitäten ab, wobei das Fundraising als die wohl zentralste Aufgabe wahrgenommen wird. Dabei kooperierien sie in der Regel eng mit der jeweiligen Schule und werden meist hinreichend unterstützt.

In Teil D werden in Kapitel 7 (S.111-132) die auf der Basis der Befunde der Online-Befragung durchgeführten „qualitativen Interviews mit Funktionsträgern in den ausgewählten 22 Schulfördervereinen in Berlin, Brandenburg und Paderborn“ analysiert und zentrale Ergebnisse diskutiert. So identifizieren die Autoren beispielsweise eine Reihe von vereinsstrukturellen Problemen, wie etwa

  • eine relativ hohe Mitgliederfluktuation,
  • die meist auf finanzielle Aspekte fokussierte und zeitlich häufig eng begrenzte Beteiligungsbereitschaft,
  • das geringe Interesse an der Übernahme von Ämtern,
  • sowie die Auswirkungen struktureller Veränderungen an den Schulen auf die Arbeit der jeweiligen Fördervereine.

Gleichzeitig werden in den Interviews vor allem drei Aspekte erfolgreicher Arbeit betont:

  1. die Förderung von Schülern durch die Möglichkeit von Kompetenzerwerb in „außerunterrichtlichen Aktivitäten“ (S.118), die Vergabe von Auszeichnungen einerseits und Fördermitteln an sozial benachteiligte Schüler andererseits;
  2. die Unterstützung der Schule selbst durch finanzielle Mittel und deren Verwaltung, die Anschaffung von Unterrichtsmaterialien und Ausstattungsgegenständen wie Sportgeräten sowie Trägerschaften von Mensabetrieben und Betreuungsangeboten;
  3. die Förderung der Entwicklung des weiteren Schulkontextes durch Schulveranstaltungen und Schulfeste, die Unterstützung von Klassenfahrten und das Herstellen von Öffentlichkeit rund um die Schule.

Als zentrales Organisationsprinzip von Schulfördervereinen scheint sich ein inkrementelles Vorgehen des „Sich-Durchwurstelns“ („muddling through“) herauszukristallisieren, das den Autoren zufolge den strukturellen Besonderheiten angepasst und durchaus vorteilhaft sei, gleichzeitig aber innovationsfeindlich sei (S.131f).

In Kapitel 8 (S.133-146) wird eine Typisierung der untersuchten Schulfördervereine vorgestellt. Braun, Hansen und Langner identifizieren vier Phänotypen, die sich „substanziell in ihrer Mitgliederzusammensetzung, der Vereinsführung und der daraus resultierenden Kooperation mit der jeweiligen Schulleitung“ (S.133) unterscheiden:

  1. In Lehrervereinen sind Lehrer stark engagiert, während Eltern und andere Gruppen eine geringe Rolle spielen. Sie sind vor allem an Förder- und Berufsschulen sowie Schulen mit mittlerem Bildungsabschluss zu finden. Meist auf Initiative von Lehrern gegründet dienen sie der Realisierung von Schulprojekten ohne großen bürokratischen Aufwand. Die Rekrutierung von weiteren Mitgliedern vor allem aus der Elternschaft stellt sich hier häufig als zentrales Problem.
  2. Fördervereine, in denen die Schulleitung sich auch im Vorstand engagiert, bezeichnen die Autoren als schulleitungsgesteuerte Vereine, welche häufig an Gymnasien und Schulen mit gymnasialer Oberstufe zu finden seien. Die jeweilige Schulleitung nutze den Verein, um ihre Entscheidungs- und Handlungsspielräume auszudehnen und die Ausrichtung des Vereins zu beeinflussen, so die Autoren. Schulleitungsgesteuerte Vereine könnten, so Braun, Hansen und Langner, dabei einerseits eher abschreckend für die Beteiligung anderer Personengruppen sein, andererseits aber mehr Kontinuität und Expertenwissen bieten.
  3. In Elternvereinen sind Eltern in Vorstand und bei Aktivitäten die treibende Kraft, auch wenn die Gründung meist unter Beteiligung von Schulvertretern stattfinde (S.140). Gerade an Grundschulen und Gymnasien findet sich dieser Typus besonders häufig. Aufgrund der geringen Beteiligung von Lehrern ist die Fluktuation in solchen Vereinen vergleichsweise hoch und auch die notwendige Kooperation mit der jeweiligen Schule läuft nicht immer reibungsfrei.
  4. Mischvereine zeichnen sich durch die rege Beteiligung verschiedener Personengruppen, vor allem aber Lehrer und Eltern, aus. Sie haben aufgrund ihrer Heterogenität zwar einen höheren (potentiellen) Grad an Ressourcenmobilisierung, aber auch einen höheren Koordinationsaufwand.

