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Felix Hasler: Neuromythologie

Rezensiert von Prof. Dr. Mark Galliker, 30.04.2013

Cover Felix Hasler: Neuromythologie ISBN 978-3-8376-1580-7

Felix Hasler: Neuromythologie. Eine Streitschrift gegen die Deutungsmacht der Hirnforschung. transcript (Bielefeld) 2012. 260 Seiten. ISBN 978-3-8376-1580-7. 22,80 EUR. CH: 33,50 sFr.
Reihe: XTexte.

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Thema

Derzeit werden in der Wissenschaft viele Begriffe mit „Neuro“ verbunden. Wissenschaftszweige, die erfolgreich sein möchten, beziehen sich auf die Neurologie, werden zu „Neuro-Bindestrich-Wissenschaften“: „Neurobiologie“, „Neuropharmakologie“, „Neurolinguistik“, „Neuroökonomie“, „Neuroästhetik“, ja selbst „Neurophilosophie“ und „Neurotheologie“. Und natürlich gibt es seit Lurija die „Neuropsychologie“, dank Grawe die „Neuropsychotherapie“ und für Solms und Kaplan-Solms auch die „Neuropsychoanalyse“. Nicht zu vergessen Lux, der im Jahre 2007 im Ernst Reinhardt Verlag sein Buch „Der Personzentrierte Ansatz und die Neurowissenschaften“ publizierte. Erklärungsmodelle aus der Hirnforschung reichen inzwischen weit über die Grenzen der Naturwissenschaften hinaus und durchdringen die Gebiete der Sozial- und Kulturwissenschaften.

Hasler stellt sich aufgrund der von ihm festgestellten „Neuroinflation“ Fragen wie diesen:

  • Ist es sinnvoll, den Menschen als Homo neurobiologicus zu betrachten?
  • Worauf ist die Dominanz der Neurowissenschaften zurückzuführen?
  • Lässt sich die Psyche auf neuronale Muster reduzieren?
  • Vermag die Medizin bei Störungen ‚evidenzbasiert‘ im Gehirn einzugreifen?
  • Kann das Gehirn mit Medikamenten behandelt werden, wenn die Psyche leidet?

Hasler strebt eine Realitätsprüfung der Neurowissenschaften und ihrer Anwendungen an und will die Diskrepanz zwischen dem Anspruch auf umfassende Erklärung und dem tatsächlich empirisch Beweisbaren respektive dem effektiv ausweisbaren Erfolg aufzeigen.

Autor

Zur Beantwortung der angeführten Fragen ist es sicherlich von Vorteil, dass Felix Hasler, promovierter Pharmakologe, Forschungsassistent an der Berlin School of Mind and Brain der FU Berlin sowie Wissenschaftsjournalist, früher in einem neurowissenschaftlichen Gebiet tätig war. Zehn Jahre lang arbeitete er in der Gruppe „Neuropsychopharmacology and Brain Imaging“ an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich. Am „Burghölzli“ untersuchte er mit Vollenweider und dessen Mitarbeitern zusammen seit den 1990-Jahren mit neurowissenschaftlichen Methoden, wie sich halluzinogene Drogen auf das Gehirn sowie auf das Erleben des Menschen auswirken. Der Autor weist darauf hin, dass er mit seinen wissenschaftlichen Artikeln und Vorträgen selbst zum aktuellen neurozentrierten Weltbild beigetragen habe, das er nun mit seinem Buch in Frage stellt. Allerdings wird er auch mit seiner „Neuromythologie“ nicht zu einem Dissidenten der Neurowissenschaften mutieren.Der Autor beabsichtigt seinem Anspruch nach lediglich, einen möglichst realitätsadäquaten Blick auf die Erkenntnismöglichkeiten respektive Erklärungsansprüche der Neurowissenschaft zu werfen.

