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Volker Hielscher, Lukas Nock u.a.: Zwischen Kosten, Zeit und Anspruch

Cover Volker Hielscher, Lukas Nock, Sabine Kirchen-Peters, Kerstin Blass: Zwischen Kosten, Zeit und Anspruch. Das alltägliche Dilemma sozialer Dienstleistungsarbeit. Springer VS (Wiesbaden) 2013. 270 Seiten. ISBN 978-3-658-01377-6. D: 34,99 EUR, A: 35,97 EUR, CH: 44,00 sFr.
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Thema

Vom Wohlfahrtsstaat zum aktivierenden Sozialstaat – wie wirkt sich diese Entwicklung auf die Einrichtungen der sozialen Dienste und die Arbeitsbedingungen aus? Das Team um Volker Hielscher geht dieser Frage nach und blickt dabei auf die ambulante und stationäre Pflege, den allgemeinen sozialen Dienst im Jugendamt und die Kindertagesbetreuung.

Autorinnen und Autoren

  • Dr. Volker Hielscher ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am iso-Institut für Sozialforschung und Sozialwirtschaft in Saarbrücken.
  • Sabine Kirchen-Peters arbeitet am gleichen Institut als wissenschaftliche Mitarbeiterin.
  • Lukas Nock ist Sozialarbeiter und als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der SRH Hochschule Heidelberg sowie am Centrum für Soziale Investitionen und Innovation der Universität Heidelberg tätig.
  • Kerstin Blass war zum Zeitpunkt der Studie auch wissenschaftliche Mitarbeiterin am iso-Institut. Aktuell bekleidet sie das Amt der Referentin für Altenpflege beim Deutschen Roten Kreuz in Berlin.

Zielgruppe

Das Buch richtet sich laut Klappentext an Studierende, Lehrende und Praktiker der Sozialwirtschaft und sozialen Arbeit, Akteuren in Branchen- und Berufsverbänden sowie Wissenschaftlern der Arbeits- und Sozialpolitikforschung. Darüber hinaus würde ich dieses Buch all jenen empfehlen, die in den benannten Settings praktisch, leitend oder strategisch tätig sind, um von den fokussiert dargestellten Rahmenbedingungen und den Ergebnissen aus den jeweiligen Bereichen zu profitieren.

Aufbau

Auf 280 Seiten folgt das Buch im Aufbau dem zugrundeliegenden Forschungsprojektes „Dienstleistungsarbeit zwischen Ökonomisierung und Aktivierung – Neue Herausforderungen an Arbeitsgestaltung und Arbeitspolitik“.

In der Einleitung erfährt der Leser etwas über die Ökonomisierung im öffentlichen Sektor und die Aktivierung als sozialstaatliches Leitbild. Danach wird die Methode des Vorgehens gezeigt.

Die vier Fallstudien untergliedern sich jeweils in die spezifischen Rahmenbedingungen und die empirischen Befunde.

Die beiden letzten Kapitel blicken auf die Entwicklung der Dienstleitungsarbeit im Branchenvergleich und leiten sozial- und arbeitspolitische Handlungsansätze ab.

Literaturangaben und ein umfangreicher Anhang mit Leitfäden und Fragebögen runden das Buch ab.

Inhalt

Moderne Gesellschaften sehen sich selbst als Dienstleistungsgesellschaften. Ein großer Teil dieser Dienstleistungen sind öffentlich finanzierter, sozialer Art mit hoher wirtschafts- und beschäftigungspolitischer Bedeutung. Unter dem Druck der Ökonomisierung und dem Wandel zum aktivierenden Staat stellt sich die Frage, wie die Beschäftigten in den sozialen Einrichtungen damit umgehen und wie Arbeitsprozesse und Organisationsstrategien gesteuert werden.

