Andreas Witzel, Herwig Reiter: The Problem-centred Interview
Rezensiert von Prof. Dr. phil Marianne Schmidt-Grunert, 19.04.2013
Andreas Witzel, Herwig Reiter: The Problem-centred Interview. SAGE Publications, Ltd (London) 2012. 206 Seiten. ISBN 978-1-84920-099-8.
120.00 Dollar (Listenpreis) Preis: 75.00 Pound (Listenpreis).
Thema
Bei dieser englischsprachigen Publikation handelt es sich um eine systematische wie auch anwendungsorientierte Darstellung des „Problemzentrierten Interviews“ (im weiteren PZI). Dieses qualitative Erhebung- und Auswertungsverfahren wird in seinen aufeinander aufbauenden Schritten in acht Kapiteln dargestellt. Die Autoren Witzel und Reiter veranschaulichen ihre Darstellungen anhand eigener Forschungsvorhaben in verschiedenen Feldern im deutschen und internationalen Kontext.
Autoren
Dr. Andreas Witzel ist seit 1976 als Wissenschaftler an der Universität Bremen tätig gewesen, jetzt befindet er sich im Ruhestand. Er ist einer der Wegbereiter qualitativer Sozialforschung und entwickelte im Bezug auf die Grounded Theory das PZI. Diverse Veröffentlichungen dazu liegen bis heute vor.
Dr. Herwig Reiter ist Wissenschaftler am Deutschen Jugendinstitut in München. Soziologie und qualitative Methoden lehrte er an der Universität Bremen und arbeitete mit Andreas Witzel zusammen. Zahlreiche Veröffentlichungen zu qualitativen Studien in internationalen Feldern liegen von ihm vor.
Entstehungshintergrund
Vor gut 30 Jahren entwickelte Andreas Witzel das Verfahren des „Problemzentrierten Interviews“ in Anlehnung an die Methodologie der von Anselm Strauss und Berny Glaser
entwickelten „Grounded Theory“ (Witzel 1982/1985/1996). Seitdem gibt es zahlreiche Veröffentlichungen zu Methoden qualitativer Forschung. Das PZI hat sich in Theorie und Praxisforschung als ein Verfahren etabliert, das im universitären wie auch im Bereich angewandter Wissenschaften (siehe: Schmidt-Grunert 1999/2004: Sozialarbeitsforschung konkret) in vielen Forschungsprojekten Anwendung findet. Die Autoren zitieren, dass das PZI im deutschen Sprach- und Forschungsraum das wahrscheinlich am häufigsten verwendete Verfahren qualitativer Sozialforschung ist (8). Vorliegende Veröffentlichung ist die erste systematische zum PZI in englischer Sprache und schließt somit eine bisherige Lücke.
Aufbau und Inhalt
Das Buch ist als Textbuch für eine internationale Community der Sozialwissenschaften konzipiert. In acht Kapiteln stellt es das Vorgehen des PZI in einzelnen gut strukturierten Schritten und im anschaulichen Bezug auf drei Beispiele durchgeführter Forschungsprojekte mit Schaubildern, sog. Boxen und Pitfalls vor.
Das einleitende erste Kapitel diskutiert die Bedeutung qualitativer Interviews und qualitativer sozialwissenschaftlicher Forschungsmethodik, wie auch Hintergrund und Anwendung des PZI. Zur Präzisierung des eigenen Forschungsselbstverständnisses verweisen die Autoren auf Kvale and Brinkmann (2009), die griffige Methaphern für zwei unterschiedliche Zugänge zu qualitativen Interviews einführen. Zum einen kann der Interviewer mit einem Minenarbeiter verglichen werden. Dieser (1.) „miner-interviewer“ stellt sich gezielt seiner Aufgabe, er definiert diese im Vorfeld detailliert und erkundet sein Forschungsfeld theoriegeleitet mit vorstrukturierten Fragestellungen. Zum anderen kann er mit einem Reisenden verglichen werden. Dieser (2.) „traveller-interviewer“ (1f.) geht auf Reisen in fremde Länder und entdeckt diese möglichst ohne Vorkenntnisse, er stellt sich den „fremden Welten“ offen und theoretisch unvoreingenommen.
