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Daniela Michaelis (Hrsg.): Bildung: integral

Rezensiert von Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer, 18.06.2013

Cover Daniela Michaelis (Hrsg.): Bildung: integral ISBN 978-3-8382-0443-7

Daniela Michaelis (Hrsg.): Bildung: integral. Integrale Modelle für eine innovative Lehr- und Lernkultur. ibidem-Verlag (Stuttgart) 2013. 231 Seiten. ISBN 978-3-8382-0443-7. 19,90 EUR.

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Die Suche nach Harmonie und Wahrheit

Über Bildung lässt sich trefflich streiten! Die aristotelische paideia subsumiert Bildung als die Herausforderung zur Erziehung der zukünftigen Bürger für den Staat. Mit der Littschen Formel „Führen oder Wachsen lassen“ wird gleichzeitig daran erinnert, dass Bildung existentiell ist (vgl. dazu auch: Julia Weitzel, Existenzielle Bildung. Zur ästhetischen und szenologischen Aktualisierung einer bildungstheoretischen Leitidee, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/14260.php). Es dürfte mittlerweile Einverständnis dafür vorliegen, dass Bildung nicht mit dem „Trichter“ eingeflößt oder als einzementiertes Fundament festgelegt werden kann, sondern als Prozess zu verstehen ist, der immerwährenden Veränderung unterliegt (Michael Maaser / Gerrit Walther, Hrsg., Bildung. Ziele und Formen, Traditionen und Systeme, Medien und Akteure, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12295.php). Die bekannte, kritische Frage – „Wissen Sie, wie Lehrbücher entstehen?“ – und die Antwort: „Sie entstehen, dass sie von Lehrbüchern abgeschrieben werden, die von Lehrbüchern abgeschrieben werden…“ – lässt sich ohne weiteres auch für den Bildungsbegriff stellen. Der zôon politikon, das politische Lebewesen im Sinne der abendländischen Bildung, ist ja jemand, der in der Lage ist, kraft seines Verstandes ein gutes Leben zu führen; eben nicht nur zu „funktionieren“, wie es für Ideologie, Ökonomie, Materialismus oder Momentanismus angesagt ist (vgl. dazu auch: Karl Heinz Bohrer, Selbstdenker und Systemdenker. Über agonales Denken, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12903.php; sowie: Fritz B. Simon, Wenn rechts links ist und links rechts. Paradoxiemanagement in Familie, Wirtschaft und Politik, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/14542.php). Die Suche nach Sinn, Wirklichkeit und Wahrheit im menschlichen Dasein führt ja in der Geschichte und Gegenwart zu vielfältigen, natürlich auch kontroversen Auffassungen (Lawrence LeShan, Das Rätsel der Erkenntnis. Wie Realität entsteht, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/13512.php; Antonio Damasio, Selbst ist der Mensch. Körper, Geist und die Entstehung des menschlichen Bewusstseins, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/13124.php; Peter Brüger / Jörg Lau, Hrsg., Sag die Wahrheit! Warum jeder ein Nonkonformist sein will, aber nur wenige es sind, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12494.php; Bernhard Rathmayr, Selbstzwang und Selbstverwirklichung. Bausteine zu einer historischen Anthropologie der abendländischen Menschen, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/11820.php).

