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Daniel Nitsch: Regieren in der Sozialen Stadt

Cover Daniel Nitsch: Regieren in der Sozialen Stadt. Lokale Sozial- und Arbeitspolitik zwischen Aktivierung und Disziplinierung. transcript (Bielefeld) 2013. 324 Seiten. ISBN 978-3-8376-2350-5. D: 32,80 EUR, A: 33,80 EUR, CH: 42,50 sFr.

Reihe: Urban Studies.
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Thema

Dass wir Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik zusammen denken, ist uns vertraut. Schließlich ist unsere Sozialpolitik im Kern als Sozialversicherungspolitik auf Arbeit bezogen, auf die Risiken des Arbeitsprozesses und Arbeit ist das zentrale Integrationsprinzip moderner Gesellschaften.

Und wir kennen eine kommunale Sozialpolitik, die zwar keine Recht schaffen kann und auch kein Geld verteilen kann, aber Lebensverhältnisse gestalten kann, das Soziale prägen kann, das in einer Stadt oder Kommune das Integrationspotential ausmacht.

Aber auf kommunaler Ebene der Stadt oder der Stadtteile stellt sich immer mehr die Frage, wie die Integration in den Sozialraum eines Quartiers zusammenhängt mit der Sicherung der sozialen Status durch Arbeit und durch die Integration in das sozialpolitische Leitungsgefüge. Man kann sinnvoller Weise nicht nur in ein Quartier integriert sein, ohne auch in das arbeits- und sozialpolitische Leistungs- und Sicherungsgefüge integriert zu sein. Das fordert die Städte heraus. Das Programm der „Sozialen Stadt“ hat zwar das Ziel integrativer Vernetzung von Arbeit und Wohnen, zeigt offensichtlich aber auch, wie schwierig sich dies in vielen Quartieren gestaltet.

Autor

Dr. Daniel Nitsch arbeitet als Politik- und Sozialwissenschaftler in Berlin.

Entstehungshintergrund

Der Autor hat mit dieser Arbeit am Fachbereich Politik- und Sozialwissenschaften der FU Berlin promoviert.

Aufbau

Die Arbeit gliedert sich in sieben größere Kapitel.

  1. Einleitung
  2. Neue Regierungstechnologien in der Politikwissenschaft
  3. Macht und Regierung bei Foucault
  4. Subjektivierung von Arbeit als Feld neuer Regierungsrationalitäten: Zwischen Disziplinar- und Selbsttechniken
  5. Die Lokale Arbeits- und Sozialpolitik und die Regierung lokaler Räume
  6. Die Regierung von lokalen Räumen zwischen Sicherheitspolitik und aktivierender Sozial- und Arbeitspolitik
  7. Resümee

Zu 1. Einleitung

In seiner Einleitung entfaltet Nitsch seine Fragestellung und benennt den theoretischen und analytischen Hintergrund, vor der seine Fragen diskutiert werden sollen. Er möchte die Veränderung der Regierungsweise zu Governance analysieren, indem er die an Foucault orientierten Gouvernementalitätsstudien, die neomarxistischen Studien aus der Arbeitssoziologie und die Forschungen zur Informalisierung der Arbeitsweisen und Politikformen zusammen bringt und auf die Governance-Ansätze in der Politikwissenschaft bezieht. Diese werden durch die Raumansätze einer kritischen Geographie erweitert und schließlich sollen in einer Fallstudie die verschiedenen Ansätze aufeinander bezogen werden.

Wie – so fragt der Autor – hat sich das Feld der Arbeits- und Sozialpolitik im Zuge postfordistischer Veränderungen der Wirtschafts- und Arbeitsverhältnisse gewandelt und wie reagiert eine kommunale Sozialpolitik auf die Subjektivierung und Individualisierung sozialer Problemlagen wie prekäre Beschäftigung und Arbeitslosigkeit? Und wie werden diese Reaktionen zusammengebracht mit den lokalen Bedingungen des Sozialen, mit der Gestaltung von Lebens- und Reproduktionsbedingungen in der Stadt?

