Christiane Uhl: Frühprävention durch Förderung von Mentalisierungsprozessen
Rezensiert von Prof. Dr. Eva-Mia Coenen, 27.02.2014
Christiane Uhl: Frühprävention durch Förderung von Mentalisierungsprozessen. Psychoanalytisch verstehen – pädagogisch handeln ; Bausteine zur Prävention destruktiver Aggressivität bei Kindern in Kindertagesstätten – orientiert an den Ergebnissen der Frankf. Kassel University Press (Kassel) 2013. 184 Seiten. ISBN 978-3-86219-426-1. D: 29,00 EUR, A: 29,90 EUR, CH: 39,90 sFr.
Autorin
Dr. Christiane Uhl arbeitet als Psychotherapeutin (HP) und Diplom-Supervisorin in eigener Praxis mit dem Schwerpunkt psychoanalytische Paar- und Familientherapie sowie in verschiedenen pädagogisch-präventiven Beratungs- und Forschungsfeldern( z.B. als Grundschullehrerin und Schulleiterin)
Thema
Die Autorin erörtert zu Beginn den Zusammenhang zwischen problematischen frühkindlichen Mentalisierungsprozessen im Hinblick auf aggressiv-destruktives Verhaltens und der Entwicklung zu Problemkindern mit „impulsiv-aggressiven“ Störungsbildern. Sie vertritt völlig gerechtfertigt die Meinung, dass das Hauptziel von psychosozialer Frühprävention darin bestehen sollte, den betroffenen Kindern die Möglichkeit zu geben, unangemessene Bindungs- und Beziehungserwartungen durch neue adäquatere Erfahrungen so früh wie möglich zu korrigieren und dadurch die Selbst- und Identitätsentwicklung des Kindes in eine prosoziale Richtung zu ermöglichen (S.12). Als zentraler Faktor für psychische Gesundheit ist „die sich entwickelnde Fähigkeit zur Regulation der eigenen Emotionen“ (Katzenbach 2006, S.95) zu sehen. Das bedeutet, den Zugang zu den eigenen Affekten zu ermöglichen, ohne ihnen ausgeliefert zu sein.
Der Grundtenor dieses Buches geht in die Richtung, dass Erkenntnisse der Bindungstheorie mit neuen Erkenntnissen von Resilienzforschung verknüpft werden, um dadurch das Phänomen Aggression in der kindlichen Entwicklung zu analysieren und nicht-destruktive Verhaltensmuster im Interaktionsprozess anzuregen.
Zielgruppe
Dieses Buch richtet sich an Fachkräfte in der Elementar- und Hortpädagogik, Studierende der Elementarpädagogik (insbesondere Krippenbereich), bietet aber auch Studierenden der Heil- und Sozialpädagogik sowie Fachkräften in der Kinder- Jugendhilfe neue Erkenntnisse für die praktische Umsetzung in ihren Arbeitsfeldern.
Aufbau
Nach Vorwort und Einleitung der Autorin folgen insgesamt 6 Kapitel sowie ein Schlusswort, das Literaturverzeichnis und zwei Anlagen, die einzelne Diagramme und Tabellen aus der Dissertation enthalten.
- Einleitung
- Überlegungen zum Zusammenhang von Bindung, kindlicher Entwicklung und Aggression
- Resilienzfaktoren für eine nicht -destruktive kindliche Entwicklung
- Möglichkeiten der Mentalisierungsförderung im Rahmen der institutionellen Erziehung in Kindertagesstätten
- Mentalisierungschancen im Rahmen des Gewaltpräventionsprogramms „Faustlos“ für den Kindergarten
- Der Beitrag der Frankfurter Präventionsstudie zur Förderung von Mentalisierungsprozessen in Kinder- und Tagesstätten
- „Anregungsbausteine“ zur Förderung von Mentalisierungsprozessen und Prävention aggressiv-destruktiver Verhaltensweisen in Kindertagesstätten
Inhaltliche Schwerpunkte und Diskussion
Als Einstieg in die Thematik wird der enge Zusammenhang zwischen erlebter Bindungsqualität, Individuation und aggressives Verhalten in den Mittelpunkt gestellt, wobei besonders auf die Entwicklungsbedingungen eingegangen wird, die desorganisierte Bindungsmuster begünstigen und welche Folgen für die psychosoziale Entwicklung der Kinder abzuleiten sind. Um diesen Prozess zu verdeutlichen, wird auf das „Mentalisierungkonzept“ von Fornagy rekurriert, das sich vornehmlich mir der Frage befasst, „wie, wann und warum mentale Prozesse (nicht oder fehlerhaft) wahrgenommen werden“ (Dornes 2006, S. 197) und welche Auswirkungen das für die Affektregulierung bedeutet (S.22). Diese Problematik wird dann exemplarisch von der Säuglingszeit bis ins Erwachsenenalter dargestellt und darauf verwiesen, dass bereits anderthalbjährige Kinder die Fähigkeit der Mentalisierung entwickeln, also andere Menschen als „Wesen mit geistig-seelischen Zuständen zu betrachten“ (Dornes 2006, S. 168).
Das ist nicht nur allein biologischen Reifungsprozessen zuzuschreiben, sondern auch von der affektiv-interaktiven Qualität der Primärbeziehungen, also von frühen sozialen Erfahrungen abhängig. In diesem Zusammenhang erweisen sich elterliche Kompetenzen sich in die vermuteten oder unterstellten Gefühle und Gedanken ihres Säuglings hineinzuversetzen als hochbedeutsam (S.23). Denn über die elterliche Feinfühligkeit – also dem Verstanden- und Angenommensein- entwickelt der Mensch entsprechend seiner Entwicklungsstufe selbstreflektive Kompetenzen, die ihm die Anpassungprozesse als selbstständiges Wesen an die Umwelt ermöglichen. Daran setzt die Überlegung an, was geschieht, wenn ungünstige Voraussetzungen diesen selbstreflexiven Prozess der Perspektivenübernahme von Interaktionspartnern behindern.
Anhand der Traumaforschung und den Theorien der Aggressionsentwicklung wird dieser Teufelskreis bis zu strafrechtlich relevanten Verhaltensweisen von Straftätern vorgestellt und nochmals der enge Zusammenhang zwischen Bindungsqualitäten und Persönlichkeitsentwicklung konstatiert, wobei besonders betont wird, dass ein angemessenes inneres Arbeitsmodell, das die Mentalisierungsfähigkeit einschließt, erst die Abgrenzung zwischen eigenen und fremden mentalen Zuständen ermöglicht. Das ist wiederum die Voraussetzung für eine der Situation angemessene Selbstreflexion, um die Fähigkeit friedliche Aushandlungsalternativen in Interaktionsprozessen zu erlernen und anzuwenden (S. 45).
Die Autorin setzt sich folgerichtig damit auseinander, Resilienzfaktoren für eine nicht-destruktive kindliche Entwicklung anhand der Entwicklung der basalen Gefühlssysteme sowie Symbolbildungs- und Mentalisierungsprozesse in der kindlichen Sprach- und Spielentwicklung aufzuzeigen, mit Beispielen aus der Praxis zu belegen und förderliche Maßnahmen anzuregen. Ein weiterer sehr wichtiger Aspekt sind psychotherapeutisch korrigierende Maßnahmen zur Förderung von Mentalisierungsprozessen sowie die praktische Umsetzung mentalisierungsgestützter Ansätze in Frühprävention und Pädagogik.
In den weiteren Kapiteln wird der fruchtbringende Beitrag der Frankfurter Präventionsstudie (u. a. das Gewaltpräventionsprogramm „Faustlos“) zur Förderung von Mentalisierungsprozessen in Kindertagesstätten vorgestellt, die das Sigmund Freud-Institut in Kooperation mit dem Institut für Analytische Kinder- und Jugendpsychotherapie sowie dem Städtischen Schulamt Frankfurt von 2003 bis 2006 durchführte. Die Ergebnisse der Studie, eigene Erfahrungen und theoretische Fundierung ermöglichen der Autorin „Anregungsbausteine“ zur Förderung von Mentalisierungsprozessen im Sinne von Frühprävention aggressiv-destruktiver Verhaltensweisen zusammenzutragen und an praktischen Beispielen zu kommentieren.
Fazit
Frau Dr. Uhl legt eine anspruchsvolle und unkonventionelle Arbeit vor. Die theoretische Auseinandersetzung mit psychoanalytischer Theorie, Bindungs- und Resilienzforschung sowie die Verknüpfung dieser Erkenntnisse mit der praktischen pädagogischen Arbeit in Kindertagesstätten stellt eine hoch gelungene „Melange“ dar, aggressiv-destruktive Verhaltensmuster in der frühen Kindheit zu analysieren sowie präventive Handlungsansätze frühzeitig in der Praxis umzusetzen, um prosoziales Verhalten zu befördern.
Rezension von
Prof. Dr. Eva-Mia Coenen
Studienrichtungsleiterin Hilfen für Erziehung an der Staatlichen Studienakademie Breitenbrunn
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