socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Nils Jent, Günther Vedder u.a. (Hrsg.): Zur Verbreitung von Diversity-Management

Cover Nils Jent, Günther Vedder, Florian Krause (Hrsg.): Zur Verbreitung von Diversity-Management. Entwicklung von TQM und DiM - Diversity-Management in Städten - Diversity-Management in Südafrika - DiM an deutschen Hochschulen. Rainer Hampp Verlag (Mering) 2010. 197 Seiten. ISBN 978-3-86618-497-8. 24,80 EUR.

Reihe: Trierer Beiträge zum Diversity-Management - Band 11.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema und Aktualität

Das Thema Diversity Management ist aktuell und gewinnt angesichts demografischer Entwicklungen in Deutschland an Gewicht. Allerdings kann es nicht um die bloße Übernahme des in den USA aus der Bürgerrechtsbewegung entstandenen Konzeptes gehen. Schließlich sind die USA weit von dem Ziel einer Gesellschaft entfernt, in der alle Bürger gleiche Rechte und Pflichten haben: Auch heute noch verdienen Farbige im Durchschnitt weniger, werden zuerst entlassen und häufiger inhaftiert als weiße US-Bürger.

Ein auf Zuwanderung dringend angewiesenes Deutschland könnte aus den Mängeln lernen und sich z.B. als Heimat für diejenigen anbieten, die leistungsorientiert und bildungsaffin sind. Zuwanderern müssen gleichberechtigte Möglichkeiten gesellschaftlicher Teilhabe eröffnet werden. Von diesem Ziel ist die deutsche Gesellschaft noch weit entfernt – obwohl gerade deutsche Geschichte Beispiele erzählen kann, dass Einwanderer kulturell bereichernd sind.

Aber wirbt Politik mit diesen Beispielen? Ist sich unsere Gesellschaft ihrer vielfältigen kulturellen und ethnischen Wurzeln bewusst? Werden Einwanderer aktiv in Gesellschaft und Unternehmen integriert? Was müsste sich ändern, damit Deutschland als attraktives Einwanderungsland wahrgenommen wird?

Herausgeber

Herausgeber Nils Jent ist der Leiter des Diversity Centers am Institut für Führung und Personalmanagement der Universität St. Gallen (HSG), an der er auch Lehrbeauftragter und Leiter des Bereichs „Angewandte Forschung“ am Center for Disability and Integration (CDI-HSG) ist.

Günther Vedder und Florian Krause sind an der Universität Trier im Fachbereich Betriebswirtschaftslehre, Schwerpunkt „Arbeit, Personal, Organisation“ beschäftigt.

Aufbau und Inhalt

Der Band 11 der Trierer Beiträge zum Diversity Management umfasst, neben dem Vorwort, vier Teile:

  1. Total Quality Management und Diversity Management im Vergleich (Alice von Berg),
  2. Diversity Management in Städten (Eike Stratmann),
  3. Diversity Management in Südafrika (Annalena Döring) und
  4. Diversity Management an deutschen Hochschulen – die Auswirkungen von Diversität auf Bildungsprozesse (Imke Buß).

Ausgewählte Inhalte

Exemplarisch werden die Kapitel „Diversity Managment in Städten“ und „Diversity Management an deutschen Hochschulen – die Auswirkungen von Diversität auf Bildungsprozesse“ vorgestellt:

Von Berg („Diversity Management in Städten“): Der offenbar aus einer Bachelorarbeit hervorgegangene Artikel beschäftigt sich mit der insbesondere in Städten vorherrschenden Vielfalt an Lebensentwürfen. Nach welchen Kriterien diese Städte ausgewählt wurden, wird nicht erläutert.

Aus den dargestellten Beispielen leitet die Autorin vielfältig beeinflusste gesellschaftspolitische Bereiche ab (S. 43 f.) und skizziert Konfliktlinien, die sich in der Auseinandersetzung mit dem „homogenen Ideal“ ergeben (S. 46 ff.). Ihre Überleitung des für betriebliche Ziele entwickelten Managementansatzes auf städtische Kontexte ist gut begründet und nachvollziehbar. Kernaussage ist, „… dass Gesellschaften sich im ständigen Wandel befinden und Diversity-Dimensionen diese Trends und Eigendynamiken … abbilden. Deshalb sollten Verwaltungen bestrebt sein, sich entsprechend zu öffnen“ (S. 49). Wie ein solcher Öffnungs- und Integrationsprozess aussehen kann, zeigt die Autorin an ausgewählten Aspekten der Städte Amsterdam, Toronto, Wien sowie Berlin und Stuttgart. Einige Hinweise (wie z.B. Probleme bei der Anerkennung ausländischer Abschlüsse in Toronto) kommen bekannt vor, während andere Ansätze in Deutschland innovativ und wünschenswert wären (z.B. Begleitlehrer für Kinder von Einwanderern in Wien).

