socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Eva Susanne Ludwig: Sozialkapital und Gesundheit in Deutschland

Cover Eva Susanne Ludwig: Sozialkapital und Gesundheit in Deutschland. Eine theoretische und empirische Mehrebenenanalyse. Verlag Dr. Kovač GmbH (Hamburg) 2013. 299 Seiten. ISBN 978-3-8300-6852-5. D: 89,80 EUR, A: 92,40 EUR, CH: 119,00 sFr.

Schriftenreihe Gesundheitsmanagement und Medizinökonomie - Band 29.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Das Buch stellt theoretische und empirische Zusammenhänge zwischen dem Konzept des Sozialkapitals und der Bevölkerungsgesundheit her.

Autorin

Eva Susanne Ludwig hat im Rahmen ihrer Dissertation an der Universität Witten-Herdecke den Forschungsstand zum o.g. Thema aufbereitet. Weitere Informationen sind nicht bekannt.

Aufbau

Das Buch gliedert sich in sieben Kapitel.

Nach einer kurzen Hinführung werden zunächst die Konzepte Sozialkapital und Gesundheit beschrieben und anschließend die Zusammenhänge zwischen beiden Konzepten theoretisch hergeleitet. Im Anschluss folgen dann eine Übersicht der internationalen Forschungsarbeiten sowie die eigene empirische Analyse und eigene kurze Schlussfolgerungen.

Inhalt

Im ersten Kapitel erfolgt eine kurze Einleitung in die zentralen Begriffe sowie eine Beschreibung des Aufbaus der Dissertation.

Das zweite Kapitel umreißt die zahlreichen Definitionen und Konzepte des Sozialkapitals in den Wissenschaftsdisziplinen Ökonomik, Soziologie und Philosophie. Hierbei betont die Autorin die spezielle Bedeutung des ökonomischen Ansatzes zur Erklärung menschlichen Verhaltens, ohne dass dies jedoch in späteren Kapiteln wesentlich sichtbar wird. Ergänzt werden diese Ausführungen durch mehrere Operationalisierungsansätze, mit denen mögliche Messkonzepte eingeleitet werden sollen sowie durch allgemeine Hinweise auf mögliche Auswirkungen des Sozialkapitals.

Im dritten Kapitel werden die Vorstellungen von Gesundheit in der deutschen Gesundheitsökonomik illustriert und es wird ein gesundheitsökonomisches Determinantenmodell der Gesundheit vorgestellt, was im Wesentlichen von der Annahme ausgeht, dass die Inanspruchnahme medizinischer Dienstleistungen die Gesundheit der Menschen beeinflusst.

Das vierte Kapitel stellt erste theoretische Zusammenhänge zwischen Sozialkapital und Gesundheit her. Hierbei wird einmal auf das Grossman-Modell abgehoben, das eigentlich nicht auf Gesundheitsförderungsfragestellungen, sondern eher auf Aspekte der Inanspruchnahme medizinischer Dienstleistungen und Krankheitsverhalten abzielt. Gut gelungen sind die Ausführungen zum Thema Stressbewältigung, sozialer Rückhalt und individueller Gesundheit. Schließlich werden die Ausführungen des vierten Kapitels noch einmal zusammengefasst und daraus Hypothesen für die eigene empirische Analyse abgeleitet.

Kapitel Fünf beschreibt eine von der Autorin nicht näher ausgeführte Auswahl des Forschungsstands. Sie verweist auf eine vollständige Übersichtsarbeit von Kim et al. (2008), möchte selbst aber nur ausgewählte Studien pointiert darstellen. Anschließend findet eine Konzeptualisierung von Sozialkapital und Gesundheit statt. Die zahlreichen Items aus bereits vorliegenden Studien werden nach der Häufigkeit ihrer Verwendung dargestellt. Bei der Beschreibung der Gesundheitsindikatoren stellt die Autorin heraus, dass der Indikator „selbstbewerteter Gesundheitszustand“ generell nicht so geeignet sei wie Instrumente, die die Gesundheit umfassend abfragen. Hier wäre ein Verweis auf einschlägige empirische Untersuchungen ganz hilfreich gewesen.

Im sechsten Kapitel wird die eigene umfangreiche empirische Analyse zum Zusammenhang von Sozialkapital und Gesundheit in Deutschland basierend auf den Daten des sozioökonomischen Panels vorgenommen. Dies mit Abstand umfangreichste Kapitel der Dissertation wirkt sehr durchdacht und gut umgesetzt, dürfte allerdings für die meisten Leser nur eingeschränkt nachvollziehbar sein.