Entstehungshintergrund

Nach den Angaben des Autors entstand seine Schrift über die Grundlagen der Neurowissenschaften zwischen Juli 2010 und Juli 2012 am Berliner Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte. Zum Buch inspiriert habe ihn die Teilnahme an wissenschaftlichen Kongressen. Dort habe er erfahren, dass die Pharmaindustrie die biologische Psychiatrie weitgehend sponsern würde.

„In den Jahren um 2005 füllten die Pharmastände auf Kongressen ganze Stockwerke. Bei Pharma-Quizshows - realistisch den entsprechenden TV-Formaten nachempfunden – waren für die Kongressteilnehmer BMW-Cabrios zu gewinnen. Nun wurde es ganz offensichtlich, dass weite Teile der akademischen Psychiatrie von der pharmazeutischen Industrie aufgekauft wurden. Die Sichtung einer Vielzahl von Büchern und Fachpublikationen hat später bestätigt, was ich schon im Angesicht der Pharma-Quishows vermutete: dass so manche vermeintlich neurobiologische ‚Tatsache‘ sehr viel mehr mit pharmazeutischem Marketing als mit Wissenschaft zu tun hat.“ (S. 9f.)

Aufbau

Die Streitschrift gegen die Deutungsmacht der Hirnforschung wurde vom Autor in zehn Kapitel aufgegliedert. Darunter befinden sich sozialpolitisch brisante Beiträge wie „Neuro-Doping. Ich, nur besser?“ sowie erkenntnistheoretisch relevante Beiträge (z.B. „Neuro-Skepsis statt Neuro-Spekulation“).

Im ersten Kapitel („Neuro-Enthusiasmus“), das den Charakter einer Einleitung hat, wird auf die weite Verbreitung der Hirnforschung hingewiesen. Im zweiten Kapitel („Neuro-Evidenzmaschinen“) folgt die Hauptbotschaft der kritischen Schrift: Der Neurozentrismus ist im Wesentlichen auf die Faszination der bildgebenden Verfahren zurückzuführen, doch diese Verfahren halten nicht das, was sie versprechen. In den weiteren Kapiteln, die mehr anwendungsorientiert sind, werden die Konsequenzen aus der fragwürdigen empirischen Basis der Hirnforschung gezogen. Gibt es tatsächlich keinen freien Willen, wie die Neurologen behaupten? Kann man aufgrund eines Einblicks in das Gehirn delinquentes Verhalten voraussagen? usw. usf.

Inhalt

Haslers Buch ist im Wesentlichen ein methoden- und methodologiekritisches Buch, in dem die Gültigkeit (Validität) und Zuverlässigkeit (Reliabilität) der bildgebenden Verfahren (insbesondere MRT und fMRT) der modernen Neurowissenschaften überprüft werden.

An erster Stelle nimmt der Autor die Magnetresonanztomographie (MRT) unter die Lupe: Hierbei handelt es sich um ein bildgebendes Verfahren, mit dem Veränderungen des magnetischen Feldes im Kortex gemessen werden. Die Probanden werden einem Magnetfeld ausgesetzt, wodurch körpereigene Atome mit schwachen Radioimpulsen angeregt werden. „Am Ende einer anatomischen MRT-Untersuchung steht eine mehr oder weniger präzise, quasi-fotografische Abbildung dessen, ‚was tatsächlich da‘ ist. So gesehen hat die strukturelle MRT-Bildgebung Ähnlichkeiten mit der Röntgenaufnahme, nur dass ein anderes physikalisches Messprinzip genutzt wird und der technische Aufwand ungleich größer ist“ (S. 39f.). Allerdings entstehen durch „Neuroimaging“ nicht einfach mehr oder weniger scharfe „Abbildungen“ des tätigen Kortexes, setzt sich doch die „Bild-gebung“ aus einer Vielzahl von Prozessschritten zusammen. Von der Erarbeitung der Scanner-Rohdaten bis hin zu den abschließenden statistischen Berechnungen werden Entscheidungen getroffen, so dass das Ergebnis eher eine Konstruktion als eine Rekonstruktion ist. „Der maschinelle Blick in einen lebenden Menschen bedingt eine komplizierte Übersetzung seiner biologischen Struktur in Zahlen, die dann wiederum zu Bildern umgerechnet werden.“ (S. 40)