Zu 2. Neue Regierungstechnologien in der Politikwissenschaft

Der Autor setzt sich zunächst mit dem Governance-Ansatz in der Politikwissenschaft auseinander und geht auf die wichtigsten Ansätze ein. Dabei unterscheidet er dann einen engeren und einen weiteren Begriff der Governance. Einerseits wird Governance verstanden als Steuerung und Koordination von selbständigen kollektiven Akteuren, die untereinander vernetzt sind, andererseits werden Interaktionsformen gemeint, die als Aushandlungsmodi begriffen werden können. Möglicherweise gehören beide Begriffe zusammen. die Steuerung von kollektiven Akteuren ist schließlich ein kommunikativer Prozess und muss in der Praxis auch so gestaltet werden. Machtkonstellationen werden in solchen Prozessen auch „entlarvt“, weil dieser Prozess nur dann funktioniert, wenn alle Argumente und Ansprüche zunächst auch Geltung haben – egal aus welchen Motiven heraus sie formuliert werden. Governance nur als Technik des Wie zu begreifen, erfasst den Partizipationsgedanken zu kurz.

Weiter geht der Autor auf den Informalisierungs-Ansatz bei Altvater/Mahnkopf ein. Dabei ist gemeint, dass kooperative Steuerung und informelle Netzwerke, die – kurz gefasst – eine Informalisierung der Staates mit der Folge des Abbaus seiner politischen Legitimation und der Unterlaufung rechtsstaatlicher Verfahren und verfassungsmäßiger Garantien. Weiter kommt es zu einer Informalisierung der Politik als Prozess und Praxis.

Zu 3. Macht und Regierung bei Foucault

Zunächst setzt sich Nitsch mit dem Diskursbegriff von Michel Foucault auseinander. Der Mensch als „Biowesen“ und der Diskurs ermöglichen dem Autor zunächst auch eine wissenschaftstheoretische Einordnung Foucaults als ein Vertreter des Poststrukturalismus und der Postmoderne. Denn Foucault wendet sich gegen den Verallgemeinerungsanspruch und die Notwendigkeit vernunftsphilosophischer Paradigmen und gegen eine globale Geschichtsschreibung universeller Strukturen und zeitloser Wahrheiten.

Danach beschreibt Nitsch Foucaults Methode der Genealogie. In der Genealogie geht es um die Machtverhältnisse in Diskursen, um das Verhältnis von Macht und Diskurs. Dabei referiert der Autor vier Entgegensetzungen von Prinzipien.

Foucault beschreibt die Genealogie als eine Verbindung gelehrter Erkenntnisse mit lokalen Erinnerungen – also eine Verbindung von Erkenntnissen über die Welt und der Natur mit dem im lokalen Kontext erworbenen kollektiven Gedächtnis?

Weiter beschreibt der Autor das Verhältnis von Biomacht und Bevölkerungspolitik und geht dann ein auf die Macht als Netzwerk und Kräfteverhältnis. Foucault versteht unter Macht zunächst nicht institutionalisierte Macht, eher ein Phänomen, das sich aus dem Kräfteverhältnis von Körpern ergibt, als komplexes dezentriertes Netzwerk antagonistischer einzelner Kräfte auf lokaler Ebene.

Anschließend setzt sich Nitsch mit der Kritik an Foucaults Machtkonzept auseinander.

Der zweite Teil dieses Kapitels ist dem Konzept der Gouvernementalität gewidmet. Dabei geht es dem Autor um eine erweiterte Sichtweise des Foucault‘schen Konzepts. Es geht also nicht nur um die Verschränkung von Regierungstechniken und Selbsttechnologien.

Mit der Entwicklung zum Territorial- und Anstaltsstaat wird der Personenverbandsstaat allmählich abgelöst. Das erfordert neue Formen des Regierens und der Entwicklung einer flächendeckenden Verwaltung eines Gebietes, in dem eine Bevölkerung wohnt, die nicht mehr durch personale Abhängigkeit charakterisierbar ist, sondern als Bevölkerung eines Gebietes innerhalb festgelegter Grenzen. Und es bildet sich die Wissenschaft der politischen Ökonomie aus, die das Verhältnis der Bevölkerung zur Wirtschaft diskutiert und die Ziele formuliert, die jetzt eine gute Regierung erreichen sollte.

Damit werden auch rationale Strategien erforderlich, die Regieren und Verwalten ermöglichen und Regieren wird zu einer Kunst. Die neuen Rationalitäten sind entweder die Staatsräson oder der Liberalismus. Dies wird vom Autor ausführlich begründet.

