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Jörg M. Fegert, Miriam Rassenhofer u.a.: Sexueller Kindesmissbrauch

Cover Jörg M. Fegert, Miriam Rassenhofer, Thekla Schneider, Alexander Seitz, Nina Spröber: Sexueller Kindesmissbrauch - Zeugnisse, Botschaften, Konsequenzen. Ergebnisse der Begleitforschung für die Anlaufstelle der Unabhängigen Beauftragten der Bundesregierung zur Aufarbeitung des sexuellen Kindesmissbrauchs, Frau Dr. Christine B. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2013. 335 Seiten. ISBN 978-3-7799-2264-3. D: 34,95 EUR, A: 36,00 EUR, CH: 44,90 sFr.

Reihe: Studien und Praxishilfen zum Kinderschutz.
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Entstehungshintergrund

Im Jahre 2010 wurde, u. a. durch das Bekanntwerden der Missbrauchsskandale in pädagogischen Einrichtungen, der Runde Tisch Sexuelle Gewalt initiiert. Gleichzeitig wurde für Betroffene die Anlaufstelle der Unabhängigen Beauftragten der Bundesregierung geschaffen. Im Rahmen der Begleitforschung wurden anderthalb Jahre lang Daten von Anrufenden bei der Telefonhotline ausgewertet. Die Ergebnisse der Begleitforschung werden in diesem Band zusammengefasst dargestellt.

Aufbau und Inhalt

Das Buch besteht aus acht Kapiteln. In einigen Kapiteln kommen Gastautorinnen zu Wort, so im ersten Kapitel, das mit einem Vorwort von Kristina Schröder, der ehemaligen Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, beginnt. Das Geleitwort der ehemaligen Unabhängigen Beauftragten der Bundesregierung ist ebenfalls von einer Gastautorin, Christine Bergmann, verfasst. Im dritten Kapitel stammt ein längerer Exkurs zu Beratungsstellen von Barbara Kavemann.

  • Das erste Kapitel, betitelt Vorwort und Einführung, leistet eine erste Hinführung zum Thema.
  • Das zweite Kapitel mit dem Thema Einleitung Sexueller Missbrauch stellt das Thema in größerer Tiefe und Breite dar.
  • Das dritte Kapitel mit der Überschrift Interventionen bei sexuell missbrauchten Kindern stellt Therapieverfahren und unterstützende Maßnahmen der Jugendhilfe im Überblick dar.
  • Im vierten Kapitel werden der Aufarbeitungsprozess ab 2010 und die Methodik der wissenschaftlichen Begleitforschung dargestellt.
  • Das fünfte Kapitel liefert eine Zusammenschau der Ergebnisse, während das sechste Kapitel diese Ergebnisse interpretativ diskutiert.
  • Im siebenten Kapitel werden Konsequenzen und Schlussfolgerungen für das Beratungswesen und die Kinder- und Jugendhilfe dargestellt. Das 8. Kapitel besteht aus Erlebnisberichten von Betroffenen.

Diskussion

Im ersten Kapitel werden vorrangig die politischen Forderungen kurz umrissen, so u. a. im Vorwort von Kristina Schröder. Die ehemalige Unabhängige Beauftragte der Bundesregierung, Christiane Bergmann, konzentriert sich dagegen in ihren Ausführungen eher auf den historischen Hintergrund. Im Geleitwort, verfasst von Jörg Fegert, wird dagegen ein kurzer Forschungsaufriss gegeben. Bemerkenswert ist, an dieser und einigen anderen Stellen des Bandes, dass der Prävention sexueller und sexualisierter Gewalt, am Umfang gemessen, ein marginaler Stellenwert zugemessen wird.

