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Jonathan Sperber: Karl Marx. Sein Leben und sein Jahrhundert

Cover Jonathan Sperber: Karl Marx. Sein Leben und sein Jahrhundert. Verlag C.H. Beck (München) 2013. 634 Seiten. ISBN 978-3-406-64096-4. 29,95 EUR.
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Thema

Karl Marx (1818-1883) – Zeitgenosse von Michail Bakunin, Pierre-Joseph Proudhon, John Stuart Mill, Herbert Spencer, Søren Kierkegaard, Wilhelm Dilthey, Jacob Burckhardt, Wilhelm Wundt, Charles Darwin, Georg Büchner, Theodor Fontane, Gottfried Keller, Richard Wagner, Otto von Bismarck, um nur einige bedeutsame Namen zu nennen, sowie Ehemann von Jenny von Westphalen (1814-1881) und Mitstreiter von Friedrich Engels (1820-1895). Dutzende von Biographien haben Marxens Leben schon beschrieben. Jonathan Sperber, 1952 geborener Spezialist für die Zeit des revolutionären Europas zwischen 1780 und 1850, legt eine beachtenswerte neue Lebensgeschichte vor.

Autor

Jonathan Sperber ist Professor für Geschichte an der Universität Missouri.

Aufbau

Nach seiner Einführung gliedert der Autor die Biographie in drei grosse Teile:

  1. Prägung,
  2. Kampf,
  3. Vermächtnis.

Der erste Teil enthält die Unterkapitel Sohn, Student, Redakteur, Emigrant, Revolutionär; der zweite Teil Umstürzler, Exil, Beobachter, Aktivist; und der dritte Teil Theoretiker, Ökonom, Privatmann, Veteran, Ikone.

Inhalt

Sperber bricht durch seinen grundsätzlichen Zugang mit vielen anderen Biographien über Marx, denn er siedelt Marx dezidiert in dessen Zeit an. „Das Bild von Marx als einem Zeitgenossen, dessen Ideen die moderne Welt prägen, ist überholt und sollte einem neuen Verständnis weichen, das ihn als Gestalt einer verflossenen historischen Epoche sieht, die gegenüber unserer Gegenwart immer weiter in die Vergangenheit zurücksinkt: Er gehört zum Zeitalter der Französischen Revolution, der hegelschen Philosophie, der Anfänge der Industrialisierung in England und der aus ihr abgeleiteten politischen Ökonomie“ (S. 9). Für ebenso wichtig für diese Zeit hält Sperber neben industrieller und Französischer Revolution allem voran die Religion, den Nationalismus und die Geschlechterbeziehungen. Diesen Zugang spitzt Sperber noch zu: „Vielleicht ist es sogar sinnvoller, Marx als einen rückwärtsgewandten Menschen zu sehen, der die Gegebenheiten der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in die Zukunft projizierte, und nicht als einen souveränen und vorausschauenden Interpreten historischer Tendenzen“ (S. 9). Diese Charakterisierung kontrastiert sehr mit jener, die zum Beispiel der marxistische Historiker Eric Hobsbawm macht. Für diesen nimmt das „Kommunistische Manifest“ von Marx & Engels das Zeitalter des globalisierten Kapitalismus vorweg. Sperber wendet sich denn ausdrücklich gegen zwei Spielarten marxistischer Theorie: die aktualisierende Kombination mit einer späteren Denkrichtung und die Herstellung einer reinen Lehre mittels ausgiebigster Erforschung. Er zieht es vor, Marxens Leben, Denken und Politisieren in das 19. Jahrhundert zu stellen. Entsprechend weist Sperber die Alternative von sich, Marx als intellektuellen Verantwortlichen der totalitären Katastrophen des nachfolgenden Jahrhunderts oder aber als Verfechter kommender gesellschaftlicher Emanzipation zu sehen. Für den amerikanischen Historiker handelt es sich hier um Projektionen. Sperber zieht aus seinem Zugang einen paradox anmutenden Schluss: „Marx nicht in unserem, sondern in seinem zeitgenössischen Kontext zu sehen hilft uns, unsere gegenwärtige Situation zu begreifen“ (S. 15).