Weiter setzt sich der Autor mit dem Begriff der Bürgerlichen Gesellschaft auseinander, die Foucault als Korrelat zu einer Regierungstechnik beschreibt und die eng verbunden ist mit dem Begriff des Homo oeconomicus. Das Verhältnis von Staat und (bürgerlicher) Gesellschaft wird hier konstituiert.

Sicherheit, Freiheit und Disziplinierung in Foucaults Gouvernementalitätsanalyse sind weitere Gesichtspunkte, denen sich Nitsch widmet. Danach analysiert der Autor die von Foucault beschriebenen liberalen Strömungen des Ordo- und des Neoliberalismus. Während der Ordoliberalismus den Markt nicht als natürlich vorgegeben sieht, sondern durch die Politik gesteuert betrachtet, sieht Foucault im Neoliberalismus die Ökonomisierung des Sozialen. Der Begriff des Humankapitals macht dabei auch deutlich, dass es universell gültige Regeln gabe, nach denen Menschen so handelten.

Zu 4. Subjektivierung von Arbeit als Feld neuer Regierungsrationalitäten: Zwischen Disziplinar- und Selbsttechniken

Hier beabsichtigt der Autor, die Verbindung herzustellen zwischen dem theoretischen Ansatz der Gouvernementalität und den Analysen der Arbeitssoziologie. Die „Neuerfindung des Sozialen“ besteht in dem tendenziellen Übergang von der öffentlichen zur privaten Sicherheit, vom kollektiven zum individuellen Risikomanagement und von der Staatsversorgung zur Selbstsorge (Lessenich). Fordern und fördern wird zum Leitprinzip von Hartz IV, es kommt zur Subjektivierung der Arbeit, zur Disziplinierung durch Arbeit; der Nicht-Arbeitende wird diskreditierbar und zwangsläufig Objekt der Disziplinierung, da er auch zum Gefährder des Gemeinwohls wird.

Dies alles wird ausführlich beschrieben und begründet und kritisch ins Verhältnis gesetzt zu den Studien zur Gouvernementalität.

Weiter beschäftigt sich der Autor mit Studien der Arbeitssoziologie, die neue Arbeitsformen zwischen indirekter Kontrolle und Selbstdisziplin ausmachen. Nachdem erst indirekte Steuerung analysiert wird als eine neue Form der Kontrolle, die Individuen direkter mit dem Markt konfrontieren, werden einige Phasen indirekter Steuerung beschrieben. Der Weg führt von Programmen der Humanisierung der Arbeitswelt über ergebnisorientierte Leistungs- und Entgeltpolitik (Zielvereinbarungen) und Formen der Autonomie der Arbeiter bis dazu, dass der Arbeiter zum Arbeitskraftunternehmer wird. Subjektivierung der Arbeit wird u. a. auch verstanden als Selbstorganisation der Arbeit, was auch heißt, Spiel- und Handlungsräume gewährt zu bekommen. Nach einer sehr ausführlichen und kenntnisreichen Diskussion dieser Entwicklungen kommt Nitsch zur Einschätzung dieser Fragen in den Gouvernementalitätsstudien.

Nitsch setzt sich dann mit dem Unternehmerischen selbst kritisch auseinander, um dann auf das Verhältnis der Arbeitssoziologie zu den Gouvernementalitätsstudien einzugehen.

Arbeit und Prekarität sind ein weiteres Thema und in der Tat ist die Prekarisierung von Arbeits- und Lebensverhältnissen ein zentrales Thema der sozialpolitischen Integration – bzw. ihrer Bedrohung. Der Autor referiert dabei eine Studie von Dörre u. a., in der drei Zonen unterschieden werden: die Zone der Prekarität, die Zone der Integration mit geschützten Arbeitsverhältnissen und die Zone der Entkoppelung. Die Zonen werden ausführlich diskutiert – auch in den Konsequenzen für die Gesellschaft.

Nitsch referiert dann die Schlussfolgerungen, die Dörre u. a. ziehen:

  • Es gibt eine neue Form der Prekarisierung, die als „diskriminierende Prekarität“ (Paugam) umschrieben werden kann und die die im sozialen Abstieg befindliche Gruppe erfasst und auch die Normalitätsmaßstäbe von Arbeit verändert.
  • Prekarität soll in einem weiteren Sinne definiert werden und sich auf die Produktionsformen und die Struktur des Finanzmarktkapitalismus beziehen.
  • Es gibt unterschiedliche Formen der Prekarität, die untersucht werden müssen.
  • Es gibt eine Koexistenz unterschiedlicher Ausprägungen von Prekarität und daraus ableitbare Ansprüche, die nicht mit prekär – normal umschrieben werden können.
  • Die aktivierende Arbeitsmarktpolitik verstärkt die Tendenz der Disziplinierung durch den Markt, die die Teilhabe und die gesellschaftliche Anerkennung von Arbeit unterlaufen.
  • Prekarität sei eine historisch-kritische Kategorie, die Arbeitsverhältnisse als geschichtlich entstanden und insofern veränderbar begreife.