Im zweiten Kapitel wird in fünf Abschnitten ein Überblick gegeben über das Phänomen Sexuelle Gewalt an Kindern. Dabei wird im ersten Abschnitt auf die rechtliche Entwicklung rekurriert und begründet, warum trotz z. T. massiver Kritik am Begriff „sexueller Kindesmissbrauch“ festgehalten wird. Der zweite Abschnitt beschäftigt sich mit der Diagnostik und der Dokumentation der sexuellen Gewalt, während im dritten Abschnitt ein Überblick über die Häufigkeit sexuellen Missbrauchs gegeben wird. In diesem Abschnitt wird auch auf die Problematik der Fallzahlen etwas detaillierter eingegangen, so etwa auf die Hell- und Dunkelfeldproblematik, auf die Fallzahlen der PKS (oder, genauer gefasst, auf die Anzeigenfälle der PKS). Zudem wird auf die Prävalenzschätzungen und die Anzeigenbereitschaft rekurriert. Der vierte Abschnitt des zweiten Kapitels diskutiert die Dynamik des sexuellen Missbrauchs in Familien und in Institutionen. Da hätte sich zudem eine Differenzierung in Nah- und Fernraum angeboten, mit der gebotenen Einschränkung, dass hier vorrangig der Nahraum beleuchtet wird, in dem ja auch die meisten Taten stattfinden. Zudem wird hier eine Typologie der Täterinnen und Täter präsentiert und zum Teil auch deutlich kritisiert, dass Frauen als Täterinnen bisher eher weniger beachtet wurden, was es ihnen möglicherweise erleichtert hat, ihre Taten zu begehen, unentdeckt zu bleiben. Weiterhin wird eine Charakterisierung männlicher Tatbegehender im Überblick dargestellt. Einbezogen werden hier auch Persönlichkeitsmerkmale von Tätern. Fegert et al. gehen zudem kurz auf Online-Taten ein. Im Anschluss werden missbrauchsbegünstigende Faktoren, hier die Strukturen in Familien und Institutionen, kurz umrissen. Die Autorengruppe konzentriert sich zunächst auf soziokulturelle Faktoren, kommt aber im Hinblick auf Strukturen zu vernichtenden Urteilen: „In manchen Institutionen scheint eine regelrechte Atmosphäre der Misshandlung vorgeherrscht zu haben. … Die Perspektive der Betroffenen wurde kaum eingenommen, das bedeutet, dass die Betroffenen oft mit den Folgen des Missbrauchs allein gelassen wurden, bzw. deren Wohlergehen wenig zentral für das Handeln der Verantwortlichen war. … Sexuelle Übergriffe wurden teilweise im Rahmen von Erziehungspraktiken begründet“ (alle Zitate S. 45). Im Rahmen der Familie werden weitere begünstigende Faktoren aufgezählt, die den Kontaktaufbau zu Kindern betreffen. Die Autorengruppe betrachtet neben den Handlungstypen auch die Gefährdungslage auf Seiten der betroffenen Kinder, also vorhandene Risikofaktoren. Im fünften Abschnitt werden die Folgen sexuellen Missbrauchs beleuchtet. Differenziert werden mögliche Arten von Folgeerkrankungen beleuchtet, die sich auf verschiedenen Veränderungsniveaus zeigen können, aber auch auf komplexe Traumatisierung wird näher eingegangen. Sowohl für Intervention wie Beratung und Prävention besonders zu betonen ist der Unterabschnitt zur Resilienz, in dem darauf eingegangen wird, dass sexuelle Gewalt nicht automatisch zu lebenslangen Einschränkungen führt. In einem weiteren Abschnitt (und um die Autoren Habetha, Bleich, Sievers, Marshall, Weidenhammer erweiterte Autorengruppe) werden Folgekosten kindlicher Traumatisierung erörtert. Neben deutlicher und berechtigter Kritik am Status Quo wird für den deutschen Raum eine Traumafolgekostenstudie vorgestellt, die mit 11,2 Milliarden Euro beziffert wird. Gleichzeitig wird verdeutlicht, dass neben der ökonomischen quantitativen Betrachtungsweise die qualitative Perspektive noch nicht eingenommen ist: „Zentral muss es in Beratung und Jugendhilfe aber darum gehen, Phasen des Leids, des Leidens und verpasste Entwicklungsmöglichkeiten zu reduzieren“ (S. 67).

Im dritten Kapitel werden Interventionen bei sexuell missbrauchten Kindern fokussiert. Nach einem Überblick über Notwendigkeit und Zeitpunkt von Interventionen wird im zweiten Abschnitt ein Überblick über Therapieverfahren und deren Wirksamkeit gegeben. In diesem Überblick werden in gebotener Kürze Frühinterventionen, Kognitiv-verhaltenstherapeutische Verfahren zur Behandlung posttraumatischer Belastungssymptome, EMDR (eye movement desensitization and reprocessing) zur Behandlung posttraumatischer Belastungssymptome dargestellt, während psychotherapeutische Verfahren anschließend kurz erläutert werden, u. a. psychodynamisch-imaginative Psychotherapie und psychopharmakologische Unterstützung. Daran schließt sich ein (zu) knapper Abschnitt zu unterstützenden Maßnahmen der Jugendhilfe an, in dem vorrangig Pro und Kontra der Maßnahmen der Jugendhilfe diskutiert werden, u. a. zum Verbleib des Kindes in der Familie. Barbara Kavemann stellt in einem sich daran anschließenden Abschnitt ihre Ergebnisse zur Situation der Beratungsstellen dar. Neben einem bundesweiten Überblick über Unterstützungseinrichtungen erläutert sie die Rahmenbedingungen der Beratungstätigkeit (z.B. hinsichtlich der Träger) und zeigt z. B. Versorgungslücken auf.

Das vierte Kapitel ist dem Aufarbeitungsprozess ab 2010 gewidmet und stellt zudem die Methodik der wissenschaftlichen Begleitforschung dar. In einem ersten längeren Abschnitt wird die Historie des Prozesses nachgezeichnet. Der zweite Abschnitt widmet sich der Beschreibung der Informationssammlung, dementsprechender Informationsanalyse und der Informationsaufbereitung. Innerhalb der Informationssammlung wird die Phase der Vorbereitung geschildert und die Einsetzung des Fachbeirats. Als zweite Phase wird der Start der Datenerhebung charakterisiert (letztendlich als Critical Incident Reporting System), auch wenn es im Verlauf der telefonischen Anlaufstelle zu Veränderungen kam, die zu großen Teilen der Kampagne „Sprechen hilft“ zu verdanken war. In der differenzierten Auswertung der Ergebnisse werden zentrale Elemente und auch Schwächen des Vorgehens benannt.

Im 5. Kapitel werden die Ergebnisse der Begleitforschung diskursiv erläutert. Einzelne Aspekte werden dabei ausführlich dargestellt, so u. a. die Inanspruchnahmepopulation mit demographischen Merkmalen (66% Frauen, Alterspanne 6-89 Jahre, sozialgeographische Merkmale, Bildungs- und Familienstand), das Tatgeschehen mit Angaben zu Häufigkeit, Zeitpunkt, Art und Kontext). Neben Erfahrungsberichten von Betroffenen aus institutionalen wie familialen Kontexten werden ebenfalls demographische Angaben von weiblichen wie männlichen Tatbegehenden (im Folgenden Täter/innen genannt) erläutert. Neben Alter und Geschlecht werden sozialgeographische Angaben und Angaben zu Bildungs- und Familienstand gegeben. In den Angaben zum Missbrauchsgeschehen werden Häufigkeit, Zeitpunkt, Kontext und Schuldgefühle statistisch erfasst. Ein eigener Abschnitt berichtet von (11) Betroffenen, die ihrerseits zu Täter/innen wurden. Eltern von Täter/innen (9 Kontaktaufnahmen) berichten übereinstimmend von transgenerationaler Weitergabe sexueller Gewalt. Die von Betroffenen berichteten Konsequenzen (psychiatrische Diagnosen und psychosoziale Beeinträchtigungen, z.B. Einschränkungen des Alltagslebens) werden im vierten Abschnitt des fünften Kapitels erläutert. Der darauffolgende Abschnitt berichtet von den Erfahrungen der Betroffenen in Bezug auf Unterstützungs- und Therapiemöglichkeiten. Insbesondere der Abschnitt zu hilfreichen und hinderlichen Aspekte verdient besondere Beachtung. Im 6. Abschnitt wird in vertieften Analysen das Missbrauchsgeschehen und -erleben von Kindern in Institutionen, Familien und Pflegefamilien, im medizinisch-therapeutischen Kontext wie auch in der evangelischen und katholischen Kirche aufgezeigt. Ein Unterabschnitt geht zudem auf rituellen Missbrauch ein. Das Kapitel schließt mit den Forderungen von Betroffenen, so z.B. Abschaffung der Verjährungsfristen und Entschädigungsforderungen. Bleibt zu hoffen, dass zumindest zukünftig diese Forderungen Gehör finden.

