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Arne Dekker: Online-Sex

Cover Arne Dekker: Online-Sex. Körperliche Subjektivierungsformen in virtuellen Räumen. transcript (Bielefeld) 2012. 318 Seiten. ISBN 978-3-8376-1854-9. D: 33,80 EUR, A: 34,80 EUR.

Reihe: Materialitäten - Band 18.
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Thema

Die Kommunikation im Internet wird für alltagsweltliche Interaktionsanliegen immer wichtiger. Die gewissermaßen „entkörperlichte“ Welt des Cyberspace dient bekanntlich auch erotischen Austauschinteressen. Auf dieser virtuellen Experimentierbühne verschwimmen, so die These der vorliegenden Studie, die virtuelle und die realweltliche Sexualität ineinander. Anhand von 20 qualitativen Interviews und vor dem Hintergrund einer sowohl sexual-, wie auch raumsoziologischen Ausrichtung geht der Autor der Frage nach Subjektivierungsformen im Kontext von Online-Sex nach.

Autor

Arne Dekker ist Juniorprofessor für Sexualwissenschaft und präventive Internetforschung am Institut für Sexualwissenschaft und Forensische Psychiatrie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf. Außerdem fungiert er als Geschäftsführer der Deutschen Gesellschaft für Sexualforschung und ist Mitherausgeber der Zeitschrift für Sexualforschung.

Entstehungshintergrund

Es handelt sich um die überarbeitete Dissertationsschrift des Verfassers, die unter dem Titel „Cybersex“ an der Universität Hamburg eingereicht wurde. Sie erscheint als Bd. 18 der von Gabriele Klein, Martina Löw und Michael Meuser edierten Schriftenreihe „Materialitäten“.

Aufbau

Das Buch gliedert sich in fünf Abschnitte. Zwischen der Einleitung und „Abschließende[n] Betrachtungen“ stehen die drei Hauptteile

  1. Sexualität in virtuellen Räumen
  2. Raumkonstruktionen beim Online-Sex
  3. Körperliche Subjektivierungsformen beim Online-Sex.

Inhalt

Mithilfe einer Vielzahl theoretischer Bezüge (u.a. zur Raumsoziologie, Sexualwissenschaft, Interforschung, zu Michel Foucault und zu Judith Butler) fahndet Dekker nach „körperlichen Subjektivierungsformen“ (10), die sich beim Online-Sex – der erotischen Kommunikation in Internet-Chatforen – ergeben, oder die vorab die Struktur solcher Interaktionen definieren. Nicht der „Mensch-Maschine-Kontakt“ (32) ist das zentrale Moment, sondern vielmehr der „Cyberspace als Raum der sozialen Praxis“ (48; vgl. 77f.). Gleichwohl soll im Vordergrund ein praxeologischer Ansatz stehen, der insbesondere durch den Körperbezug gekennzeichnet ist (13ff.). „Wie kann es gelingen, der Bedeutung des Körpers gerecht zu werden, die in den Konzepten zum Kommunikationsraum ausgeblendet wird?“, fragt der Verfasser angesichts der Usancen der Chat-Kommunikation zu recht (77). Um einer Antwort näher zu kommen, werden Raumbildungs- und Enträumlichungsprozesse ausführlich behandelt, da die „Raumwahrnehmung durch die User“ (85) als Syntheseleistung zu verstehen sei, die eine spezifische Verortung im virtuellen Feld ermöglicht. Das Cyber-Umfeld hält indes nicht den „Medienwechsel“ auf (z.B. den realen Treff nach einem anregenden Chat; 89f.) und verhindert auch nicht den Einbruch echter Eifersucht (120f.). Entscheidend ist beim Online-Sex das Aufeinandertreffen der Imagination der User, ihrer Selbstinszenierung und insbesondere der ‚fremden Lesarten‘, die durch das eigene Einbringen mit zum Teil unvorhersehbaren Folgen forciert werden. Eine der Befragten versteht sich angesichts dessen, was auf dem Bildschirm lesbar, aber nicht (meistens) sichtbar geschieht, als eine Art bilderloses „Pin-Up-Girl“, das Imagination schafft, bündelt und provoziert (145f.).