Der Autor geht dann auf das Verhältnis von Arbeit und Informalität ein, wobei Informalität vom Normalarbeitsverhältnis bis zur informellen Arbeit (Schattenökonomie) reicht oder in Anlehnung an Robert Castel unterschieden wird in eine Zone des Einschlusses, in eine Zone der Prekarität und in eine Zone der Ausschließung.

In einer Art Zwischenresümee geht der Autor in seinem letzten Abschnitt dieses Kapitels auf die Kritik und die Grenzen der Gouvernementalitätsstudien ein.

  • Die Rolle des Staates werde tendenziell vernachlässigt.
  • Die Untersuchung neoliberaler Regierungsrationalitäten greife zu kurz, wenn nicht auch die Macht der Ökonomie stärker berücksichtigt wird.
  • Die Widersprüche bei der Analyse der Machtmechanismen würden eher ausgeblendet.

Anschließend werden Probleme der Gouvernementalitätsstudien nach Langemeyer referiert.

Zu 5. Die Lokale Arbeits- und Sozialpolitik und die Regierung von lokalen Räumen

Die Raumkonzepte von Foucault eignen sich nach Meinung des Autors besonders, die Intensivierung von Macht durch die Optimierung von Kontroll- und Überwachungstechniken darzustellen. Denn mit der Einführung von Klassenräumen in Schulen, Fabrikhallen oder Zellen in Gefängnissen werden serielle Räume geschaffen, die sich für die Überwachung und Disziplinierung besonders eignen. Der Autor verweist auf Studien, die auch den Sozialwohnungsbau unter dem Aspekt seriellen Bauens interpretiert haben und sicher wird hier ein Aspekt von sozialer Kontrolle insofern virulent, als dass die Wohnungen alle einander gleichen. Wenn man eine kennt, kennt man alle. Und auch die Verteilung einer Bevölkerung gehorcht einer bestimmten Logik der Raumproduktion. Entstehen dadurch Quartiere, die durch das Programm der „Sozialen Stadt“ in ihrer Widersprüchlichkeit zur Integrationsabsicht der Stadt unsichtbar, verborgen werden sollen? Diese Frage taucht auf, wenn man das Foucault‘sche Konzept auf die Programme anwendet, was der Autor auch tut.

Der Autor gibt anschließend einen Überblick über die Raumkonzepte der kritischen Geographie und geht dabei besonders auf die Geographie von David Harvey ein, der aus einer marxistischen Sicht die Kapitalakkumulation aus einer historischen Perspektive in Verbindung bringt mit der räumlichen Ordnung und den räumlichen Strukturen, der der Kapitalismus hervorgebracht hat.

Weiter diskutiert der Autor den Ansatz von Henri Lefebvre, der in seiner Raumtheorie die „Kolonialisierung von Raum und Zeit“ zur Grundlage kapitalistischer Kontroll- und Verwertungslogik macht. Der städtische Raum wird so produziert (räumliche Praxis), er wird kognitiv entwickelt (Repräsentation von Raum) und der Raum repräsentiert sich durch seine Symbolisierungen.

Ein weiterer größerer Abschnitt widmet sich der Regierung lokaler Räume zwischen Sozialkapital und aktivierender Sozialpolitik.

Einmal geht es um das Sozialraumverständnis in der Sozialen Arbeit. Der Sozialraumbegriff, wie in die Chicagoer Schule geprägt hat, hat entscheidende Wandlungen erfahren bis hin, dass ein Sozialraumverständnis sich etablierte, das soziale Räume als wie auch immer integrierte Verwaltungseinheiten begreift. Und auch der Segregationsbegriff hat eine Diskursgeschichte hinter sich und in der Tat stellt sich zunehmend die Frage, ob Segregation nicht auch ein normaler Prozess der Verteilung von Raum bedeutet und dass negative Segregationseffekte natürlich dann auftreten, wenn eine bestimmte - in ihrer Integration bedrohte – Bevölkerung in einem bestimmten Raum verdichtet auftritt. Der Autor geht differenziert auf die Begriffs- und Programmgeschichte sozialräumlicher Verteilungsprozess ein und bringt sie auch in einen Zusammenhang zu sozialer Exklusion. Wann wird ein sozialräumlich segregiertes und benachteiligtes Quartier zu einem sozial benachteiligenden Quartier? Dabei referiert der Autor die gesamte entscheidende Literatur und setzt sich mit ihr auseinander.

