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Werner Reiners-Kröncke: Trauma und Traumabewältigung

Cover Werner Reiners-Kröncke: Trauma und Traumabewältigung. ZIEL Verlag (Augsburg) 2013. 196 Seiten. ISBN 978-3-940562-82-1. D: 19,80 EUR, A: 20,40 EUR, CH: 35,00 sFr.
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Thema

Das Buch behandelt die Bedeutung der „psychischen ersten Hilfe“ in traumatisierenden Situationen und will sich mit konkreten Handlungsempfehlungen an Einsatzkräfte der Krisenintervention und Notfallseelsorge sowie der Polizei, Feuerwehr und Rettungsdienste und andere Helfende wenden.

Autor und Autorinnen

Werner Reiners-Kröncke ist ehemaliger Vizepräsident und Professor der Hochschule Coburg in der Fakultät Soziale Arbeit und Gesundheit. Außerdem engagiert er sich ehrenamtlich beim Deutschen Roten Kreuz.Weitere Autorinnen sind Manuela Dette und Ines Haas, beide Dipl.-Soz-päd. (FH) mit Interesse an wissenschaftlichen Fragestellungen und verschiedenen Praxiserfahrungen.

Aufbau

Das Buch ist in 7 Kapitel mit jeweils mehreren Unterabschnitten gegliedert. Hinzu kommt ein umfangreicher Anhang zum Thema „School Shooting“. Das Inhaltsverzeichnis ist sehr detailliert.

Die ersten drei Kapitel beschäftigen sich mit Definition, Verlauf und Folgen von Traumatisierungen. Dem Thema Suizid, bzw. Suizidprävention ist das 4. Kapitel gewidmet. Kapitel 5 behandelt die praktische Notfallversorgung, in Kapitel 6 wird auf die spezielle Situation von Kindern eingegangen. Die Bedürfnisse der Helfenden selbst werden in Kap. 7 angesprochen.

Das Literaturverzeichnis ist nicht durchgehend alphabetisch geordnet, sondern getrennt nach Büchern, Zeitschriftenartikeln, Internetquellen und sonstigen Quellen.

Eine Besonderheit ist das separate Einlegeheft im Format DIN A6 als Leitfaden für den Praxiseinsatz, das auch in größeren Mengen beim Verlag nachbestellt werden kann. Inhalt sind im wesentlichen die Interventionsvorschläge aus den Kapiteln 5 und 6 (s.u.).

Inhalt

Im ersten Kapitel wird die Bedeutung und Verwendung des Traumabegriffes kurz erläutert. Die AutorInnen geben u.a. mittels einer tabellarischen Übersicht einen Überblick über die wichtigsten Kategorisierungen von Traumata, die sich entsprechend unterschiedlich für die Betroffenen auswirken können (nach Lebensalter, Typ I- oder Typ II-, sowie personale und apersonale Traumatisierung).

Anhand zahlreicher Tabellen und Schemazeichnungen wird im Kapitel 2 der Verlauf traumatischen Erlebens abgebildet. Neuronale und hormonelle Abläufe werden detailliert geschildert. Die Traumaverarbeitung nach dem Ereignis wird ebenfalls anhand eines Phasenmodells und Ablaufdiagramms veranschaulicht. Es handelt sich dabei um einen Selbstheilungsprozess, der nur dann professioneller Unterstützung bedarf, wenn die traumatische Einwirkung zu stark oder die vorhandenen Schutzfaktoren nicht ausreichend waren.

Psychische Folgeerscheinungen von Traumatisierungen werden in Kapitel 3 mit Bezug auf Risiko- und Schutzfaktoren angesprochen. Diagnosekriterien und Symptomatik der posttraumatischen Belastungsstörung werden erläutert, mit einem eigenen kurzen Abschnitt zur Symptomatik bei Kindern. Die AutorInnen schildern auch Phänomene wie Beziehungs- und Bindungsprobleme, und Reinszenierung des Traumas als Opfer oder TäterIn. Unter der Überschrift Komorbidität werden die Krankheitsbilder der Borderline-Persönlichkeitsstörung und der dissoziativen Störungen, sowie die Symptomatik selbstverletzenden Verhaltens angerissen.

