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Schweizerisches Rotes Kreuz (Hrsg.): Who cares? Pflege und Solidarität in der alternden Gesellschaft

Cover Schweizerisches Rotes Kreuz (Hrsg.): Who cares? Pflege und Solidarität in der alternden Gesellschaft. Seismo-Verlag (Zürich) 2013. 312 Seiten. ISBN 978-3-03777-128-0. 29,00 EUR, CH: 38,00 sFr.
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Thema

In den Ländern Europas gehört die demografische Alterung der Gesellschaft zu den großen Herausforderungen der Zukunft. Ein zunehmender Handlungsdruck entsteht insbesondere durch die wachsende Anzahl hochaltriger und pflegebedürftiger Menschen: Wie kann der Pflegebedarf angesichts des bereits heute bestehenden Mangels an professionell Pflegenden zukünftig gedeckt werden? Wie kann eine solidarische Zusammenarbeit zwischen Staat, Wirtschaft und Zivilgesellschaft, zwischen Professionellen, Freiwilligen und Angehörigen aussehen und wie muss sie organisiert werden? Wie können Angehörige wirksam unterstützt werden? Was ist zu tun, um die Vereinbarkeit von Erwerbsarbeit und Angehörigenpflege zu fördern? Welche neuen Probleme entstehen durch die Beschäftigung von osteuropäischen Care-Arbeiterinnen in Privathaushalten? Diesen und weiteren Fragen widmet sich das Buch des Schweizerischen Roten Kreuzes, in dem sowohl die aktuelle wissenschaftliche Diskussion nachgezeichnet als auch konkrete Modelle und Projekte aus der Praxis vorgestellt werden.

Herausgeber und AutorInnen

Bei der Publikation handelt es sich um einen Sammelband, dessen Herausgeber das Schweizerische Rote Kreuz (SRK) ist. Die Autorinnen und Autoren stammen aus der Schweiz, aus Österreich und aus Deutschland. Unter ihnen befinden sich renommierte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus unterschiedlichen Disziplinen (Psychologie, Pflegewissenschaft, Soziologie, etc.) sowie Fachpersonen aus diversen Praxisfeldern.

Entstehungshintergrund

Das im Seismo-Verlag erschienene Buch bildet die achte Publikation des Schweizerischen Roten Kreuzes in der Reihe „Gesundheit und Integration – Beiträge aus Theorie und Praxis“. Verfasser des Vorworts ist Dr. med. Kaspar Schild, Vizepräsident des Schweizerischen Roten Kreuzes.

Aufbau

Das 312 Seiten umfassende Buch gliedert sich nach Vorwort und Einleitung in vierzehn Beiträge:

  • Beitrag 1: Demografische Alterung und ihre Herausforderungen für die Gesellschaft (Franz Kolland)
  • Beitrag 2: Angehörigenpflege im Spannungsfeld traditioneller Familienbilder und neuer gesellschaftlicher Realitäten (François Höpflinger)
  • Beitrag 3: »Care«-Trends in Privathaushalten: Umverteilen oder auslagern? (Annegret Wigger, Nadia Baghdadi, Bettina Brüschweiler)
  • Beitrag 4: Herausforderungen des demografischen Wandels annehmen. Auf dem Weg zu einer caring community? (Thomas Klie)
  • Beitrag 5: Der Arbeitsmarkt für Betreuung und Pflege als zentrale politische Herausforderung einer alternden Gesellschaft (Martin Flügel)
  • Beitrag 6: Transnationale Care-Arbeit: osteuropäische Pendelmigrantinnen in Privathaushalten von Pflegebedürftigen (Sarah Schilliger)
  • Beitrag 7: Berufstätigkeit und Angehörigenpflege vereinbaren (Iren Bischofberger, Andrea Radvanszky, Karin van Holten, Anke Jähnke)
  • Beitrag 8: »work & care«: Vereinbarkeit von Erwerbstätigkeit und Angehörigenpflege – Praxisbeispiel Bank Coop AG (Eveline Erne-Widmer)
  • Beitrag 9: Hand in Hand, pflegende Angehörige beraten, begleiten und unterstützen. Ein Projekt der SPITEX RegionKöniz (Brigitte Hadorn-Lüthi)
  • Beitrag 10: Pflegehelferinnen und Pflegehelfer SRK – ein unverzichtbarer Beitrag ans Gesundheitswesen (Anne-Rose Barth, Christa Hanetseder)
  • Beitrag 11: Solidarität auf dem Prüfstand der Praxis. Projekte aus Zürich zur Primärprävention und zur Betreuung von Menschen mit Demenz (Albert Wettstein)
  • Beitrag 12: Das Modell Pflegebegleitung. Vernetzung, Kompetenzentwicklung und Empowerment als Prinzipien bei der Begleitung pflegender Angehöriger (Cornelia Kricheldorff, Elisabeth Bubolz-Lutz)
  • Beitrag 13: Einsatz Freiwilliger zur Entlastung pflegender Angehöriger. Zum Anspruch der Freiwilligkeit der Leistungen des Roten Kreuzes (Andreas Bircher)
  • Beitrag 14: La santé à Meinier à travers le réaménagement du centre du village et la création d‘un lieu de vie intergénérationnel (Sandrine Motamed, André Rougemont)

Abschließend werden die Autorinnen und Autoren in alphabetischer Reihenfolge sowie mit ihrem jeweiligen professionellen Hintergrund und Tätigkeitsfeld vorgestellt.

