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Jan Böhmermann, Klaas Heufer-Umlauf: Förderschulklassenfahrt (Eventhörspiel)

Cover Jan Böhmermann, Klaas Heufer-Umlauf: Förderschulklassenfahrt (Eventhörspiel). ROOF MUSIC Schallplatten- und Verlags GmbH (Bochum) 2013. ISBN 978-3-86484-029-6. 14,99 EUR.
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Thema

Das Hörspiel befasst sich mit der Klassenfahrt der Klasse 9c der Claudia-Nolte-Förderschule Vechta.

Autoren

Jan Böhmermann, Jahrgang 1981, ist ein deutscher Hörfunk- und Fernsehmoderator, Satiriker und Autor.

Klaas Heufer-Umlauf, Jahrgang 1983, ist ein deutscher Fernsehmoderator.

Entstehungshintergrund

Die Autoren haben vier Jahre an zahlreichen Förderschulen in der gesamten Bundesrepublik das System Förderschule erforscht.

Aufbau

Das Hörspiel ist in acht Tracks strukturiert:

  1. Intro
  2. Abfahrt
  3. Im Bus
  4. In der Jugendherberge
  5. Berlin I
  6. Berlin II
  7. Outro
  8. Bonusmaterial

Die Gesamtlaufzeit des Hörspiels beträgt 65 Minuten.

Inhalt

Im Intro geben die Autoren rechtliche Hinweise und sagen, dass das Eventhörspiel die Missstände im maroden deutschen Bildungssystem anprangern soll.

Im Kapitel „Abfahrt“ wird die mit einem Partner zusammen lebende, ledige, 43-jährige und aus Wildeshausen bei Bremen stammende Lehrerin Sybille Rättkofski vorgestellt. Rättkofski ist Vollblutlehrerin mit Leib und Seele und arbeitet seit 14 Jahren an der Claudia-Nolte-Förderschule in Vechta. Rättkofski ist Klassenlehrerin der Klasse 9c. Die Klasse 9c ist eine Inklusionsklasse, in der Behinderte und Normale zusammen unterrichtet werden. Inklusiv werden in der 9c zwei Schüler beschult:

  1. die autoaggressive Autistin Gabriele Stöcker, die wegen der Autoaggression eine pädagogische Betreuung durch den Bundesfreiwilligendienstler Philipp Haarmann erfährt;
  2. der 17-jährige Klaus Sommerfeldt, der an Mongolismus oder Trisomie 29 leidet.

Die Klasse 9c hat 16 normale Schüler, von denen die meisten Schüler einen Migrationshintergrund haben und als Zugabe die zwei behinderten Schüler. Disziplinschwierigkeiten sind ein permanentes Thema und für Rättkofski eine große Herausforderung. An diesem Montag macht die Klasse sich auf zur Klassenfahrt nach Berlin. Für viele Schüler ist das die erste große Reise ohne Eltern oder Bewährungshelfer. Es kommt zu den ersten Störungen durch Hassan Bahaji und Gerome Walz, die durch die engagierte Pädagogin Rättkofski aufgefangen werden. Gerome will Stuntman werden. Hassan ist 1000 Jahre alt und kommt aus dem Phantasialand. Hassans Hobbys sind Playstation, zocken, chillen und Leute abziehen. Einen Auftritt in diesem Kapitel bekommt der 16-jährige, Hassan zufolge, schwule Marc Horstmanns. Horstmanns möchte später gerne Kranführer, Internetfachmann oder arbeitslos werden. Zum Schluss wird der 17-jährige griechische Russe Bogdan Rosentreter vorgestellt.

