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Rüdiger Posth: Gewaltfrei durch Erziehung

Cover Rüdiger Posth: Gewaltfrei durch Erziehung. Versuch einer Pädagogik des friedlichen Zusammenlebens ; das Konzept der bindungsbasierten frühkindlichen Entwicklung und Erziehung (BBFEE). Waxmann Verlag (Münster/New York/München/Berlin) 2013. 355 Seiten. ISBN 978-3-8309-2825-6. D: 24,95 EUR, A: 25,70 EUR, CH: 35,50 sFr.

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Thema

Der Autor beschäftigt sich mit neuen Überlegungen und Schlussfolgerungen zu Gewalt im Hinblick auf die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen. Er korrigiert dabei den Fokus von alleinigen gesellschaftlichen und allgemeinen sozialen Ursachen und richtet ihn auf individuelle menschliche Veranlagung zur Aggression und Gewalttätigkeit. Er untersucht das Verhältnis zwischen Erbanlagen (Genetik) und Umgebungsfaktoren (Epigetik) als etwa gleichstarke Ursachen und setzt Temperamentsfaktoren und Charakteranlagen zu ungünstigen familiären Lebensbedingungen in Beziehung. Neben der Aggression wird das Machtbedürfnis des Menschen als eine Quelle von Gewalt herausgestellt. Die Gegenkraft zur Gewalt bildet die Sozialisierung des Menschen. Das Bindungsprinzip, welches der Autor als entscheidenden Schlüssel zur Eindämmung von Aggressionen unter Menschen wertet. Bindung fördert die Fähigkeit zur Empathie und erleichtert den Perspektivwechsel und führt zur Ausbildung von Gewissen und Vernunft. Erziehung ohne Gewalt sei hierfür grundsätzlich die Voraussetzung.

Autor

Der Autor Rüdiger Posth, geboren 1951 in Köln, absolvierte das Medizinstudium an der Universität Düsseldorf. Seine Dissertation legte er im Fach Neuropathologie vor. Seit 1988 arbeitet er als Kinderarzt in Bergisch Gladbach. Seit 2002 arbeitet er als Experte für Entwicklungsneurologie und -psychologie in einem großen Elternberatungsforum im Internet. Im Jahr 2006 erwarb er als Zusatzqualifikation den Titel Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut.

Aufbau

Der Autor teilt das Buch in vier Teile ein.

  1. Im ersten Teil untersucht er das Bindungskonzept als natürliche Grundlage im Eltern-Kind-Verhältnis.
  2. Im zweiten Teil untersucht er was geschieht, wenn die Bindung nicht glückt und die daraus resultierenden Folgen.
  3. Im dritten Teil untersucht er, was Eltern mit Erziehung zur Sicherung der Bildung beitragen können und wie man gestörte Bindungen wieder verbessern kann.
  4. Im letzten Teil beschäftigt er sich damit, wie man sich eine Erziehung gegen Gewalt vorstellen kann und mit dem basalen 6-Stufenprogramm.

Inhalt

Allgemeine Erklärungen. Der Autor erläutert seine Bewertung von bindungsbasierte, frühkindlicher Entwicklung und Erziehung (BBFEE), und die konventionelle, elternorientierte autoritäre Erziehung (KEAE). Das Prinzip des Nicht-Erziehens (NE) und die antiautoritäre Erziehung (AAE) lässt er außen vor. Er geht auch auf Folgen von Stress und auf Folgen der Schädigung des Gedächtniszentrums ein.

Zu Teil 1

„Das Bindungskonzept als natürliche Grundlage im Eltern-Kind-Verhältnis, warum Bindung notwendig ist und wie sie entsteht“. Der Autor führt die folgenden Bedürfnisse auf: Unstillbarer Anspruch auf Kontakt und Zuwendung sowie Nähebedürfnis des Kindes, schnelle Erregbarkeit, Impulsivität, erfolgte Stimmungswechsel, hohe körperliche Empfindsamkeit und besondere Lebhaftigkeit als Bedürfnisse des Säuglings auf.