Die Erläuterung von Nutzenaspekten scheint in Deutschland notwendig zu sein, um für die Akzeptanz von Maßnahmen zu werben, die früher einfach als Gastfreundschaft bezeichnet wurden.

Wie stark kommunale Handlungsmöglichkeiten durch übergeordnetes Recht oder Bundespolitik beschnitten werden, ist interessant zu lesen und lässt das Dilemma handlungswilliger Städte erahnen (S. 53 ff.). Probleme, die sich als Folge fehlender oder unzureichender Integrations- und Diversitätspolitik ergeben, leitet die Autorin logisch her (S. 60 f.). Dass „städtische[n] Leitfiguren aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, die Toleranz und Respekt füreinander…“ (S. 72) vorleben sollten, weil sich aus einer exponierten Position besondere Verantwortung ergibt, sollte selbstverständlich sein. Leider ist es das nicht. Die zitierte Äußerung der Bundeskanzlerin („Die multikulturelle Gesellschaft ist grandios gescheitert“; S. 73) dokumentiert, wie populistischer Umgang mit Stimmungen die unzureichende Öffnungsbereitschaft einer auf Zuwanderung angewiesenen Gesellschaft festigt – und ihr damit schadet. Der Autorin ist zuzustimmen, wenn sie feststellt, dass Diversitätsmanagement „immer auch eine Frage gesamtgesellschaftlicher Standpunkte und Entwicklungen ist … die … besonders von der politischen Entscheidungsebene abhängig ist“ (S. 73).

Buß („Diversity Management an deutschen Hochschulen – die Auswirkungen von Diversität auf Bildungsprozesse“): Einleitend verweist die Autorin auf die „große Bedeutung“ von Diversity Management (S.121), da Studierende „auf das Leben“ in einer kulturell vielfältigen Gesellschaft vorbereitet werden sollen. Eine solche Floskel am Anfang eines Beitrags lässt Schlimmes befürchten, denn seit wann sind deutsche Hochschulen darauf ausgerichtet, Studierende auf das Leben vorzubereiten? Und sind z.B. Studenten in den USA – trotz jahrzehntelanger Erfahrung mit Diversity Management – tatsächlich mit weniger Vorurteilen behaftet, wenn sie die Hochschule verlassen?

Berechtigt verweist die Autorin darauf, dass die gesellschaftspolitisch gewünschte Heterogenität der Studentenschaft (z.B. durch geförderte Mobilität während des Studiums, Erhöhung des Studierendenanteils, „Lebenslanges Lernen“) zu einer größeren Methodenvielfalt führen muss (S. 121).

Die Verwendung eines Diversity Index (S. 132) als Maßstab dafür, ob die Studentenschaft der Gesellschaft oder Bezugsnorm gleicht, sollte allerdings hinterfragt werden. Denn warum sollten z.B. Rentner in einer alternden Gesellschaft in einer Universität angemessen repräsentiert werden? Das gesetzliche Normierungen nicht zu Bewusstseinsänderungen führen müssen, wird am Beispiel der USA deutlich. Hier scheint doch die Feststellung der Co-Autorin Von Berg am Ende ihres Beitrags eher den gesellschaftlichen Gegebenheiten Rechnung zu tragen, nämlich, dass es „immer auch eine Frage gesamtgesellschaftlicher Standpunkte und Entwicklungen ist“ (S. 73).

Im Übrigen nennt auch die Autorin zahlreiche Beispiele für die nach jahrzehntelanger Erfahrung mit Diversity Management nur unzureichend veränderten Machtverhältnisse: Frauen und Afro-Amerikaner haben z.B. keinen gleichberechtigten Zugang zu Macht (S. 137). Eine sich daraus ableitende kritischere Würdigung des US-amerikanischen Ansatzes wäre wünschenswert.

Hilfreich für das Verständnis des Artikels wäre darüber hinaus zu erfahren, nach welchen Kriterien die Autorin Experten für Interviews (S. 140) auswählte, was sie erfragte usw. usf. Ob methodisch einwandfrei gearbeitet wurde, bleibt daher nur zu vermuten. Das schwächt die Ergebnisse, wie im Übrigen auch eine klare Fragestellung und Thesenbildung hilfreich wäre.

Wenn als Merkmale für eine „diverse, multikulturell inklusive Hochschule“ Aspekte aus anderen Kontexten übernommen werden, kann leicht aus dem Blick geraten, dass Hochschulen in ein gesellschaftliches Umfeld eingebettet sind. Warum und in welchem Umfang muss eine Hochschule Spiegelbild ihrer Gesellschaft sein? Was hilft das Agieren einer Hochschule in Einklang mit ihren öffentlichen Erklärungen, wenn diese Ansätze nicht oder nur teilweise in der sie umgebenden Gesellschaft geteilt werden (z.B. weil Meinungsbildner Ausländerfeindlichkeit schüren)? Welche Ressourcen haben Hochschulen überhaupt verfügbar, um „Diversität zu leben“? Solange Hochschulen wie z.B. in Sachsen-Anhalt deutlich mehr Studenten ausbilden, als ihnen finanziert werden, ist es schwierig mehr zu leisten als reine Lehre.

