Walter Mesch (Hrsg.): Glück – Tugend – Zeit. Aristoteles über die Zeitstruktur [...]
Rezensiert von Prof. Dr. Dr. habil. Peter Eisenmann, 25.10.2013
Walter Mesch (Hrsg.): Glück – Tugend – Zeit. Aristoteles über die Zeitstruktur des guten Lebens. J. B. Metzler’sche Verlagsbuchhandlung und Carl Ernst Poeschel Verlag GmbH (Stuttgart, Weimar) 2013. 278 Seiten. ISBN 978-3-476-02458-9. D: 39,95 EUR, A: 41,10 EUR, CH: 54,00 sFr.
Thema
Das Buch greift ein Thema auf, das in einer Zeit zunehmender Beschleunigung des täglichen Lebens und der damit einhergehenden Fragen nach zeitlichen Dimensionen des Lebens, seiner Gestaltung, seiner Endlichkeit, der sinnvollen Nutzung von Zeitbudgets etc. immer stärker ins Bewusstsein des modernen Menschen rückt. Walter Mesch greift in der von ihm herausgegebenen Publikation weit zurück in das antike Verständnis eines Aristoteles von Zeit, hinterfragt welche Zeitstruktur des guten Lebens dieser hatte und was aus seiner Sicht die zeitliche Dimension „von Handlungen, Situationen, Zufällen, Überlegungen, Entscheidungen, Affekten, Lüsten, Beherrschtheit und Unbeherrschtheit, Tugenden und Lastern, Erkenntnis und Streben“ (Vorwort) kennzeichnet.
Autor
Walter Mesch, Jahrgang 1964, ist Professor für Philosophie mit dem Schwerpunkt antike und mittelalterliche Philosophie an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Er studierte Philosophie und Germanistik in Tübingen und Oxford, promovierte 1992 über „Ontologie und Dialektik bei Aristoteles“ und habilitierte 2001 mit einer Studie zu „Zeit und Ewigkeit bei Platon, Aristoteles, Plotin und Augustinus“.
Entstehungshintergrund
Das Buch knüpft thematisch in gewisser Weise an die hauptsächlichen Forschungsarbeiten von Walter Mesch an und veröffentlicht die überarbeiteten Beiträge einer philosophischen Fachtagung, die vom 22.- 24. Juli 2011 in Münster stattgefunden hat. Das erkenntnisleitende Interesse lag in dem Umstand, „dass die zeitliche Dimension der aristotelischen Ethik bislang in der Forschung nur verhältnismäßig wenig Beachtung gefunden hat“ (S. VII). Der Herausgeber weist dabei darauf hin, dass heute die aktuellen Debatten über die Bedeutung des Zeitfaktors durchaus mit der durch die antike Philosophie gestellten Frage nach einem ‚guten Leben‘ in Verbindung gebracht werden können.
Aufbau
Das Buch eröffnet mit einem Vorwort, Hinweisen zur Benutzung und einer Einleitung; es untersucht in fünfzehn Beiträgen Aspekte der aristotelischen Zeitstruktur des guten Lebens und schließt mit einem Autoren- und Personenregister ab.
Inhalt
Bereits in seinem einleitenden Kapitel setzt sich Mesch mit der Zeitstruktur des guten Lebens bei Aristoteles auseinander, konstatiert die Schwierigkeit hinsichtlich der zentralen Frage nach dem, was unter einem guten Leben zu verstehen ist bzw. verstanden werden kann, greift man etwa die zentralen Begriffe des Haupttitels ‚Glück‘ und ‚Tugend‘ auf. Allein aus den begrifflichen Varianten bei Aristoteles ergeben sich bereits beachtliche Probleme, aber auch Perspektiven, die letztlich neue Fragestellungen, eben bezüglich eines strukturellen Begriffs des guten Lebens oder zur Zeit, wie sie auch im Zusammenhang mit den dianoetischen Tugenden – etwa der Klugheit und der Weisheit – aufwerfen. Die nachfolgenden Kapitel thematisieren zum einen hauptsächlich die Frage nach dem guten Leben und dessen Zusammenhang mit dem Zeitfaktor (vgl. die Beiträge von Horn, Müller, Pietsch und Thanassas), zum anderen wird die Verbindung zwischen dem guten Leben oder Glück, also der ‚eudaimonia‘ und den ethischen Tugenden (siehe v. a. Mesch, Hübner, und Hardy), aber auch zur Zeit selbst und deren Bedeutung in Handlungsfeldern hergestellt.
