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Heike Deckert-Peaceman, Anja Seifert (Hrsg.): Die Grundschule als Ort grundlegender Bildung?

Cover Heike Deckert-Peaceman, Anja Seifert (Hrsg.): Die Grundschule als Ort grundlegender Bildung? Beiträge zu einer Neuverortung der Grundschulpädagogik. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2013. 192 Seiten. ISBN 978-3-7815-1915-2. D: 17,90 EUR, A: 18,40 EUR, CH: 25,90 sFr.
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Herausgeberinnen

Heike Deckert-Peaceman ist Professorin für Grundschulpädagogik an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg und ihre Kollegin Anja Seifert arbeitet dort als Akademische Oberrätin für Elementar- und Primarpädagogik.

Thema

Beiden Herusgeberinnen geht es in dem Band um eine Überprüfung des gegenwärtigen pädagogischen Standortes der Grundschule angesichts veränderter und neuer Problemstellungen wie z.B. die Kooperation mit dem Kindergarten, zunehmende Heterogenität, Jungen in der Krise oder Entschleunigung der Kindheit.

In zwölf Beiträgen, zumeist von Hochschullehrerinnen und Hochschullehrern, wird die angestrebte Neuverortung verhandelt. Dies scheint auch deshalb gerechtfertigt, weil die Kennzeichnung der Grundschule als Ort grundlegender Bildung bald 100 Jahre alt wird (Reichschulkonferenz 1921).

Im Folgenden wird auf einige der Beiträge näher eingegangen.

Ausgewählte Inhalte

Der einführende Aufsatz „Die Grundschule als Ort grundlegender Bildung“ (Heike Deckert-Peaceman/Anja Seifert) erörtert den Spannungsbogen zwischen Unterricht einerseits und Bedingungen des geisteswissenschaftliche Bildungsbegriffes andererseits. Demnach ist „Grundschule mehr als Unterricht“ (S.9) mit dem Ziel, nicht nur Basiskompetenzen zu vermitteln. Grundschule wird dann zum Lern-, Handlungs- und Lebensraum und entspricht eben nicht gegenwärtigen technokratischen Vorstellungen, die sich an Schulleistungstests und Produktqualität orientieren und auf eine „vorgymnasiale Rennbahn“ (S.15) zusteuern. Zugleich führt dieser Beitrag in den thematischen Verlauf der Veröffentlichung ein.

Im Folgebeitrag „Das Ankommen von Kindern in der Grundschule“ geht Heike Deckert-Peaceman auf den Einschulungstag ein und die damit verbundenen Festlichkeiten und Rituale (z.B. Schultüten). Interessant ist dabei ein international vergleichender Blick auf diese Form der Schulkultur. Ankommen, so weiter, heißt aber auch Mitglied in der Schulgemeinschaft werden. Dies gilt sowohl für die institutionell geprägten Beziehungen wie auch für die innerschulische Peerkultur. Schon sehr früh sind diskriminierende Praktiken im Unterricht auffindbar, so z.B. der vorwiegend von Migrantenkindern bevölkerte Dummentisch – ein erschreckendes Beispiel. Eher die Regel ist der starke Einfluss ökonomischen und kulturellen Kapitals und die von dort ausgehende Wirkung auf den Selektionsmodus innerhalb der Grundschulen. Die Autorin verweist aber auch darauf, das im pädagogischen Raum der Grundschule es möglich wird, ökonomische Bedingtheiten erheblich zu mildern. Schule wirkt dann wie ein Filter zwischen Schule und Wirklichkeit.

Gabriele Strobel-Eisele analysiert in ihrem Aufsatz „Warum Jungen von sozial exklusiven Verhalten profitieren. Ein Beitrag zur Debatte um die ‚Jugendkrise‘“ den Krisendiskurs zu diesem Thema. Ihr Anliegen ist es, die ‚Jungenkrise‘ zu entdramatisieren und Fehlinterpretationen zurecht zu rücken. Deshalb werden z.B. Schulleistungen von Jungen und Mädchen thematisiert wie auch die Schulbesuchszahlen; so sind zwei Drittel der Schulabbrecher Jungen. Im Rahmen einer qualitativen Studie werden Selbstkonzepte von Grundschuljungen untersucht und festgestellt, dass Bewegungserleben, körperliche Kraft und Psyche (z.B. existentielle Sicherheit) bei Jungen den Weg einer verzögerten sozialen Inklusion darstellen. Auf diesem Hintergrund empfiehlt die Autorin eine Remaskulinisierung des Lehrpersonals, weil Lehrer z. B. das Bewegungsverhalten von Jungen besser verstehen und damit auch das Selbstvertrauen der Schüler besser stabilisieren können.