Im sechsten Kapitel werden die Ergebnisse der Begleitforschung diskutiert. Dabei wird auf die nicht repräsentative Stichprobe (bedingt durch ihr Zustandekommen) verwiesen. Insbesondere werden hier Aspekte des geschlechtsspezifischen Umgangs mit der Erfahrung dargestellt und mit der gebotenen Vorsicht die Zahlen interpretiert. Zudem werden Forderungen nach weiterer wissenschaftlicher Forschung (u. a. zum Vergleich, mitunter zum kontrastiven Vergleich) erhoben.

Das siebente Kapitel beschäftigt sich mit den Mechanismen, die sowohl Missbrauch ermöglichen als auch nicht verhindern. Gerade die Kartelle des Schweigens und die Herabwürdigung der Opfer lassen sich als vorherrschende Strategien erkennen. Insgesamt scheinen alle Mechanismen immer noch (und jedes Mal wieder aufs Neue) zu bestätigen: blame the victim! So ist es auch weniger verwunderlich, warum Betroffene zur Aufarbeitung und zum Runden Tisch so spät (und es ließe sich eher sagen, zu spät) hinzugebeten wurden.

Im achten Kapitel kommen Betroffene zu Wort.

Fazit

Bei allen, vorwiegend politischen Querelen, durch die der Prozess der Aufarbeitung und der Runde Tisch gekennzeichnet sind, und auf die das vorliegende Buch nur sehr verhalten eingeht, ist es den Autorinnen gelungen, den zur Zeit der Drucklegung aktuellen Wissensstand kompakt darzulegen. Gerade die an verschiedenen Stellen eingebrachten Zeugnisse beeindrucken durch ihre Dichte und Fülle oft schmerzlicher Einzelheiten. Damit ist das Buch für den Kurzüberblick in Aus-, Fort- und Weiterbildung sozialer, therapeutischer und medizinischer Berufsgruppen unverzichtbar. Unverständlich hingegen bleibt die Aussparung präventiver Aspekte.


Rezensentin
Dr. Miriam Damrow
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg Lehrstuhl für Pädagogik mit dem Schwerpunkt Diversity Education und Internationale Bildungsforschung
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Zitiervorschlag
Miriam Damrow. Rezension vom 19.03.2014 zu: Jörg M. Fegert, Miriam Rassenhofer, Thekla Schneider, Alexander Seitz, Nina Spröber: Sexueller Kindesmissbrauch - Zeugnisse, Botschaften, Konsequenzen. Ergebnisse der Begleitforschung für die Anlaufstelle der Unabhängigen Beauftragten der Bundesregierung zur Aufarbeitung des sexuellen Kindesmissbrauchs, Frau Dr. Christine B. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2013. ISBN 978-3-7799-2264-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15047.php, Datum des Zugriffs 16.09.2019.


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