Christoph Horn geht zum Beispiel der Behauptung in philosophischen Texten der Antike nach, wonach „die Dauer eines Lebens nicht zum Glück eines Menschen beitrage“ (S. 21). Es käme beispielsweise – gemäß Seneca – eben nicht auf die Dauer des Lebens, sondern auf die Weise, wie dieses beschaffen sei, an; bei Herodot erscheine der Tod und nicht das Weiterleben oder ein hohes Alter als höchstes Geschenk bzw. höchstes Glück – ganz im Gegensatz zu unserer heutigen Sichtweise, wo ein langes menschliches Leben als besonderer Wert gelte. Ihm geht es um das Eruieren der Tendenz zur Geringschätzung von Langlebigkeit in der antiken Philosophie, welche Glück als augenblicklich und nur auf eine kurze Zeitspanne begrenzt ansieht. Der Autor geht deshalb der ‚Lebenszeitthese‘ nach, interpretiert diese indem er u. a. auf Textstellen in der ‚Nikomachischen Ethik I‘ rekurriert und dabei den Zusammenhang zwischen dem menschlichen Glück und der tugendbasierten Tätigkeit der Seele herausstellt. Schließlich vergleicht er die Lebenszeit-These eines Aristoteles bzw. dessen Auffassung von der Zeitlichkeit des Glücks mit jener eines der bedeutendsten Gerechtigkeitsphilosophen unserer Zeit: John Rawls. Dessen Idee von einem guten Leben fußt auf der Vorstellung eines umfassenden Lebensplans. In seiner „Theorie der Gerechtigkeit“ geht es ihm (wenn überhaupt!?) um die Bestimmung einer Rangfolge und zeitlichen Abfolge von Lebenszielen, Interessen und Wünschen.
Jörn Müller geht der Frage nach, wann man ein Leben glücklich nennen kann und geht zunächst dem Glücks-Begriff auf die Spur, erkennt unterschiedliche Charakterisierungen und deren Einfluss auf das zeitliche Verständnis. Der Autor nimmt sich besonders der Interpretation des Vorschlags von Solon und das Eingehen von Aristoteles darauf in seinen Schriften an. Er verweist auf das aristotelische Glücksverständnis, nach welchem man einen Glücklichen zu jedem Zeitpunkt seines Lebens als glücklich bezeichnen kann, während Solon vorgeschlagen habe, dass eine Bewertung des Glückes bzw. eines glücklichen Lebens erst am Ende eines Lebens möglich ist. Er verweist auf den solonischen Ratschlag ‚telos horan‘ – also auf das Ende eines Lebens zu sehen, das eben auch ein katastrophales Ende finden könne. Christian Pietsch fragt in seinem Beitrag nach zeitbedingten Formen von Glück, nach sich wandelnden Bedingungen, wie sie etwa im individuellen und gesellschaftlichen Leben gegeben sind. Der Herausgeber Walter Mesch fragt nach dem Verhältnis von praktischer Zeit und ethischer Tugend und geht in diesem Zusammenhang vor allem auf das zweite Buch der ‚Nikomachischen Ethik‘ ein. Er untersucht, „inwiefern die ethische Tugend als eine praktische Haltung aufzufassen ist, die aus Gewöhnung hervorgeht“ (S. 94).
Man könnte die nachfolgenden Kapitel zusammengefasst als den zweiten Teil des Buches begreifen, da sich sowohl die Beiträge von Johannes Hübner (Über das Werden und Vergehen der Tugenden), Alejandro G. Vigo (Überlegung und Entscheidung. Zur Zeitstruktur der praktischen Rationalität) und von Jörg Hardy (Aristoteles über die Kontinuität des Glücks, praktische Klugheit und angenehme Empfindungen) mehr oder weniger zentral auf ein tugendbezogenes Verhalten in zeitlicher Dimension beziehen.
In einem quasi dritten Teil geht es eher um praktische, auf Zeitstrukturen bezogene Darlegungen. Friedo Ricken versucht unter den Aspekten ‚Erfahrung, Gewöhnung, Gesetz‘ auf die Frage nach den zeitlichen Bedingungen, „an welche die Haltungen des Menschen gebunden sind, die das gute praktische Leben gewährleisten“ (S. 176) Antwort zu geben. Der Untertitel seines Beitrags weist auf die ‚Zeitstruktur der Phronesis‘, hin, welche als Form der Erkenntnis verstanden wird. Diese Erkenntnis setze Erfahrung voraus, die wiederum nur im Laufe der Zeit gewonnen werden könne. Friederike Rese beschäftigt sich mit der Verschiedenheit von Handeln und Herstellen hinsichtlich der Verschiedenheit der Zeitstrukturen beider Aktivitäten. Matthias Perkams setzt sich mit der Bedeutung von Aristoteles‘ naturwissenschaftlicher Bewegungstheorie für das Verständnis seiner Ethik unter dem Gesichtspunkt des Handelns in der Zeit auseinander. Er plädiert für einen engeren Zusammenhang von Ethik und Handlungstheorie unter Berücksichtigung der Dimension der Zeitlichkeit (vgl. S. 201) und will aufzeigen, dass dies aus dem handlungstheoretischen und ethischen Konzept von Aristoteles heraus letztlich erklärt und besser verstanden werden kann. Roman Dilcher wendet den Blick weg von den aristotelischen Texten zur Ethik und sucht in dessen Buch IX (Theta) der ‚Metaphysik‘ im sechsten Kapitel nach der Zeitlichkeit der Praxis. Er stößt dabei letztlich auf eine deutliche Abgrenzung der Kernbegriffe ‚Praxis‘ und ‚Bewegungen‘ durch Aristoteles aufgrund dessen Annahme einer unterschiedlichen Zeitstruktur im Sinne eines energetischen Zeitbegriffs, dessen Bedeutung für das praktische Leben wiederum darin liegt, dass sie „der Grund der Möglichkeit dafür (ist), daß es eine zeitliche Einheit des menschlichen Lebens gibt, in der Weise, daß man von der Dauer eines Lebens sprechen kann“ (S. 227). Béatrice Lienemann beschäftigt sich mit zwei besonderen Arten zurechenbarer Handlungen in der aristotelischen Ethik, nämlich mit plötzlichen Handlungen und voreiligen Handlungen und fragt danach, ob derartige Spezialfälle von Handlungen besonders dazu geeignet erscheinen, die Zeitstruktur des guten Lebens bei Aristoteles erhellend herauszufinden.