Kapitel 4 beinhaltet eine Zusammenstellung verschiedener Statistiken und Informationen zum Thema Suizid und Suizidprävention.

Im 5. Kapitel (Notfallversorgung) werden die in Kapitel 2 geschaffenen theoretischen Grundlagen zu Erleben und Verarbeiten von Traumata auf die konkrete psychische Situation der Betroffenen in einem Unfall- oder Katastrophenszenario übertragen. Interventionen zielen auf deren Unterstützung und die Prävention von chronischen Belastungsstörungen. Als Kommunikationshilfe für HelferInnen vor Ort wird zunächst die klientenzentrierte Gesprächsführung erläutert. Eine Liste zu vermeidender Äußerungen oder Handlungen ergänzt konkrete Handlungsvorschläge anhand der „4-S-Regel“ und Vorschläge für hilfreiche Formulierungen. Es folgt ein Abschnitt über Stressbewältigung im Allgemeinen.
Wissen über Abläufe, Entscheidungsprozesse und verschiedene Funktionsträger bei Rettungseinsätzen wird im Überblick vermittelt. Ausführlicher gehen die AutorInnen auf wichtige Grundprinzipien der psychosozialen ersten Hilfe ein, wiederum mit sehr konkreten Handlungsleitlinien.
Dem Umgang mit Trauer und Tod (auch Todesnachrichten) sowie Suizid(-gefährdung) und der Rolle der Helfenden dabei ist je ein eigenes Unterkapitel gewidmet. Auch hier findet sich eine Auflistung von Aspekten, die in verschiedenen Situationen zu bedenken sind, was die Traumaverarbeitung der Betroffenen wie auch der Helfer erleichtern soll. Ausdrücklich abgeraten wird aber davon, diese wie eine Checkliste abzuarbeiten.

Kapitel 6 rückt die Kinder als (Mit-)Betroffene in den Fokus. Der besonderen Wahrnehmung der Umwelt von Kindern wird durch mehrere situationsspezifische Handlungsleitfäden für den Umgang mit Kindern in unterschiedlichen Notfallsituationen Rechnung getragen.

Im 7. Kapitel werden Hilfemöglichkeiten für belastete HelferInnen vorgestellt. Ein kurzer Abschnitt zur eigenen individuellen Psychohygiene geht der Vorstellung institutionell angebotener Nachsorgeprogramme voraus. Mehrfach angesprochen wird dabei das „Critical Incident Stress Debriefing“.

Der etwa 20seitige Anhang schließlich befasst sich mit School Shootings. Diesem Begriff wird gegenüber „Amoklauf“ der Vorzug gegeben. Der größte Teil des Anhangs gibt mögliche Ursachen und Präventionsansätze wider, Krisenintervention im Ernstfall wird in Bezug auf Umgang mit Medien und zuletzt auch auf den Umgang mit betroffenen LehrerInnen und SchülerInnen thematisiert.

Diskussion

Die Abschnitte des Bandes bauen zum Teil schlüssig aufeinander auf. Durch zahlreiche Abbildungen und Tabellen wird traumaspezifisches Fachwissen auch für medizinisch-psychologische Laien verständlich und auf angemessenem Niveau vermittelt (Kap.1-3) und in konkrete Handlungsempfehlungen umgesetzt (Kap. 5-7).

Ein praktischer Nutzwert besteht für professionell oder ehrenamtlich Helfende, die mit Notfalleinsätzen in jeglicher Form konfrontiert sind. Sie können sich anhand der Leitfäden vor einem Einsatz wichtige Aspekte im Umgang mit akut traumatisierten Erwachsenen und Kindern ins Gedächtnis rufen.