In der Folge ist die strukturelle MRT, mit der die Anatomie wiedergegeben wird, zur funktionellen Magnetresonanztomographie (fMRT) weiterentwickelt worden. Die resultierenden Bilder sehen ähnlich aus, doch sind sie wesentlich anders ausgestaltet. Die Funktionen neuronaler Gegebenheiten lassen sich bestenfalls indirekt abschätzen. In der Forschungspraxis geschieht dies durch die Messung der zeitabhängigen lokalen Veränderung von Blutfluss und Sauerstoffverbrauch. Das fMRT-Verfahren besteht aus zwei Schritten: Zunächst wird mittels Magnetresonanztomographie (MRT) ein dreidimensionales Bild des Kopfes produziert, worauf dasselbe einer Computerauswertung unterzogen wird, das selektive Darstellungen von Aktivitäten des Gehirns erlaubt. Die Subtraktion der MRT-Aufnahmen der Kontrollbedingungen von jenen der Versuchsbedingung ergibt sogenannte Differenzbilder. Auf diese Weise hofft man, sämtliche unspezifischen Hirnaktivierungen gleichsam abzustreifen.

Der Autor erörtert dies am Beispiel einer Untersuchung, in der das Verlieben zum Gegenstand der Forschung gemacht wird (vgl. Bartels & Zeki, 2000, The neural basis of romantic love; Neuro-Report, 3829-3834). Dies geschieht, indem den Probanden Bilder mit den begehrten Personen versus Bilder mit neutralen Personen zum Betrachten präsentiert werden.

(Verliebt + alles andere) – (Nicht verliebt + alles andere) = verliebt

Ergebnis der Untersuchung nach Bartels und Zeki (2000): „Verliebt sein = Aktivierungen des anterioren zingulären Cortex, der medialen Insula des Putamens und des Nucleus caudatus. Außerdem Deaktivierung im posterioren zingulären Cortex und der Amygdala sowie in den rechten präfrontalen, parietalen und temporalen Cortices“ (S. 45). Hasler stellt dieses Ergebnis an sich nicht in Frage, doch problematisiert er die Spezifizierung desselben hinsichtlich der Fragestellung der Forschung, ergeben sich doch solche oder ähnliche Fleckenmuster von Hirn-Scans auch bei vielen anderen Gelegenheiten. Im Gehirn sei eine Art Grundrauschen registrierbar, das Messungen generell erschwere. „Bildhaft gesprochen verhält es sich mit der Differenzmethode etwa so ähnlich, als wäge man eine Yacht mit Kapitän und dann die Yacht alleine, um herauszufinden, wie schwer der Kapitän ist.“ (S. 47)

