Josef Christian Aigner: Vorsicht Sexualität!
Rezensiert von Prof. Dr. Uwe Sielert, 20.08.2013
Josef Christian Aigner: Vorsicht Sexualität! Sexualität in Psychotherapie, Beratung und Pädagogik ; eine integrative Perspektive. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2013. 233 Seiten. ISBN 978-3-17-021753-9. 29,90 EUR.
Thema
Aigner bearbeitet in seinem Buch zwei Hautthemen:
- Eine komprimierte und auch für nicht sexualwissenschaftlich vorgebildete Leserinnen und Leser spannend geschriebene Einführung in „Sexualität heute“ und
- die – mit eigenen berufsbiografischen Erfahrungen angefüllte – Begegnung eines Psychoanalytikers, also „Sprach-Psychotherapeuten“ mit einer sexualwissenschaftlichen Körpertherapie auf verhaltenstheoretischer Grundlage.
„Das Anliegen des Buchs ist also eine grundlegende Einstimmung in Fragen der Sexualwissenschaft, Sexualberatung und Sexualtherapie“ (S. 10). Dabei bezieht sich Aigner bewusst nicht auf die sonst verhandelten Probleme bestimmter „Randgruppen“ oder – man könnte auch sagen – irgendwelche sexualwissenschaftlichen Leckerbissen, sondern auf die „alltägliche Heterosexualität“ (S. 10), die in der fachlichen Literatur meist wenig Aufmerksamkeit findet. Es ist auch kein „‚wissenschaftliches‘, aber ein wissenschaftlich fundiertes Fachbuch“ (S. 11), und vor allem ein “Mutmach-Buch“ … “gegen die Angst, mit sexuellen Problemen käme etwas besonders Schwieriges auf uns zu“ (S. 11).
Der Autor steht zu seinem „männlichen Blick“ auf das Thema und verzichtet damit auch auf das „gendering“ der Formulierungen (S. 12). Auch im weiteren Verlauf des Referierens und Argumentierens sind Perspektive und Anliegen eines (auch) Männerforschers mit einem „leiborientierten Interesse an der Sexualität“ (S. 192f) nicht zu übersehen – und die Queer-Theorie ist sicher nicht ‚sein Ding‘ (S. 192ff). Das ist indirekt deutlich formuliert und kann aus entsprechend queer-feministischer Perspektive kritisch kommentiert werden.
Aufbau und Inhalt
In Teil I („Grundlagen und Konzepte“) befasst sich Aigner zunächst mit der Entwicklung der Sexualwissenschaft, dem Begriff „Sexualität“, seinen biopsychosozialen Bedingtheiten und diversen Phasen der Persönlichkeitsentwicklung. Nach dem zu Recht beklagten „Begriffswirrwarr“ hätte ich mir nach vielen Hinweisen auf andere AutorInnen eine deutlichere eigene Definition des Autors gewünscht. Jedenfalls wird immer wieder die multifaktorielle Bedingtheit des beschriebenen Phänomens betont, die sich in der Beschreibung der psychosexuellen Entwicklung wiederfindet und schon gleich zu Beginn eine Funktionsreparatur sexueller Probleme durch MedizinerInnen ausschließt.
Der Autor bekennt sich recht schnell als Psychoanalytiker, also der ‚sprechenden Medizin‘ zugehörig. Die zur Erklärung diverser Teilthemen herangezogenen Theoriebausteine rekurrieren immer wieder auf die Psychoanalyse, allerdings mit einer erfrischenden Offenheit für diverse auch vom Mainstream abweichende Vertreter dieser Schule (so z.B. den in Fachkreisen nicht allgemein anerkannten Ernest Borneman (z.B. S. 35) sowie andere psychologische Basisschulen, mit denen er in seiner sexualtherapeutischen Ausbildung konfrontiert wurde.
