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Matthias Schilling, Hans Gängler u.a. (Hrsg.): Soziale Arbeit quo vadis

Cover Matthias Schilling, Hans Gängler, Ivo Züchner, Werner Thole (Hrsg.): Soziale Arbeit quo vadis. Programmatische Entwürfe auf empirischer Basis. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2013. 300 Seiten. ISBN 978-3-7799-2906-2. D: 34,95 EUR, A: 36,00 EUR, CH: 46,90 sFr.
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Themen und Entstehungshintergrund

Der vorliegende Band will die gegenwärtigen professionellen und disziplinären Entwicklungen innerhalb der Sozialen Arbeit reflektieren und weiterentwickeln. Dementsprechend ist die thematische Breite in den 17 Aufsätzen erheblich, und eine eingängige Systematik ist deshalb auch nicht ohne weiteres zu erwarten. Zugleich ist er aber auch als Festschrift zum Anlass des 60. Geburtstages von Thomas Rauschenbach konzipiert. Auf Rauschenbachs wissenschaftliche Arbeit, insbesondere aber auf sein Buch „Das sozialpädagogische Jahrhundert“ (1999), wird deshalb in den einzelnen Beiträgen in unterschiedlichem Umfang Bezug genommen.

Aufbau

Der Band gliedert sich in die drei Abschnitte

  1. „Die Soziale Arbeit der Gesellschaft“,
  2. „Professionelle Soziale Arbeit und organisatorische Rahmenbedingungen“ sowie
  3. „Sozialpädagogische Bildung – Arbeitsfelder und Adressatinnen/Adressaten“.

Im Folgenden wird aus jedem Abschnitt auf zwei Beiträge näher eingegangen.

Inhalt

Der erste Beitrag von Hans Gängler „Nach dem sozialpädagogischen Jahrhundert. Ein erstaunter Rückblick“ erörtert zunächst den Entstehungskontext zum Begriff „sozialpädagogisches Jahrhundert“. Hans Thiersch benutzte diesen Begriff allerdings bereits 1991, also einige Jahre vor Rauschenbachs prominenter Veröffentlichung. Das im Mittelpunkt stehende 20. Jh. war eben gekennzeichnet, so Rauschenbach, u.a. durch enormes Wachstum der Beschäftigtenzahlen im sozialen Sektor, Ausdifferenzierung der sozialen Dienstleistungen, Erschließung neuer Zielgruppen und Professionalisierung durch Akademisierung. Gängler fragt nun was auf dieses Jahrhundert folgt? Es folgt ein zunehmender Trend zur öffentlichen und organisierten Erziehung den bereits Rauschenbach im Ansatz empirisch belegt hatte, obwohl zu der damaligen Zeit Kindertagesstätten ab dem ersten Lebensjahr und Ganztagsschulen keine fassbaren Entwicklung waren. Hier fordert Gängler für die Zukunft mehr Theorie und mehr Reflexion. So bietet sich seiner Meinung nach an zu untersuchen, ob das System öffentlicher Bildung, Betreuung und Erziehung nicht zu einer möglichen “Kolonialisierung der Lebenswelt“ (Jürgen Habermas) von Kindern und Jugendlichen führt.

Der Folgebeitrag von Werner Thole „Überlegungen zu einer sozialpädagogischen Theorie der Praxis. Ein erster Aufschlag“ versucht, eine sozialpädagogischen Aufgaben angemessene Theorie zu begründen. Diese sich noch auf dem „Webstuhl“ befindliche Konzeptionalisierung, so der Autor, übernimmt als Ausgangspunkt und Grundlage das Habituskonzept von Pierre Bourdieu. Der Habitus beschreibt die Gesamtheit der Praxisformen eines Akteurs. Diese Praxisformen verdanken sich objektiver Gesellschaftslagen, sozialen Erfahrungsfeldern sowie individuellen Gestaltungswünschen. Die Formen selbst müssen als performative Praxis verstanden werden, als soziale, kulturelle und lebenslagenbedingte Handlungsvollzüge. Thole sieht mit diesem Konzept auch eine enge Verbindung zu Forschungsbezügen die Bourdieu ebenso entwickelt hat. So entsteht eine Theorie- und Forschungsarchitektur, die nicht nur Erklärungswissen, sondern auch sozialpädagogisches Handlungswissen zur Verfügung stellt. Da sich im Habitus Subjektivität, Lebenslage und handlungsformende Prä- und Neuformatierung ergibt, ist dieser Begriff bzw. dieses Konzept ein Schlüssel zur Sozialen Welt.