Diesen beiden Interviewertypen ergänzen die Autoren um eine dritte Variante, die das Selbstverständnis des Interviewers beim PZI kennzeichnet. Der Interviewer versteht sich als (3.) „well-informed-traveller“, der sich im Vorfeld seines Forschungsvorhabens theoretisch informiert und sein Vorwissen dem impliziten Prinzip der Offenheit folgend für alle Beteiligten, also auch für die zu Interviewenden offen legt. Letztere informiert er über die Intention seiner Problem- und Fragestellungen, um sie dazu zu motivieren, ihre subjektiven „Erfahrungswelten“ im Forschungskontext zu äußern. „Mit dieser Erhebungsmethode lässt sich grundsätzlich der konstitutive Sinn, der sozialem Handeln zugrunde liegt, in einer Form der sprachlichen Explikation ermitteln, und zugleich kann die erforderliche Reflexion durch die Forschenden hinlänglich gesichert werden.“ (Schmidt-Grunert, 2004: 35)
Kapitel zwei wendet sich dem Programm des PZI zu und führt die Rolle des „well-informed-traveller“ aus. Die Metapher steht für einen „gut unterrichteten Reisenden“, der über ein breites Hintergrundwissen verfügt – dies im Unterschied zu einer früher präferierten „tabula-rasa-Haltung“ der Forschenden. Im Weiteren werden anschaulich die methodologischen Bezüge des symbolischen Interaktionismus (Box 2.2) und der Ethnomethodologie (Box 2.3) diskutiert. Dem folgt die Erläuterung der Prinzipien des PZI wie der Problemzentrierung, der Gegenstandsorientierung und der Prozessorientierung (24 ff). Abgrenzungen zu anderen Interviewtechniken (30 ff) schließen dieses Kapitel.
Um gängigen Missverständnissen vorzubeugen, weisen die Autoren darauf hin, dass „problem-zentriert“ nicht die Eingrenzung auf gesellschaftliche oder subjektive „Probleme“ kennzeichnet, sondern eine Zentrierung auf die Problemstellung des jeweiligen Forschungsvorhabens, die somit eine eingegrenzte Zielgerichtetheit impliziert.
In der Abgrenzung zum narrativen Interview – bei dem der Interviewte aufgefordert durch einen Erzählimpuls des Interviewers kontinuierlich ohne jede Nachfrage erzählt – wird der Vorteil des PZI für thematisch und zeitlich begrenzte Forschungsvorhaben, wie sie vor allem an „Hochschulen für angewandte Wissenschaften“ vorherrschend sind, deutlich. Beim PZI hört der Interviewer aktiv zu und kann sich somit nachfragend bei Unklarheiten unmittelbar in den Interviewprozess einbringen. Die Sinnhaftigkeit und Umsetzbarkeit dieses Vorgehens ist bei Interviewten, die es nicht gewohnt sind, überhaupt in ihrer subjektiven Sicht nachgefragt zu werden, offenkundig.
Kapitel drei zeigt gut strukturiert die methodischen Schritte hin zur Durchführung des PZI auf. Forschungsinteresse, Fragestellung und Forschungsdesign werden vorgestellt und in ihren Relevanzen erörtert.
Deutlich wird, was den Forschenden als einen „well-informed-traveller“ also als „Wissenden“ kennzeichnet: dieser verfügt über ein reflektiertes Alltagswissen (Vorwissen), Kenntnisse im Zusammenhang des Forschungsproblems „kontextual knowledge“ und über „research konowledge“, also über umfassende Kenntnisse des aktuellen Forschungsstandes und von Studien, die das zentrale Prinzip der Offenheit, wie sie mit dem PZI gefordert ist, berücksichtigen. Am Beispiel einer Forschungsstudie zu Arbeitslosigkeit in Litauen wird dies sehr gut nachvollziehbar. Es folgen Überlegungen zum notwendigen Selbstverständnis und zur Qualifikation eines PZI-Interviewers.
