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Jan Wehrheim: Die überwachte Stadt

Cover Jan Wehrheim: Die überwachte Stadt. Sicherheit, Segregation und Ausgrenzung. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2012. 3. Auflage. 254 Seiten. ISBN 978-3-86649-495-4. D: 28,00 EUR, A: 28,80 EUR, CH: 39,90 sFr.
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Entstehungshintergrund

Die dritte, 2012 erschienene Auflage des Buches entspricht der zweiten Auflage aus dem Jahr 2006. In dem Vorwort zur dritten Auflage werden die Entwicklungen in den letzten Jahren geschildert. Zur zweiten Auflage liegt eine Rezension von Klaus Riekenbrauk, einem Juristen, vor, in der er Aufbau und Inhalt des Buches knapp umreißt. Die aktuelle Buchbesprechung wurde von einer Umweltpsychologin vorgenommen.

Thema

Das Buch befasst sich mit der Frage der öffentlichen Sicherheit in großen Städten im Zusammenhang mit dem räumlichen Ausschluss unerwünschter Bevölkerungsgruppen. Die zentrale Fragestellung von Wehrheim ist, wie Sicherheit als Argument und Mittel eingesetzt wird, um Randgruppen aus dem öffentlichen städtischen Raum zu verdrängen.

Autor

Jan Wehrheim ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut Sozialforschung der Universität Hamburg und Privatdozent an der Universität Oldenburg.

Aufbau

Das Buch besteht außer den Vorworten zur zweiten und dritten Auflage aus einer ausführlichen Einleitung, in der auf den Wandel der Gesellschaft und soziale Ausgrenzungsprozesse eingegangen wird, der Schilderung der Mechanismen, auf die zurückgegriffen wird, um solche Ausgrenzungen zu bewerkstelligen, der Beschreibung verschiedener Umwelten, die Exklusion praktizieren und den Eindruck von Sicherheit hervorrufen, und einem zusammenfassenden Schlussteil.

Inhalte

Im Vorwort zur dritten Auflage heißt es, dass es nach den vergangenen sechs Jahren noch berechtigter ist, von der überwachten Stadt zu sprechen. Die informationstechnische Ausbeutung des öffentlichen Raums würde sich nicht mehr nur andeuten, sondern längst stattfinden. Die Verdrängung unerwünschter Gruppen, die Gentrifizierung von Stadtteilen und die soziale Selektivität polizeilichen Handelns werden mit dem Gewinn an öffentlicher Sicherheit in den städtischen Räumen, die als umkämpfte Ressource angesehen werden können, begründet und auf diese Weise legitimiert.

Im einleitenden Teil wird darauf hingewiesen, dass die Wahrscheinlichkeit, dass sich verschiedene Bevölkerungsgruppen begegnen, von baulichen Strukturen abhängt. Die Verknüpfung der Themen Ausgrenzung und öffentliche Sicherheit wird nach Wehrheim durch die neuen Möglichkeiten der Sicherheitstechnologie und den Verweis auf den vermeintlichen Verfall der Städte gefördert. Akteure dieser Entwicklung, die alle von der Sicherheit als einem der derzeit größten Wachstumsmärkte profitieren, seien Medien, Politik sowie Unternehmen und Interessengruppen. Ort dieses Szenarios sind die großen Städte, in denen viele sozial und kulturell fremde Menschen aufeinandertreffen. Der Trend zur Ästhetisierung der Stadt wird ausführlich geschildert. Die Stadt soll ein sicheres und sauberes Umfeld bieten, geeignet für die „Festivalisierung“; sie soll für Touristen attraktiv sein. Räumlicher Ausschluss im Sinne einer individuellen Benachteiligung wird definiert als Verwehrung des Zugangs sowohl in direkter als auch in latenter Form, z. B. durch ein auf Exklusivität hindeutendes Erscheinungsbild eines Ortes. Für Wehrheim ist eine zentrale Frage, inwieweit sich ein beschränkter Zugang zu Räumen auf soziale Ausgrenzungsprozesse auswirkt. Von einer Politik der Exklusion ist die Rede, schlagwortartig als Übergang vom wohltätigen zum strafenden Staat bezeichnet, ablesbar an einem expandierenden Strafsystem und repressiven Maßnahmen im städtischen Raum. Anhand einiger ausgewählter statistischer Daten aus den USA und Deutschland versucht Wehrheim, diese Aussage zu belegen.

Im zweiten Teil werden ausführlich und übersichtlich gegliedert die Mechanismen des Ausschließens beschrieben: polizeiliche Kontrolle und der Einsatz von Sicherheitsdiensten, die technische Überwachung sowie die architektonische Gestaltung von Räumen in jeweils unterschiedlichen Varianten.

Unter dem plakativen Titel des dritten Teils „Archipele der Sicherheit“ sind Shopping Malls, Orte des Transits, Business Improvement Districts (BIDs), Parks und öffentliche Plätze sowie Gated Communities aufgeführt. All diesen „Archipelen“ ist gemeinsam, dass in ihnen Randgruppen verdrängt werden, indem die ursprünglich öffentlichen in halb-öffentliche Räume umwandelt werden. Die Manhattan Mall in New York und das CentrO in Oberhausen werden als Beispiele aufgeführt. Orte des Transits wie Bahnhöfe und der ÖPNV werden als Umwelten dargestellt, in denen Verdrängung in großem Umfang betrieben wird. BIDs dienen der Verbesserung und Unterstützung der örtlichen Geschäftswelt. Näher beschrieben wird der Times Square BID in New York. Das Ziel ist, das Erscheinungsbild durch Vertreibung von Randgruppen zu verbessern. Inzwischen wird diese Strategie auch in Deutschland praktiziert. Obwohl öffentliche Parks und Plätze per se öffentliche Räume sind, sind sie Privatisierungstendenzen ausgesetzt, wie Wehrheim anhand einiger Beispiele belegt. Ein spezielle Strategie ist das Suggerieren von Privatheit durch die Art der Umweltgestaltung. Ausführlich widmet sich Wehrheim den boomenden Gated Communities, Wohngebäuden und Wohngebieten mit Zugangskontrollen, die aus den USA kommend inzwischen auch in Deutschland zu finden sind.