„Warum das Kind geliebt werden und seine Bindung weiter entwickeln muss (emotionale Integration)“. Er macht Ausführungen zum im Gehirn durch Dopamin und Seretonin sowie Endorphine übertragene Gefühle an den Nerven-Zell-Verbindungen zugehöriger Synapsen. Das Belohnungssystem verleiht dem Menschen das Empfinden von positiven Selbstwertgefühlen (innere Stärke, Anerkennung der eigenen Person, Steuerungsfähigkeit der Emotionen und Affekte). Es ist eng verbunden mit Aktivierungs- und Motivationssystemen. Umgekehrt existiert im Gehirn des Menschen auch so etwas wie ein Bestrafungssystem. Neue Untersuchungen haben ergeben, dass es durch Frustration, Demütigung, Bestrafung sowie Liebesentzug zu abneigenden Empfindungen kommt und dadurch zu einem Gefühl von Freudlosigkeit, Hilflosigkeit, Depressionen führen kann. Damit wird gleichzeitig eine Stressreaktion, wie sie vorstehend beschrieben worden ist, ausgelöst. Der Autor weist darauf hin, dass Bindung dem Säugling das nötige Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit in einer noch gänzlich unbekannten und feindlichenWelt gibt. Der Autor führt aus, dass positive Gefühle die Wachstumsaktivität des Nervengeflechtes im Gehirn günstig beeinflussen. Positive, d. h. sichere, Bindung verbessert demzufolge das komplexe gestalterische Lernen des Kindes sichtlich. Natürlich funktionieren die Lernvorgänge auch bei negativen Stress im Säuglingsalter und bei unsicherer Bindung am Ende des 1. Lebensjahres, wenn gleich nur ziemlich eingeschränkt, denn diese Lernergebnisse erhalten eine starke Fokussierung auf Selbsterhaltung, da Lernen unter Stress hauptsächlich den strategischen Mechanismen für das eigene Überleben dient. Der Autor vertritt die Auffassung, dass dadurch die sog. Synapsenreduktion durch Selektion des nützlichen und wichtigen unterbunden wird und dadurch überflüssige Nebenwege mit störenden Funktionen erhalten bleiben.

„Warum sich das Kind auflehnen muss, damit es selbstständig werden kann und die Sicht der Bindung in der Loslösung widersetzt“. Der Autor untersucht nunmehr die Phase der ersten Lockerung zwischen dem Bindungsgefüge der Bezugsperson und dem Kind. Er unterscheidet in sicher gebundenes Kind, welches mit positiven Gefühlen die Loslösung annimmt und unsicher gebundenen Kindern, die die Loslösung vermeiden. Problematisch ist, wenn die Loslösung misslingt.

„Warum Kinder sich zu sozialen Wesen entwickeln und die Entstehung eines autonomen Selbst und was dazu zur Bindung beiträgt“. Der Autor untersucht Elemente, die die Steuerung von Stolz bewirken und zur Erzeugung von Scham. Beim Kind wird ein Effekt zwischen dem 2. und 4. Lebensjahr festgestellt, der Metalisation genannt wird. Dies heißt, dass das Kind sich vorstellen kann, wie ein anderer Mensch denkt und fühlt und zu ein und derselben Sache etwas anderes als sich selbst wahrnehmen kann. Dieser sog. kognitive Perspektivwechsel führt dazu, dass das Kind endgültig in der Lage ist, etwas zu verstehen, z. Bsp. warum andere Menschen häufig andere Meinungen und Auffassungen zu Dingen haben, als es selbst. Aus dem doppelten Perspektivwechsel sind ihm nun auch Verhaltensweisen verständlich wie Schuld, Bedauern, Reue, Wiedergutmachung sowie ein gutes und schlechtes Gewissen. Außerdem Anfänge von Gleichheitsvorstellungen und Konzepte von Gegenseitigkeit, Gefühle wie Neid, Missgunst und Eifersucht, Rache und Hass. Die Wahrnehmung von Dingen als Ehre, persönliche Kränkung, Einsicht, Verantwortung, Verzeihung und Nachgeben (Toleranz).

„Warum das Erwachsenwerden so schwer ist; wie die Bindung dabei helfen kann“. Der Autor hat ans Tageslicht gebracht, dass in der Phase der Pubertät ein umfangreicher Umorganisationsprozess stattfindet. Besonders betroffen davon sind die Zentralen im Vorderhirn, die emotionalen und sozialen Konstruktionen der Persönlichkeiten in ihren Netzwerken speichern und die die Handlung gemäß dieser Vorstellung steuern (Handlungsplanungszentrum). Diese Zentren haben wieder Verknüpfungen mit Hirnfunktionen, die der Selbstvorstellung dienen und das soziale Auftreten des Menschen mit seinen Selbstwahrnehmungen verbinden. Dadurch ist verständlich, dass die Jugendlichen gezwungen sind, ein neues Selbstbild zu entwerfen und dies auch gleich in ihren sozialen Bezugsrahmen einzubringen.