Die in Teil II zusammengestellten „kulturellen und gesellschaftlichen Umbrüche und ihre Auswirkungen auf sexuelles Erleben“ werden von Aigner anhand der sexualsoziologischen Literatur in ihrer kulturkritischen Variante (vor allem in Anlehnung an Volkmar Sigusch) referiert und erhellend zusammengefasst. Von „kannibalistischer“ und „kapitalistischer Liebe“ (S. 52f) und „Geschlechtsverkehr als Bestandteil des Geschäftsverkehrs“ (S. 50) sowie vielen anderen Zuspitzungen einer zum „entsublimierten Wohlstandssex“ (S. 52) heruntergekommenen Sexualität ist die Rede, die „Scheinhaftigkeit der Befreiung“ (S. 52), „Sicherheit statt Lustprinzip (S. 53)“, „Allgegenwart des Sexuellen als Konsumgut und ‚sexual Correctness‘“ (S. 54) sind entsprechende Kapitelüberschriften. Ästhetisierungszwänge und autoaggressive Selbstverstümmelungen (S. 62 ff) stehen im Mittelpunkt der Beschreibung einer ins Pathologische hineinreichende Enteignung des postmodernen Sexualsubjekts durch die neoliberalen Marktmechanismen der gegenwärtigen Gesellschaft. Immerhin wird die Beschreibung von Jugendsexualität nicht aus der Perspektive der besorgten Erwachsenen vorgenommen und insbesondere die Retraditionalisierung und Treuebindung heutiger Jugendlicher hervorgehoben, obwohl auch in diesem Kapitel die Probleme dominieren: Sexuelle Gewalt, Lustmangel und Überforderung vor allem neuerdings der Jungen (S. 65 ff) werden aus den Statistiken herausgelesen.
Da Aigner durch seine in Hamburg absolvierte Ausbildung zum Sexualtherapeuten auch die Grundlagentexte des von ihm als „Kulturoptimisten“ gekennzeichneten Gunter Schmidt rezipiert hat, kommt er nicht umhin, sich mit dessen Perspektive auf die Bedeutung der gesellschaftlichen Umbrüche für Partnerschaft und Sexualität auseinander zu setzen. Die Argumentationsfigur des „Ja-aber“ bestimmt die entsprechenden Ausführungen zum Wandel von Moral, Beziehungsmodus, Geschlechterverhältnis und Lustempfinden. Die Situationsanalyse qualifiziert sich durch einen mehrperspektivischen Blickwinkel und die Vorschläge „wider die Veralltäglichung des Sexuellen“ (99ff) basieren auf einer realistischen Grundlage. Sehr informativ und ausgewogen präsentiert der Autor die Themenkomplexe Alterssexualität, Asexualität und Perversionen.
Teil III des Buchs mit dem Titel „Ein neuer Blick“ lenkt die Aufmerksamkeit des Lesenden „ins Behandlungszimmer“ (S. 139ff) und erörtert die psychodynamische Interaktion des Nichtsexuellen mit sexuellen Dimensionen der Persönlichkeit. Die Auseinandersetzung mündet folgerichtig in die Frage, ob es sich bei der Hilfestellung zur Bewältigung sexueller Probleme um Sexualtherapie oder um Psychotherapie handelt.
Letztlich geht es um die „Psychotherapie sexueller Störungen“ und ein konkretes Konzept dazu, das „Hamburger Modell“ der Paartherapie, wird in Teil IV der Monografie entfaltet. Aigner bettet die inhaltliche, methodische und organisatorische Beschreibung des sexualtherapeutischen Konzepts in die Lernprozesse seiner eigenen Berufsbiografie und kennzeichnet sie selbst als Annäherungen eines Psychoanalytikers und Sprach-Psychotherapeuten an die verhaltenstherapeutisch ausgerichtete Körpertherapie. Fast liebevoll werden die zunächst mechanistisch anmutenden Therapieschritte der ursprünglich von dem amerikanischen Therapeutenpaar Masters und Johnson stammenden Vorgehensweise beschrieben, durch Fallbeschreibungen illustriert und dem Lesenden „sozusagen schmackhaft gemacht“ (162). Die ursprünglich reine Symptombehandlung wurde schon durch die Therapeutinnen und Therapeuten des Hamburger Instituts für Sexualforschung in einen sprachlich erweiterten und die Autonomie der KlientInnen stärkenden psychotherapeutischen Kontext gestellt. Aigner plausibilisiert die Wirksamkeit dieses verschiedene Schulen integrierenden Ansatzes unter Rückbezug auf seine eigenen Therapieerfahrungen während der Ausbildung in Hamburg und die theoretischen Ausführungen in den ersten Teilen seines Fachbuchs. Immer wieder zeigt sich der Verfasser als Psychoanalytiker überrascht, wie „sich nämlich in diesen simpel scheinenden Übungen tatsächlich immer wieder zentrale Konflikte nicht nur des Paares, sondern auch aus der Biografie des Einzelnen zeigen“ (S. 186).
