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Heiner Seidlitz, Dietmar Theiss: Ressourcenorientierte Gesprächsführung

Rezensiert von Dipl.-Soz.-Arb. Thorsten Wege, 16.12.2013

Cover Heiner Seidlitz, Dietmar Theiss: Ressourcenorientierte Gesprächsführung ISBN 978-3-942976-09-1

Heiner Seidlitz, Dietmar Theiss: Ressourcenorientierte Gesprächsführung. Am Telefon und bei niedrigschwelligen Kontakten. Verlag modernes lernen Borgmann GmbH & Co. KG. (Dortmund) 2013. 2. Auflage. 224 Seiten. ISBN 978-3-942976-09-1. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 32,30 sFr.

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Entstehungshintergrund und Thema

Dieses Buch ist die dritte überarbeitete und erweiterte Auflage des 2007 erschienenen Buchs „Res­sourcenorientierte Telefonberatung“. Zunächst für den Bereich der Telefonseelsorge konzipiert, sollen in dieser Auflage weitere Praxisfelder und Beratungskontexte unter der Prämisse von Niedrigschwelligkeit aufgegriffen werden, z.B. Soziale Arbeit generell, allgemeine Lebensbera­tung, Krisenberatung, Suchtberatung, betriebliche Sozialberatung, Seelsorge und nicht zuletzt das Arbeitsfeld Schule.

Den inhaltlichen Schwerpunkt bildet eine konsequent wertschätzende und kompetenzorientierte Ge­sprächsführung, basierend auf (hypno-)systemischen und lösungsorientierten Konzepten, Methoden und Techniken.

Autoren

Heiner Seidlitz, geboren 1949, ist Diplom-Psychologe, Theologe, Systemischer Therapeut (IGST) und Supervisor (IGST, BDP), seit 1988 evangelischer Leiter der TelefonSeelsorge Pfalz. U.a. Veröffentlichungen zu Katastrophen-Nachsorge, Umgang mit akuter Suizidgefahr.

Dietmar Theiss, geboren 1959, ist Diplom-Psychologe, Diplom-Theologe, Psychologischer Psychotherapeut (BDP, EAS e.V.). Von 1991 bis 2006 war er katholischer Leiter der TelefonSeelsorge Pfalz, seither in eigener psychotherapeutischer Praxis tätig.

Aufbau und Inhalt

Das vorliegende Buch ist in zwölf Kapitel gegliedert.

Kapitel 1 beschreibt die Besonderheiten niedrigschwelliger und telefonischer Gesprächssettings. Der spezifische Zugang der Adressat/-innen, die Unspezifität der Zielgruppe und Erwartungen, die Vor- und Nachteile des Mediums Telefon, die Brüchigkeit der Kontakte werden u.a. thematisiert. Korrespondierend dazu werden die komplexen Anforderungen an Berater/-innen verdeutlicht.

Unter der Überschrift „unsere Naviagationskarten“ werden in Kapitel 2 zentrale systemische Prä­missen expliziert und an Beispielen konkretisiert. Stichworte sind hier: das Denken in Beziehungen (soziale Systeme), die Bedeutung innerer Landkarten für (Problem-)beschreibungen und Erleben von Realität (Bewusstseinssysteme) sowie das eigene, institutionelle und individuelle System der Berater/-innen. Wirkungsdenken statt Ursachenanalyse und die zentrale Methode des Reframings zur Erweiterung von Bedeutungsgebungen werden als methodische Konsequenzen veranschaulicht.

Ausgehend von unterschiedlichen Anliegen sowie der Klärung fachlicher Beziehungsformen und Rollenverständnisse werden in Kapitel 3 Merkmale und Grundhaltungen ressourcenorientierter Beratung (Respekt, Empathie, Auftragsorientierung, eigene Selbstwertschätzung der Helfer/-innen, Neugier, Neutralität, Fehlerfreundlichkeit, Transparenz u.a.) dargestellt. Ein Prozessphasenmodell der entsprechenden Gesprächsführung schließt das Kapitel ab.

