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Hans Bickes, Eleni Butulussi u.a.: Die Dynamik der Konstruktion von Differenz und Feindseligkeit [...]

Cover Hans Bickes, Eleni Butulussi, Tina Otten, Janina Schendel, Amalie Scroulis, Alexander Steinhof: Die Dynamik der Konstruktion von Differenz und Feindseligkeit am Beispiel der Finanzkrise Griechenlands. Hört beim Geld die Freundschaft auf? Iudicium Verlag (München) 2012. 237 Seiten. ISBN 978-3-86205-080-2. D: 25,00 EUR, A: 25,70 EUR.

Kritisch-diskursanalytische Untersuchungen der Berichterstattung ausgewählter deutscher und griechischer Medien.
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Thema

Kaum jemandem dürfte entgangen sein, dass die Finanzkrise in der EU zu Schuldzuweisungen an die besonders krisengeschüttelten, auf Hilfe angewiesenen Mittelmeerländer geführt hat. Vor allem Griechenland und „den Griechen“ wurde von den Medien eine Sündenbock-Rolle zugedacht. In den vorgelegten Untersuchungen werden die sprachlichen Strategien mit den Mitteln der Kritischen Diskursanalyse (KDA) analysiert.

Autorenteam

Das Autorenteam setzt sich aus Sprachwissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern von den Universitäten Hannover und Thessaloniki unter der Leitung von Hans Bickes, Professor für Deutsche Sprachwissenschaft, und Eleni Butulussi, Professorin für Angewandte Linguistik, zusammen.

Entstehungshintergrund

Die Untersuchungen basieren auf einer längeren internationalen Kooperation und der Praxis forschenden Lernens. Die Idee, mehrere Projekte zur Medienanalyse, mit einem theoretischen Rahmen versehen, in einer Publikation zusammenzufassen, wurde anscheinend im Mai 2011 auf einem Kongress an der Universität Thessaloniki gefasst (S.18).

Aufbau und Inhalt

Die Verf. knüpfen in der Einleitung an ältere Studien zur Stigmatisierung von Gruppen, unter anderem der Juden, an und finden „ungeheuerliche Parallelen in der Art und Weise, wie die Griechen von Beginn an im hier untersuchten Diskurs demontiert werden (S.12). Und sie beobachten, dass „die von den Medien 2010 nachhaltig geprägten sprachlichen Versatzstücke zur Charakterisierung Griechenlands… zur sozialen Routine im deutschen Sprachgebrauch geworden (sind, ebd.), und das nach einem früher sehr positiven, aber offenbar ambivalenten Griechenlandbild. Diese einleitenden Anschuldigungen werden aber im Folgenden einer gewissenhaften methodischen Prüfung unterzogen.

In Kapitel 2 explizieren die Verf. die diskurstheoretischen Grundlagen. Anknüpfend an den Diskursbegriff bei Michel Foucault und an die pragmatische Wende in der Sprachwissenschaft nähern sie sich den Zielen und Verfahren der Diskursanalyse und speziell der Kritischen Diskursanalyse (KDA), was auch die Erläuterung von analytischen Kategorien wie „Diskursstrang“, „Diskursfragment“ etc. verlangt. Das besondere Interesse der KDA sei auf das Verhältnis von Sprache und Macht, auf diskriminierende Effekte und das Aufdecken versteckter ideologischer Motive gerichtet (S.31). Die Verf. verhehlen dabei nicht methodische Schwierigkeiten, beanspruchen aber für die KDA zumindest Anstöße zur Sprachreflexion und -kritik (S.39). Die Vorgehensweise wird als zirkulärer Prozess beschrieben.

In Kapitel 3 wird der „diskursrelevante Kontext“ umrissen, d.h. es wird auf die Verschuldung Griechenlands und deren Verursachung im Rahmen der Weltwirtschaftskrise, aber auch auf innenpolitische Aspekte eingegangen. Zweitens wird die plötzliche Verstimmung im deutsch-griechischen Verhältnis vor dem historischen Hintergrund kurz beleuchtet und schließlich werden die herangezogenen deutschen und griechischen Medien charakterisiert. Das Spektrum umfasst die Boulevardzeitung „Bild“ ebenso wie „Die Zeit“, die „taz“ oder zum Beispiel „Eleftherotipia“. Die Wissenschaftler/innen haben ca. 600 Online- und Printtexte aus dem ersten Halbjahr 2010 analysiert.