Als Experte für männliche Entwicklung [1] hat Aigner auch in diesem Buch das „‘starke Geschlecht‘ in Beratung und Therapie“ (S. 188) und die „Genderdiskurse und das Verschwinden von Sex“ (S. 192) besonders behandelt. Im Zentrum steht die Botschaft, dass „Männlichkeit – samt ihrem in der herkömmlichen Geschlechtsrolle liegenden Aggressionspotenzial – nicht von vornherein entwertet werden darf“ und der Wunsch, die Mühsal des Kampfes zwischen Natur und Kultur, der ein Hauptthema der Psychoanalyse ist – (… U.S.) nicht von vornherein für sich zu entscheiden“ (S. 195).
Nach einer Illustration des bisher Geschriebenen in Kapitel V: „Lehrreiche Geschichten aus der Praxis“ (S. 199ff) schließt das Buch mit einem kurzen Ausblick auf „Liebeshungersnot – Anerkennungsnot!“ (S. 219) als Problemkonzentrat aller zuvor explizierten sexuellen Nöte im Turbokapitalismus. Die Selbstverständlichkeit des Angenommen Seins und die körperlich-sinnliche Nähe abseits bestimmter Schönheitsvorstellungen „ist wahrscheinlich die fundamentalste und beste ‚Sexualerziehung‘, die es gibt.“ (S. 220f). An dieser Stelle – und leider erst am Schluss des Buchs – lenkt der Autor die Aufmerksamkeit auf eine Ankündigung im Titel, in der von „Sexualität in Psychotherapie, Beratung und Pädagogik“ die Rede ist. Bis auf einige wenige Stellen zuvor, an denen das Fehlen einer brauchbaren Sexualerziehung beklagt wird, ist zur sexuellen Bildung im gesamten Werk nichts mehr zu finden – außer der Tatsache, dass die Lektüre selbst zur sexuellen Bildung der Lesenden beiträgt.
Fazit
Pädagoginnen und Pädagogen profitieren indirekt von dem komprimiert und spannend geschriebenen sexualwissenschaftlichen Überblickswissen des Gesamtwerks, suchen aber vergebens nach Konsequenzen für ihre eigene Disziplin. Für alle anderen helfenden Berufe im Gesundheitssektor ist dieses Einführungswerk in die Grundlagen von Sexualwissenschaft und Sexualtherapie eine große Hilfe zur Identifikation und zur Einschätzung sexueller Problemlagen, um Mut zu entwickeln, „zuzuhören und nicht wegzuwischen, wenn etwas am Rande auftaucht, als ob es nicht wirklich dazugehörte; Mut hinzuschauen, worüber manche lieber diskret hinweggehen“ (S. 11).
[1] Aigner, J.C. 2001: Der ferne Vater. Zur Psychoanalyse von Vatererfahrung, männlicher Entwicklung und negativem Ödipuskomplex. Gießen: Psychosozial-Verlag
Rezension von
Prof. Dr. Uwe Sielert
Uwe Sielert, arbeitete bis 2017 als Professor für Pädagogik mit den Schwerpunkten Sozial- und Sexualpädagogik an der Christian- Albrecht-Universität zu Kiel.
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