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Gabrijela Mecky Zaragoza: Meine andere Welt. Mit Autismus leben

Rezensiert von Dipl.-Päd. Petra Steinborn, 14.01.2014

Cover Gabrijela Mecky Zaragoza: Meine andere Welt. Mit Autismus leben ISBN 978-3-525-40188-0

Gabrijela Mecky Zaragoza: Meine andere Welt. Mit Autismus leben. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2012. 156 Seiten. ISBN 978-3-525-40188-0. 9,99 EUR.
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Thema

Die Autorin Dr. Gabrijela Mecky Zaragoza lässt den Leser teilhaben an der Selbstbeschauung ihres Autismus. Sie lebt in einer anderen Welt, in der Welt einer Autistin. Ihre Wahrnehmungs- und Informationsverarbeitung im Gehirn funktioniert anders mit der Folge, dass sie Schwierigkeiten in der sozialen Wahrnehmung und sozialen Kommunikation sowie ein ausgeprägtes Bedürfnis nach Ordnung, Struktur und Routinen hat.

Autor

Dr. Gabrijela Mecky Zaragoza wuchs in Hamburg auf. Heute lebt sie als freischaffende Literaturwissenschaftlerin in Mexiko Stadt. Sie ist Asperger Autistin, was sie erst im Erwachsenenalter mit Mitte 30 erfuhr. Sie erlebt die Diagnose nicht als Krankheit, sondern vielmehr als „Erklärungsmodell, Entscheidungshilfe und Schutzmantel in einem“ (S. 24).

Aufbau und Inhalt

Das Buch (Taschenbuchformat) besteht aus 7 Kapiteln auf 156 Seiten. Auf jeder Seite ist der Name der Autorin und der Titel des Buches abgedruckt. Die Seiten sind eng beschrieben. Die Überschriften (Fettdruck) und Titel der Unterkapitel geben Einblick in die Erlebnis- und Gedankenwelt der Autorin.

Das Buch beginnt mit dem Kapitel Chicago oder der verlorene Schuh, in dem sie eine skurril anmutende Begebenheit in Chicago aus ihrem Leben vor der Diagnose beschreibt. Mit Mitte 30 erhält sie eine Diagnose: Diagnose als Diskurs, die für sie ein Erklärungsmodell ist, weil es alle Aspekte des Andersseins systematisch erfasst. Was erklärbar wird, kann verstanden werden und dadurch gegebenenfalls auch verzeihbar - für das Selbst und für andere. Die Autorin fühlte sich lange wie von einem anderen Stern, die Diagnose eines Mediziners bestätigte dieses Gefühl. Diese Diagnose ist keine behindernde Störung, sondern sie bietet Vorteile. Sie ist wie ein Schutzmantel, in den man sich einhüllen und notfalls verstecken kann. Seitdem die Autorin die Diagnose hat geht sie bewusster mit ihren Stärken und Schwächen um, was hilfreich ist, um sowohl schwierige Situationen zu meistern als auch diesen vorzubeugen.

Begegnungen mit anderen werden im Kapitel Mitmensch als Störfaktor beschrieben. Begegnungen sind geprägt von „Blickzwängen, Gesichtsrätsels, Sprachfallen, Gesprächsmanövern, Themenunverträglichkeiten und Verstrickungsgefahren“.

Die Autorin erlebt das Leben als Hindernislauf. Nicht selten erlebt sie Panikattacken aufgrund sozialer Anlässe. Sie bezeichnet sich als „Igelkind, Buhmädchen, Tiefgängerin, Vulkanfrau und Eigenbrötlerin“.

Im Kapitel Immergleich als Lullabei geht es um Routinen, die bei „Umzugsdramen“ deutlich werden. Sie hat „Ordnungslieben“, befindet sich oft in „Sammeltaumeln“ und erlebt „Wiederholungstaten“ wie hundert Mal den gleichen Film sehen oder immer dasselbe zu essen.

Das Kapitel Forschen als Struktursuche erläutert, wie sie ihre Welt analysiert und wie sie mit der Welt kollidieren kann.

Das letzte Kapitel trägt den Titel Mexiko oder die gefundene Spur.

