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Björn Migge: Schema-Coaching

Cover Björn Migge: Schema-Coaching. Einführung und Praxis: Grundlagen, Methoden, Fallbeispiele. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2013. 320 Seiten. ISBN 978-3-407-36528-6. D: 39,95 EUR, A: 41,10 EUR, CH: 50,50 sFr.
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Thema und Hintergrund

„Reinsortige“ Coachingkonzepte sind selten geworden, wenn es auch durchaus noch Coaches gibt, die entschieden psychoanalytisch oder nach dem Konzept der Kognitiven Verhaltenstherapie arbeiten – und damit unbestreitbar gute Erfolge haben. Die meisten aber werden mit eklektischen oder, im besseren Fall, integrativen Konzepten arbeiten. Nun gehört das Etikett „integrativ“ allerdings zu derselben Selbsthilfegruppe missbrauchter Wörter wie „Coaching“ oder „systemisch“. Inzwischen schlagen die Wörter zurück: Sie verweigern ihren Sinn – und zwingen so diejenigen, die sie sinn-voll verwenden möchten, sich intensiver und liebevoller mit ihnen zu beschäftigen. Wer sein Konzept als „integrativ“ beschreibt, muss deutlich machen, was das integrierende Moment in seinem Konzept ist, was also das Integrative vom Eklektischen („Der Coach klaut, wo er kann“) unterscheidet.

Björn Migge hat sein Konzept bisher als „systemisch-integrativ“ beschrieben und ist die Erklärung nicht schuldig geblieben, warum er im systemischen Ansatz ein umfassendes und integrierendes Moment sieht. Diesen Weg gehen allerdings viele Coaches und viele AnbieterInnen von Weiterbildungen, so dass das Prädikat „systemisch-integrativ“ kein Alleinstellungsmerkmal liefert: Das Besondere des eigenen Ansatzes bleibt erklärungsbedürftig. Im Bereich der Psychologie ist die Schematherapie mittlerweile ein Konzept, das für diejenigen attraktiv ist, die enge Schulgrenzen gern überschreiten und mit einem – ja, eben: integrativen Konzept arbeiten. Noch gibt es nicht viele Weiterbildungsinstitute, die den Impuls aufgenommen haben und nun „Schema-Coaching“ als Konzept anbieten. Migge gehört in diesem Feld zu die Pionieren: Er geht voran und schlägt Brücken. Das ist offenbar auch dem Verlag wichtig, denn er schreibt auf den Umschlag: „Das erste Buch, das systematisch in das Schema-Coaching einführt“.

Autor

Björn Migge muss denen, die mit der Coachingliteratur einigermaßen vertraut sind, nicht eigens vorgestellt werden: Er ist bekannt als Autor des „Handbuches Coaching und Beratung“ sowie des „Handbuches Business-Coaching“. Er hat Medizin und soziale Verhaltenswissenschaft studiert und als Arzt und Universitätsdozent gearbeitet, bevor er sein eigenes Trainingsinstitut für Coaching, Psychodrama und Hypnotherapie sowie andere Methoden therapeutischer Arbeit gegründet hat. Nähere Informationen dazu unter www.drmigge.de.

Aufbau und Inhalt

Wie alle Bücher von Migge ist auch dieses didaktisch gut durchstrukturiert: Jedes Kapitel beginnt mit einer kurzen Vorausschau, was den Leser/die Leserin in dem Kapitel erwartet. Die Kapitel, aber auch einzelne Abschnitte enden häufig mit vertiefenden Literaturhinweisen und ebenfalls vertiefenden Übungen. Am Rand finden sich an vielen Stellen Icons, die auf Literaturtipps, Übungen, Infos, Beispiele oder Merksätze verweisen. In vier große Teile ist das Buch gegliedert.

  1. Ein erster Teil ist überschrieben: „Von der ‚Psychotherapy Integration? zum Schema-Coaching“,
  2. ein zweiter: „Blickwinkel, Haltung und Elemente des Schema-Coachings“,
  3. ein dritter: „Ablauf des Schema-Coachings und Weiterführendes“ und
  4. ein vierter schließlich enthält „Verzeichnisse“.

Ein Blick in die Feingliederung zeigt, wie der Inhalt entfaltet wird: Ein einführender Abschnitt zeigt, warum sich gerade die Schematherapie als ein integratives Modell für Coaching eignet, welcher besonderen Form der Schematherapie, nämlich die „schemafokussierte integrative Psychotherapie“, dabei der Vorzug zu geben wird und wo die Grenzlinien von Schema-Therapie und Schema-Coaching verlaufen. Letzteres wird in einem eigenen Abschnitt noch ausführlicher entfaltet unter den Überschriften

  • „Was ist Coaching?“,
  • „Was ist Psychotherapie?“,
  • „Was wirkt in Psychotherapie und Coaching?“ und
  • „Strukturebenen“ (die in etwa Petzolds „tree of science“ entsprechen).

