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Anne Juhasz, Eva Mey: Die zweite Generation. Etablierte oder Außenseiter?

Cover Anne Juhasz, Eva Mey: Die zweite Generation. Etablierte oder Außenseiter? Biographien von Jugendlichen ausländischer Herkunft. Westdeutscher Verlag (Wiesbaden) 2003. 359 Seiten. ISBN 978-3-531-14101-5. 29,90 EUR, CH: 50,20 sFr.

Reihe: Studien zur Sozialwissenschaft.
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Voraussetzungen auf Seiten des Rezensenten

Ich habe das Buch gelesen und verfasse die Rezension als Mitautor eines Buches zum gleichen Thema bzw. mit dem gleichen Titel (Schrader/ Nikles/ Griese: "Die Zweite Generation"), das allerdings bereits 1976 (!) erschienen ist. Diese Tatsache beeinflusst natürlich meine Wahrnehmung, Analyse und Bewertung des Textes. Aber, um es vorwegzunehmen: Ich halte die Studie von Juhasz/ Mey, die als Dissertation bei Hoffmann-Nowotny (!) im Rahmen eines größeren Forschungsprojektes in Zürich vorgelegt wurde, für vortrefflich gelungen; sowohl, was das Erkenntnisinteresse und die theoretische Fragestellung betrifft, als auch in der empirisch-methodischen Durchführung sowie der abschließenden Interpretation und Darstellung der Ergebnisse. Ich möchte sogar sagen, sie ist vorbildhaft für die Konzeption einer empirischen qualitativen Erhebung bzw. einer darauf aufbauenden Dissertation und kann jedem am Thema oder an Dissertationen Interessierten nur empfohlen werden.

Was mir nicht so gefällt - und das ist überwiegend subjektiv betrachtet - ist die Tatsache, dass unsere Studie von 1976, die gemäß allgemeiner Auffassung in der Diskussion über die "zweite Generation" quasi prototypischen Charakter hatte, zwar ganz kurz erwähnt (S. 32), aber nicht weiter diskutiert wird und dass die Autorinnen insgesamt die bundesdeutsche Diskussion bzw. Literatur etwas spärlich bzw. stark selektiv heranziehen (z.B. fehlen die aktuellen Studien von Diehm/ Radtke und Gomolla/Radtke zur "institutionellen Diskriminierung").

Inhalt

Einleitend beschreiben die Verfasserinnen idealtypisch die beiden "Bilder" bzw. polarisierenden Betrachtungsweisen der (Situation der) zweiten Generation: "Auf der einen Seite werden Jugendliche ausländischer Herkunft als Problem definiert. Sie gelten als fundamentalistisch, kriminell und gewalttätig ... Integrationsdefizite ... Gefahr für das Zusammenleben ... Auf der anderen Seite werden junge Personen ausländischer Herkunft portraitiert, die es 'geschafft haben': SportlerInnen, KünstlerInnen, PoliterInnen. Sie werden als Vorzeige­objekte herumgereicht ... 'erfolgreich' integriert ... Bereicherung für die Aufnah­me­gesellschaft" (S. 11). Die Autorinnen entscheiden sich dann für alternative (!) Sichtweisen des Themas: kein Focus auf "Kultur", keine "einseitige Perspektive auf deren Probleme und Spannungen" sowie kein Blick auf die Dichotomie "'integriert' versus 'desintegriert'". Statt dessen entscheiden sich Juhasz/ Mey im Laufe der qualitativen Studie für den Theoriekontext der "Ungleichheits­forschung" und einem entsprechenden Blick auf "Struktur", nicht auf "Kultur" (S. 13). Dieser Perspektivenwechsel deutet auch eine Art "Paradigmenwechsel" in der Migrationsforschung an, den man nach Jahren einer (zumeist pädagogisch infiltrierten) Defizit- und Kulturfixierung nur begrüßen kann.