In dem unmittelbar anschließenden Beitrag „Kindheit lässt sich nicht unbegrenzt modernisieren. Ein Plädoyer zur Entschleunigung der Kindheit“ diskutiert Luise Winterhager-Schmid zwei sich kontrovers gegenüberstehende Vorstellungen, wie Kindheit zu interpretieren und entsprechen zu handeln sei. Einerseits gibt es die Auffassung das eigenständig agierende Kind sei der „Akteur seiner Lebenswelt“ und andererseits die Auffassung, die Erwachsenen seien im hohen Maße verantwortlich für eine gedeihliche Entwicklung der Kinder. Die Autorin sieht in der Akteurskindheit ein Gefährdungspotential und eine Überforderung des Kindseins aus vielerlei gesellschaftlich bedingter Ursachen (z.B. Scheidungsraten). Sie lehnt die Erziehungsnorm zur Beschleunigung der Kindheit ab und versteht z. B. darunter die Anpassung des Tagesablaufs an Zeitrhythmen der Arbeitswelt oder die ausgeprägte Nutzung von Betreuungs- und Bildungsangeboten für Kinder. Auf diesem Hintergrund fordert die Autorin die Entschleunigung sowohl innerhalb der Grundschulen aber auch innerhalb der Familien. Kindheit lässt sich aufgrund anthropologischer und entwicklungspsychologischer Bedingungen nicht unbegrenzt beschleunigen. Im Schlusssatz ihres Plädoyers zitiert Luise Winterhager-Schmid den Philosophen Jean-Jaques Rousseau (1712-1778) und dessen wichtigste und nützlichste Regel jeder Erziehung: “Sie heißt: Zeit verlieren und nicht gewinnen“ (S. 130).

Passend zu der von Winterhager-Schmid angeregten Diskussion ist der Beitrag „Welterkundung und Weltverstehen in Kindergarten und Grundschule“ von Hans-Joachim Fischer. Seiner Meinung nach setzt gerade die Didaktik auf die Eigenständigkeit und Kreativität der Kinder sowie auf ihre Fähigkeit, sich selbst zu bilden. In diesem Sinne sind Kinder auf jeden Fall Akteure ihrer Wissenswelt. Der Autor beschreibt überzeugend, wie Kinder über Erfahrung den Zugang zu Wissen und zu Gegenständen der äußeren Welt finden. Inseln der Reflexion inmitten kindlicher Erfahrungswelten müssen gebaut werden. Lehrerinnen und Lehrer sind in diesem Sinne helfende Brückenbauer. Nur wenn dies gelingt vermag das Kind auch späterhin, Erfahrungsgrenzen zu überwinden und Abstraktion zu leisten: „Objektives Wissen setzt subjektives Wissen voraus“ (S.164). Und weil dieses subjektive, dem Kind angemessene, Wissen für das Weltverstehen des Kindes so bedeutsam ist, kann es nicht ersetzt werden durch objektives, wissenschaftlich begründetes Wissen. Reden über wissenschaftliche Bildung in der frühen Kindheit ist deshalb für Fischer unnötig und falsch.

In dem umfassenden Schlussbeitrag „Verschulung. Eine kleine Rezeptionsstudie“ geht Gerold Scholz der zentralen Frage nach: „Was macht eine Schule zur Schule?“(S.179). Dabei verfolgt der Autor u.a. folgende Gesichtspunkte:

  • Die Schule organisiert Schüler und Lehrpläne
  • Schule organisiert Wahrheit
  • Die Schule vermittelt Schulwissen

Ebenso werden Irrtümer über die Schule erörtert wie z.B. Ivan Illichs Entschulungskonzept, das an seiner Umsetzung scheitert bzw. scheitern würde. Scholz hebt – eigentümlich unkritisch – die Selektion- und Allokationsfunktion der Schule positiv hervor: „Die Schule übernimmt in der bürgerlichen Gesellschaft die Aufgabe, gesellschaftliche Positionen zuzuschreiben und zu legitimieren“ (S.186).

Diskussion

Zweifelsohne sind Grundschulen wie auch die Familien Orte grundlegender Bildung. Ist aber dem vorliegenden Band auch, wie es im Titel heißt, eine Neuverortung der Grundschulpädagogik gelungen? Diese Frage lässt sich nur dann mit „Ja“ beantworten wenn der gesuchte neue Ort, als ein Ort der reflexiven Auseinandersetzung verstanden wird. Und genau das leistet der Sammelband. In diesem Sinne werden Reflexionen zur Grundschulpädagogik vorgelegt, die insofern angemessen sind, als die gesellschaftliche Komplexität eine schlichte Verortung, wie sie die klassischen Pädagogen noch leisten konnten, nun nicht mehr möglich ist.

Vermisst wird eine forschungsbezogene Flankierung der Reflexion und, noch wichtiger, die Bearbeitung aktueller Veränderungen in der Grundschule. Damit ist gemeint, dass Ganztagschule, Ganztagsbildung, Handeln in multiprofessionellen Teams, Entgrenzung der Schule u.s.w. nicht vertiefend behandelt werden. Das Auftreten dieser Leerstelle bleibt unverständlich.

Fazit

Das Buch reflektiert umfangreich die gegenwärtige Situation der Grundschulpädagogik. Für Lehre, Studium und die schulische Praxis zu empfehlen.


Rezension von
Prof. Dr. Erich Hollenstein
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Zitiervorschlag
Erich Hollenstein. Rezension vom 19.08.2013 zu: Heike Deckert-Peaceman, Anja Seifert (Hrsg.): Die Grundschule als Ort grundlegender Bildung? Beiträge zu einer Neuverortung der Grundschulpädagogik. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2013. ISBN 978-3-7815-1915-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15068.php, Datum des Zugriffs 01.12.2020.


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ISSN 2190-9245

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