Teil E dient den Autoren zur Zusammenfassung der Befunde und der Formulierung von Perspektiven. Dabei heben sie besonders die Risiken, die mit dem „Bedeutungsgewinn zivilgesellschaftlicher Aktivitäten im Schulsystem“ (S.159) einhergingen, wie etwa die drohende Externalisierung öffentlicher Aufgaben in der Finanzierung des Bildungssystems. Sie empfehlen daher den Ausbau von Kooperationen und Koproduktionen von Fördervereinen und Schulen nicht so sehr zum Zwecke der Quersubventionierung. Es geht ihnen vielmehr darum, die sozialen Systeme Familie, Schule und Staat unter dem Stichwort „Schnittstellenmanagement“ (S.161) „auf organisationaler Ebene“ zusammenzuführen und so zur gelingenden „Gestaltung bildungspluralistischer Strukturen“ (S.160) beizutragen. Dies gehe nicht ohne eine differenzierte und konzeptionell geschärfte „bildungsbezogene Engagementpolitik“ (S.162).

Diskussion und Fazit

Die Autoren legen eine gründliche und höchst informative Studie zum Thema Schulfördervereine vor. Sie zeichnet sich durch eine klare Struktur, Nachvollziehbarkeit und zugängliche Sprache aus. Die zahlreichen Grafiken unterstützen dabei sehr gut die Darstellung der Befunde.

Neben der umfassenden Beschreibung der Struktur des bildungsbezogenen Engagements stellt insbesondere die Typisierung der Schulfördervereine nicht nur einen empirischen, sondern auch und gerade einen theoretischen und analytischen Mehrwert der Studie dar. Denn vom strukturellen Charakter des Engagements hängen oft auch die Möglichkeiten des Vereins und die Potentiale der Mobilisierung weiteren Engagements ab.

Empfehlenswert ist der vorliegende Band von Braun, Hansen und Langner nicht nur für Sozial- und BildungswissenschaftlerInnen sowie PädagogInnen, die sich in Forschung und Lehre mit bürgerschaftlichem Engagement beschäftigen und dabei einen Fokus auf Schule als zentraler Ort gesellschaftlichen Lernens legen. Aufgrund der sehr übersichtlichen und sprachlich zugänglichen Gestaltung ist er interessant für all diejenigen in solchen oder ähnlichen Vereinen engagierten Bürgerinnen und Bürger, die mehr über den strukturellen Rahmen ihrer Arbeit erfahren möchten und dabei auf der Suche nach Erfolgs- oder Restriktionsbedingungen sind. Schöner Nebeneffekt: Aufgrund der geschilderten strukturellen Zusammensetzung von Schulfördervereinen dürfte es eine vergleichsweise hohe Deckung zwischen diesen beiden Gruppen geben.

Rezension von
Dr. Rolf Frankenberger
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Es gibt 21 Rezensionen von Rolf Frankenberger.

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Zitiervorschlag
Rolf Frankenberger. Rezension vom 02.10.2013 zu: Sebastian Braun, Stefan Hansen, Ronald Langner: Bürgerschaftliches Engagement an Schulen. Eine empirische Untersuchung über Schulfördervereine. Springer VS (Wiesbaden) 2013. ISBN 978-3-658-01727-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14923.php, Datum des Zugriffs 04.07.2022.


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