Kapitel 4 widmet sich ausdrücklich der Selbstfürsorge der Berater/-innen und beinhaltet eine Reihe von Anregungen und Übungen zur Wahrnehmung und Aktivierung eigener Ressourcen. Dies be­zieht sowohl personale Strategien und Kompetenzen, Merkmale des Arbeitszusammenhangs als auch reflexiv den Stellenwert ehrenamtlicher Tätigkeit mit ein.

Das Thema Beziehungswahrnehmung und -gestaltung ist Inhalt von Kapitel 5. Die Beschränkung auf auditive Wahrnehmungen im Telefonkontakt, der einfühlsame und dennoch klare Umgang mit dem ersten, ggf. auch irritierenden Kontaktverhalten von Hilfesuchenden sowie der erste Aufbau einer wertschätzenden Beziehung stellen hohe Anforderungen an die Beratenden. Zahlreiche Übungen, Reflexionen und methodische Anregungen geben hier Orientierung zur Kontaktgestal­tung in vielfältigen Facetten.

Kapitel 6 befasst sich mit der Bedeutung, der Wirkung und dem Einsatz von unterschiedlichen Fragen und Fragetechniken. Ausführlich und übersichtlich werden unterschiedliche Fragetypen und -möglichkeiten kategorisiert und dargestellt.

Die Klärung und Entwicklung von Aufträgen und Zielen an der Schnittstelle von Einrichtung, Hil­fesuchenden und Angeboten der Helfer/-innen wird in Kapitel 7 erörtert. Eine empathische Hin­bewegung, die gemeinsame Reflexion und die dynamische und komplexe Prozessgestaltung von ggf. unspezifischen Hilfewünschen zu Aufträgen und idealerweise positiv formulierten Zielrich­tungen werden hier anhand verschiedener Varianten im Vorgehen und anhand von kommentierten Gesprächsbeispielen nachvollziehbar veranschaulicht.

Kapitel 8 verdeutlicht, wie vielfältig Hilfewünsche sowie Möglichkeiten, damit umzugehen, sein können. Nicht allein zielorientierte Problemlösung und Veränderung können Hilfeprozesse kenn­zeichnen, sondern auch Aspekte von Lebensorientierung, Ratschlägen, Information, Sinngebung, Entlastung, Beistand, Selbstvergewisserung, stützender Begleitung etc. beinhalten. Ebenso sollte auch mit sog. „Fakeanrufen“ ein adäquater Umgang gefunden werden. Zu den ein­zelnen Themen werden Möglichkeiten aufgezeigt, angemessen zu reagieren bzw. sich ggf. klar und zugleich wertschätzend abzugrenzen. Auch die in der Praxis häufige Situation der Erwartung, dass andere oder Lebensumstände als „Sehnsuchtsziel“ sich verändern sollen (Klagenden-Situation) wird explizit aufgegriffen.

Die Fokussierung auf Lösungen und Lösungspotenziale mittels verschiedener bekannter Techniken aus dem vielfältigen Handwerkskoffer systemischen Arbeitens (bereits vorhandene Potenziale und Lösungstendenzen, Ausnahmen, Bewältigungsfragen, Reframing, positive Absichten hinter Ver­haltensweisen, (Lösungs-)Visionsfragen, Kriterien positiv formulierter Ziele, Ressourcen in sozialen Netzwerken etc.) ist Inhalt von Kapitel 9. Ein Modell in Anlehnung an Gunther Schmidt fasst die relevanten Aspekte abschließend als Schaubild zusammen.