Entstehungshintergrund und Herausgeberin

Wenn wir uns – bei diesem literarischen „Rundumschlag“ – auf die Frage konzentrieren, was menschliche Bildung ist, müssen wir gleichzeitig passen; es sei denn, wir fragen, wozu Bildung sein soll (Karen Joisten, Hrsg., Räume des Wissens. Grundpositionen in der Geschichte der Philosophie, 2010, www.socialnet.de/rezensionen/10650.php). Damit landen wir dann wieder bei der theoretischen Fragestellung ( Florian von Rosenberg, Bildung und Habitustransformation. Empirische Rekonstruktionen und bildungstheoretische Reflexionen, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12015.php), oder bei der nach der „Bildungsgerechtigkeit“ (Ingo Kramer, Herausforderung Bildungsgerechtigkeit. Zum fairen Umgang mit dem Leistungsprinzip, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/11185.php), auch bei der Zweckbestimmung und letztlich nicht bei der Frage, was Bildung ist, sondern wie Bildung möglich wird (Carl Deichmann / Christian K. Tischner, Hrsg., Ansätze der politischen Bildung, 2013, www.socialnet.de/rezensionen/14597.php; Gerald Hartung / Magnus Schlette, Hrsg., Religiosität und intellektuelle Redlichkeit, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/14680.php; Johannes Tschapka, Bildung und Nachhaltige Entwicklung. Vermittlung einer zerbrechlichen Zukunft, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/11129.php; Thorsten Fuchs, Bildung und Biographie. Eine Reformulierung der bildungstheoretisch orientierten Biographieforschung, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/11821.php; Gregor Lang-Wojtasik / Ulrich Klemm, Hrsg., Handlexikon Globales Lernen, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/14177.php).

Es ist die Frage nach dem Integralen in den Bildungs- und Erziehungswissenschaften, die hinter der Vermutung steckt, dass der Mensch ein zur Bildung befähigtes Lebewesen ist; und zwar nicht allein im Sinne von angeeigneten Fertigkeiten, sondern als Humanum einer ganzheitlichen Sichtweise des Menschseins. Daraus ist die „integrale Pädagogik“ entstanden. Sie bezieht sich darauf, dass die Kognition des Menschen nur dann human wirksam werden kann, wenn die Emotion in gleicher Weise zu ihrem Recht kommt, Gehirn und Herz gewissermaßen also sich im Gleichklang und Harmonie befinden. Diese Auffassung hat Konsequenzen für menschliche Bildung und Lernen: „Menschen, die mehr wahrnehmen, können auch mehr berücksichtigen, da die mannigfachen Perspektiven auch die Flexibilität erhöhen“.

Die an der Karl-Franzens-Universität in Graz lehrende Erziehungswissenschaftlerin Daniela Michaelis hat zu den Themenbereichen „Lebenslanges Lernen“, „Bildungswissen“, „Gestaltpädagogik“, „Theaterpädagogik“ und „systemische Therapie“ bereits Theorie- und Praxiskonzepte veröffentlicht (Daniela Michaelis / Regina Mikula, Integrale Pädagogik. Die Babuschkas tanzen in die Pädagogik hinein. Metamodell Lernen und TIP(s) integraler Lernpraxis, 2007). Mit dem Buch „Bildung: integral“ legt sie einen Praxisbericht aus ihrer Lehr- und Seminartätigkeit vor. Studierende setzen sich mit unterschiedlichen Zugängen und Theorie-Praxis-Konzepten einer integralen Bildung auseinander und diskutieren Modelle für eine innovative (schulische und außerschulische) Lehr- und Lernkultur vor.

Aufbau und Inhalt

Thomas Wibmer erzählt die Geschichte vom Elefanten und der Maus und verdeutlicht dabei, wie (Fakten-) Wissen, Können und Verstehen sich auseinanderentwickeln, aber auch zusammenwachsen können und Erkenntnisse bewirken, wie: Erkennen … „sieht keine Trennungen, keine Gegensätze, sondern versucht das wahre Ganze zu erkennen. Je mehr man sich in symbolische Repräsentation der Wirklichkeit verstrickt, umso weiter entfernt man sich von der Wirklichkeit“.

Bettina Meierl setzt sich in ihrem Aufsatz mit dem „Gehirn-Herz-Bonding in der integralen Pädagogik“ auseinander, indem sie modellhaft mit dem „Quadrantenmodell“ von Ken Wilber (de.wikipedia.org/wiki/Ken_Wilber) dafür argumentiert, „eine integrale Gesamtschau… die menschliche Entwicklung in all ihren Funktionen und Formen darzustellen“, damit „Wege zum Selbst“ didaktisch und methodisch aufzuzeigen und pädagogisch das Wissen über die physiologischen und psychologischen menschlichen Entwicklungen zu diskutieren.

Armin Dhanani nimmt die Ergebnisse der internationalen Schulvergleichs-Untersuchungen (PISA, 2010) zum Anlass, einen „Nachholbedarf im österreichischen Bildungsvergleich“ festzustellen. Mit der Frage – Was sind die maßgeblichen Unterschiede zwischen dem finnischen und österreichischen Bildungssystem im elementaren Bereich und inwieweit besteht im österreichischen Bildungssystem Handlungsbedarf?“ – vergleicht der Autor die unterschiedlichen Bildungs-, Lehr- und Lernauffassungen und erkennt auf der einen Seite überwiegend die Praxis der Selektion und der formalen Bildung, auf der anderen ganzheitliche Bildungs- und Lernmodelle, wie sie auch von der integralen Pädagogik vorgeschlagen werden.

Livia Eva Friedl und Carina Maria Maas reflektieren mit der uralten Aufforderung „Erkenne Dich selbst!“ die Bedeutung der Persönlichkeitsbildung in der Lehrer/innen-Ausbildung. Sie stellen eine Studie vor, in der sie Bedeutung und Stellenwert von relevanten pädagogischen Grundbegriffen (Erziehung – Lernen – Bildung) klären und deren Relevanz für die Lehrerausbildung anhand von verschiedenen pädagogischen Modellen thematisieren. Anhand von unterschiedlichen pädagogischen Richtungen zur ganzheitlichen Bildung nehmen sie die in der integralen Pädagogik diskutierten und angewandten Paradigmen (z. B. die „Paradigmenspirale“) auf, um schließlich mit Beobachtungsprotokollen bei ausgewählten Grazer Schulen und Befragungen von Lehrkräften die Notwendigkeit aufzuzeigen, wie Persönlichkeitsbildung in der LehrerInnen-Aus- und -fortbildung notwendig und möglich ist.

Thomas Blattl plädiert für „Kommunikation und Führungsstil in einer Firma aus integraler Perspektive“. Er nimmt das Kenn Wilbersche Modell der vier Quadranten – innere subjektive Prozesse / beobachtbare Verhaltensweisen und Sachverhalte / intersubjektive Verständigungen / soziale und materielle Systeme und Umwelten – und verdeutlicht damit und mit dem Spiralmodell die verschiedenen Führungs-, Kommunikations- und Arbeitsebenen in einem Unternehmen. Die sich aus dem integralen Ansatz ergebenden Beobachtungs-, Erkenntnis- und Lösungskompetenzen bieten die Chance, Entwicklungen, Probleme oder Konflikte in Firmen und Arbeitsprozessen zu verdeutlichen.

Fazit

Es sind nicht in erster Linie die theoretischen Grundlegungen, die in den vorgestellten studentischen Arbeiten das Konzept der integralen Bildung begründen; vielmehr – und das ist das Anliegen der Herausgeberin – sind es die deutlich erkennbaren Bemühungen, die Bedeutsamkeit eines theoretisch formulierten, ganzheitlich definierten Bewusstseins und einer grundlegenden Erweiterung des (Bildungs-)Denkrahmens von in pädagogischer Ausbildung befindlichen jungen Menschen aufzuzeigen. Mit der Metapher „Aufgestreute Blütenblätter … und sie duften!“ kennzeichnet Daniela Michaelis ihre Lehr- und Lernbemühungen und ihre Forschungsarbeiten zur integralen Bildung. Sie sieht im pädagogischen und Bildungsdiskurs, dass der „integrale Frühling“ angebrochen ist. Es ist zu hoffen und zu wünschen, ihr und uns allen!

Bei einer Neuauflage des Buches sollten die doch nicht unerheblichen Layoutprobleme bei der Herstellung des Buches (z. B. Seiten 120/121) korrigiert und bei den Abbildungen für eine bessere Druckqualität gesorgt werden.

Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 18.06.2013 zu: Daniela Michaelis (Hrsg.): Bildung: integral. Integrale Modelle für eine innovative Lehr- und Lernkultur. ibidem-Verlag (Stuttgart) 2013. ISBN 978-3-8382-0443-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14967.php, Datum des Zugriffs 28.01.2023.


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