Kapitel vier „Doing PCIs“ erläutert die zu berücksichtigenden Schritte bei der konkreten Durchführung der Interviews (64 ff) und diskutiert Überlegungen zur Erhebungssituation z.B. zum Kurzfragebogen und zu „Anwärmfragen“, zum „Wie“ der Formulierung von Fragen, zum Problem der Nachfragestrategie und anderem. Durch eingefügte Beispiele aus der Interviewerpraxis wird anschaulich, worauf es primär zu achten gilt und gibt darüber sehr gute Hilfestellungen für studentische „Forschungsanfängerinnen“.
Kapitel fünf wendet sich den Arbeitsschritten nach dem durchgeführten Interview zu. Das „Postskriptum“ ist bedeutsam, da die Beobachtungen der Interviewerin darin festgehalten werden, diese können bei der Interpretation der erfassten verbalen Taten hilfreiche Informationen geben. Dem folgen Hinweise zur Transkription der in der Regel auf Tonträger erfassten Daten. Möglichkeiten zur qualitativen Analyse und Interpretation des erhobenen Interviewmaterials werden anschließend vorgestellt und diskutiert (99).
Die Weiterführung der bislang von Witzel eher allgemein formulierten Auswertungsvorschlägen zeigt sich hier von einer überzeugenden kleinschrittigen Anleitung zur Auswertung, da sie an Beispielen einzelne Schritte inhaltlich vorstellt und gut nachvollziehbar veranschaulicht, wie man von Einzelfallinterpretationen zur Typenbildung (112 ff) gelangen kann. Die bisherige Lücke im Bezug auf anwendungsbezogene Anleitungen zur qualitativen Auswertung von PZIs ist hiermit geschlossen. Da sich eine jede qualitative Auswertung nur am konkreten Gehalt der verbalen Daten ausrichten kann, scheint es sinnvoll, diese exemplarisch darzustellen und hierüber mögliche Transfers zur eigenen Forschung zu ermöglichen. Inhaltsunabhängige also rein methodische Auswertungsvorschläge können bei qualitativen Forschungsprojekten gegenstandsbezogen nur grobe Raster vorgeben. Insofern behält Witzels Hinweis „Es gibt keinen Auswertungsmechanismus, der, einmal festgelegt, sozusagen aus sich selbst heraus theoretische Konzepte generiert“ (Witzel 1996:72) auch weiterhin seine Gültigkeit.
Kapitel sechs stellt im Selbstverständnis eines Textbuches anhand von zwei selbst durchgeführten Forschungen exemplarisch die Durchführungspraxis vor. Auf dem Hintergrund eigener Erfahrungen mit Forschungsstudien weisen die Autoren auf „pitfalls“, also „Fallen“ hin, in die Forschende tappen können und diskutieren diese. Die Hinweise auf implizite Fehlerquellen, die in allen Studien vorkommen können, sind für noch nicht versierte Forschungsanfängerinnen ermunternd und weiterführend, da sie Mut zum Forschen mit „Fehlern“ machen. Wer kennt die Fallstricke nicht, die die Autoren bei ihren eigenen Interviewdurchführungen aufspüren! Diese „pitfalls“ sind gerade für angehende an Forschung interessierte Studierende anschaulich dargestellt. Damit können diese ausführlich diskutierten Beispiele eine Anleitung zur möglichen Fehlervermeidung sein.
Kapitel sieben systematisiert und diskutiert abschließend zusammenfassend mögliche Fehlerquellen und „Fallen“.
Kapitel acht enthält als Anhang die Interviewleitfäden von zwei der Studien, die Grundlage der ausführlichen Erläuterungen an Beispielen darstellen.