Es stellt sich die Frage nach der Gültigkeit bzw. Validität der modernen Messmethoden: Inwieweit wird mit den bildgebenden Verfahren tatsächlich das gemesen, was sie zu messen vorgeben. „In den meisten fMRT-Studien wird suggeriert, es sei gelungen, die spezifischen Hirnvorgänge sichtbar zu machen, die einer ganz bestimmten Bewusstseinserfahrung zugrunde liegen. Aber gibt es denn überhaupt spezifische, von anderen Hirnleistungen abgrenzbare neuronale Korrelate von Neid, Liebe, Moral oder Eifersucht? (...) Oder sehen wir nur globale, unspezifische Hirnaktivierungsmuster wie sie bei einer Vielzahl anderer Erfahrungen oder anderer experimenteller Situationen gleich oder sehr ähnlich auftreten würden?“ (S. 49). Hasler weist darauf hin, dass die fMRT de facto die Veränderung des Blutflusses und des Sauerstoffverbrauchs im Hirn im Zusammenhang mit Erleben oder Verhalten der Probanden manifestiere. Die Aktivität der Nervenzellen sei aber viel schneller als die Blutzirkulation. „Was mit fMRT wirklich erfasst wird, sind die zeitlich aufsummierten und überlagerten Aktivitäten all dessen, was sich im Bereich von einigen Sekunden im Gehirn abgespielt hat“ (S. 48). Die zeitliche Auflösung der funktionellen MRT-Methoden sei um Größenordnungen zu schlecht, um effektive Vorgänge überhaupt erfassen zu können. Auch habe sich gezeigt, dass erhöhte Aktivität in einem Hirnareal nicht unbedingt mit erhöhter Durchblutung einhergehe. Zudem gehören zu vielen neuropsychologisch relevanten Vorgängen auch Hemmungen. Das fMRT-Bild widerspiegele nicht, was sich hier und jetzt im Kortex eines Probanden abspiele, sondern basiere auf der statistischen Zusammenführung verschiedener Probandendaten.

Ein weiteres Gütekriterium einer Untersuchung ist die Reliabilität, die Zuverlässigkeit durchgeführter Messungen: Die Reliabilität gibt den Grad der Genauigkeit an, mit der die Messung erfolgt (unabhängig vom Ausmaß der Validität). Eine Vorgehensweise ist die Wiederholung der Messung unter genau gleichen Voraussetzungen (Replikation mit gleichen oder vergleichbaren Versuchspersonen, bei gleicher Aufgabenstellung, in der gleichen Situation usw.). Nach Hasler haben die wenigen effektiv durchgeführten Versuchswiederholungen nicht zu ermutigenden Übereinstimmungen geführt. Der Autor weist auch darauf hin, dass Replikationen meistens unterbleiben und deshalb zur Reliabilität selten Angaben gemacht werden.„Erstaunlicherweise ist in der Fachwelt bis heute völlig unklar, was für eine Test-Retest-Zuverlässigkeit bei fMRT-Studien überhaupt noch als akzeptabel gelten darf.“ (S. 59)

Dem Autor zufolge sind nicht nur die in der Neurologie und Neuropsychologie angewandten Methoden fragwürdig, sondern auch die methodologische Vorgehensweise und implizierte Wissenschaftstheorie sind in Frage zu stellen. So kritisiert der Autor, dass viele Bildgebungsstudien ohne vorgängige Hypothesen durchgeführt werden. Oft würden planlos Messdaten erhoben und anschließend auf die erhobenen Daten diverse statistische Verfahren angewandt, bis früher oder später vielversprechende Signifikanzen gefunden würden (die bekannte ‚torture your data until they confess‘-Strategie). Demnach wird die im Sinne ad-hoc entstehender Hypothesen ergiebigste statistische Vorgehensweise bei der Publikation der ‚Befunde‘ berücksichtigt und die Erklärung erst im Nachhinein generiert, was nach dem kritisch-rationalistischen Wissenschaftsverständnis unzulässig ist (vgl. Popper, 1966, Logik der Forschung).