Die Entscheidung, die Bereiche der Altenhilfe/-pflege sowie Kinder- und Jugendbetreuung zu betrachten, begründen die Autoren mit der hohen Priorität in Sozial- und Bildungspolitik, aber auch in dem Kontrast zwischen den Alten und Jungen in der Gesellschaft. Im Methoden-Kapitel operationalisieren sie zunächst die eingeführten Begriffe der Ökonomisierung und Aktivierung. Danach erläutern sie das dreistufige Datenerhebungsverfahren, was in jeweils vier Einrichtungen der einbezogenen Bereiche durchgeführt wurde, mit Schwerpunkt in Rheinland-Pfalz und Thüringen:

  • Organisationsanalyse (41 leitfadengestützte Experteninterviews mit Führungskräften)
  • Analyse von Arbeitsanforderungen und Prozessen (qualitative Befragung von 41 Beschäftigten)
  • Fallstudien (quantitative Onlinebefragung von 1.372 Beschäftigten)

Der Ergebnisteil startet mit den Rahmenbedingungen in der ambulanten und stationären Pflege. Grundsätze der Pflegeversicherung, das Teilkasko-Prinzip, die Mittelverknappung mit ihren Auswirkungen auf Zahl und Gehälter der Beschäftigten, die Definition von Pflegebedürftigkeit, der Hilfebedarf Demenzerkrankter, die Pflegereformen 2002 und 2008 sind Stichworte, die hier behandelt werden. In den nächsten vier Kapiteln folgen die Fallstudien zur stationären Pflege, zur ambulanten Pflege, zum allgemeinen sozialen Dienst und der Kindertagesbetreuung.

Der Abschnitt „Entwicklung von Dienstleistungsarbeit im Branchenvergleich“ bringt dann die Zusammenschau der Settings. Es zeigt sich, das Ökonomisierung sich durch alle Branchen zieht, wenn auch in unterschiedlicher Ausprägung und Reichweite. Die Anforderungen an die Qualität sind gestiegen, ohne das die Personalkapazitäten nachgezogen hätten. Dort, wo der Wettbewerb dem Markt ausgesetzt ist und die Finanzierung extrem knapp, ist der Druck besonders groß, am ausgeprägtesten in der stationären Altenpflege. Für das berufliche Selbstverständnis der Beschäftigten bleibt aber der Anspruch auf gute Arbeit ein essentieller Punkt. Hingegen greifen bei der Besetzung von Stellen die Marktmechanismen nicht. Der gewerkschaftliche und berufspolitische Organisationsgrad ist gering. Die Autoren sehen am ehesten Mobilisierungswirkungen, wenn Aktionen in entsprechende gesellschaftspolitische Initiativen eingebettet sind. Dabei bleibt die sozialpolitische Ebene aber das weichenstellende Element für gute Dienstleistungsarbeit.

Diskussion

Das Buch folgt dem klassischen Aufbau einer empirischen Forschungsarbeit. Ich bin beim Lesen der Neugier meiner beruflichen Wurzeln gefolgt und habe mit den Pflege-Kapiteln begonnen, was der Verständlichkeit und Einordnung auch keinen Abbruch tat und mir auch nach 15 Jahren Tätigkeit im Gesundheitswesen noch neue Erkenntnisse gebracht hat.

Das Forscherteam bediente sich qualitativer und quantitativer Methoden. Dieser Methodenmix macht die Studie spannend, auch wenn ich die Beschreibung der Methoden mehrfach lesen musste, um eine genaue Vorstellung vom Ablauf der Erhebung zu bekommen. Positiv hervorzuheben ist eine ausführliche methodische Reflexion.

Fazit

Erstmals kommen hier die arbeitspolitischen Dimension sozialstaatlicher Entwicklung in einer wissenschaftlichen Untersuchung zum Ausdruck. Es erstaunt mich nicht, das der gefühlte Ökonomisierungsdruck in sozialer Dienstleistungsarbeit hier empirische Belege findet, damit lässt sich jetzt an vielen Stellen konkreter argumentieren, z.B. in der Berufspolitik der untersuchten Akteure. Das Buch regt mit der Darstellung unterschiedlicher Settings an, über den eigenen Tellerrand zu blicken und die Parallelen und Unterschiede bewusster wahrzunehmen.


Rezension von
Prof. Dr. sc.hum. Nina Fleischmann
Hochschule Fulda; Fachbereich Pflege und Gesundheit
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Zitiervorschlag
Nina Fleischmann. Rezension vom 17.06.2013 zu: Volker Hielscher, Lukas Nock, Sabine Kirchen-Peters, Kerstin Blass: Zwischen Kosten, Zeit und Anspruch. Das alltägliche Dilemma sozialer Dienstleistungsarbeit. Springer VS (Wiesbaden) 2013. ISBN 978-3-658-01377-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15008.php, Datum des Zugriffs 28.05.2020.


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