Der Marxbiograph nimmt sich infolgedessen für sein Werk Folgendes vor: „Um Marxens Ideen zu verstehen, genügt es nicht, ihren intellektuellen Inhalt zu kennen; man muss sie im größeren Zusammenhang seines Lebens sehen. Diese Biographie wird einigermaßen ausführlich auf Marxens Privatleben eingehen: seine Familie, seine Bildung und Erziehung, sein Werben um Jenny von Westphalen und seine Eheschließung mit ihr, seine Beziehung zu seinen Kindern, seine Freundschaften und Feindschaften, seine ständigen finanziellen Probleme. Sie wird Marx als eine Persönlichkeit des öffentlichen Lebens darstellen: seine ausgedehnte Tätigkeit als Journalist, die allzu oft ignoriert oder nicht gebührend gewürdigt wird, seine politischen Aktivitäten während der Revolution von 1848/49 und danach und seine Rolle bei der Schaffung und Zerstörung der Internationalen Arbeiter-Assoziation, der sogenannten Ersten Internationale. Das Bild, das dieses Buch von Marx zeichnet, erwächst aus dem Zusammenspiel zwischen Privatleben, öffentlichem Wirken und intellektuellen Formulierungen“ (S. 11).

Unter Marxens Vorfahren finden sich viele Rabbiner. Seinen Nachnamen verdankt er übrigens seinem Grossvater Mordechai oder Marx Levy. In Trier, Marxens Geburtsort, änderte die Familie unter französischer Besatzung den Nachnamen in Marx. Der Vater von Karl Marx, Heinrich (Heschel) Marx, war Sekretär des sogenannten Konsistoriums. Die jüdische Gemeinde auf diese Weise nach protestantischem Vorbild zu organisieren, verlangten die französischen Besatzer. Für Marxens Vater eine undankbare Aufgabe, ging es doch vor allem darum, Geld von den Gläubigen einzutreiben, um den jährlichen Tribut an den Kurfürsten zu bezahlen. Vielleicht bewogen die Feindseligkeiten und Übergriffe gegenüber seitens der christlichen Bevölkerung die Familie 1811 zum Umzug nach Osnabrück. Heinrich Marx soll in der Folge 1813 nach zehnmonatiger Ausbildung in Koblenz als letzter Student einer Rechtsschule ein Zeugnis erhalten – zeitgleich bricht Napoleons Reich auseinander. Trier fällt an Preussen, dessen protestantische Herrschende noch unbeliebter im katholischen Trier sind als die immerhin katholischen Franzosen. Heinrich Marx kehrte 1814 nach Trier zurück und eröffnete eine Anwaltskanzlei. Da die preussischen Reformen zu wenig weit gingen und die Juden nicht zu Staatsämtern zugelassen wurden, trat Heinrich Marx 1819 zum Protestantismus über. Viele Marx-Biographen schreiben diesem Entscheid zu, dass Karl Marx seinen Vater angeblich verachtete und sich unter anderem deswegen radikalisierte. Sperber hält dem entgegen, dass es zur damaligen Zeit für Juden und Jüdinnen eine gebräuchliche Option gewesen sei, den Glauben zu wechseln, und zweifelt auch daran, Karl Marx habe seinen Vater geringgeschätzt. Immerhin soll dieser jenem aus Werken Voltaires vorgelesen haben. Den Übertritt zum Protestantismus anstelle des in Trier vorherrschenden Katholizismus erklärt sich Sperber durch die väterliche Nähe zur Aufklärung. Und den protestantischen preussischen Beamten war jeder Verbündete willkommen.

Eine weitere Bedingung für die väterliche Anwaltstätigkeit war die Verheiratung. Die Wahl fiel auf die Niederländerin Henriette Presburg, die einer jüdischen, ursprünglich ungarischen Familie entstammte, die es mit Handel zu einigem Reichtum gebracht hatte. (Die Enkel der Schwester gründeten den Elektro- und Elektronikkonzern Philips.) Karl Marx kam mit seiner Mutter nicht gut aus und überwarf sich mit ihr dann auch wegen der Erbschaft. Das Elternpaar hatte innerhalb von elf Jahren nicht weniger als neun Kinder; Karl war das dritte. Die Familie Marx zählte zu den obersten fünf Prozent der Trierer Haushalte. Karl besuchte ab 1830 das Trierer Gymnasium, eine vorzügliche Schule, und war dort ein guter, aber kein erstklassiger Schüler, der sich vor allem in Deutsch und Latein, nicht aber in Mathematik hervortat. In einer der beiden frühesten von ihm erhaltenen Schriften, dem Abituraufsatz in Deutsch, schreibt er: „Die Hauptlenkerin aber, die uns bei der Standeswahl leiten muß, ist das Wohl der Menschen, unsere eigne Vollendung. Man wähne nicht diese beiden Interessen könnten sich feindlich bekämpfen, das eine müsse das andre vernichten, sondern die Natur des Menschen ist so eingerichtet, daß er seine Vervollkommnung nur erreichen kann, wenn er für die Vollendung, für das Wohl seiner Mitwelt wirkt. Wenn er nur für sich schafft, kann er wohl ein berühmter Gelehrter, ein großer Weiser, ein ausgezeichneter Dichter, aber nie ein vollendeter, wahrhaft großer Mensch sein“ (S. 44).