Hasler dokumentiert dies anhand des Trial-and-Error-Verhaltens bei der Evaluation der Wirkung von Medikamenten, einem Wissenschaftszweig, bei dem einige Institute an Universitäten mit Pharmakonzernen eng zusammenarbeiten. Es wird angenommen, dass psychische Störungen auf irritierten Verhältnissen in der Gehirnchemie, auf Ungleichgewichten von Neurotransmittern, basieren, die aber „durch spezifische Medikamente ausgeglichen werden können“ (S. 126). Allerdings erfolge bei einer länger dauernden Einnahme von Medikamenten kein Ausgleich im Gehirn, sondern die biochemischen Prozesse des Gehirns würden nachhaltig aus dem Gleichgewicht geraten. „Durch die chronische Medikation kommt es zu komplexen Rezeptorveränderungen, kompensatorischer Gegenregulation und verändertem Neurotransmitter-Stoffwechsel. Als Folge davon treten mit der Zeit Wirkungsverlust, Gewöhnung und Medikamentenabhängigkeit auf. Die ursprünglichen Symptome kehren zurück, häufig stärker ausgeprägt als die ursprünglichen Beschwerden. Und in Form von Nebenwirkungen kommen neue Symptome hinzu“ (S. 162). Die beim Absetzen von Psychopharmaka auftretenden Symptome (sog. Rebound-Effekt) werden oft mit den Symptomen der ursprünglich unterstellten Krankheit verwechselt. Viele Ärzte drängen dann ihre Patienten dazu, die Therapie mit Benzodiazepinen, Antidepressiva oder Antipsychotika sofort wieder aufzunehmen. Nicht selten in noch höheren Dosen als vorher.“ (S. 135)

Diskussion

Hasler hat auf einige weitere methodologische, technologische und konzeptuelle Mängel in der Welt des Neuroimagings und des in den letzten Jahren rasant angestiegenen Medikamentenkonsums hingewiesen. Entgegen der in erster Linie von den Pharmakonzernen weit verbreiteten Meinung, die Hirnforschung sei eine exakte Naturwissenschaft und wisse genau Bescheid über die Vorgänge im Gehirn, ist die tatsächliche Faktenlage dürftig. „Man hat noch nicht einmal ansatzweise verstanden, welche spezifische neuronale Konfiguration, welche Ausgestaltung kortikaler und subkortikaler Netzwerke zu welchem individuellen Erleben führt.“ (S. 156)

Ebenso wichtig wie die Frage nach den Gütekriterien in der aktuellen Hirnforschung ist die Frage, ob es denn überhaupt sinnvoll ist, im Kortex nach Lokalisationen von Liebe oder Rechtschaffenheit zu suchen. Der Autor weist darauf hin, dass in Wirklichkeit gleiche Hirnregionen an vielen mentalen Zuständen und Vorgängen beteiligt sind, weshalb zwischen einer Hirnregion und einem bestimmten kognitiven oder emotionalen Ereignis eine Eins-zu-eins-Abbildung nicht möglich ist. „Von der Vorstellung, auch komplexe geistige Funktionen seien an bestimmten Orten im Gehirn fest verankert, ist man eigentlich schon vor Jahrzehnten abgerückt. Viel wahrscheinlicher ist es nämlich, dass komplex fluktuierende kortikale und subkortikale Netzwerke in einem höchst dynamischen Zusammenspiel aus gegenseitiger Aktivierung und Hemmung unser bewusstes Erleben ermöglichen. Biologische Grundlage unseres Bewusstseins scheint eine ganze Anzahl miteinander verbundener paralleler Netzwerke zu sein – in höchstem Maße plastisch und zur eigenen Weiterentwicklung und Selbstreparatur befähigt.“ (S. 54f)

Um zu lieben oder zu lügen, werde jeweils das „ganze Gehirn“ benötigt, weshalb der Autor eigentlich die Suche nach der Spezifität komplexer mentaler Zustände per fMRT-Aufnahmen „gänzlich sinnlos“ findet (S. 55). Im Weiteren beklagt Hasler zurecht, dass im „klassischen bio-psycho-sozialen Modell“ eine Verschiebung zu einem biologistischen Reduktionismus stattgefunden hat (vgl. u.a. S. 8). Ein wirkliches Interesse an der Biologisierung psychischer Störungen habe naturgemäß die pharmazeutische Industrie. „Nur wenn Erkrankungen der Psyche als Erkrankungen des Gehirns und somit als biologisches Problem verstanden werden, ist es überhaupt sinnvoll, Medikamente einzusetzen.“ (S. 87)

Hasler weist die Hirnforschung als Letztbegründungsinstanz ausdrücklich zurück, gleichwohl bleibt er dem klassisch naturwissenschaftlichen Paradigma verhaftet. Der Autor fordert letztlich lediglich mehr Bescheidenheit und Skepsis und weniger spektakuläre Medienauftritte respektive einen Verzicht auf Versprechungen, die nach dem heutigen Stand der Wissenschaft nicht den Anschein erwecken, realisierbar zu sein (siehe Kapitel 10: Neuro-Skepsis statt Neuro-Spekulation).