Kapitel 10 widmet sich dem inhaltlichen sowie zeitlichen Strukturieren und Beenden von Gesprä­chen. Hier wird ein notwendiger und gleichermaßen oft heikler Aspekt thematisiert: die Balance zwischen Angebot und angemessener Begrenzung – in inhaltlicher und zeitlicher Hinsicht. Stichworte sind hier: langer Redefluss, unklare Ziele/Aufträge, persönliche Betroffenheit bzw. starke Gefühle der Berater/-innen, Konzentrationsspannen, weiterer Gesprächsbedarf, noch wartende Klient/-innen oder Anrufer/-innen, eigenes Dienstende, unzumutbare Themen wie z.B. sexuelle Stimulierung, Be­schimpfungen, etc. Es werden verschiedene Möglichkeiten für die Gesprächsführung aufgezeigt und nicht zuletzt die legitimen Grenzen von Berater/-innen klar benannt.

Kapitel 11 skizziert zunächst theoretische Aspekte von Krisen und Krisenverläufen und differen­ziert sodann zwischen kontrollierender Krisenintervention, (z.B. Selbst- und Fremdgefährdung), die auch rechtliche Dimensionen beinhaltet, und beratender Krisenintervention. Konkretisiert wird letztere durch zwei methodisch strukturiert dargestellte Beispiele: Panikattacken und akute Suizi­dalität.

Sehr differenziert und plastisch wird in Kapitel 12 das Thema Kinder und Jugendliche in der Tele­fonberatungsarbeit aufgegriffen. Mediale Lebenswelten und deren Auswirkungen, entwicklungs­psychologische Aspekte sowie Funktionen und Motive der Anrufe von Kindern und Jugendlichen werden dargestellt und mögliche Reaktionen auf unterschiedliche Kontaktkonstellationen und Themen exemplarisch aufgezeigt.

Diskussion

Hinter dem nunmehr etwas sperrigen Titel steht auf den zweiten Blick Qualität in jeder Hinsicht: Heidelberger Schule meets erfahrene Praktiker mit profundem beruflichem Erfahrungsschatz von großer Bandbreite. Das Ergebnis überzeugt sowohl inhaltlich, methodisch und didaktisch durch Stringenz, anschauliche Praxisbeispiele und eine didaktisch hochwertig gestaltete Aufmachung. Die Anregungen zu Übungen und Reflexionen – jenseits von Verfahren und Techniken – bilden eine schlüssige Brücke zwischen Theorie, Praxis und eigenen Erlebniswelten von Berater/-innen, was in dieser Synthese und Qualität m.E. eher selten gelingt. Ob das Vorhaben, weitere Praxisfelder niedrigschwelliger Kontakte zu integrieren, konsequent umgesetzt wird, sei dem Leser/der Leserin überlassen, da sich die Beispiele überwiegend auf Telefonberatungen beziehen. Die Anwendbarkeit und Übertragung auf verwandte Praxisfelder steht dennoch außer Frage.

Fazit

Dieses Buch schließt in erweiterter und überarbeiteter Form in hoher Qualität eine Lücke für einen spezifischen Bereich helfender Kommunikation und illustriert nicht zuletzt die Nützlichkeit systemischer Ansätze und Haltungen für eine Praxis mit „Herz und Verstand“. Es ist daher als Lehr- und Lernbuch uneingeschränkt für die Verwendung in Lehre, Fort- und Weiterbildung sowie allen Interessierten und Neugierigen in entsprechenden Praxiszusammenhängen zu empfehlen.

Rezension von
Dipl.-Soz.-Arb. Thorsten Wege
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Es gibt 3 Rezensionen von Thorsten Wege.

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Zitiervorschlag
Thorsten Wege. Rezension vom 16.12.2013 zu: Heiner Seidlitz, Dietmar Theiss: Ressourcenorientierte Gesprächsführung. Am Telefon und bei niedrigschwelligen Kontakten. Verlag modernes lernen Borgmann GmbH & Co. KG. (Dortmund) 2013. 2. Auflage. ISBN 978-3-942976-09-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15049.php, Datum des Zugriffs 18.04.2024.


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