Im Folgenden nimmt Migge die Frage auf, was eklektisches Arbeiten von einem integrativen Konzept unterscheidet, nämlich die „verbindende Idee“. Die Linie der inneren Redlichkeit und äußeren Auseinandersetzung verläuft genau da, wo begründet werden muss, warum die „verbindende Idee“ sinnvoll, wirksam und stimmig ist. Migge schreibt selbst: „Es ist putzig anzusehen, wie gestandene ältere Psychotherapeuten und angesehene Hochschullehrer (meist Herren) nun bekannte Psychotherapieverfahren in einzelnen Elementen mischen und ihnen einen neuen Namen geben.“ (S. 63) Dieses Phänomen ist auch in Deutschland schon zu beobachten gewesen…

Um nicht in der Polemik zu verweilen, bemüht sich Migge um tragfähige Begründungen, indem er integrative Ansätze ausführlich vorstellt und reflektiert. Seine eigene integrative Sichtweise beschreibt er mit dem Akronym „2-SIMBA“, es steht für:

  • 2 = Erinnerung an die Grundsituation der Begegnung und des Dialogs u.a.,
  • S = „Sensation“, also Wahrnehmung, für „Systems“, also die Erkundung innerer und äußerer Systeme durch Psychodrama, Gestaltarbeit und Imagination,
  • I = „Imagination“ und „Interaction“,
  • M = „Meaning“ und „Mind“,
  • B = „Body“ (Körperprozesse, Körperwahrnehmung und Bewegung), „Behaviour“,
  • A = „Affect“ sowie „Aim & Action“.

Dieser kleine Überblick macht deutlich, wie weit und gleichzeitig definiert der Bogen ist, den Migge schlägt. Ein Ausblick in die Geschichte der Schematherapie von Jeffrey Young und Aaron Beck zeigt die Wurzeln des Ansatzes auf.

Der zweite Teil des Buches („Blickwinkel, Haltung und Elemente des Schema-Coachings“) entfaltet das Konzept systematisch an den mit dem Akronym angedeuteten Perspektiven entlang, zunächst das Thema „Beziehungsgestaltung“ (darin auch das „Limited Parenting“, die „Limitierte Nachbeelterung“, die Migge aus dem therapeutischen Kontext übersetzt), dann das Thema „Anliegen und Ziele“ (als eine wichtige Basis dient Roger„s Vorstellung der „Selbstaktualisierung“), dann „Kindliche Grundbedürfnisse“. Im Folgenden wird dann das Schemamodell ausführlich dargestellt, im Anschluss das dazugehörige Modusmodell. Danach geht es um Emotionen und emotionsfokussiertes Coaching, um Imagination und die Arbeitsweisen der Hypnotherapie, dann um „Aktion, Aufstellung und Stühle“, das die Arbeit mit verschiedenen Gruppensimulationsverfahren thematisiert, um „Achtsamkeit“, „Denken“ (Glaubenssätze und -systeme, Rational-Emotive Therapie nach Ellis u.a.). Dieser zweite Teil ist mit beinahe 240 Seiten der weitaus umfangreichste.

Der dritte Teil hingegen ist mit ca. 10 Seiten recht kurz und zeigt die 15 Schritte des Schema-Coachings, die im Einzelnen auf den vorangegangenen Teil des Buches zurückgreifen. Der dritte Teil enthält auch Hinweise darauf, wo man Weiterbildungen in Schema-Coaching absolvieren kann.

Der vierte Teil mit einer „Minimalbibliothek“ und einem Register beschließt den Band.

Diskussion

Einmal mehr legt Migge ein profundes und gut strukturiertes Lehrbuch vor. Didaktik lebt auch von (sinnvoller) Redundanz, damit das Gesagte auch noch einmal in einem anderen Kontext auftaucht und sich so besser einprägen kann. Die kleinen Zwischenaufgaben finde ich wertvoll, mehr als einmal habe ich mich mit den Fragen befasst – und das mit Gewinn! Wobei meine Bezeichnung „Lehrbuch“ nicht nahelegen soll, dass es sich um ein „Anfängerbuch“ handelt: Mehr als einmal weist Migge darauf hin, dass es sich an LeserInnen richtet, die im Coaching bereits fortgeschritten und möglicherweise auf der Suche nach einer sinnvollen Konzepterweiterung sind.