Neuronale Prozesse sollten aber grundsätzlich nicht als Ursache des psychischen Geschehens hypostasiert, sondern als durchgängige körpereigene Teilvorgänge eines Gesamtprozesses mitberücksichtigt werden, der als solcher bedeutend mehr umfasst als diesen Durchgang. Von zentraler Bedeutung ist das Prinzip der extrakortikalen Organisation komplexer geistiger Funktionen, mit dem angenommen wird, dass insbesondere die höheren psychischen Tätigkeiten des Menschen mit Unterstützung äußerer, in einem weiteren Sinne des Wortes kultureller Hilfsmittel entstanden sind. „Es ist einleuchtend, daß diese äußeren Hilfsreize oder geschichtlich gewordenen Werkzeuge wichtige Elemente bei der Schaffung funktioneller Verbindungen zwischen einzelnen, unabhängigen Teilen des Gehirns sind und daß mit ihrer Hilfe Hirnregionen, die vorher unabhängig voneinander arbeiteten, zu Bestandteilen eines einzigen funktionellen Systems werden“ (Lurija, 1973/1996, Das Gehirn in Aktion, S. 26f.; Hervorhebung von Lurija).

Fazit

Aus dem vorliegenden Werk geht hervor, dass die im Wesentlichen auf den modernen bildgebenden Verfahren basierenden Naturwissenschaften und Quasi-Naturwissenschaften, die sich mit dem Gehirn und dessen Funktionen befassen, in ihrer heutigen Verfassung entgegen den Vorgaben, exakte Wissenschaften zu sein, keine exakten Wissenschaften sind. Insbesondere die Psychologen würden gut daran tun, nicht auf den Zug der Neurologie aufzuspringen, sondern auch im Bereich der bildgebenden Verfahren zunächst das zu tun, was sie sonst eigentlich immer tun, nämlich nach der Validität und Reliabilität zu fragen.

Haslers „Neuromythologie“ ist ein engagiertes, wissenschaftstheoretisch hochinteressantes Buch, das möglichst viele Menschen lesen sollten, um gegenüber den massenmedial verbreiteten wissenschaftlichen Sensationsmeldungen und Versprechungen der Pharmaindustrie eine gesunde Skepsis zu entwickeln. Nicht klienten- respektive personzentriert vorgetragenem Expertenwissen nicht blind zu vertrauen ist die Botschaft dieser ebenso sozialpolitisch wie wissenschaftstheoretisch relevanten Streitschrift.

Rezension von
Prof. Dr. Mark Galliker
Institut für Psychologie der Universität Bern
Eidg. anerkannter Psychotherapeut pca.acp/FSP
Mitglied der Schweizerischen Gesellschaft für den Personzentrierten Ansatz
Weiterbildung, Psychotherapie, Beratung (pca.acp).
Redaktion der Internationalen Zeitschrift für Personzentrierte und Experienzielle Psychotherapie und Beratung (PERSON).
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Zitiervorschlag
Mark Galliker. Rezension vom 30.04.2013 zu: Felix Hasler: Neuromythologie. Eine Streitschrift gegen die Deutungsmacht der Hirnforschung. transcript (Bielefeld) 2012. ISBN 978-3-8376-1580-7. Reihe: XTexte. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15025.php, Datum des Zugriffs 22.05.2024.


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