Zu Teil 2

„Was geschieht, wenn die Bindung nicht glückt und die daraus resultierenden Folgen“

1. Gründe für die frühkindlichen Bindungsstörungen und ihre Entstehungsmechanismen, Entwicklungskrisen und Beziehungsstörungen. In diesem Teil des Buches beschäftigt sich der Autor mit Entwicklungskrisen und Beziehungsstörungen. Entwicklungskrisen sind beispielsweise das Schlafverhalten oder die Sauberkeitsentwicklung. Beziehungsstörungen können viele Ursachen haben, wie beispielsweise falsche Erwartungen an das Kind, Anpassungszwang, Überforderung und regidie autoritäre Erziehungsmaßnahmen. Auch die Vaterabwesenheit im frühkindlichen Alter ist ein Risikofaktor. Reaktionen des Kindes ist die Aggression oder die Depression.

2. Trennungsangst als Zeichen der frühen Bindungsstörung. In diesem Kapitel beschäftigt sich der Autor mit Angst als Folge einer schweren Bindungsstörung. Dazu gehören Entwicklungsängste, Phobien, Trennungsangst, Traurigkeit, Heimweh, Sozialangst sowie Schulangst.

3. Aggressiv-oppositionelles Verhalten als Zeichen der frühkindlichen Störung und das Kapitel AD(H)S. Der Autor beschreibt zunächst die aggressiv-oppositionellen Verhaltensstörungen, das heißt eine permanente Opposition gegen Anordnungen der Eltern und Erzieher, pathologischer Narzissmus, ambivalente Konflikte, Stimmungsmacht, aggressiv verstärktes Trotzen, Ausbleiben der sprachlichen Wendungen. Der Autor beschäftigt sich dann mit auftretenden Zeichen dieser Störungen.

Zu Teil 3

„Was Eltern mit Erziehung zur sicheren Bindung beitragen können und wie man gestörte Bindung wieder verbessern kann“

1. Normale Entwicklung zum ausgewogenen Selbst, die Schwierigkeiten der modernen Familien und der soziale Wandel. Der Autor empfiehlt, dass der Effekt ausgenutzt wird, dass Kinder am Modell lernen ohne es zu ahnen und ohne sich anzustrengen und ohne es zu spüren. Sie ahmen die Verhaltensweisen ihrer Eltern nach. Wichtiger als das Vorbild ist allein die Identifikation des Kindes mit seinen Eltern, das heißt, die innere Übereinstimmung zwischen elterlichen Erziehungsgeboten und kindlicher Vorstellung über sich selbst. Sichere Bindung und gelingende Loslösung erhalten das Urvertrauen mit den Möglichkeiten, Selbstvertrauen zu entwickeln.

2. Kindliche Verhaltensweisen in der normalen Erziehung und die elterliche Kompetenz (Primärprävention). Hier untersucht und erläutert der Autor Aspekte der Charaktereigenschaften des Kindes und erwähnt das Temperament. Er wendet sich noch einmal verschiedenen Phasen des Kindes zu. Dazu zählen das Säuglingsalter, das Kleinkindalter, die Kindergartenzeit, die Schulzeit, die Pubertät. Die dort zu lernenden Entwicklungsfähigkeiten werden ebenfalls erklärt.

3. Erzieherische Empfehlungen bei Beziehungsstörungen und drohenden Bindungsstörungen (Sekundärprävention). Zunächst einmal erläutert der Autor Signale, die solche Verhaltensweisen aus Reaktion des Kindes sowie die auftretenden Folgen, die Aggressivität, die Dissozietät, generalisierende Anstellung, Depression, psychologisch verkehrte Narzissmen und Selbstsucht zeigen.

4. Ausblick auf therapeutische Schritte. Zunächst erläutert der Autor den Begriff der Kindeswohlgefährdung und nennt Stellen, die Hilfe anbieten.

Zu Teil 4

„Wie man sich eine Erziehung gegen Gewalt vorstellen kann und das basale 6-Stufenprogramm“

