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Ute Koglin, Franz Petermann: Verhaltenstraining im Kindergarten

Cover Ute Koglin, Franz Petermann: Verhaltenstraining im Kindergarten. Ein Programm zur Förderung emotionaler und sozialer Kompetenzen. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2013. 2., überarb. Auflage. 147 Seiten. ISBN 978-3-8017-2485-6. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 39,90 sFr.
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Autorinnen

  • Prof. Dr. phil. Franz Petermann hat einen Lehrstuhl für Klinische Psychologie und Diagnostik an der Universität Bremen inne und ist Direktor des Zentrums für Klinische Psychologie und Rehabilitation (ZKPR).
  • Prof. Dr. phil. Ute Koglin lehrt Entwicklungs- und Pädagogische Psychologie und forscht am Zentrum für Klinische Psychologie und Rehabilitation der Universität Bremen.

Thema

5, 3 Prozent der 3 bis 6jährigen Kinder haben klinisch relevante Probleme und 8 Prozent subklinische Probleme, so die Zahlen aus dem Kinder- und Jugendgesundheitssurvey (KiGGS). Die gezielte Förderung von emotionalen und sozialen Kompetenzen schon im Kindergarten kann einen bedeutenden Beitrag zur Prävention leisten. Im vorgestellten Programm lernen Kindergartenkinder spielerisch, Gefühle bei sich und bei anderen wahrzunehmen und Konflikte im Alltag besser zu bewältigen.

Aufbau und Inhalt

In den einführenden Kapiteln beschreiben die Autoren Verhaltensauffälligkeiten im Kindergartenalter (oppositionell-aggressiver Verhalten und sozial unsicheres Verhalten), die Erscheinungsformen, Verlauf und Ursachen. Sie stellen heraus, dass einzelne Verhaltensauffälligkeiten noch keine Verhaltensstörung ausmachen, Störung beinhaltet ein ganzes Bündel von Auffälligkeiten.

Eine zentrale Entwicklungsaufgabe im Kindergartenalter ist es zu lernen, mit den eigenen und den Gefühlen anderer umzugehen und emotionale und soziale Kompetenz zu erwerben. Sie beschreiben u.a. acht Schlüsselfertigkeiten emotionaler Kompetenz und die Fertigkeiten affektiver sozialer Kompetenz, gehen auf die emotionalen Defizite oppositionell-aggressiver und sozial unsicherer Kinder ein, diskutieren Faktoren der emotionalen Entwicklung (z.B. Temperament) und stellen ein Modell der sozialen Informationsverarbeitung dar.

Umfangreich wird dann das Trainingsprogramm dargestellt. Laut Konzept ist es eine universelle Präventionsmaßnahme und richtet sich deshalb an alle Kinder einer Gruppe. Ziel ist die Förderung emotionaler und sozialer Kompetenzen und Fertigkeiten.

Das Training umfasst 25 Einheiten (inklusive zweier Einführungs- und einer Abschlusssitzung), die zu sechs Modulen mit folgenden Inhalten zusammengefasst werden:

  • Modul 1 (8 Einheiten): Basisemotionen
  • Modul 2 (2 Einheiten): Soziale Emotionen
  • Modul 3 (2 Einheiten): Emotionswissen
  • Modul 4 (3 Einheiten): Wahrnehmung und Interpretation von Konflikten
  • Modul 5 (3 Einheiten): Handlungsalternativen für Konflikte finden
  • Modul 6 (3 Einheiten): Konsequenzen eigener Handlungen finden und bewerten

Es wird empfohlen, dass 2 Einheiten pro Woche durchgeführt werden sollen, wobei sich das Programm bei bis zu 18 teilnehmenden Kindern bewährt habe.

Es gibt drei Leitfiguren für das Training: die Handpuppe Finn, ein Delfin, und Sina und Benny, die Meerkinder, deren Geschichte von Finn erzählt wird.

Die Inhalte werden in Gesprächsrunden (dem Stuhlkreis), Bewegungs- und Rollenspielen vermittelt. Es werden vielfältige Materialien eingesetzt: Bilder, der „Gefühls-Rap“, ein Brettspiel, Spiel- und Regelkärtchen, Aufkleber, Arbeitsblätter. Bilder und Arbeitsblätter sind auf einer beiliegenden CD zu finden; weitere Materialien (wie der Delfin Finn oder das Brettspiel) finden sich in einer Kiste mit Spielmaterialien, die über die Testzentrale extra bezogen werden muss (328 EUR).