Und dann geht es los. Aber bevor der Bus sich in Bewegung setzt, zählt Frau Rättkofski die Regeln auf, an die es sich während der Busfahrt zu halten gilt, wie dem Nichtumherlaufendürfens und der untersagten Toilettenbenutzung.Letzteres ist nur in den Pausen bei SANIFAIR gestattet. Zur Unterhaltung hat Sibylle Rättkofski zwei Videofilme mitgebracht. Hassan und Gerome fallen wieder durch ihr Problemverhalten auf. Über die von der Klassenlehrerin aufgeführten Regeln wird sich großzügig hinweggesetzt: So sind die Aschenbecher bis an den Rand mit Urin gefüllt und auf der Bustoilette riecht es nach Haschisch. Der werdende Stuntman und der griechische Russe erklären warum es sinnvoll ist im Bus die hinteren Sitzreihen zu besetzen, wie – und das sind v. a. physikalische Gründe:

  1. im Falle eines Unfalls stirbt man hinten später;
  2. im hinteren Teil des Busses befindet sich aufgrund des Trägheitsprinzips mehr Sauerstoff.

Vor der Abfahrt geht es an das Durchzählen, um festzustellen wer alles nicht dabei ist. Das ist dann auch ein größerer Akt. Auf den Film wird sich dann auch schnell geeinigt: Es soll der mit der Nutte, der besseren Hure also, angeschaut werden. Lustvoll geben sich die Protagonisten, v. a. Hassan und Gerome dem Autokennzeichenraten hin: B wie Belgien oder Borussia, ein Ort mit den zwei Stadtteilen Dortmund und Mönchengladbach. Ein weiterer Zeitvertreib für die Fahrt auf der A2 ist das Spiel Eierloch. Nach 9 Stunden gibt es die erste Rast am Grenzübergang Marienborn. Ein bemerkenswerter Zwischenfall ist wohl, dass Gabriele unbemerkt auf die Autobahn läuft. Es ist schwierig sie wieder von diesem interessanten Ort fort zu bekommen. Nachdem Gabriele Stöcker wieder auf der Raststätte ist, wird sie, um weitere derartige Zwischenfälle zu vermeiden, angeleint.

Bei Dunkelheit erreicht die Klasse 9c die Berliner Jugendherberge. Hassan und Gerome diskutieren um 22 Uhr über den Begriff Ehre, während Marc und Bogdan schlafen. Frau Rättkofski teilt sich ihre Schlafkammer mit Gabriele Stöcker und Klaus Sommerfeldt. Klaus kann nicht schlafen. Die ideenreiche Pädagogin Rättkofski kümmert sich sehr liebevoll um das Problem und dieses Problemkind.

Gerome kann zu mitternächtlicher Zeit immer noch nicht schlafen, weil er neun Redbull getrunken hat. Er ist total wach und fühlt sich wie Gymnasium. Es wird wieder Eierloch gespielt, um 230 Uhr rülpsen Hassan und Gerome ihre Namen und um 4:16 Uhr widmen sich die beiden den größten Brüsten – und die hat wohl Marc Horstmanns. Für den zuletzt Genannten brüten Hassan und Gerome einen Streich aus. Sie wollen an seinen Titten lecken, denn im Dunkeln ist das ja nicht schwul. Unterdessen macht sich Bogdan aus dem Staub. Später erfahren wir, dass er nach Minsk fährt.

In „Berlin I“ befassen sich Hassan, Gerome und Frau Rättkofski mit den beiden Himmelsrichtungen, die bis 1989 Deutschland durch den antifaschistischen Schutzwall in zwei politische Lager teilten. Die Förderschulklasse besucht das Wachsfigurenkabinett Madame Tussauds, in dem der echte Hitler in Originalgröße anzutreffen ist. Die sprachgewandte Vollblutpädagogin Rättkofski spricht den Namen Tussauds mit einem unverkennbaren französischem Akzent deutscher Prägung aus. Gerome, wegen Schlafmangels übermüdet, soll auf die angeleinte Gabriele Stöcker aufpassen. Da Gerome sich dieser Aufgabe aber derzeit überhaupt nicht gewachsen sieht, übergibt er diese Aufgabe an Klaus Sommerfeldt. Aber auch das war wieder mal eine nicht so gute Idee, was dann in der nun folgenden Szene näher beleuchtet wird: Gabriele macht sich an Hitler ran, klettert auf dessen Schultern und Frau Rättkofski fragt bei Philipp Haarmann nach dem Betäubungsgewehr, was in früheren Zeiten, in denen die Menschenwürde eine eher untergeordnete Rolle spielte, ein sinnvolles Mittel zur Disziplinierung gewesen ist. Die Folge des ganzen Spektakels im Wachsfigurenkabinett ist ein Hausverbot. Die nächste Station ist Checkpoint Charlie.