Anschließend geht es um Konzepte des Sozialkapitals. Zunächst wird die Geschichte des Begriffs geklärt (Putnam, Coleman). Der Begriff will verdeutlichen, dass Bürger mit einander kooperieren und sich für die res publica einsetzen, weil sie sich als Teil dieser res publica verstehen können. Es geht weniger um eine sozialstrukturell vermittelte Kategorie als um eine soziale und moralische Kompetenz. Auch dies wird ausführlich an Hand der Literatur analysiert und beschrieben. Bedeutung erlangt das Konzept in der sozialraumorientierten Sozialen Arbeit dort, wo in deprivierten Quartieren benachteiligte Bewohnergruppen zu Akteuren gemacht werden sollen, die sich als Teil eines Gemeinwesens verstehen können. Dazu wird auf den klassischen Ansatz der Gemeinwesenarbeit zurückgegriffen bzw. auf das Quartiersmanagement, wie es sich im Programm der „Sozialen Stadt“ darstellt. Dabei geht es weniger um die sogenannten Quartierseffekte als vielmehr um die Frage, wie sich die Bewohner als Teil ihres Quartiers verstehen können, also als Teil des Sozialraums, den sie bewohnen und den sie auch mitgestalten könnten, wenn sie Akteure wären. Es geht also eher um die Frage, ob sich die Bewohnerschaft eines Quartiers sozial verorten kann, also Vertrauen in die Alltagsbewältigung und in die Strategien der Lebensführung im Kontext des Sozialraums hat.

Zu 6. Die Regierung von lokalen Räumen zwischen Sicherheitspolitik und aktivierender Sozial- und Arbeitspolitik

Ist das Quartiersmanagement eine geeignete Strategie, um im Rahmen des Programms „Soziale Stadt“ Integration in den Sozialraum und Integration in das arbeitsmarkt- und sozialpolitische Leistungsgefüge mit einander zu verbinden? Diese Frage treibt den Autor anscheinend in diesem Kapitel um.

Das Programm „Soziale Stadt“ setzt ja sehr stark auf Partizipation der Beteiligten und auf ihre Aktivierung, also darauf, dass sie etwas mitgestalten oder gar in die Hand nehmen können, was der Sozialstaat bisher geleistet hat. Aktivierung in der Arbeitsmarktpolitik meint ja, dass man sich auch selbst drum kümmern muss; gilt dies jetzt auch für die Reproduktionssphäre, für das Wohnen und Integriert-sein in ein Quartier?

Der Autor setzt sich mit dem Berliner Quartiersmanagement auseinander. Zuvor beschreibt und kommentiert er das Programm „Soziale Stadt“ und seine Begleitprogramme, die ja in der Tat arbeitsmarktpolitische Programme sind, also auf die Integration durch Arbeit und weniger auf die soziale Integration durch Wohnen setzen.

Weiter fragt Nitsch, ob das Quartiersmanagement als Schlüsselinstrument des Programms auf lokaler Ebene das geeignete Umsetzungsinstrument ist. Schließlich soll das Quartiersmanagement den systematischen Aufbau von Strukturen im Quartier ermöglichen und die gesamtstädtische Entwicklungspolitik in dieser Richtung beeinflussen. Dass dies einhergehen muss mit der Aktivierung und Befähigung der Quartiersbevölkerung und den dort schon aktiven Institutionen, Organisationen oder bereits befähigten Akteuren, versteht sich dann fast von selbst.

Nach einer kritischen Auseinandersetzung mit dem Programm, in der auch mehrere Dilemmata und zum Teil auch bekannte Umsetzungsprobleme aufgezeigt werden, geht der Autor auf das Quartiersmanagement in Berlin ein.