Der zweite Abschnitt beginnt mit einem Beitrag von Wiebken Düx und Reinhard Liebig zum Thema „Das freiwillige Engagement in der Sozialen Arbeit. Debatten, Entwicklungslinien und Ungereimtheiten“. Festgestellt wird dort, dass das Ehrenamt und das freiwillige Engagement gegenwärtig eine Aufwertung aber auch eine Veränderung erfährt. Die freiwilligen Tätigkeiten befinden sich häufig im thematischen Kontext von solidarischer Gesellschaft, Qualifizierungsmöglichkeiten u.a. auch für benachteiligte Jugendliche sowie Bildungsprozessen und den dort befindlichen Organisationen. Hinzu kommt die Engagementforschung, die bereits ihr 3. Freiwilligensurvey präsentiert. Über ein Drittel (36 Prozent) der deutschen Bevölkerung über 14 Jahren sind engagiert und das ist ein guter Mittelplatz im europäischen Vergleich. Beeinflusst wird freiwilliges Engagement durch höhere Bildungsabschlüsse und berufliche Qualifikation. Gerade bei den Motivationen junger Menschen treten diese Faktoren besonders deutlich hervor. Im sozialen Bereich liegt die Engagementquote von 5,2 Prozent auf Rang 4 von insgesamt 14 Rängen (hinter Sport, Freizeit und Kultur). Neben den ca. 600.000 eingetragenen Vereinen findet sich Engagement auch in sozialen Bewegungen, selbstorganisierten Projekten und Freiwilligenagenturen. Spannungen treten auf indem sich Konkurrenzen z.B. zu Hauptamtlichen, zu prekär werdenden Beschäftigungsverhältnissen und zu unterschiedlichen Handlungslogiken gerade auch innerhalb sozialer Organisationen bilden. Düx und Liebig verweisen aber auf ein Freiwilligenmanagement innerhalb der Organisationen mit dem sich ein Spannungsausgleich herstellen lässt. Im Ausblick stellen beide fest, dass gerade für die Soziale Arbeit bzw. die sie tragenden Verbände und Vereine, die festzustellende quantitative Beeinträchtigung des Ehrenamtes schwer wiegt. Vorgeschlagen wird z.B. ein Online-Volunteering oder auch eine neue Ausgestaltung der freiwilligen Tätigkeiten. Abzuwenden gilt es aber ihrer Meinung nach eine Verdienstlichung des Engagements, also eine Koppelung von Geld und Engagement.

Mathias Schilling und Jens Portmann analysieren in ihrem Aufsatz „Die KJH-Statistik – ein unverzichtbares Beobachtungsinstrument. Entwicklungslinien und zukünftige Herausforderungen“ die erhebliche und steigende Bedeutung dieser Statistik einschließlich der dazugehörenden Erhebungsmethoden. Die ersten amtlichen Erhebungen gehen auf das Jahr 1927 zurück, aber erst in den 1980er Jahren änderte sich der Charakter von einem Tätigkeitsnachweis für eingriffsorientierte Maßnahmen zu einer quantitativen Darstellung des Gesamtbildes der Jugendhilfe. Die Veränderung der KJH-Statistik, die im SGB VIII ihre Rechtsgrundlage hat, werden dargestellt und diskutiert. Die steigende Datenmenge steht nunmehr schneller und besser aufbereitet der Praxis, Politik und Wissenschaft zur Verfügung. Allerdings wird auch die Gefahr gesehen, dass über Datengläubigkeit eine situative Legitimationsfolie hergestellt wird, statt in der Statistik eine objektivierende Erkenntnisquelle zu sehen. Eine kritische Schwächenanalyse im Umgang und in der Interpretation von Beobachtung und Ergebnissen ist deshalb zwingend erforderlich. Die Autoren beschreiben im letzten Abschnitt des Aufsatzes die Bedeutung und Interessenlage der beteiligten Akteure wie die der Obersten Bundesjugendbehörde, der Ministerien des Bundes und der Länder, der Statistikämter als auch der Politik und Wissenschaft. Als zukünftige Herausforderung wird gesehen, die enorme Zahl von Tabellen durch ein Tabellenmanagement transparenter zu gestalten. Möglicherweise schafft ein Kennzeichensystem eine verbesserte Nutzung der Analyseergebnisse.