Einmal mehr schätze ich die Haltung, die ich in Migges Buch wahrnehme – und ich davon überzeugt, dass im Coaching wie in der Therapie 80% der Wirksamkeit durch Haltung und Beziehung realisiert werden. Migge grenzt sich deutlich ab von einem Coachingverständnis, das in erster Linie auf Performance- und Effizienzsteigerung zielt und ist wohltuend ehrlich in der Beschreibung seiner eigenen Coachingpraxis: „Wie gehe ich praktisch vor? – Ehrlich gesagt: Ich habe kein festes Konzept. Ich mache mal dieses und mal jenes. Das hängt sehr davon ab, wie ein Klient ist, wie unsere Begegnung sich entwickelt, welches Anliegen er mitbringt. Ich weiß, dass es viele frustriert, wenn die Antwort lautet: ‚Es kommt darauf an.? Darum stelle ich Ihnen in diesem Buch eine Art Manual und roten Faden vor. Doch ich selbst halte mich eher nicht daran.“ (S. 27) Leitfäden sind gut, eigene Weg zu finden aber auch. Zur wohltuenden Haltung gehört für mich auch, dass Migge die Coaches in die Pflicht nimmt, nicht dem glücklichen Zufall trauend eklektisch vorzugehen, sondern auch theoretisch begründete Rechenschaft über ihr Konzept ablegen zu können, damit das Vorgehen nicht „kopflos“ (S. 53) wird.

Schema hin, Schema her – das Grundkonzept von Migge ist eindeutig von systemischen Perspektiven geprägt. Das kann man an vielen Stellen zeigen, ein Beispiel: Die Benennung von „Grundbedürfnissen“ tendiert dazu, sie absolut zu setzen. Migge weist deutlich darauf hin, dass auch „Grundbedürfnisse“ kontextabhängig sind: „Was Menschen brauchen, um ein erfülltes Leben zu führen, ist nicht in der Natur festgeschrieben, kann auch nicht zweifelsfrei aus heiligen Büchern abgeleitet werden, sondern wird in einer Gesellschaft erstritten und definiert.“ (S. 117)

Was das Konzept des Schemas selbst betrifft, kann man über den (Neuigkeits-)Wert vermutlich länger streiten. Auch nach der Lektüre des zweiten Buches zu dem Thema ist mir immer noch nicht deutlich geworden, worin genau der Unterschied zum schon vorher gebräuchlichen Begriff des „Musters“ liegt und was der Gewinn bei dem anderen Begriff ist. Möglicherweise dieses, dass nun unterschieden wird zwischen „Schema“ als „komplexem Start-. Aktivierungs- oder Alarmknopf“ (S. 125) und „Modus“ als (ebenso komplexer) Verhaltensantwort. Allerdings gefällt mir gut, dass Migge wiederholt darauf hinweist, dass es sich bei „Schema“ nicht um „Schema F“ handelt, also möglicherweise um ein neues Modell der Klassifikation von Persönlichkeitstypen, und dass im Schema-Coaching auch nicht nach einem „Schema F“ vorgegangen werden kann, selbst wenn es eine Schrittfolge gibt, die sich in der Arbeit bewährt hat.

Mein Eindruck ist, dass das Buch zwar mit „Schema -Coaching“ überschrieben ist, sich aber in weiten Teilen eher mit therapeutischen Konzepten befasst und den Transfer nicht immer sichert. Das verlangt von den LeserInnen Übersetzungsarbeit, aber da sich das Buch ausdrücklich an fortgeschrittene Coaches wendet, sollte man erwarten können, dass sie die auch leisten können. So richten sich besonders die Ausführungen zu hypnotherapeutischen Formaten an Coaches, die über eine Ausbildung in diesem Bereich verfügen. Viele Details könnten noch wertschätzend hervorgehoben werden, das Buch war für mich reich an Entdeckungen, Anregungen und Einladungen zur persönlichen Weiterarbeit, und gerade diejenigen, die selbst Coachingweiterbildungen anbieten, werden eine Fülle guter Perspektiven, Zusammenfassungen und Strukturierungen finden.

Fazit

Eine uneingeschränkte Empfehlung für alle Coaches, die Lust haben, sich mit weiterführenden Perspektiven im Kontext eines integrativen Konzeptes zu befassen – und neugierig genug sind, zu entdecken, an welcher Stelle von „Schema-Coaching“ sich das wiederfindet, was auch schon jetzt ihren eigenen Coachingansatz ausmacht. Und noch einmal: Vor allem Haltung und Didaktik machen das Buch für mich besonders!


Rezensent
Peter Schröder
Pfarrer
(Lehr-)Supervisor (DGSv), Seniorcoach (DGfC)
Homepage www.resonanzraeume.de
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Zitiervorschlag
Peter Schröder. Rezension vom 09.09.2013 zu: Björn Migge: Schema-Coaching. Einführung und Praxis: Grundlagen, Methoden, Fallbeispiele. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2013. ISBN 978-3-407-36528-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14941.php, Datum des Zugriffs 23.07.2019.


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