Ergänzt werden die Darstellungen durch einen sinnvollen Stichwortindex, einen separaten Autorenindex und durch Literaturhinweise, die den neuesten Stand repräsentieren.
Fazit
Das vorliegende Buch ist eine qualitativ ausgezeichnete Weiterführung und systematisierte gut strukturierte Darstellung und Diskussion des „Problem-zentrierten Interviews“. Es ist den Autoren gelungen, die methodologische Verortung, Erhebung, Durchführung und Auswertung des PZI in kleinen Schritten, anschaulich belegt durch zahlreiche Beispiele und die Diskussion impliziter „Fallstricke“ so darzustellen, dass ein nützliches Textbuch allen interessierten Forschenden den Zugriff auf das PZI im vielfältigen „Dschungel“ methodologischer Fachliteratur erleichtert.
Gerade für Studierende des Sozialwesens liegt hier ein Wegweiser durch das oft mühsam durchschaubare Labyrinth methodischer Anleitungen vor, der durch die Klarheit der Darstellung, die Systematik der Ausführungen und durch die aufgenommenen Beispiele diese Forschungsmethode sehr gut nachvollziehbar vorstellt.
Es gab auch schon bisher zahlreiche studentische Forschungsarbeiten und Projektstudien (Diplomarbeiten, Bachelor-, Masterarbeiten), die die Erhebungsmethode des PZI erfolgreich angewendet haben. Diese Publikation ist, wenn der deutschsprachige Leser die Hürde des Englischen zu überwinden vermag, auch für Praxis- und Handlungsforschung im Kontext einer sich konturierenden Wissenschaft Sozialer Arbeit von hoher Relevanz, da hier Prinzipien und Praktiken des PZI systematisch mit zahlreichen Hinweisen zur reflektierten Durchführung vorgestellt werden. Wer methodische Orientierung sucht, kann selbstverständlich auch zu Artikeln greifen wie www.qualitative-research.net, wer sich allerdings intensiv mit dem PZI befassen möchte, findet im vorliegenden Buch ein Standardwerk vor.
Literatur
- Kvale, S. and Brinkmann, S.(2009): Interviews: Learning the Craft of Qualitative Research Interviewing. Thousand Oaks:Sage
- Schmidt-Grunert, M., Hrsg. (2004): Sozialarbeitsforschung konkret. Problemzentrierte Interviews als qualitative Erhebungsmethode. Lambertus, Freiburg i.Br.
- Witzel, A. (2000): The problem-centered interview [26 paragraphs]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 1(1), Art. 22. http://nbnresolving.
- de/urn:nbn:de:0114-fqs0001228 (7.1.2012)
- Witzel, A. (1996): Auswertung problemzentrierter Interviews. In: Strobl, R., Böttger, A. (Hrsg.): Wahre Geschichten? Zur Theorie und Praxis qualitativer Interviews. S. 49-76
- Witzel, A. (1985): Das problemzentrierte Interview. In: Jüttemann, G. (Hrsg.): Qualitative Forschung in der Psychologie. Grundfragen, Verfahrensweisen, Anwendungsfelder. Weinheim, S. 227-255
- Witzel, A. (1982): Verfahren der qualitativen Sozialforschung. Überblick und Alternativen. Frankfurt/Main
Rezension von
Prof. Dr. phil Marianne Schmidt-Grunert
Professorin für Theorie und Methoden der Sozialen Arbeit an der Hochschule für angewandte Wissenschaft Hamburg, Fakultät Wirtschaft und Soziales, Department Soziale Arbeit; mit den Schwerpunkten Soziale Arbeit mit Gruppen, dem Studienschwerpunkt Kultur-Bildung-Medien, Sozialarbeitswissenschaft; empirische qualitative Methoden der Sozialforschung (Schwerpunkte: Grounded Theory und qualitative Evaluation von Gruppen)
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