Sodann erfolgt eine "Annäherung an den Untersuchungsgegenstand" (Teil I bzw. S. 17ff):

  • Begriffsklärung "zweite Generation" = "in der Schweiz geboren oder als Kleinkinder in die Schweiz gekommen", "Situation der Jugendlichen",
  • Geschichte und Daten zur "zweiten Generation", "Forschungen zur zweiten Generation in Deutschland und in der Schweiz" - Fazit der Autorinnen: Es fehlen "biographische Studien zur zweiten Generation, die strukturelle Aspekte in die Betrachtung einbeziehen" (S. 37).

Damit ist die eigene theoretische Orientierung und methodische Vorgehensweise angesprochen, die im Teil II (S. 39ff) dargelegt wird: "Migration und (Theorie der) sozialen Ungleichheit" - Orientierung an Bourdieu (Kapitaltheorem) und Elias ("Etablierte und Außenseiter") bzw. der Versuch der "Zusammenführung beider Ansätze" (S. 43). Diese theoretischen Ausführungen und diskursiven Teile (S. 39 - 85) sind m.E. für alle MigrationsforscherInnen von hohem Erkenntniswert und der stärkste Teil der Studie sowie weit mehr als ein Dissertationspflichtteil (Stichworte dazu:

  • "Konzept der Unterschichtung" von Hoffmann-Nowotny;
  • "race and class-Debatte";
  • "Kulturalisierung";
  • "Ethnizitäts­diskurs";
  • "dreifache Vergesellschaftung": Klasse, Nationalität, Geschlecht;
  • "Nationalität als 'neue' Ungleichheit";
  • "Kapitaltheorie";
  • "Raum und Klassen" und "Habituskonzept" bei Bourdieu:
  • sowie "Figurationstheorie", Macht und Gruppenungleichheit bei Elias).

Im Mittelpunkt der theoretischen Diskussion steht dann die "Frage nach der Verknüpfung von kapital- und figurations­bedingter Ungleichheit" (S. 79), die Zusammenführung der Gedanken von Bourdieu und Elias - Neuland im sog. "Migrationsdiskurs".

Gemäß dieser theoretischen Zusammenführung wird dann im Kapitel über "Biographie, Struktur und Handlung" (S. 86 - 106) der Bezug zur Methode entwickelt: Es geht um die "Prozesshaftigkeit von Ungleichheit" sowie um die "Bedeutung von subjektiven Wahrnehmungs- und Deutungsmuster" der zweiten Generation. Ausführlich werden Konzepte der Biographieforschung diskutiert (Kohli, Alheit/ Dausien, Schütze, Hoerning) und dann "zusammengeführt" (ein Lieblingswort der Autorinnen), um zu einem "Fazit" über "Ungleichheit und Biographie" und zur präzisen Fragestellung zu gelangen: "Migrationsforschung, Ungleichheitsanalyse, Biographietheorie: Alle drei Gebiete haben in den 80er Jahren eine 'kulturalistische Wende' erfahren ... Untersucht werden soll in den Biographien von Jugendlichen ausländischer Herkunft, wie die kapitalbedingte und die figurationsbedingte Ungleichheitsdimension die Lebenssituation der Jugendlichen prägen, wie sie in ihren Biographien mit Handlungs- und Wahrnehmungsmustern verschränkt werden und wie diese ... die gegebenen Möglichkeitsräume zu verändern vermögen" (S. 103ff).

Der Teil III (S. 107ff) beschreibt und diskutiert dann "Methodologie und Methode" bzw. das "Verhältnis von Erleben, Erinnerung und Erzählung" (Bezug zu Schütze und Rosenthal) und entwirft das "Untersuchungsdesign" sowie die "Erhebungs- und Auswertungsmethode" - typische Pflichtteile einer Dissertation, die trefflich gelungen sind, aber hier zugunsten der Theorie, der Methodologie und Ergebnisse vernachlässigt werden (müssen).