Die Kinder werden zur Übertragung des Gelernten in den Alltag angehalten sowie die Eltern über das Training informiert.

Für jede Einheit werden die Ziele formuliert, das benötigte Material angegeben sowie die einzelnen Bestandteile und Vorgehensweisen detailliert dargestellt.

In den letzten beiden Sitzungen wird ein Brettspiel (die „Gefühlsspirale“) eingeführt, mit dem die gelernten Inhalte präsent gehalten werden können. Jedes Kind wird (nach einer „Expertenprüfung“) zum „Gefühlsexperten“ ernannt und erhält eine entsprechende Urkunde.

Im abschließenden Kapitel wird die Wirksamkeit des Programms dokumentiert. Dazu werden die Ergebnisse von Wirksamkeitsstudien dargestellt. Es konnte gezeigt werden, dass nach dem Training sich insgesamt die sozial-emotionalen Kompetenzen der Kinder verbesserten und sich das Problemverhalten reduzierte. Besonders deutlich sind die Effekte bei Kindern, die schon vor dem Training Problemverhalten zeigten; sie bauten deutlich mehr Problemverhalten ab und mehr prosoziales Verhalten auf als Kinder aus einer unauffälligen Kontrollgruppe.

Diskussion

Verhaltens- und sozial-emotionale Auffälligkeiten im Kleinkind- und Vorschulalter nehmen zu. Zumindest lassen die Vorgestellungsgründe in der Frühförderung und die Gespräche mit Erzieherinnen diesen Schluss zu. Letztere haben auch gelernt, genauer und sensibler zu beobachten. Es ist sinnvoll, den Kindergärten ein Programm an die Hand zu geben, die Wahrnehmung und die Fertigkeiten der Kinder zu stärken.

In diesem Programm lernen die Kinder, eigene und fremde Emotion wahrzunehmen, den Emotionsausdruck zu erkennen und zu verstehen und Unterschiede wahrzunehmen. Sie erwerben Wissen über emotionsauslösende Situationen, über Ursachen von Emotionen und über die Regulation von Emotionen. Sie lernen Konfliktsituationen differenziert wahrzunehmen, sie zu bewerten, Handlungskonsequenzen zu überlegen und angemessene und effektive Problemlösungen zu entwickeln.

Eine wichtige Vermittlungsform ist der Stuhlkreis, in dem die grundlegenden Elemente erarbeitet werden. Es wird dabei von den Erfahrungen der Kinder ausgegangen. Im Rollenspiel werden konkrete Verhaltensweisen eingeübt.

Das Programm sollte vom Aufwand her gut in den Kinderalltag einzubetten sein. Es wird im Buch ausführlich, verständlich und nachvollziehbar dargestellt. Leider muss wichtiges Material gesondert bezogen werden.

Das Programm ist so evaluiert, dass zumindest kurzfristige Erfolge dokumentiert sind. Es ist zu hoffen, dass sich diese stabilisieren, wenn das Thema im Kindergarten auch nach der Durchführung des Programms präsent bleibt und die gelernten Verhaltensweisen konsequent eingefordert werden.

Die Erfolge waren nach Ansicht der Erzieherinnen bei schon auffälligen Kindern deutlicher. Dies sollte nicht dazu führen (die Autoren warnen auch davor), dass das Programm nur mit auffälligen Kindern durchgeführt wird. Zum einen profitieren alle Kinder davon, zum anderen dienen sozial kompetente Kinder als Modell für die anderen Kinder. Die ganze Gruppe profitiert davon, wenn die verbesserte Wahrnehmung und damit die gelernten Verhaltensweisen für alle Kinder verständlich eingeführt wurden.

Zielgruppen

Kindergärten

Fazit

Das Training ist ein Präventionsprogramm, dessen (zumindest kurzfristigen) Erfolge belegt werden können. Das Programm ist kindgerecht und sollte Kindern wie dem pädagogischen Personal Spaß bereiten.


Rezension von
Dr. Dipl.-Psych. Lothar Unzner
Leiter der Interdisziplinären Frühförderstellen im Landkreis Erding im Einrichtungsverbund Steinhöring
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Zitiervorschlag
Lothar Unzner. Rezension vom 13.09.2013 zu: Ute Koglin, Franz Petermann: Verhaltenstraining im Kindergarten. Ein Programm zur Förderung emotionaler und sozialer Kompetenzen. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2013. 2., überarb. Auflage. ISBN 978-3-8017-2485-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14965.php, Datum des Zugriffs 28.10.2021.


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