Die beiden letzten Beiträge greifen zum einen die Rolle der Zeit in Aristoteles‘ ‚Theorie der Freundschaft‘ auf (vgl. Friedemann Buddensiek) und zum anderen geht es bei Peter Nickl beispielsweise unter anderem um den Erwerb von Wissenschaften und Tugenden (‚hexis‘), aber auch von Disposition (‚diathesis‘) im Sinne von sich schnell ändernden Zuständen als Weg zur Unsterblichkeit.
Diskussion
Wie eingangs bereits gesagt, greift das Buch ein durchaus aktuelles Thema auf, auch wenn es in die antike Philosophie greift, um die Zusammenhänge zwischen Zeitstrukturen für ein gutes Leben, um die die Verbindungen zwischen dem Glück, als dem in der antiken Philosophie stets postulierten höchsten Gut, einem tugendhaften Handeln und Verhalten, geht. Es kapriziert sich ausschließlich auf die mehr oder weniger rudimentär vorfindbaren Belegstellen hinsichtlich der Zeitvorstellungen bei Aristoteles, ohne ausführlicher auf andere philosophische Sichtweisen anderer antiker Denker zumindest vergleichsweise einzugehen. Gemeint ist damit beispielsweise das Zeitverständnis bei Seneca, wie es in seiner bemerkenswerten Schrift ‚De brevitate vitae‘ zum Ausdruck kommt.
Man mag sicher entgegnen, dass dies auch nicht die Zielsetzung weder der der Publikation zugrundeliegenden Fachtagung, noch der grundsätzlichen thematischen Aufbereitung gewesen ist. Damit entwickelt sich das Werk zu einer äußerst fachspezifischen, ja sogar teilfachspezifischen, hoch wissenschaftlichen Untersuchung, die zwangsläufig erhebliche Kenntnisse der aristotelischen Philosophie im Allgemeinen und der spezifisch zeitorientierten Darlegungen im Speziellen voraussetzt, um das nötige Verständnis für das erkenntnisleitende Interesse und die daraus resultierenden Zielsetzungen entwickeln zu können.
Es handelt sich somit um kein leicht verständliches Werk und auch keine breite Leserschaft ansprechende Publikation, auch wenn der Titel derselben anderes zu suggerieren vermag. Es könnte also durchaus bei all jenen, die nicht unbedingt über ein Expertenwissen hinsichtlich der aristotelischen Philosophie verfügen zu gewissen Enttäuschungen führen. Aber wahrscheinlich soll diese Klientel ohnehin nicht von vorneherein angesprochen werden.
Fazit
Das Buch von Mesch ist eine hochwissenschaftliche, philosophische Abhandlung, die sich thematisch mit dem Phänomen Zeit, dessen Struktur und Bedeutung hinsichtlich einer in der antiken Philosophie wesentlichen Fragestellung nach einem sogenannten guten Leben, auseinandersetzt. In hoch spezifischer und auch diffiziler Weise wird das Thema so abgehandelt, dass es für eine fachspezifische Leserschaft gewinnbringend und von Bedeutung ist. Jeder, der sich mit der aristotelischen Philosophie gerade in Bezug auf sein Verständnis von Zeit und Zeitstrukturen für ein gelingendes Leben intensiver beschäftigt, wird an diesem Werk sicher nicht vorbeikommen.
Rezension von
Prof. Dr. Dr. habil. Peter Eisenmann
Professor (em.) für Andragogik, Politikwissenschaft und Philosophie/Ethik an der Technischen Hochschule Würzburg-Schweinfurt, Fakultät Angewandte Sozialwissenschaften
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