Inhalte

Im Folgenden werden einige der Beiträge exemplarisch vorgestellt, ohne dass mit der Auswahl eine Wertung verbunden ist. Im ersten Beitrag beschäftigt sich Franz Kolland aus wissenschaftlicher Perspektive mit Fragen rund um das Alter. Ab wann wird vom Alter gesprochen? Was ist eine alternde Gesellschaft? Wie steht es um die Generationenbeziehungen und Generationenverhältnisse? Welche Faktoren tragen zu einem gelingenden Alter bei? Nach der Vorstellung von Daten und Fakten zur demografischen Alterung setzt sich der Autor mit unterschiedlichen Sichtweisen auf die Generationenbeziehungen in alternden Gesellschaften auseinander, die einerseits einen „Krieg der Generationen“ prognostizieren, andererseits das hohe Solidaritätspotenzial hervorheben. Er identifiziert drei Konfliktfelder in den Generationenbeziehungen – Familie, Arbeitswelt und Öffentlichkeit – und zeigt auf, welche Veränderungen in diesen Bereichen zu erwarten sind und welche Anforderungen daraus resultieren. Im Weiteren beschäftigt sich der Verfasser mit dem Wandel der Lebensphase Alter. Er stellt heraus, dass die Frage, ob jemand als alt eingestuft wird, nicht nur auf körperliche Veränderungen zu beziehen ist, sondern ebenfalls psychologische und soziologische Faktoren von Relevanz sind. Ferner verweist er auf die Vielfalt und Individualität heutiger Lebensmodelle im Alter und nennt drei Faktoren für ein gelingendes Alter: Aktivität, Autonomie und Anerkennung. Er plädiert dafür, Altern nicht nur als Problem, sondern vielmehr als Chance für die Gesellschaft zu begreifen und regt abschließend eine Diskussion um eine neue Alterskultur an.

François Höpflinger wendet sich im zweiten Beitrag den pflegenden Angehörigen zu. Er räumt zunächst auf mit überholten Familienbildern und dem Mythos der »Alterspflege in der Familie«. Vielmehr stellt er heraus, dass die Schweiz zu den Ländern gehört, in denen die Zuständigkeit für die Versorgung alter Menschen traditionell bei der Gemeinschaft liegt, erkennbar daran, dass in der Schweiz „nur“ etwa 43-45% der über 65jährigen pflegebedürftigen Personen zu Hause gepflegt werden (zum Vergleich: in Deutschland sind es ca. 70%). Außerdem öffnet der Autor den Blick für gesellschaftliche Realitäten wie familiendemografische Veränderungen und eine Zunahme der Frauenerwerbstätigkeit. Er hält es für illusorisch, professionell-staatliche Pflegeleistungen zukünftig durch vermehrte familiale Pflegeleistungen ersetzen zu können, ebenso wenig durch außerfamiliale Bezugspersonen oder Freiwillige. Zur Sicherstellung der pflegerischen Versorgung bedarf es aus seiner Sicht einer engen Zusammenarbeit von Sozialstaat, professioneller Pflege und Familie. Die pflegenden Angehörigen bedürfen dabei einer besonderen Beachtung ihrer unterschiedlichen Bedürfnisse und einer verstärkten fachlichen Unterstützung. Eine weitere zentrale Erkenntnis des Autors liegt darin, dass ein Ausbau sozialstaatlicher Leistungen keineswegs zu einer Verringerung oder Verdrängung des familialen Unterstützungspotentials führt. Vielmehr kommt es zu einer stärkeren Arbeitsteilung, indem Hilfeleistungen von der Familie übernommen, intime Pflegeleistungen hingegen an professionelle Dienste delegiert werden.

Zum dritten Beitrag vgl. unten unter dem sechster Beitrag.

Für einen Hilfemix in der Bewältigung von Aufgaben der Pflege und ein intelligentes Zusammenwirken von professionellen Diensten, pflegenden Angehörigen und Freiwilligen plädiert ebenfalls Thomas Klie im vierten Beitrag. Er fordert eine Orientierung am Leitbild der caring community, die die Verantwortung für Sorgeaufgaben weder den einzelnen Familien aufbürdet noch dem freien Markt überlässt, sondern in die Mitte der Gesellschaft positioniert und als gesamtgesellschaftliche Aufgabe betrachtet.