Diskussion

Ich kann den Gedanken mit Dr. Gabrijela Mecky Zaragoza teilen, dass es das Leben leichter macht, wenn man die gleiche Bluse zwölf Mal im Schrank hat, allerdings in vier verschiedenen Farben. So ist es auch mit Hosen, Röcken und Taschen. Es geht dabei nicht darum, die Dinge zu horten, sondern diese Vorgehensweise löst das Problem „Was ziehe ich an“ effizient und elegant. Die Autorin beschreibt sich mit dieser Lebensart als „unverbesserliche Wiederholungstäterin“. Das ist nicht üblich, aber durchaus praktisch, weil damit die vielen kleinen alltäglichen Entscheidungen entfallen, was Zeit gibt für viele andere Dinge. Bis noch vor gar nicht langer Zeit wurde die Diagnose Autismus als Störungsbild oder behandlungsbedürftige Erkrankung klassifiziert. Mittlerweile setzt sich zunehmend der Gedanke durch, dass Autismus einer Normvariante menschlichen Daseins oder ein Ausdruck neurologischer Vielfalt ist. Da es keinen Menschen zweimal gibt sind wir alle Normvarianten. Aktuell wird zunehmend von einem Spektrum gesprochen. Die Autorin bringt es auf den Punkt: Ein breites Spektrum gibt Spielräume der Verortung.

Befördert wird dieses Denken durch Menschen wie die Autorin Dr. Gabrijela Mecky Zaragoza, die erst spät die Diagnose erhalten. Menschen wie sie beweisen, dass es möglich ist, ein normales Leben unter den Bedingungen von Autismus zu leben. Sie ist promovierte Literaturwissenschaftlerin, die wie Dr. Peter Schmidt, der Geophysiker ist, Beruf, Partnerschaft und Leben glücklich und erfolgreich lebt.

Fazit

Ein akademischer Werdegang bildet einen Schutzwall, an dem Verdächtigungen vieler Art abprallen schreibt Dr. Gabrijela Mecky Zaragoza auf Seite 25. In Bezug auf diese Einschätzung gebe ich ihr Recht, denn eine Diagnose wie Autismus trägt den Stempel, ein Mangel, eine Behinderung zu sein, die einschränkend wirkt. Dieser Stempel spricht Betroffenen vieles ab bzw. schreibt Dinge zu. Menschen wie Dr. Christine Preißmann (Überraschend anders. Mädchen & Frauen mit Asperger. Trias (Stuttgart) 2013 www.socialnet.de/rezensionen/15195.php oder Dr. Peter Schmidt Ein Kaktus zum Valentinstag. Ein Autist und die Liebe. Patmos Verlag (Düsseldorf) 2012 www.socialnet.de/rezensionen/13548.php) eröffnen uns eine andere Sichtweise auf das Leben unter den Bedingungen von Autismus. Der Leser erfährt, dass es keine Frage von mangelnder Intelligenz ist, wenn jemand Denkblockaden erlebt. Vielmehr sind diese mögliche Folgen eines overloads aufgrund einer ungehemmten Reizüberflutung. Auch hat es nichts mit einer Intelligenzminderung zu tun, wenn jemand ausgeprägte Routinen nutzt. Hier geht es vielmehr darum, Sicherheit zu erfahren oder unnötig erscheinende Entscheidungen wie „was esse ich heute“ oder „welchen Film schaue ich mir an“ elegant aus dem Weg zu gehen.

Ich bin sehr dankbar, durch Büchern wie diese am Leben und Erleben von Autisten teilhaben zu können, um meinen Blickwinkel für das zu schärfen, was möglich ist, aber auch für das aufmerksam zu bleiben, was schwierig sein kann. Beim Lesen begegnet man Erfahrungen und Dingen, die oft ganz anderer Natur sind als man landläufig erwartet hätte.

Der Autorin und Literaturwissenschaftlerin hatte die Intention, ein Schreibexperiment (S.32) zu erstellen: „Ich tauche in meine Welt ab, um aufzuschreiben, wie ich meinen Autismus sehe und erlebe, was ich an ihm liebe und was ich durch ihn verliere“ (S.33). Es ist ihr gelungen, eine gegliederte Selbstanalyse vorzulegen, die eine ausreichende Distanz zum Autismus wahrt. Das Buch ist keine Biografie im klassischen Sinn und auch kein Fachbuch über Autismus, vielmehr es ist eine „Selbstbeschau“ (…) „innerweltlicher Angelegenheiten“ (S.32), die mit Wort- und Textanalysen arbeitet.

Rezension von
Dipl.-Päd. Petra Steinborn
Tätig im Personal- und Qualitätsmanagement in einer großen Ev. Stiftung in Hamburg-Horn. Freiberuflich in eigener Praxis (Heilpraktikerin für Psychotherapie). Leitung von ABC Autismus (Akademie-Beratung-Coaching), Schwerpunkte: Autismus, TEACCH, herausforderndes Verhalten, Strategien der Deeskalation (systemisch), erworbene Hirnschädigungen
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Es gibt 272 Rezensionen von Petra Steinborn.

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Zitiervorschlag
Petra Steinborn. Rezension vom 14.01.2014 zu: Gabrijela Mecky Zaragoza: Meine andere Welt. Mit Autismus leben. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2012. ISBN 978-3-525-40188-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14991.php, Datum des Zugriffs 28.05.2022.


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