Dreh- und Angelpunkt seiner Analyse ist das Senatsgutachten „Sozialorientierte Stadtentwicklung“, das der Senat 1997 in Auftrag gab und das zusammen mit einem anderen Gutachten (Krätke, Borst) – bei allen Unterschieden in der Einschätzung -Segregation als Schwerpunkt der Problemanalyse ausmachte. Und dieses Gutachten ist zugleich auch der Ausgangspunkt des Konzepts eines Quartiersmanagements, das über das hinausgehen sollte, was klassische Gemeinwesenarbeit in benachteiligten Quartieren zu leisten vermag. Beide Gutachten werden ausführlich diskutiert, bevor dann der Autor die Gebiete diskutiert, in denen Quartiersmanagement implementiert wurde. Er geht dann auf ein Gebiet – Schillerpromenade – besonders ein. Dieses Gebiet weist einen hohen Verfestigungsgrad auf und kann im Rahmen des Programms „Soziale Stadt“ eher unter dem Gesichtspunkt bewertet werden, wenigstens die Verhältnisse zu stabilisieren. Auf einige Aufwertungserscheinungen verweist Nitsch allerdings. Hauptschwerpunkte des Quartiersmanagements sind die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit, die Verbesserung der Infrastruktur und des Rufs des Quartiers, Stärkung von Nachbarschaft und lokaler Ökonomie und der Integrationspotentiale.

Der Autor hat eine Befragung zum Quartiersmanagement und Recherchen in den 17 Soziale-Stadt-Gebieten durchgeführt und 15 qualitative Interviews mit Quartiersmanagern geführt.

Dabei hat er festgestellt, dass es eher konsensfähige Maßnahmen gab wie Kinderspielplätze, und die Verbesserung des Wohnumfeldes, und eher mühsamere Projekte, wie Beteiligung und die Integration von Migranten. Auch die Zusammenarbeit mit anderen Initiativen ist unterschiedlich und hängt ab von der Trägerstruktur vor Ort.

Nitsch setzt sich dann mit dem Quartiersmanagement als Regierungsrationalität auseinander. Dabei geht es ihm um die Konsequenzen, die mit der Benennung eines Gebietes als Soziale-Stadt-Gebiet verbunden sind und welche Konnotationen damit verbunden werden, und zwar auf der Ebene öffentlicher Diskurse als auch in Fachkreisen.

Danach beschreibt Nitsch die Nonprofit-Akteure – die freien Träger und andere Organisationen - die oft auch die Förderung der lokalen Ökonomie in die Hand nehmen und das Quartiersmanagement lediglich eine koordinierende Funktion übernimmt. Die freien Träger haben natürlich auch eigene Interessen und nutzten diese auch, was zunächst im Kontext der Einbeziehung der freien Träger in das sozialpolitische Leistungsgefüge nicht unschädlich ist. Damit setzt sich der Autor ausführlich und gründlich auseinander.

Weiter beschäftigt sich der Autor mit dem Quartiersmanagement als Teil einer lokalräumlichen Sicherheits- und Ordnungspolitik. Er setzt sich dabei kritisch mit der Funktion von Beschäftigungsprogrammen im Kontext des Zweiten Arbeitsmarktes auseinander – auch unter dem Aspekt von Sicherheit und Ordnung.

Inwieweit kann die Programm „Soziale Stadt“ als Regierungsmethode verstanden werden, als eine Regierungsform, die auf die Eigenverantwortlichkeit selbst regierter Gemeinschaft (governing by communities) setzt? fragt der Autor im letzten Abschnitt dieses Kapitels. Er setzt sich dabei kritisch mit Nicolas Rose auseinander, der den Tod des Sozialen, des öffentlichen Raumes propagiert und auf die Gemeinschaft als Kommunikationszusammenhang setzt. Aber auch schon der klassische Community-Begriff der Vorläufer der Chicagoer Schule haben community als einen Zusammenhang von Siedlungsgebiet (also Raum) und sozialem Zusammenhang gesehen und community ist auch immer an einen Ort, an den Raum gebunden. Wenn etwas verfällt, dann nicht nur die Gemeinschaft, sondern auch der Ort, der für die Verortung notwendig ist. Auch wenn Menschen zu Akteuren werden, benötigen sie das Vertrauen in die Strukturen ihres Quartiers – und das sind nicht nur Menschen. Dies wird mit anderen Worten vom Autor auch kritisch reflektiert.