1. Wille, Empathie und Gewissen als universelle Schritte zur Vernunft. In der Einführung des Kapitels schreibt der Autor, dass die einfache Formel der Neigung zu Gewalt Aggression x Macht = Gewalt sei. Er unterscheidet differenziert zwischen negativen Eigenschaften der Aggression und positiven Eigenschaften der Aggression, negativen Eigenschaften der Macht und positiven Eigenschaften der Macht, Trieb und Rangsteuerung. Der Autor empfiehlt, dass das Kind die Entwicklung des steuerbaren und kontrollierbaren Willens übt, Empathie ausübt (spontan und über Induktion), die Entstehung des Gewissens auf der Basis von Stolz und Charme und die Erreichung der Vernunft. Der Autor ergänzt seinen Ansatz durch aktuelle Forschungsergebnisse aus Schädigungen an hirnverletzten Personen, bei denen die zentralen Hirnformationen im Frontalhirn des Menschen entscheidende Verluste von erlerntem Sozialverhalten nach sich gezogen haben soll. Verantwortungsvolles Handeln setzt voraus, dass der Mensch 2 Fähigkeiten erworben hat. Die erste ist die Einsicht, das bedeutet Selbstrücknahme und Anerkennung einer gesellschaftlichen Notwendigkeit als höheres Gut verglichen mit dem eigenen Bedürfnis nach Befriedigung. Gleichzeitig muss die Bereitschaft zum Kompromiss unter gelingender Selbstbeherrschung (Zyklusprinzip) vorhanden sein. Die zweite Eigenschaft ist die Verantwortung. Das bedeutet Selbstrelativierung in Abwägung der persönlichen Ansprüche mit der Gemeinschaft sowie das aufrechte Handeln im Interesse des Anderen (Mitleidsprinzip).

2. Moralentwicklung und religiöse Grundsätze

3. Die Grundlagen des Erziehungskonzepts gegen Gewalt als basales 6-Stufenprogramm. Der Autor stellt Thesen seines Erziehungskonzeptes gegen Gewalt als zusammenfassendes Stufenprogramm auf.

  1. Integration statt Konditionierung (Konstruktion des „freien“, beherrschbaren Willens gegen Zwang zur Anpassung auf dem Lohn-Strafe-Prinzip)
  2. Reifung statt Anpassung (altersgerechtes Erreichen des höheren Funktionsniveaus gegen die Unterwerfung unter die vorzeitigen, willkürlich gesetzten Erwartungen anderer)
  3. Regeln statt Grenzsetzung (Akzeptanz gemeinsam erwirkter Übereinkünfte gegen die Beziehungsgestaltung durch reine Machtstrukturen)
  4. Kompromiss statt Anweisung (gemeinschaftlicher Interessenausgleich von individuellen Absichten gegen befehlshaberische Festlegung durch den Stärkeren)
  5. Motivation statt Sanktionierung (Hilfe beim Aufspüren der inneren Lust und äußere lustvolle Anregung gegen den Zwang zur Ausführung durch Drohung, Angst und Strafe)
  6. Überzeugung statt Diktat (sinnvolle, kind- und jugendlichengerechte Erklärungen gegen schlichte Behauptungen und Meinungsmanipulation durch wissende Erwachsene)

Die Thesen werden im Einzelnen weiter konkretisiert. Das Buch schließt mit einem Nachwort in dem der Autor für eine Verbindung zwischen Vernunft und Gefühl wirbt.

Diskussion

Der Autor hat sich mit dem Buch viel Mühe gegeben und viel Zeit in die Zusammenstellung der teilweise äußerst umfangreichen Ausführungen gesteckt. Ihm ist das Thema wirklich wichtig. Die These, dass das wichtige Bedürfnis des Säuglings nach Nähe und Kontakt besteht, hat der Autor richtig wahrgenommen. Joachim Bauer beschreibt in seinen Büchern Prinzip Menschlichkeit: „Warum wir von Natur aus kooperieren “ und „Warum ich fühle, was du fühlst: Intuitive Kommunikation und das Geheimnis der Spiegelneurone“. Auch seine Einschätzung, dass das Sprachmuster sehr viel Bedeutung hat, wird geteilt. Gewaltfreie Kommunikation: Eine Sprache des Lebens von Marshall B. Rosenberg beschäftigt sich expliziet mit diesem Thema. Zu feiern ist, dass dem Autor das Thema wirklich wichtig ist, und er deshalb sogar ein so umfangreiches Buch mit 354 Seiten geschrieben hat. Seine Thesen stimmt im Ergebnis mit den Erkenntissen der vorgenannten Autoren und deren Empfehlungen überein. Die eigentliche Frage bleibt leider für den Leser unbeantwortet. Der Leser wünscht sich zu erfahren, was er konkret beitragen kann, um die durch das Fehlen der frühkindlichen Bindung eingetretenen Schäden zu korrigieren. Hier ist eine echte Schwäche des Buches. Während Konzepte, wie die von Marshall Rosenberg mit seinen 4 Schritten, Beobachtung, Gefühl, Bedürfnis, Bitte, und bei Schmerz Empathie, konkrete Hilfestellung geben, läßt das Buch leider diese Frage unbeantwortet.