Im Fazit im vierten Teil wird die Kernaussage, dass Sicherheit „inszeniert“ wird, um gesellschaftlich unerwünschte Gruppen auszuschließen, nochmals untermauert. Die zu erwartenden Folgen für die Großstädte werden beschrieben, darunter die Spaltung in private Städte für Reiche und öffentliche Städte für die übrigen Bewohner. Eine Sicherheitszonierung, also eine Fragmentierung der Stadt, wäre das Ergebnis.

Am Schluss plädiert Wehrheim dafür, sich mit alternativen Konzepten auseinanderzusetzen, um sozialen Ausgrenzungsprozessen entgegen zu wirken.

Diskussion

Das Buch stellt den Sachverhalt der öffentlichen Sicherheit einseitig dar. Überhaupt nicht beleuchtet wird die andere Seite, nämlich Unsicherheitsgefühle in öffentlichen Räumen. Diese Lücke tut sich bei Wehrheim nicht auf, weil er diese Seite nicht thematisiert, indem er Sicherheit in erster Linie als Inszenierung versteht und als Strategie, um unerwünschte Personen fern zu halten. Damit bleiben psychologische Aspekte wie das existentielle Bedürfnis nach Sicherheit und die Relevanz von Sicherheitsgefühlen für eine uneingeschränkte Raumnutzung und Mobilität außer Acht. Sicherheit wird jedoch nicht nur inszeniert, sondern auch erlebt. So ist für Bewohner und Passanten die erlebte Sicherheit bzw. das Sicherheitsgefühl ausschlaggebend.

Einseitig ist die Perspektive des Autors nicht nur im Hinblick auf die vielen Menschen in der Stadt, die sich mehr oder weniger sicher fühlen, sondern auch in Bezug auf die Akteure. So befürchten Verkehrsunternehmen Imageverluste des ÖPNV und Einbußen an Einnahmen, wenn Menschen angesichts von „sozialen Incivilities“ auf die Nutzung des ÖPNV verzichten. Bei einer Gesamtbetrachtung, die alle Gruppen einbezieht, lässt sich die „Ästhetisierung“ der Orte des Transits nicht einfach als Ausgrenzungsstrategie abtun. Die Lage ist komplexer.

Unbestritten ist, dass das Buch eine Fülle an aktuellem Wissen über sozialräumliche Prozesse vermittelt. Ein Beispiel ist der Abschnitt über Skywalks und deren trennender Wirkung. Andererseits fehlen genauere Analysen empirischer Daten wie z.B. zu der Tabelle auf Seite 67, in der die Zahl der Platzverweise durch die Polizei in einem Stadtteil in Hamburg von 1992 bis 1999 aufgelistet ist. Die rückläufige Entwicklung ab 1997 wird nicht kommentiert. Es fehlen auch Belege für Aussagen wie diejenige, dass die öffentliche Sicherheit einer der größten Wachstumsmärkte ist.

Wehrheim sieht sich selbst in zwei Rollen: der des wissenschaftlichen und der des politischen Autors. Das Problem ist, dass er diese Rollen nicht trennt. Die Formulierung auf Seite 15: „…ebenso sollen etwa Studierende mit Prämien in den schlecht beleumundeten Stadtteil Wilhelmsburg gelockt werden, um Gentrifizierung zu initiieren.“ Hier ist Wehrheim nicht mehr wissenschaftlicher Autor, sondern Anwalt der Randgruppen.

Wehrheim überlässt es dem Leser bzw. den anderen, über alternative Konzepte nachzudenken. Ein Hinweis am Ende des Buches auf das von Bund und Ländern geförderte, in zahlreichen Gebieten umgesetzte Programm „die soziale Stadt“ wäre naheliegend gewesen, denn hier werden Überlegungen angestellt, was alternative Konzepte sein könnten. Hier wird zugleich auch deutlich, dass das Ziel, Ausgrenzungen zu vermeiden, nur ein erster Schritt sein kann. Weiterreichende Ziele sind, die Wohn- und Lebensbedingungen der Ausgegrenzten zu verbessern sowie ihnen Bildung und Fertigkeiten zu vermitteln und sie dadurch zu befähigen, die Ausgrenzung zu überwinden.

Fazit

Die ausführliche und übersichtlich gegliederte Darstellung sozialräumlicher Prozesse in großen Städten ist sehr positiv zu bewerten, so dass das Buch trotz der genannten Kritikpunkte als Informationsquelle für all diejenigen zu empfehlen ist, die mit Fragen der öffentlichen Sicherheit befasst sind.


Rezensentin
Dr. Antje Flade
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Zitiervorschlag
Antje Flade. Rezension vom 21.08.2013 zu: Jan Wehrheim: Die überwachte Stadt. Sicherheit, Segregation und Ausgrenzung. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2012. 3. Auflage. ISBN 978-3-86649-495-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14930.php, Datum des Zugriffs 09.12.2019.


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