Zu 7. Resümee

Im letzten Kapitel seines Buches fasst der Autor die Ergebnisse seiner Studie zusammen. Einmal geht es ihm um die Zusammenführung von Theorieperspektiven eines eher politologischen Governance-Ansatzes mit Beiträgen aus der Arbeitssoziologie und der in der Tradition von Foucault stehenden Gouvernementalitätsstudien.

Dann fasst er noch einmal seine Kritik am Programm „Soziale Stadt“ zusammen, in der er insgesamt konstatiert, dass das Programm eher zur Verfestigung von sozialen Spaltungstendenzen und zur Entmischung beiträgt als zum sozialräumlichen Ausgleich in der Stadt. Der Autor vergleicht dann die Gouvernementalitätsstudien mit marxistischen Ansätzen (Harvey, Lefebvre) und bezieht diesen Vergleich auf das Programm „Soziale Stadt“.

Weiterhin fasst der Autor seine Überlegungen zum Quartiersmanagement in Anschluss an Foucaults genelogischer Methodik zusammen und vergleicht sie mit den Gouvernementalitätsstudien. Es geht in diesen Studien um das Verhältnis von Freiheit und Sicherheit und wie lokale – soziale - Probleme sicherheitspolitisch bearbeitet werden.

Schließlich geht es dem Autor um die Begründung der Bedeutung von Foucaults „Geschichte der Gouvernementalität“ für eine integrative Sichtweise auf eine differenzierte Analytik des Regierens sozialer Räume und Quartiere. Unterschiedliche Bevölkerungsgruppen bedürfen unterschiedlicher Regierungsrationalitäten, also auch unterschiedlicher Qualitäten der Beziehung von Macht, Sicherheit und Freiheit.

Das Buch schließt mit einer ausführlichen Literaturliste ab.

Diskussion

Nicht nur, dass dieses Buch einem das Werk von Michel Foucault erschließt – die Umsetzung seines Ansatzes der Gouvernementalität auf die Beziehung von Sozial- und Arbeitspolitik einerseits und lokaler Stadt(entwicklungs)politik andererseits und deren interdependente Beziehung lässt erkennen, welche aktuelle Bedeutung Foucault heute hat.

Zwar haben wir bereits eine Reihe kritischer Analysen des Programms „Soziale Stadt“, aber im Kontext dieser Beziehungen wird dieser Kritik noch eine bedeutsame Facette hinzugefügt.

Sicher ist interessant, welche Bezüge das Programm zur Arbeitspolitik hat - auch unter Einbezug der Begleitprogramme. Viel wichtiger und interessanter ist aber die Auseinandersetzung mit der – zum Teil auch unbeabsichtigten – Funktion dieses Programms für die Stabilisierung und Verfestigung bestehender Verhältnisse. Und wir unterscheiden immer weniger zwischen einer guten Gemeinwesenarbeit und dem Quartiersmanagement und vergessen dabei die Tradition und Geschichte der Gemeinwesenarbeit als Aktivierung der Kritik an bestehenden Verhältnissen. Kann Quartiersmanagement das je werden? fragt sich der Leser dieses Buches kritisch. Und: welche Interessen verbinden die Städte mit dem Programm „Soziale Stadt“, nachdem sie ihre benachteiligten Stadtteile wiederentdeckt haben durch das Programm?

Das Buch bietet eine Fülle von kritischen Überlegungen, die mit der Philosophie des Programms eher zusammenhängen als mit seiner Pragmatik oder Programmatik.

Fazit

Wer die Aktualität von M. Foucault verstehen will und gleichzeitig einen kritischen Blick auf das Programm der „Sozialen Stadt“ werfen will, ist mit diesem Buch auf das Beste bedient.


Rezension von
Prof. Dr. Detlef Baum
Professor em. Arbeits- u. Praxisschwerpunkte: Gemeinwesenarbeit, stadtteilorientierte Sozialarbeit, Soziale Stadt, Armut in der Stadt Forschungsgebiete: Stadtsoziologie, Stadt- und Gemeindeforschung, soziale Probleme und soziale Ungleichheit in der Stadt
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Zitiervorschlag
Detlef Baum. Rezension vom 14.05.2013 zu: Daniel Nitsch: Regieren in der Sozialen Stadt. Lokale Sozial- und Arbeitspolitik zwischen Aktivierung und Disziplinierung. transcript (Bielefeld) 2013. ISBN 978-3-8376-2350-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14987.php, Datum des Zugriffs 06.07.2020.


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ISSN 2190-9245

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