Doch welcher Art ist der Online-Körper, mit dem sie und die anderen Befragten sich als kommunikatives Gegenüber virtuell zur Verfügung stellen (vgl. 212ff.)? Geht es tatsächlich um Körperausschluss (205ff.) oder vielleicht um Gestaltungsspielräume, die dank der Beschreibung der Körperlichkeit ohne die Möglichkeit empirischer Überprüfung im (virtuellen) Raum stehen (vgl. 215ff.)? Offenkundig spielt die Immersion „realweltliche[r] und fiktionale[r] Körperpraxis“ (228) für viele Nutzer eine entscheidende Rolle, ganz so, als sei das „realweltliche[] Dahinter“ (216) eben doch die zentrale Prämisse der Inter(net)aktionen. Dekker hält fest, „daß es sich beim fiktionalen Körper um einen neuerzählten Zeichenkörper handelt, der mit dem realweltlichen nicht identisch sein kann, sondern diesen notwendig verfehlen muss“ (226) – und wer wollte ihm widersprechen? Eine Körperidentität wäre wohl schon dann schwierig zu erreichen, wenn Alltagsakteure in Alltagssituationen ihren Körper neutral beschreiben wollen. Die über das Internet geschaffene Distanz der realen User-Körper zueinander macht es andererseits „möglich, den utopischen Raum beim Cybersex auch dann aufrecht zu erhalten, wenn realweltliche und fiktionale Körperweise vergleichsweise weit auseinanderdriften.“ (242) Genau diese gewissermaßen ‚spielerische‘ Überschreitung der ‚Faktizität‘ des (eigenen wie fremden) Körpers gehört wohl zu den stimulierenden Elementen des Online-Sex.

Dekker sieht Cybersex als „Möglichkeit [an], Dinge auszuprobieren – und zwar nicht im Sinne einer verstärkten Reflexion oder kognitiven Auseinandersetzung mit sexuellen Wünschen, sondern im Sinne eines praktischen Erlebens, eines Experiments mit der sexuellen Erregung und der Neuformierung des Lustkörpers.“ (260) Gleichwohl hat diese Reformulierung auch ihre Schattenseite, wie zumindest jene Befragte meint, die den „verdinglichten Umgang mit Menschen“ (265) anprangert. Aber immerhin, die Rettung aus der (vielleicht gar nicht so) virtuellen Kommunikationspraxis ist nahe: Denn „Cybersex muss nicht gefallen“ (282), und Computer lassen sich bekanntlich ausschalten.

Diskussion

Das Thema der Studie ist erstens fraglos aktuell, zweitens von sexualsoziologischer Relevanz und drittens auch in methodologischer Hinsicht eine spannende Herausforderung. Der Zugang über Nutzer von Online-Sex-Gelegenheiten ist eine bestechende Entscheidung, die Einblicke in authentische Anwendungen verspricht und damit das Problem der nüchternen ‚Außenbetrachtung‘ (mitsamt spekulativer Sinndeutung) umgeht. Bis die Befragten aber zu Wort kommen dürfen (die Rückgriffe auf das empirische Material divergieren von Kapitel zu Kapitel recht stark), liefert Dekker zunächst eine theoretische Grundierung, über die sich streiten lässt. Seine Unterscheidung zwischen utopischen und heterotopischen Raumbildungsformen, die nach je spezifischen Kriterien die Aufspannung des virtuellen Kommunikationsraumes bestimmen, wirkt angesichts der vergleichsweise ‚lebensweltnahen‘ Kernthematik seiner Untersuchung ein wenig abstrakt. Für die Akteure des Cybersex dürfte die Frage, welche Raum- und, darauf bezogen, welche Körperkonstrukte im Spiel sind, wenn man sich irgendwie mit, und irgendwie doch auch ohne die/den Gegenüber erotisch artikuliert, wohl nicht so bedeutsam sein, wie manche Passage impliziert. Das eigentlich Bemerkenswerte des Online-Sex, seine Ausdifferenzierung als Kommunikationsform, die intime Anwesenheit unter den Bedingungen körperlicher Abwesenheit in Echtzeit und mitunter sogar unter Fremden ermöglicht, schiebt die dabei involvierte „raumproduzierende Praxis“ (95) zumindest aus sexualsoziologischer Perspektive zur Seite.