Das abschließende siebte Kapitel fasst noch einmal die wichtigsten Ergebnisse der Arbeit zusammen, würdigt diese kritisch und stellt einen Ausblick auf zukünftige Forschungen dar. Wie die Autorin richtigerweise bemerkt, fehlt es an guten theoretischen Arbeiten zum Erklärungsansatz zur Wirkung des Sozialkapitals auf die Bevölkerungsgesundheit

Diskussion

Die Determinanten der Gesundheit von Bevölkerungen sind seit Jahrzehnten Gegenstand unterschiedlichster Forschungsdisziplinen. Während man früher davon ausging, dass die wesentlichen Erklärungen auf Seiten der Kurativmedizin zu finden sind, setzen sich seit etwa Mitte des 20. Jahrhunderts zunehmend die Erkenntnisse durch, dass vor allem die allgemeinen Lebens- und Arbeitsbedingungen wesentlich für die Zunahme der Lebenserwartung in den Industrienationen verantwortlich sind. Diese allgemeinen Lebens- und Arbeitsbedingungen fanden unter dem Konzept der Gesundheitsdeterminanten, z.B. von Whitehead & Dahlgreen (1981) oder Lalonde (1974) Eingang in die internationale Public Health-Forschung. Sie bilden auch heute noch die konzeptionelle Grundlage für epidemiologische Untersuchungen, z.B. im Rahmen des Health Impact Assessments. Das von Eva Maria Ludwig verwandte Modell erfasst sich einmal nur annähernd die Vielzahl der verschiedenen Einflussfaktoren auf die menschliche Gesundheit. Konkretere Forschungsarbeiten gingen später der Frage nach, welche spezifischen Lebens- und Arbeitsbedingungen in welcher Weise die Gesundheit von Bevölkerungen beeinflussen, hier wären die Arbeiten von Bourdieu (Die feinen Unterschiede 1983), der Black-Report (1980), die beiden Whitehall-Studien (Marmot et al.) sowie zahlreiche epidemiologische Studien zu den Bedeutungen von Risikofaktoren für die Krankheitsentstehung zu nennen. Die vielfältigen Faktoren und Zusammenhänge wurden in Deutschland in zwei umfassenden Sammelbänden der deutschen Gesundheitswissenschaften zusammengefasst (Hurrelmann et al. Handbuch Gesundheitswissenschaften 2012; Schwartz et al. Public Health 2012). So zeigen die Modelle zur Verbindung des individuellen Sozialkapitals und der individuellen Gesundheit deutliche Bezüge zum Krankheitsverhalten (Behandlungstreue) und setzen hier fälschlicherweise Krankheitsverhalten und Gesundheitsverhalten als gleiche Konstrukte voraus. Weiterhin wird unterstellt, dass Individuen per se Gesundheitswissen in Gesundheitsverhalten umsetzen, ohne dabei die hinlänglich bekannten sozialepidemiologischen Erkenntnisse zu berücksichtigen, dass dies auch nur eingeschränkt Angehörigen der Mittel- und Oberschicht gelingt.

Schließlich wird unterstellt, dass Sozialkapital die Informationsbeschaffung erleichtert, ohne zu reflektieren, ob die jeweiligen Informationen richtig oder falsch sind, was gerade im Gesundheitswesen eine zentrale Bedeutung bekommt, weil die Evidenzbasis der Gesundheitsversorgung noch immer äußerst schlecht ist. So nennt die Autorin auch typische Beispiele „richtiges Gesundheitsverhalten“, „alternative Heilmethoden“, „Vorsorgeuntersuchungen“, „Qualität von Anbietern medizinischer Leistungen“, bei denen das epidemiologisch verlässliche Wissen gegen Null tendiert, während in der Bevölkerung und im Gesundheitssystem erhebliche Falschinformationen vorliegen. Hier nutzt Sozialkapital der Gesundheit schon theoretisch mal ganz sicher nicht. Es zeigt sich, dass die Autorin zentrale Befunde des Gesundheitswesens nicht einmal auch nur annähernd durchdringt. Auch in der zweiten theoretischen Verknüpfung zeigen sich argumentative Schwächen. Einmal ist sicherlich diskussionsfähig, ob Vertrauen ausschließlich kognitiv zu fassen ist, und nicht auch emotionale bzw. neurobiologische Aspekte aufweist. Darüber hinaus ist keinesfalls gesichert, dass das Vertrauen in den medizinischen Anbietern den Menschen tatsächlich zugutekommt, da wir es nachweislich mit guten und weniger guten Anbietern medizinischer Interventionen zu tun haben, zumindest wenn man das Kriterium „regelmäßige Fortbildung“ mal heranzieht. Seit Jahrzehnten wird in der Qualitätsforschung danach gesucht, was denn überhaupt gute und weniger gute Anbieter eigentlich ausmacht. So zeigen erste Auswertungen des Faktenchecks Gesundheit, dass wir in Deutschland in vielen Bereichen eine erhebliche Varianz in der Erbringung medizinischer Leistungen haben. Bedeutet dies, dass diejenigen, die ihren Patienten weniger Leistungen angedeihen lassen, gute oder weniger gute Leistungserbringer sind? Die von der Autorin genannte „Erwartung an den Behandlungserfolg“ ist also schon allein dadurch beeinträchtigt, dass möglicherweise „keine Behandlung“ die richtige Behandlung gewesen wäre.