Die Durchführung der biographisch-narrativen Interviews erfolgte in den Jahren 1998 - 2001. Von den 64 Interviews (18 Probanden mit italienischer, 27 mit türkischer und 19 mit Schweizer Herkunft; davon 33 männlich, 31 weiblich, im Alter von 17 bis 25 Jahren), die gemäß einem "qualitativen Stichprobenplan" rekrutiert wurden, wurden "zehn Fälle ausgeschlossen" und es erfolgten "weitere Selektionsschritte", so dass am Ende noch 38 Interviews transkribiert sowie davon 18 "mehr oder weniger ausführlich" und schließlich 8 Interviews "einer umfassenden Fallanalyse unterzogen wurden" (S. 119). "Diese schrittweise Selektion orientierte sich zum einen an der Qualität der Interviews ... zum anderen an der Methode des theoretischen Samplings" (Glaser/ Strauss). Die engere Auswahl der acht Fälle "entspricht einer impliziten Typenbildung, die auf den Kriterien des maximalen und minimalen kontrastiven Vergleichs beruht" (S. 119/120).

Im Teil IV (S. 133 - 331) erfolgt die ausführliche Präsentation der "Ergebnisse der empirischen Untersuchung" in Form von acht "Fallanalysen", die mit weiteren Kurzanalysen "ergänzt und kontrastiert" werden; danach geschieht eine "fallübergreifende und zusammenfassende" theorie- und themenbezogene Diskussion der Ergebnisse. Die acht "Fälle" betreffen z.B.

  • den Typus des "gesellschaftlichen Außenseiters",
  • des "selfmade man",
  • des "sozialen Aufsteigers"
  • oder des "Rückkehrorientierten"

und skizzieren beispielhaft "Ausschlusserfahrungen", Balanceprozesse", "Ethnisierungen", den Einfluss der "Community" oder des "natürlichen" oder "sozialen Kapitals" oder einer "aktiven Lebensgestaltung".

Der "Fall Ali" (S. 255ff) zeigt z.B., dass Menschen mit Migrationshintergrund auch als "Außenseiter" in Bezug auf Bildung und Studium "erfolgreich" sein können und der "Fall Sonja" (S. 278ff) beschreibt das zielorientierte Aneignen und Gestalten der eigenen Biographie.

Die "zusammenfassende Darstellung der Ergebnisse" (S. 297 - 331) erfolgt "thematisch gegliedert" und belegt an Hand der Fälle, wie z.B. "Struktur und Handlung" eng miteinander verknüpft sind, wie "kapital- und figurationsbe­dingte Ungleichheitslogik" zusammenwirken, wie "Möglichkeitsräume vergrößert und angestrebte soziale Positionen erreicht werden können", wie sich die "Kapitalausstattung" durch das Elternhaus auswirken kann und welche "Stigmatisierungs- und Diskriminierungserfahrungen der Jugendlichen" deren Biographie in Richtung "Exklusion" beeinflussen (können). Einzelerkenntnisse sind z.B.: "Aufstiegsorientierung und soziale Mobilität sind als Ausdruck eines mobilitätsspezifischen Habitus zu deuten" (Familienprojekt Migration) und können auf "Zugehörigkeits­konflikte" zurückgeführt werden.

Diskussion

Insgesamt kann konstatiert werden, dass "Kapitalausstattung" (Elternhaus), "Ausschlusserfahrungen" (gesellschaftliche Diskriminierung, Stigmatisierung), "migrationsspezifische Bedingungen", das (Familien-) Projekt der Mobilität" (Rückkehrabsichten), spezifische Erfahrungen (Schule, peer group) und Ressourcen (Bildung) die Biographie der Jugendlichen strukturieren.