Körpereffekte, die der Online-Sex im realweltlichen Aktionsraum zeitigen – konkret: Masturbation – ist nur mehr am Rande ein Thema, obgleich gerade die Schnittstelle von Kommunikations-/Theorie-/Virtualitäts-Praxis und Handlungs-/Körper-/Performativitäts-Praxis überaus interessant ist. Aus Worten, manchmal auch aus Bildern, werden in der intersubjektiven Resonanz erotische Begierden und Lustempfindungen, die zwar ein virtueller Körper ‚entgegen nimmt‘, welche aber auf den realen Körper, der den virtuellen steuert, rückwirken können, ohne es zu müssen. Eine nähere Betrachtung dieses Aspekts scheint schon deshalb angemessen, weil das Internet sich längst als Versorgungsmaschinerie für erotische Inhalte etabliert hat – wenn auch die Aussage, dass die Quote für sexbezogene Inhalte irgendwo zwischen 0,5 und 83% liegt, eher ratlos macht, als informiert (44). „Online-Sex ist – noch immer – selten“, weiß Dekker zu berichten (46), aber was mag das im Lichte der eben genannten Prozentzahlen meinen?

Dass Foucaults Konzept des „Geständniszwangs“ angesprochen wird, welcher in der Chat-Kommunikation mitunter relevant wird, ist ein Einfall, der sich womöglich auch auf die Interview-Situation zwischen dem Autor und seinen Befragten hätte übertragen lassen (163): Was bringt die Nutzer von Online-Sex denn überhaupt dazu, Farbe zu bekennen? Gedanken über die Gedanken seiner Gesprächspartner macht der Autor sich durchaus: Wer weiß, gibt er zu bedenken, ob die Befragten das Prinzip Körperpraxis überhaupt „umfassend reflektieren“ (285); und wer weiß, ob dies auf den Forscher zutrifft, bzw. vielmehr: auf die Korrespondenz zwischen beiden Verständnisvarianten? Und generell zur Methodologie: Es ist selbstverständlich schwierig, Probanden zu finden, die über die intimen Aspekte ihrer Lebenswelten sprechen möchten, so alltagsprägend dieser Aspekt realiter auch sein mag. Dekkers Erläuterungen zum Zugang und zum Ablauf der Interviews, die ganz am Schluss der Studie platziert sind, lassen, so gesehen, beim forschungsstrategisch interessierten Leser einige Nachfragen offen: Z.B. die Frage nach der Erzähldynamik, nach den evidenten (oder vielleicht impliziten) Motiven, ein gemäß gegenwärtiger alltagssemantischer Betrachtung eher ‚ambivalentes‘ Verhalten preis zu geben, nach Übertragungseffekten (zumal einige User offenbar eher ‚zufällig‘ in die Untersuchung aufgenommen wurden) oder danach, ob und wie die Validität der Aussagen gegengeprüft wurde, usf.

Dekkers Material lässt die Mutmaßung zu, dass die Arbeit bereits vor einiger Zeit fertig gestellt worden ist; nur eine gute Handvoll der Quellenangaben entstammt den letzten fünf Jahren. Dass daraus kein Manko entsteht, ist dem Umstand zu verdanken, dass der Autor ohnehin diverse ‚klassische‘ Theorie-Referenzen auf das gewählte Forschungsfeld ‚umpolt‘ und ihnen neue Impulse zu entlocken mag. Wer mit Blick auf soziologisches Erkenntnismaterial mehr „Online“ als „Sex“ erwartet, wird nicht enttäuscht werden. Über Raumbildung in einer virtuellen Umgebung, über Kommunikationsstrategien in Abhängigkeit von zur Verfügung gestellten oder selbst errichteten Inszenierungselementen und über Körpertaktiken beim Online-Austausch werden diejenigen Leser, die ein eher wechselhafter Aufbau aus Theoriebausteinen und Interviewpassagen nicht abschreckt, durchaus gewinnbringend unterrichtet, zumal dem Text das Nachforschungsinteresse des Autors deutlich anzumerken ist. Als Weiterentwicklung des sozialwissenschaftlichen Forschungskomplexes Körper/Raum stellt Dekkers Buch eine interessante Bereicherung dar.

Fazit

Eine Untersuchung zu einem spannenden Thema, die auf theoretischer Ebene einen Anspruch erhebt, den sie empirisch nicht ganz einlösen kann. Gleichwohl zeichnen sich angesichts der animierenden Überlegungen der Studie interessante Möglichkeiten für weitere Forschungsarbeiten ab.


Rezension von
Dr. Thorsten Benkel
Universität Passau
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Zitiervorschlag
Thorsten Benkel. Rezension vom 02.09.2013 zu: Arne Dekker: Online-Sex. Körperliche Subjektivierungsformen in virtuellen Räumen. transcript (Bielefeld) 2012. ISBN 978-3-8376-1854-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15048.php, Datum des Zugriffs 12.07.2020.


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ISSN 2190-9245

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