Kapitel 4 enthält die methodischen Erläuterungen und Ergebnisse von vier diskursanalytischen Untersuchungen, wobei die Verf. ihre Exegese der griechischen Zeitungskommentare zum deutschen medialen Diskurs (Kap.4.4) eher nur als „eine Art moderierte Zeitungslektüre“ verstanden wissen wollen (S.219). Im ersten Unterkapitel 4.1 wird der FOCUS-Artikel „2000 Jahre Niedergang“ vom Februar 2010, der den Auftakt zur Diffamierungskampagne gegen „die Griechen“ bildete, zusammen mit der Reaktion von Seiten eines gleichnamigen griechischen Magazins diskursanalytisch untersucht. Aspekte der Analyse sind unter anderem die Themenentfaltung, die „visuelle Textstruktur“, die kultur-, speziell literaturhistorischen Bezüge („Intertexualität“), die Metaphorik und Argumentationsstrategien. Der FOCUS-Artikel hat, wie die Überschrift verrät, einen ausgesprochen kulturalistischen, teilweise sogar rassistischen Tenor. Der Text ist bestimmt vom Verfallstopos und vom Gegensatz zwischen dem vorbildlichen Deutschland und dem heruntergekommenen Griechenland. Von den Journalisten des griechischen Magazins „Focus“ wurde unter der Überschrift „Der Geist Hitlers“ mit gleicher Münze („Klischees von hoher manipulativer Kraft“, S.97) heimgezahlt. In 4.2 wird die Darstellung Griechenlands und Deutschlands in „Bild“ und „taz“ jeweils lexikalisch und grammatikalisch analysiert, was eine gleichsam kontrapunktische Gegenüberstellung der beiden Zeitungen ergibt. Es werden neutrale, positiv und negativ konnotierte Wörter (wie marode, dreist) ausgezählt. Es wird vermerkt, dass in „Bild“ häufig mit „wir/uns“ das Gemeinschaftsgefühl der Leser angesprochen wird, dass der Sprachgebrauch dramatisierend ist („Griechen-GAU“) und ein hohes Maß an Emotionalität vermittelt. Weitere Untersuchungsaspekte sind z.B. die sprachliche Kollektivierung von Akteuren („die Griechen“) oder die „Zuweisung der semantischen Rollen“ („Reißen die Pleite-Griechen ganz Europa runter?“ BILD.de). Die anschließende metapherntheoretische Untersuchung der Medien „Die Zeit“ und „Der Spiegel“ in 4.3 leiten die Verf. mit einer Diskussion der Metaphern-Theorie in der Tradition von Lakoff und Johnson und ihrer Anwendbarkeit in der KDA ein, bevor sie den metaphorischen Sprachgebrauch in den beiden Printmedien – und am Schluss auch in griechischen Medien – unter die Lupe nehmen (der Staat als Haus, Finanzkrise als Krankheit, der Markt als Subjekt etc.). Am Beginn des Kapitels 4.4 über die griechische Medienberichterstattung merken die Verf. an, dass diese in der deutschen Presse kaum auf ein Echo stieß, obwohl sich die griechischen Journalisten dort vielfach mit der deutschen Kritik auseinandersetzten. Die Verf. vermuten wohl nicht zu Unrecht, dass dies Ausdruck der asymmetrischen Machtverhältnisse sein könnte (S.188). In ihrem Fazit (Kap.5) stellen sie fest, dass innerhalb eines halben Jahres in Deutschland ein völlig neues, negativ geprägtes Griechenlandbild entstanden ist (S.219). „Die Bezeichnungen Grieche, griechisch oder Griechenland sind mittlerweile zum Stigma geworden“ (S.221).

Diskussion

Der sehr sperrige Titel könnte leider manche davon abhalten, nach dem Buch zu greifen. Fachfremde könnte dann auch die diskurstheoretische Erörterung bei der Lektüre erlahmen lassen. Aber die Diskursanalysen im Hauptteil bieten so viel Anschauungsmaterial, dass auch die Leser/innen auf ihre Rechnung kommen, die primär an dem aktuellen Konflikt interessiert sind. Das Buch ist keineswegs nur für Sprachwissenschaftler/innen von Interesse. Es bietet auch (evtl. auszugsweise) Material für Lehrveranstaltungen in der pädagogischen Ausbildung. Denn im Hinblick auf interkulturelle Bildung dient die hier vorgeführte diskursive Erzeugung von Fremd- und Feindbildern der Sensibilisierung. Exemplarisch studieren lässt sich hier übrigens die Ambivalenz von exotischen Fremdbildern, die schnell ins Negative wechseln („Panik auf der Titanic? Von wegen! Die Griechen feiern! BILD.de). Angemerkt sei abschließend nur, dass der Rezensent aufschlussreich fand, wie das Instrumentarium der KDA vom jeweiligen Gesellschaftsbild beeinflusst ist. Die analytischen Kategorien eines van Leeuwen, mit denen die Verf. arbeiten, kennen keinen Klassengegensatz, so dass dieser etwa bei der „Anonymisierung sozialer Akteure“ unberücksichtigt bleibt.

Fazit

Ein nicht nur für Sprachwissenschaftler/innen lesenswertes Buch mit einem leider etwas unattraktiven Titel, von Interesse auch für (zukünftige) Pädagoginnen und Pädagogen, und Politikwissenschaftler/innen nicht zu vergessen.


Rezensent
Prof. Dr. Georg Auernheimer
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Zitiervorschlag
Georg Auernheimer. Rezension vom 13.05.2013 zu: Hans Bickes, Eleni Butulussi, Tina Otten, Janina Schendel, Amalie Scroulis, Alexander Steinhof: Die Dynamik der Konstruktion von Differenz und Feindseligkeit am Beispiel der Finanzkrise Griechenlands. Hört beim Geld die Freundschaft auf? Iudicium Verlag (München) 2012. ISBN 978-3-86205-080-2. Kritisch-diskursanalytische Untersuchungen der Berichterstattung ausgewählter deutscher und griechischer Medien. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15022.php, Datum des Zugriffs 17.12.2018.


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