Marx selber hatte mit seiner Ehefrau Jenny von Westphalen viele Kinder, aber nur wenige überlebten die Kindheit. Während auch die Kinder der Tochter Laura alle in früher Kindheit verstarben, erreichten vier von sechs Kindern der Tochter Jenny, die Charles Longuet heiratete, das Erwachsenenalter. Nachfahren von Karl Marx leben denn heute noch in Frankreich. Er starb 1883, zwei Jahre nach seiner Ehefrau, an Tuberkulose. Während er sich vor seinem Tod zahlreichen nutzlosen Therapien unterzog, gelang es dem Arzt und Mikrobiologen Robert Koch in Berlin, den Tuberkuloseerreger zu isolieren und damit die Krankheitsursache zu entdecken. „Es war das friedsame Ende eines Lebens voller gewaltiger Leidenschaften und unverrückbarer Überzeugungen, großer Ziele und ebenso großer Rückschläge, Widrigkeiten und Kämpfe“ (S. 550).

Dazwischen liegt ein Leben voller politischer und theoretischer Bewegung, das hier nicht nachzuerzählen ist. Ein Türspalt zu diesem Leben sei zum Schluss geöffnet. Neben dem Achtzehnten Brumaire und dem Kapital ist das mit Engels verfasste Kommunistische Manifest der bekannteste Text aus Marxens Feder. Sperber schildert die damaligen Umstände anschaulich: „Der Mann von untersetzter Statur, der Anfang des Winters 1847/48 in der belgischen Hauptstadt Brüssel in seiner ärmlich möblierten Wohnung am Schreibtisch saß und schrieb, wirkte, obwohl sich schon erste graue Strähnen in seinem dunklen Haupt- und Barthaar zeigten, noch immer jung. Seine Arbeitsweise war unstet. Wenn er mit seiner kaum entzifferbaren Linkshänderschrift eine Zeit lang etwas zu Papier gebracht hatte, brach er ab, stand auf und kreiste um seinen Schreibtisch, und wenn er sich dann wieder setzte, strich er einen Teil dessen, was er zuvor geschrieben hatte, durch und setzte von Neuem an. Zu seinem Haushalt gehörten seine Frau, die einige Jahre älter war als er, zwei kleine Töchter, ein einjähriger Sohn und eine Haushälterin (dass es nur eine war, lag an der Kluft zwischen den sozialen Ansprüchen und den finanziellen Möglichkeiten des Dienstherrn). Sie behelligten ihn nicht bei seinem geistigen Ringen, denn sie wussten, dass die Ablieferung seines Textes beim Herausgeber überfällig war, ein ständiges Problem seines literarischen Schaffens“ (S. 7).

Diskussion

Sperbers Buch ist eine jener Marx-Biographien, die bleiben werden. Das Buch ist in elegantem, flüssigem Stil geschrieben und leuchtet viele historische Hintergründe aus – ein Lesevergnügen. Auf Kritik gestossen ist Sperbers rückwärtsgewandte Interpretation. Die Historisierung droht Marx gleichsam den Zahn zu ziehen.

Fazit

Jonathan Sperbers Grundsatz, Leben und Werk von Karl Marx ausführlich vor dem Hintergrund seiner Zeit darzustellen, macht die Lektüre zu einem Genuss und führt mitunter zu vielen wenig bekannten Lebensaspekten. Der Autor pflegt einen anschaulichen Schreibstil. Die grossen Züge der Lebensgeschichte werden deutlich. Man fühlt sich in die Zeit zurückversetzt. Dem Buch gelingt es überdies, zu (erneuten) Lektüren von Originaltexten anzuregen. Es scheint darum auch für jüngere Leserinnen und Leser sehr gut geeignet.


Rezensent
Prof. Dr. Gregor Husi
Professor an der Hochschule Luzern (Schweiz). Ko-Autor von „Der Geist des Demokratismus – Modernisierung als Verwirklichung von Freiheit, Gleichheit und Sicherheit“. Aktuelle Publikation (zusammen mit Simone Villiger): „Sozialarbeit, Sozialpädagogik, Soziokulturelle Animation“ (http://interact.hslu.ch)
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Zitiervorschlag
Gregor Husi. Rezension vom 26.11.2014 zu: Jonathan Sperber: Karl Marx. Sein Leben und sein Jahrhundert. Verlag C.H. Beck (München) 2013. ISBN 978-3-406-64096-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15067.php, Datum des Zugriffs 21.07.2019.


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