Aufgrund der Themenstellung des Buches und des Erscheinens in der Reihe „Hochschulschriften“ hätte ich allerdings eine klare Definition von „psychischer erster Hilfe“ erwartet. Unklar bleibt die Abgrenzung zu psychosozialer Krisenintervention und zur Notfallpsychologie. Ebenso fehlt ein Literaturhinweis auf die „Forschungen“, die die präventive Wirkung von psychischer erster Hilfe belegen (S. 9). Interessant wären auch Informationen zur Entstehung und Wirksamkeit der strukturierten Handlungsleitfäden und Interventionsprogramme gewesen, und Hinweise für Situationen, in denen die verbale Kommunikation eingeschränkt ist.

Aus dem Text geht nicht hervor, warum gerade den Themenbereichen Suizid (Kap. 4) und School Shootings (Anhang) unabhängig von der konkreten psychischen ersten Hilfe jeweils ein eigener Abschnitt eingeräumt wird. Für andere Spezialthemen wird hingegen auf die weiterführende Literatur verwiesen (sexualisierte Gewalt, Umgang mit Menschen mit Behinderungen).

Aus meiner Sicht verliert das Buch dadurch nicht nur an nachvollziehbarer Struktur, sondern auch an inhaltlicher Klarheit.

Beginnend mit Kap. 4 wird außerdem der Lesefluss durch zahlreiche unstimmige und oft grammatikalisch fehlerhafte Satzkonstruktionen gehemmt („ist einer der Problemkomplexe erschüttert“, S. 79; oder „Gefährdung eines Suizidversuchs“, S. 83).

Hinzu kommen inhaltliche Irritationen: beispielsweise wenn im Kapitel zur Notfallversorgung am Unfallort unvermittelt ein Abschnitt zu Stressbewältigung steht, in dem „Einkaufsbummel“ und „gesunde Ernährung“ empfohlen werden (S. 93); wenn zwei aufeinanderfolgende Abschnitte ohne aufeinander Bezug zu nehmen das gleiche Thema behandeln (S. 141ff.); wenn zuerst angekündigt wird, die „Psychologie“ solle „außen vor“ bleiben (S. 144), aber danach zwei Seiten lang psychologische Ursachen für School Shootings referiert werden (S. 146f.).

Aufzählungen werden unkommentiert aneinandergereiht: so erscheinen z.B. im Kap. 4 nacheinander vier Listen mit sich teilweise wiederholenden Ursachen und Risikofaktoren für Suizidalität.

Die von den AutorInnen getroffene Auswahl der zitierten Experten erscheint an manchen Stellen fragwürdig („stellte eine Auflistung ins Internet“, S. 78; Zitat aus www.bild.de, S. 91), die Darstellung von Inhalten ungenau („Frauen neigen mehr zu Depressionen, wenn sie deprimiert sind“, S. 77) oder auch klischeehaft (Suizidgefährdung muslimischer junger Frauen, S. 72). Angesichts dessen, was jeder selbst im Internet finden kann, wäre doch eine Strukturierung und Reflexion aus fachlicher Sicht wünschenswert.

Das Auffinden von Quellenangaben schließlich ist in dem zersplitterten Literaturverzeichnis sehr zeitraubend, da jedes Mal bis zu vier Listen durchsucht werden müssen.

Fazit

Kompakter, praxisorientierter Ratgeber zum hilfreichen Verhalten in traumatisierenden Notfallsituationen. Leider verliert der anfangs gut aufgebaute Text durch scheinbar zusammenhanglos eingefügte Exkurse, teils unzureichend aufbereitete Inhalte und fehlerhafte Formulierungen an Stringenz und Informationsgehalt.


Rezensentin
Margit Baldauf
MSW
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Zitiervorschlag
Margit Baldauf. Rezension vom 08.08.2013 zu: Werner Reiners-Kröncke: Trauma und Traumabewältigung. ZIEL Verlag (Augsburg) 2013. ISBN 978-3-940562-82-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15004.php, Datum des Zugriffs 17.12.2018.


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