Auch erweckt das Buch möglicherweise – aus meiner Bewertung – den Eindruck, dass die wissenschaftliche Hirnforschung nahelegt, dass Fehler, die im Gehirn vorhanden sind, nicht durch Neuverschaltung korrigiert werden können. Tatsächliche Veränderungen, die in der Praxis wahrgeommen werden, belegen das Gegenteil. So haben Schüler von Marshall Rosenberg, wie beispielsweise Susan Sky in ihren Workshops Übungsprogramme entwickeln, mit denen die Wahrnehmung von Gefühlen und Bedürfnissen als „lebendige“ gezielt geübt wird, sodass auch Menschen, die keine Fähigkeiten in diesen Bereichen haben (also die Gehirne mit nicht abgeschlossen Synapsenverschaltungen, von denen der Autor als Schadensfolge bei frühkindlichen Bindungsstörungen spricht), langsam anfangen, diese Verschaltungen zu entwickeln, und damit diese Fähigkeiten doch zu lernen. Jürgen Bittner schildert in seinem Buch „Von der Aggression zur Selbstbehauptung“ eindrucksvoll, wie er mit jugendlichen, verurteilten Gewalttätern arbeitet, die alle das volle Programm an „frühkindlichen Bindungsstörungen“ und anderen „traumatischen Situationserfahrungen mit Gewalt“ gemacht haben, in einer Kombination zwischen Wissen über Gewalt, Eskalationsmechanismen, und Übungen zur Wahrnehmung ihrer eigenen Bedürfnisse und erlernen einer Fähigkeit der Selbstbehauptung Veränderungen gelingt. Das ist auch das Ergebnis der modernen Hinforschung, daß es zur Bildung neuer Schaldkreise im Gehirn und zum Abbau nicht gewünschten Verschaltungen zwingend kommt, immer wenn Neuronen eine gewisse Zeit zusammen feuern. Noch nicht ganz klar ist, wie dieser Vorgang genau funktioniert. Begünstigt wird der Prozeß, wenn Prozesse im Vorderenkortex des Gehirn im Frontalstirnlappen ablaufen, wie dies bei Auswahlentscheidungen einer Vielzahl von richtigen Möglichkeiten statt findet. Wenn die eigene Gefühlswahrnehmung gestärkt wird, wirkt dies ebenfalls verändernd. Eugene T. Gendlin berichtet in seinem Buch Focusing: „Selbsthilfe bei der Lösung persönlicher Probleme“ von universitären Untersuchungen bei seinem Lehrer Carl Rogers, daß z.B. das angewannte phychologische Therapieverfahren selber „egal“ war, wesentlich aus seiner Bewertung gewesen war, wie weit der Betroffen in der Lage war, seine Gefühle wahrzunehmen, und in Kontakt mit Ihnen zu kommen, und den Punkt zu finden, wo die Änderung des Gefühls eintritt. Hier ist viel im Fluss.

Fazit

Meine Bedürfnisse werden mit diesem Buch nach Information, Unterstützung zur Entwicklung und Perspektive nur teilweise erfüllt. Wer sich für das Thema interessiert, Ursachen erfahren möchte für Schäden, wird durch das Buch bedient. Wer Konzepte und Vermeidungsstrategien lernen möchte, wird bei anderen Büchern aus den Themenbereich z.B. Marshall Rosenberg mit gewaltfreier Kommunikation eine höhere Bedürfniserfüllung erhalten, da diese zeigen, wie man bereits kleinen Kindern eine Sprache beibringen kann, die Bedürfnisse und Gefühle bejaht, und sie so ihre eigenen Bedürfnisse aber auch die Bedürfnisse anderer wahrnehmen können, aber auch Eltern ihre Kommunikation ändern können, um ihre Kinder besser zu erreichen.


Rezensent
RA Claus-Rudolf Löffler
Rechtsanwalt, Fachanwalt für Familien-, Steuer- und Erbrecht, Mediator, Leiter einer Übungsgruppe in Hannover
Homepage www.scheidung-direkt.de
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Zitiervorschlag
Claus-Rudolf Löffler. Rezension vom 12.02.2014 zu: Rüdiger Posth: Gewaltfrei durch Erziehung. Versuch einer Pädagogik des friedlichen Zusammenlebens ; das Konzept der bindungsbasierten frühkindlichen Entwicklung und Erziehung (BBFEE). Waxmann Verlag (Münster/New York/München/Berlin) 2013. ISBN 978-3-8309-2825-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15015.php, Datum des Zugriffs 18.11.2019.


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ISSN 2190-9245

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