Die Studie revidiert gängige (Defizit-)Annahmen über die "zweite Generation", hinterfragt diese kritisch auf hohem theoretischen Niveau (vor allem Bourdieu und Elias) und garniert diese Kritik mit empirisch gehaltvollen (Fall-)Beispielen pluralistisch (!) verlaufender Biographien. Sie ist eine deutliche "Absage an eine 'Exotisierung' von Jugendlichen ausländischer Herkunft" (möglich durch eine "sehr offen gehaltene Fragestellung", eine Infragestellung gängiger theoretischer Annahmen der Migrationsforschung sowie eines aktiven Menschenbildes, das "Jugendliche nicht als passive Opfer" gesellschaftlicher Verhältnisse sieht). Der "ungleichheitstheoretische" Zugang (Habituskonzept und Kapitaltheorem bei Bourdieu, "Etablierte und Außenseiter" und Figurationssoziologie bei Elias; "Klasse und nationale Herkunft") sowie die "biographietheoretische" Orientie­rung der Studie (Struktur und Handlung, Ausschlusserfahrungen durch Prozesse der Diskriminierung sowie das Verhältnis von Erleben, Erinnern und Erzählen) haben theoretisch relevante Schlaglichter und method(ologi)sch unverzichtbare Prämissen auf die Migrationsforschung zur zweiten (und dann m.E. vor allem zur dritten und vierten!) Generation geworfen, an denen die zukünftige Forschung nicht vorbei kommen dürfte. Es sind "biographischen Ressourcen" (Kapitalausstattung), der "sense of one's way" (die Lebensplanung) sowie die "Weggefährten" (solidarische Interaktionspartner), welche die Biographie, insbesondere die "Aufstiegsorientierung der Jugendlichen" (verstanden als "Fortsetzung des familialen Projekts der Mobilität") bestimmen und die "zweite Generation" zu "wahren Pionieren" der vertikalen Mobilität machen (können).

Fazit

Mittlerweile - zumindest in Deutschland - scheint der für die nachfolgenden Generationen so wichtige Pionier- und Vorbildcharakter der zweiten Generation in der dritten und vierten Generation vermehrt zugunsten eines Rückzugs auf die Herkunftsethnie ("Weltflucht" - Reakkulturation, Tendenz zur Ghettoisierung), einer Art "Rebellion" (Gewalt und/ oder fundamentalistische Orientierung) oder "Innovation" (Transkulturalität) in Formen devianten Verhaltens im Sinne von Merton umzuschlagen. Die Reaktionen der aktuell aufwachsenden Generation auf Ausschluss (Bildungs- und Berufschancen) und Diskriminierung (in Politik, Medien und Öffentlichkeit) (der eigenen Person oder auch ihrer Eltern oder älteren Geschwister) können von denen der zweiten Generation abweichen und zu neuen Verhaltensmustern in der Biographie werden. Derlei prognostische und theoriegeleitete Aussagen oder hypothesenartige Vermutungen am Ende der Studie bzw. im Anschluss daran vermisse ich dann doch bei der insgesamt sehr lesens- und vor allem für Doktoranden empfehlenswerten Publikation.

Literatur

Diehm, I. und Radtke, F.-O.: Erziehung und Migration. Eine Einführung. Stuttgart: Kohlhammer 1999.

Gomolla, M. und Radtke, F.-O.: Institutionelle Diskriminierung. Die Herstellung ethnischer Differenz in der Schule. Opladen: Leske + Budrich 2002.

Schrader, A./ Nikles, B./ Griese, H.: Die Zweite Generation. Sozialisation und Akkulturation ausländischer Kinder in der Bundesrepublik Deutschland. Kronberg 1976.


Rezensent
Prof. Dr. Hartmut M. Griese
Leibniz Universität Hannover, Philosophische Fakultät, Institut für Soziologie und Sozialpsychologie.
ISEF-Institut (Institut für sozial- und erziehungswissenschaftliche Fortbildung
Homepage www.Isef-Institut.de
E-Mail Mailformular


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Zitiervorschlag
Hartmut M. Griese. Rezension vom 27.07.2004 zu: Anne Juhasz, Eva Mey: Die zweite Generation. Etablierte oder Außenseiter? Biographien von Jugendlichen ausländischer Herkunft. Westdeutscher Verlag (Wiesbaden) 2003. ISBN 978-3-531-14101-5. Reihe: Studien zur Sozialwissenschaft. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/1496.php, Datum des Zugriffs 19.11.2018.


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