Chinesische Studenten beklagen Henze/ Zu (2012, 95 f.) zufolge, mangelnde Unterstützung in einem für sie fremden universitären System, unzureichende soziale Akzeptanz oder Schwierigkeiten bei der Wohnungssuche. Ohne eine bessere Mittelausstattung (aber, und da hat die Autorin Recht, auch ohne entsprechende Konzepte) können viele Hochschulen keine adäquaten Angebote unterbreiten.

Zusammenfassend stellt die Autorin fest, dass viele Fragen „offen bleiben“ (S. 191). Vielleicht hätte die Einbettung des Themas in gesamtgesellschaftliche Kontexte und eine Konzentration der Arbeit auf wenige Schwerpunkte, der Autorin bei der Beantwortung einiger Fragen geholfen.

Diskussion

Zweifellos ist Diversity Management ein wichtiges gesellschaftspolitisches Thema. Zumal der Handlungsdruck aufgrund demografischer Entwicklungen groß ist, eine gesteuerte Zuwanderung nach Deutschland zu organisieren. Dabei legt nicht erst der OECD Bericht (2013) offen, wie wenig attraktiv Deutschland für qualifizierte Zuwanderer ist. Dringend notwendig erscheinen nicht nur Änderungen der rechtlichen, sondern vor allem der gesellschaftlichen und betrieblichen Rahmenbedingungen.

Hier besteht das Potenzial, die in den USA entwickelten Ansätze an hiesige Kontexte anzupassen und damit weiter zu entwickeln. Dazu hätten sich aber einige Beiträge kritischer mit dem Ansatz des Diversity Managements und den deutschen Rahmenbedingungen auseinander setzen müssen.

Gleichwohl wird der Abschied vom homogenen Ideal als Einstellungskriterium (S. 46) näher rücken müssen. Abseits der Ballungszentren scheint diese Botschaft jedoch ungehört zu verhallen. Der Hinweis auf Umsetzungsprobleme (S. 52 f.) ist vor diesem Hintergrund mehr als berechtigt.

Fazit

Der gewählte Ansatz, unterschiedliche gesellschaftliche Bereiche (Städten, Hochschulen) zu betrachten, ist interessant. Insbesondere der Beitrag zum Diversity Management an Hochschulen lässt sich jedoch nicht losgelöst von gesellschaftlichen Rahmenbedingungen behandeln. Auch wirkt die Betrachtung Südafrikas etwas willkürlich und lässt den „roten Faden“ des Bands vermissen.

Interessant ist die beschriebene Entwicklung von TQM und Diversity Management als „Managementmoden“ im Vergleich sowie die damit verbundene Kritik (S. 14). Der Verweis darauf, dass Organisationen von gesellschaftlichen Institutionen an sie herangetragene Erwartungen reflektiert und umsetzen (S. 21), mag zutreffen – muss es aber nicht. Schließlich ist – um ein anderes Beispiel zu bemühen – auch der an Nachhaltigkeit orientierte Umgang mit natürlichen Ressourcen schon lange mehrheitsfähig in der Gesellschaft. Geändert hat sich deshalb noch nicht viel in Bezug auf betriebliche Verantwortung für Atomabfälle, Fischfangquoten oder längere Produktlebenszyklen. Auch sinnvolle Managementansätze bedürfen auf gesellschaftspolitischer Ebene der Diskussion von Machtverhältnissen.

Im Übrigen wären Hinweise zu den Autorinnen der Einzelbeiträge wünschenswert.


Literatur

  • Henze, Jürgen/ Jiani Zhu (2012): Current Research on Chinese Students Studying Abroad. Research in Comparative and International Education. Bd. 7, Nr. 1, S. 90-104
  • OECD 2013: Zuwanderung ausländischer Arbeitskräfte. Deutschland. Paris/ Berlin

Rezension von
Dr. Andreas Siegert
Fachhochschule für Ökonomie und Management (Studienort Berlin)


Alle 19 Rezensionen von Andreas Siegert anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Andreas Siegert. Rezension vom 23.09.2013 zu: Nils Jent, Günther Vedder, Florian Krause (Hrsg.): Zur Verbreitung von Diversity-Management. Entwicklung von TQM und DiM - Diversity-Management in Städten - Diversity-Management in Südafrika - DiM an deutschen Hochschulen. Rainer Hampp Verlag (Mering) 2010. ISBN 978-3-86618-497-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15065.php, Datum des Zugriffs 14.04.2021.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht