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David Richard Precht: Anne, die Schule und der liebe Gott

Cover David Richard Precht: Anne, die Schule und der liebe Gott. Goldmann Verlag / Verlagsgruppe Random House (München) 2013. ISBN 978-3-641-09282-5.
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Schule ist eine Anstalt, ist eine Anstalt, ist eine Anstalt…

Die seit Jahrhunderten in allen Gesellschaften, in denen es Schule gibt, immer wieder vorgebrachte Kritik an Schulsystemen und pädagogischen Konzepten, hat oft genug zu Veränderungen geführt, die – etwa in der LehrerInnen-Ausbildung, in der Verbesserung des Berufsbildes und des Lehrplans, in der Schulausstattung – durchaus dazu geführt, dass Schule heute nicht mehr so ist wie vor einhundert Jahren; viel seltener freilich hat sich verändert, wie Schule bildet und erzieht: Der „Nürnberger Trichter“ wirkt zwar nicht mehr so frontal und brutal wie früher, , und der „Rohrstock“ ist nicht mehr schlagkräftiges Lernargument; aber die Auffassungen über die Rollen von Educandus und Educandor in ihren Hierarchie- und Abhängigkeitsverhältnissen, wie auch die scheinbar naturwüchsigen und festgemauerten curricularen Bedingungen des Lernens in gegliederten Schulsystemen haben sich wesentlich nicht verändert (vgl. dazu: Alex Aßmann, Erziehung als Zumutung und Emanzipationsvorhaben. Eine kleine Einführung in die Pädagogik, 2008, www.socialnet.de/rezensionen/13846.php).

Spätestens, seit durch internationale Schulvergleichsuntersuchungen zutage tritt, dass der Turm von PISA schief und das deutsche Schulsystem in der Gefahr ist, einzustürzen, werden auch im gesellschaftlichen Diskurs Stimmen laut, die eine grundlegende Veränderung unseres Bildungs- und Erziehungsdenkens und -handelns in der Schule fordern. Die Spannweite des Diskurses reicht dabei von zaghaften und eher unwirksamen, auf die Erhaltung des Bestehenden requirierenden Korrekturen (Heinz Bude, Bildungspanik. Was unsere Gesellschaft spaltet, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12103.php), bis hin zu philosophisch begründenden, humanitären (Julian Nida-Rümelin, Philosophie einer humanen Bildung, 2013, www.socialnet.de/rezensionen/14556.php) und schulpraktischen Neuformulierungen (Wilfried Baur, Ansprüche an eine humane Schulgestaltung. Dialogische Maßstäbe schülerzentrierten offenen Arbeitens. 2011, www.socialnet.de/rezensionen/13481.php).

Entstehungshintergrund und Autor

Klagen über „die Schule“ gibt es also genug! Auch Vorschläge, wie sich die Zustände ändern könnten, liegen seit langem auf dem gesellschaftlichen Tisch! Best Practice Projekte zeigen, dass eine andere, bessere Schule möglich ist (Margret Rasfeld, „Stell Dir vor es ist Schule und alle wollen hin“. AV1 Pädagogik-Filme, Kaufungen 2011, Laufzeit: 64 Min., www.socialnet.de/rezensionen/11659.php). Die Vergabe des alljährlichen Deutschen Schulpreises an ausgewählte, allgemeinbildende Schulen bewirken, dass die gestrigen Einstellungen, wie „Das war schon immer so“, und „Das haben wir noch nie so gemacht“ in Frage gestellt werden (Manfred Prenzel / Michael Schratz / Gisela Schultebraucks-Burgkart, Hrsg., Was für Schulen! Schule der Zukunft in gesellschaftlicher Verantwortung, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12587.php). Über Provokationen wie – „Statt ihnen (den Kindern und Jugendlichen nämlich in der Schule, JS) dabei zu helfen, Neugier, Kreativität, Originalität, Orientierung und Teamgeist für eine immer komplexere Welt zu erwerben, dressieren wir sie zu langweiligen Anpassern“ – ist hier die Rede. Diese Attacke reitet der Philosoph und Bestsellerautor Richard David Precht, dessen Bücher wir in Socialnet bereits besprochen haben als Lichtblicke fortschrittlichen, humanen und innovativen Denkens und Handelns (u. a.: Richard David Precht, Wer bin ich – und wenn ja wie viele? Eine philosophische Reise, 2007, www.socialnet.de/rezensionen/9462.php; sowie: ders., Liebe. Ein unordentliches Gefühl, 2009, www.socialnet.de/rezensionen/9461.php). Dass er dabei einen besonderen, innovativen und emanzipatorischen Wert im Kreativpositiv sieht (Andreas Reckwitz, Die Erfindung der Kreativität, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/14393.php), macht seine Kritik an der Schule in besonderer Weise bemerkenswert – weil sich gerade diese menschliche Fähigkeit zur vergessenen Aufgabe schulischer Bildung entwickelt hat.

Aufbau und Inhalt

Zwei Kapitel sind es, die Richard David Precht in den Mittelpunkt seiner Anklage stellt.

Den ersten Teil titelt er mit „Bildungskatastrophe“. Er schaut nach, wie sich Bildungsbegriff und Bildungsauffassungen im historischen Diskurs und Machtgefüge entwickelt haben, missverstanden und missinterpretiert wurden. Dabei tritt er für eine Ehrenrettung des auf den Kathedern der Universitäten, den politischen Podien und Schultischen verzerrten und für die gewünschten Obrigkeitsverhältnisse zurechtgezimmerten „Humboldtschen Bildungsideal“ ein, indem er danach fragt, was Wilhelm von Humboldt (1767 – 1835) wirklich wollte, aber bei den gesellschaftlichen Bedingungen nicht erreichen konnte, dass er also „die Verhältnisse nicht ändern konnte, ohne die Menschen zu ändern. Und dass er umgekehrt die Menschen nicht ändern konnte, solange sich die Verhältnisse nicht geändert hatten“ – ein bis heute wirkendes Dilemma, wie es sich im Weltzustandsbericht 2010 ausdrückt: „Wenn das System falsch programmiert ist, stößt der gute Wille des Einzelnen an Grenzen“ ( Worldwatch Institute, Hrsg., Zur Lage der Welt 2010. Einfach besser leben. Nachhaltigkeit als neuer Lebensstil, 2010, http://www.socialnet.de/rezensionen/10494.php). Auch die in den 1960er Jahren erhobene Kritik am dreigliedrigen Schulsystem (Georg Picht, Deutscher Bildungsrat, u.a.) prallte an den zementierten bildungs- und standespolitischen Mauern ab; wie auch die internationalen Schulvergleichsuntersuchungen und die Blicke über den deutschen Schulgartenzaun an der „flächendeckenden Rückständigkeit“ im deutschen Schul- und Bildungswesen wenig verändert haben. Vielmehr stellt Precht eine Rückentwicklung in die Richtung des „Nürnberger Trichters“ und „Vermessungs-(Test-)Euphorien“ fest, bis hin zur Kürzung von Schulzeit (G8) zugunsten der ökonomischen Verwertbarkeit des Menschen und einer unwürdigen, sogar volkswirtschaftlich schädlichen sozialen Selektion. Die Philippika geht weiter und zeigt die vielen Dilemmata unserer Schulen auf, bis hin zur Lehrerausbildung, der unterentwickelten Bedeutung von Didaktik und Methodik beim Lernhandeln und Unterrichten. Um die scheinbar nicht veränderbaren Situationen in den Schulen (und natürlich damit auch in der Gesellschaft!) doch umzukehren, hin zu einem humanistischen Existieren (Jürgen Straub, Hg., Der sich selbst verwirklichende Mensch. Über den Humanismus der Humanistischen Psychologie, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/13888.php), bedarf es einer Überzeugung, dass gute Schulen möglich sind (Jörg Dräger, Dichter, Denker, Schulversager. Gute Schulen sind machbar – Wege aus der Bildungskrise, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12102.php).

Dafür wirbt und plädiert Richard David Precht im zweiten Kapitel des Buches, das er mit „Bildungsrevolution“ überschreibt. Damit widerspricht er den scheinbaren Hoffnungen, dass sich Schule in Deutschland peu á peu und in kleinen Schritten verändert; vielmehr ist ein Ruck notwendig, der gleiche Bildungschancen für alle Kinder in der Gesellschaft ermöglicht; nicht eingezwängt und verortet in ein gegliedertes Schulsystem, das sich orientiert an längst vergangenen gesellschaftlichen Strukturen, sondern durch individualisiertes, sowohl fächerbezogenes, als auch -übergreifendes und projektorientiertes Lernen, unter Berücksichtigung der Entwicklungsbedingungen der Schülerinnen und Schüler, sie zu motivieren, lernen zu wollen und nicht zu sollen. Dabei kristallisiert sich heraus: Eine gute Schule ist möglich! Seine Vorstellungen von einer guten Schule subsummiert der Autor in zehn Prinzipien, die er nicht selbst erfinden muss, sondern vorfindet in pädagogischen Konzepten und auch (vereinzelten) Wirklichkeiten, wie etwa die Montessorische intrinsische Motivation, die Einsicht, ein Kind individuell lernen zu lassen, Stofflernen mit Sinn und Sinnlichkeit zum Verstehen bringen, dem Kind das Gefühl der Gemeinschaft vermitteln, in der Schule eine Beziehungs- und Verantwortungskultur zu schaffen, Werte und Wertschätzung zu fördern, eine lernfreundliche Schularchitektur aufbauen, Konzentrationsfähigkeit pflegen, persönliche Bewertungen von Schülerleistungen einüben und in einer Ganztagsschule leben und lernen.

Fazit

Die ersten Stimmen und Reaktion auf Prechts Provokationen und Ermunterungen, nicht abzuwarten oder mit (allzu) kleinen Schritten und Schneckentempo die Schule verändern zu wollen, sondern revolutionär die Schule zu verändern, sind wie erwartet, zwiespältig. Während einerseits viel Zustimmung zu hören ist, bringen andererseits diejenigen ihre Geschütze in Stellung, für die eine veränderte Schule den Untergang des Abendlandes bedeutet. Doch die Argumente, die Richard David Precht aus zahlreichen Forschungs- und Praxisergebnissen heranzieht, sollten stark genug sein, damit eine Bildungsrevolution gelingt – Jetzt!

Die Nennung der Literatur zur Thematik, wie sie ausgewählt im Rezensionsdienst von socialnet vorgestellt wird, möge dazu beitragen, dass sich ein Bewusstsein entwickelt: Richard David Precht ist nicht allein mit seiner Kritik am deutschen Schulsystem!


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 12.07.2013 zu: David Richard Precht: Anne, die Schule und der liebe Gott. Goldmann Verlag / Verlagsgruppe Random House (München) 2013. ISBN 978-3-641-09282-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14980.php, Datum des Zugriffs 24.10.2020.


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