Einen anderen Aspekt, nämlich die Betrachtung des Arbeitsmarktes im Bereich der Pflege und Betreuung, stellt Martin Flügel in den Mittelpunkt des fünften Beitrags. Für ihn gehört der Arbeitskräftemangel zu den zentralen politischen Herausforderungen der Zukunft. Er identifiziert verschiedene politische Handlungsfelder in der professionellen und informellen Betreuung und Pflege sowie in der Betreuung und Pflege durch ausländische Hausangestellte. Dabei wirft er auch die Frage nach der Finanzierung von Pflegearbeit in einer alternden Gesellschaft auf.

Mit privaten Care-Arrangements und dem Einsatz osteuropäischer Pendelmigrantinnen beschäftigen sich sowohl der dritte Beitrag von Annegret Wigger, Nadia Baghdadi und Bettina Brüschweiler als auch der sechste Beitrag von Sarah Schilliger. Sie beleuchten Hintergründe und strukturelle Merkmale dieses wachsenden Sorgemarktes und setzt sich kritisch mit den Arbeits- und Lebensbedingungen der Frauen auseinander, die nicht selten in rechtlichen Grauzonen tätig sind. Sie fordern eine grundsätzliche gesellschaftliche Debatte über einen Sonderarbeitsmarkt, der sich auf soziale Ungleichheiten stützt.

Die Vereinbarkeit von Berufstätigkeit und Angehörigenpflege thematisiert der siebte Beitrag von Iren Bischofberger, Andrea Radvanszky, Karin van Holten und Anke Jähnke. Sie stellen Ergebnisse von Forschungsprojekten sowie verschiedene Praxistools für die Arbeitswelt vor. Die Ausführungen verweisen auf einen erheblichen Innovationsbedarf in der Arbeitswelt, um Arbeitnehmer dabei zu unterstützen, die Doppelbelastung von Arbeit und Pflege zu bewältigen. Die Vereinbarkeit von »work & care« wird im nachfolgenden achten Beitrag am Beispiel einer Schweizerischen Bank von Eveline Erne-Widmer vorgestellt. Sie zeigt u.a. verschiedene Möglichkeiten zur Entlastung von betroffenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern auf und verweist auf die Bedeutung des Rückhalts durch die Unternehmensleitung.

In den nachfolgenden Artikeln werden weitere Projekte und Modelle vorgestellt, die die Betreuung von pflegebedürftigen Menschen und die Entlastung der pflegenden Angehörigen zum Ziel haben, darunter der Einsatz von Freiwilligen, die Ausbildung von Pflegehelferinnen und -helfern sowie die Beratung und Kompetenzförderung von Angehörigen. Der letzte, in französischer Sprache verfasste Beitrag stellt schließlich das Konzept eines Dorfzentrums vor, welches einen präventiven Ansatz verfolgt und gesundheitliche Dienstleistungen vor Ort anbietet.

Diskussion und Fazit

Der Sammelband „Who cares? Pflege und Solidarität in der alternden Gesellschaft“ des Schweizerischen Roten Kreuzes greift ein zentrales Thema der Zukunft auf, welches bislang weder von der Politik noch von der Gesellschaft hinreichend wahrgenommen und diskutiert wird. Dem Buch gelingt es, durch die unterschiedliche Schwerpunktsetzung der einzelnen Beiträge die Komplexität der Thematik ins Bewusstsein zu rufen, ohne diese Komplexität erschöpfend abbilden zu können oder zu wollen. Hervorzuheben ist die gelungene Zusammensetzung des Autorenteams und die Verknüpfung von Theorie und Praxis in Form der Betrachtung des behandelten Gegenstands sowohl aus Perspektive der Wissenschaft als auch der Praxis. Die gewonnenen Erkenntnisse sind nicht nur für die Schweiz von Bedeutung, sondern für alle Länder Europas, die sich der demografischen Alterung der Gesellschaft stellen müssen.

Mit seinen zahlreichen Denkanstößen und Impulsen leistet das vorliegende Werk einen wertvollen Beitrag für eine weitergehende Bearbeitung der Frage der zukünftigen Versorgung pflegebedürftiger älterer Menschen. Es verdeutlicht dringenden Forschungs- und Handlungsbedarf, lässt Herausforderungen und Verantwortlichkeiten erkennen und ist durch die Breite seines Ansatzes sowohl Wissenschaftlern und Praktikern als auch politischen Entscheidungsträgern zu empfehlen.


Rezensentin
Prof. Dr. Christa Büker
Homepage www.hm.edu
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Zitiervorschlag
Christa Büker. Rezension vom 01.11.2013 zu: Schweizerisches Rotes Kreuz (Hrsg.): Who cares? Pflege und Solidarität in der alternden Gesellschaft. Seismo-Verlag (Zürich) 2013. ISBN 978-3-03777-128-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15033.php, Datum des Zugriffs 23.03.2019.


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