Berlin II beginnt mit einer Zeit, die die Schüler der Freizeit widmen können. Um 15:30 Uhr werden sich alle am Ritter Sporthaus wiedertreffen. Gabriele wird an einen Doppeldeckerbus gebunden, Klaus macht sich auf den Weg zum Bahnhof Zoo, onaniert im Ritter Sporthaus in die Erdnüsse und Gerome und Hassan gehen zum Potsdamer Platz, bestaunen die Siegessäule, besuchen die Aussichtsplattform des Berliner Funkturms, spielen „Ich sehe was, was du nicht siehst,“ ziehen auf dem Alex Leute ab und schwimmen für nur 80,00 EUR im Artemis ohne Badehose. Statt an dem ausgemachten Treffpunkt treffen sich alle viel später auf der Polizeistation wieder. Das reicht Frau Rättkofski. Alle fahren wieder zurück in das heimische Vechta.

Jedes anspruchsvolle Buch hat neben einer Einführung oder Intro auch eine Ausführung oder Outro. Die Ausführung, die vor allem weitere Fragen aufwirft, welche in den weiteren Folgen dieses Hörbuches schrittweise beantwortet werden sollen, beginnt Frau Dr. ex Annette Schavan. Nach der prominenten Rednerin bekräftigen die beiden Autoren die Fortsetzung der Förderschulklassenfahrt von sich aus. Dann gibt es noch zwei Textaufgaben, die von der Hörerinnen- und Hörerschaft im Multiple-Choice-Verfahen beantwortet werden sollen.

Das Bonusmaterial ist in gedruckten Büchern der Anhang und erinnert in diesem Hörspiel an Peter Lustigs Sendung „Löwenzahn“, in der Lustig die Zuschauerinnen und Zuschauer am Ende immer zum Abschalten bewegen wollte. Böhmermann und Heufer-Umlauf erzählen dann bis zum wirklichen Ende viel belangloses Zeug und singen dann auch noch das „Der Arsch hat heut Geburtstag“- Lied. Nach fast drei Minuten ist aber dann Schluss.

Diskussion

Gibt es die Cludia-Nolte-Förderschule Vechta wirklich? Meine Recherche bei Google führte zu keinem positiven Ergebnis.So könnte der Name der Förderschule eine Persiflage auf die ehemalige Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend Claudia Nolte sein, die unter Helmut Kohls Kanzlerschaft als dessen Mädchen gehandelt wurde. Mittlerweile soll sich, so http://de.wikipedia.org/wiki/Claudia_Nolte [Download: 18.04.2013], die einst jüngste Bundesministerin von Herrn Nolte scheiden gelassen haben. Nun hört sie auf den Nachnamen Crawford.

Fazit

Etwas überspitzt, wie sich das für Realsatire gehört, aber dennoch überaus wertvoll. Die angehenden Förderpädagoginnen und -pädagogen können sich hierüber dann quasi im Schlaf, für den Hörgenuss kann man auch die Augen schließen, mit ihrem zukünftigen Beruf auseinandersetzen. Ganz so harmlos wird es dann ja in der Regel nicht. Man darf auf die im Outro angekündigte Fortsetzung sehr gespannt sein.


Rezensent
Dr. Carsten Rensinghoff
Dr. Carsten Rensinghoff Institut - Institut für Praxisforschung, Beratung und Training bei Hirnschädigung, Leitung: Dr. phil. Carsten Rensinghoff, Witten
Homepage www.rensinghoff.org
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Zitiervorschlag
Carsten Rensinghoff. Rezension vom 07.05.2013 zu: Jan Böhmermann, Klaas Heufer-Umlauf: Förderschulklassenfahrt (Eventhörspiel). ROOF MUSIC Schallplatten- und Verlags GmbH (Bochum) 2013. ISBN 978-3-86484-029-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14942.php, Datum des Zugriffs 21.11.2017.


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