Heinz-Hermann Krüger und Cathleen Grunert untersuchen im letzten Abschnitt des Buches „Bildung im Jugendalter“ in ihrem gleichlautenden Beitrag. Die Jugendphase ist zu einer verlängerten und eigenständigen Lebensphase geworden in deren Mittelpunkt der Besuch von Bildungs- und Ausbildungsinstitutionen steht. Faktenreich wird über Jugend und Schule referiert. Und das knapp 50 Prozent eines Jahrganges mittlerweile eine Hochschulzugangsberechtigung erwerben bestätigt die Feststellung von der verlängerten Jugendphase. Im Zusammenhang von Jugend und Berufsausbildung wird u.a. darauf verwiesen, dass im Jahr 2010 erst mit 19,5 Jahren ein Ausbildungsvertrag geschlossen wurde. Teilweise ist dies auch dadurch bedingt, dass 23 Prozent der Ausbildungseinsteiger über das Abitur verfügen. Problematisch ist das Scheitern von Bildungsbiografien, die in Unterstützungsmaßnahmen die Form eines Zwangsmoratoriums annehmen. Der Abschnitt Jugend und Hochschule in dem Beitrag zeigt, dass erst 2012 die Studienanfängerquote in Deutschland den OECD-Durchschnitt von ca. 54 Prozent erreicht. Der Anteil der Studierenden aus niedrigen sozialen Milieus sinkt seit den 1980er Jahren deutlich (S. 202). Aufmerksamkeit schenken Krüger und Gruner insbesondere den außerschulischen Lern- und Bildungsbereichen (u.a. Jugendarbeit, Vereine, Museen, Ausstellungen, Peergruppen). Auch hier finden sich, wie in den traditionellen Bildungsinstitutionen, ausgeprägte Formen sozialer und kultureller Ungleichheit. Auf dem Hintergrund des gegebenen Forschungsüberblicks wird abschließend auch eine Forschungsperspektive formuliert: Erfassung sowohl von Veränderungen in der Jugendphase einschließlich demografischer Faktoren als auch von Formen sozialer Ungleichheit in dieser Phase. Vergleichend sind auch transnationale Bildungsentwicklungen zu beobachten.

Im letzten Abschnitt des Buches begibt sich Hans-Uwe Otto in seinem Beitrag auf die Suche nach einer Bildungstheorie, die sich auf den Möglichkeitsraum der Subjektbildung konzentriert. Er will die normative Bedeutung von Bildungsvorstellungen wie Selbstbestimmung und Mündigkeit deutlich erweitern und insbesondere Bildungsbedingungen, d.h. Ungleichheitsstrukturen mit in den Blick bekommen. Deshalb ist der Zusammenhang von Bildung, Gerechtigkeit und Chancenstruktur eine Notwendigkeit um den Möglichkeitsraum für Kinder und Jugendliche in ihrem Entwicklungsprozess zu konturieren. Eine Möglichkeit der Veränderung ist für Otto die Zusammenführung von formaler, nonformaler und informeller Bildung. Eine weitere Möglichkeit bzw. Forderung ist die Abkehr von Bildungsprozessen, die ausschließlich dem Kompetenzkonzept folgen. Der Kompetenzbegriff ist ungeeignet, so der Autor, Bildungsungleichheiten zu erfassen und konzentriert sich zu sehr auf das funktionale Vermögen des Menschen. Ein z.B. allein auf ökonomische Verwertbarkeit gerichteter Bildungsbegriff ist dementsprechend unzureichend. Der Befähigungsansatz (Capability Approach) fragt hingegen nach dem Vermögen zur Verwirklichung des Menschseins. Kompetenz ermöglicht es „gut zu leben“, Befähigung soll indessen zum „guten Leben“ führen (S. 231).

Diskussion

Der Band beinhaltet eine Reflexion neuerer Entwicklungen im Rahmen der Sozialarbeit und Sozialpädagogik. Dazu gehört das klassische Thema der Einbettung sozialer Arbeit in die Gesellschaft, Bezug zur Professionalisierung und durchaus als Innovation der Bezug zum Thema Soziale Arbeit/Sozialpädagogik und Bildung. Gerade das letzte Thema zeigt auch, dass kontroverse Standpunkte vorhanden sind. So z.B. wenn Hans Gängler das Aufwachsen und Bilden in öffentlicher Verantwortung auch kritisch hinterfragt, während Hans-Uwe Otto, beflügelt durch den Befähigungsansatz, öffentlich verantwortetes Aufwachsen und Bilden eher verstärkt wissen will. Der Band stellt insgesamt eine Sammlung unterschiedlicher Aspekte dar. Die vorgelegte Gliederung und die Zuordnung der einzelnen Beiträge beinhaltet nicht immer keine überzeugende Systematik, die dem anspruchsvollen Titel „Soziale Arbeit quo vadis“ gerecht würde. Aber vielleicht muss Soziale Arbeit gegenwärtig als ein patch-work ähnliches Handlungs-, Organisations- und Politikfeld gesehen werden?

Fazit

Der Band gehört sicherlich zur Pflichtlektüre für Akteurinnen und Akteure in den unterschiedlichen Sektoren der Sozialen Arbeit.


Rezension von
Prof. Dr. Erich Hollenstein
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Zitiervorschlag
Erich Hollenstein. Rezension vom 30.08.2013 zu: Matthias Schilling, Hans Gängler, Ivo Züchner, Werner Thole (Hrsg.): Soziale Arbeit quo vadis. Programmatische Entwürfe auf empirischer Basis. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2013. ISBN 978-3-7799-2906-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14997.php, Datum des Zugriffs 01.12.2020.


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ISSN 2190-9245

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