Eine weitere konzeptionelle Schwäche besteht in der Messung der Gesundheit. Während in internationalen Surveys die selbst eingeschätzte Gesundheit mittlerweile etabliert ist, argumentiert die Autorin dass die Abfrage verschiedener Gesundheitsvariablen per se besser sei als ein Einzelitem. Leider hat die Autorin in ihrer Argumentation übersehen, dass die von ihr präferierten Instrumente der gesundheitsbezogenen Lebensqualität (z.B. EQ5D oder SF12) für die Evaluation von Therapien entwickelt wurden, somit die Verbesserung der Gesundheitszustände von vorher kranken Menschen abbilden. Ob diese Instrumente tatsächlich die Gesundheit von gesunden Menschen abbilden, ist dagegen noch Gegenstand der Diskussion, z.B. Moorfeld et al. 2004. Gleichwohl liegen zahlreiche Ergebnisse zum Einsatz des SF12 in Bevölkerungsstudien vor.

Die Dissertation von Eva Susanne Ludwig ist also eingebettet in eine Vielzahl verschiedenster Theorie- und Empirie-Arbeiten zur Erklärung der gesundheitlichen Entwicklung in Bevölkerungen. Leider hat die Autorin es versäumt, hier breitere Recherchen anzustellen und die zahlreichen Erkenntnisse in ihre Arbeit einfließen zu lassen. Vor allem der Theorieteil der Arbeit hätte davon ganz erheblich profitieren können, z.B. das Kapitel zu den Gesundheitsdeterminanten (hier vor allem: Alexa Franke: Modelle von Gesundheit und Krankheit).

Trotzdem wirkt der Empirieteil der Arbeit durchaus ansprechend, da versucht wurde, auf der Basis der Daten des sozioökonomischen Panels den Zusammenhang zwischen Sozialkapital und Gesundheit zu belegen. Leider hat die Autorin dies nicht zum Anlass genommen, grundlegend theoretisch zu arbeiten, sondern der Vielzahl schwacher theoretisch fundierter empirischer Forschung eine weitere Arbeit hinzuzufügen.

Fazit

Leserinnen und Leser, die die Zusammenhänge zwischen Sozialkapital und Gesundheit nachvollziehen möchten, sind mit anderen Einführungstexten, z.B. Richter und Hurrelmann: Gesundheitliche Ungleichheit (2006) oder Siegrist und Marmont: Soziale Ungleichheit und Gesundheit (2008), vermutlich besser bedient als mit der Lektüre dieser Dissertation.


Rezensent
Prof. Dr. Dieter Ahrens
MPH Hochschule Aalen Studiengang Gesundheitsmanagement
Homepage www.htw-aalen.de/studium/gm/
E-Mail Mailformular


Alle 10 Rezensionen von Dieter Ahrens anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Dieter Ahrens. Rezension vom 08.08.2013 zu: Eva Susanne Ludwig: Sozialkapital und Gesundheit in Deutschland. Eine theoretische und empirische Mehrebenenanalyse. Verlag Dr. Kovač GmbH (Hamburg) 2013. ISBN 978-3-8300-6852-5. Schriftenreihe Gesundheitsmanagement und Medizinökonomie - Band 29. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14947.php, Datum des Zugriffs 14.11.2018.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung