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Hartmut Rosa, David Strecker u.a.: Soziologische Theorien

Cover Hartmut Rosa, David Strecker, Andrea Kottmann: Soziologische Theorien. UVK Verlagsgesellschaft mbH (Konstanz) 2013. 2., überarb. Auflage. 316 Seiten. ISBN 978-3-8252-3832-2. 22,99 EUR.

Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-8252-4992-2 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen.
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Autoren und Neuauflage

Hartmut Rosa ist Professor für Allgemeine und Theoretische Soziologie an der Universität Jena. David Strecker ist dort sein wissenschaftlicher Mitarbeiter. Andrea Kottmann ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Center for Higher Education Policy Studies an der Universität von Twente, Niederlande.

Das Werk liegt in einer zweiten, revidierten und korrigierten Auflage vor. Rückmeldungen von Lesern und Kommenatre von Studierenden sowie die Diskussionen mit anderen Lehrenden über die 1. Auflage von 2007 sind in das Buch eingeflossen.

Wissenschaft von der Gesellschaft

Die Soziologie als Wissenschaft ist ein Kind des 19. Jahrhunderts. Die Fragen, die der ungeheure Umbruch dieses Säkulums – von der ständisch-feudalen Ordnung zur komplexen, industrialisierten Marktgesellschaft mit großer Veränderungsdynamik – aufgeworfen hat, haben die „Gesellschaftswissenschaft“ auf den Plan gerufen. Der Freiheits- und Individualitätsgewinn dieser gesellschaftlichen Entwicklung (= „Modernisierung“) stand ebenso zur Beschreibung, Erklärung und Deutung an, wie das beträchtliche Pathologiepotenzial, das damit einherging und in Begriffen wie Entfremdung, Vereinsamung und Vermassung zum Ausdruck kommt.

Etappen und Dimensionen der „Modernisierung“

Drei Etappen der Modernisierung unterscheidet das Buch:

  1. die „frühe“, entstehende Moderne (19. Jahrhundert);
  2. die „entwickelte Moderne“ (Mitte 20. Jahrhundert) und
  3. die „Spätmoderne“ (seit Ende 20. Jahrhundert).

Der Prozess der Modernisierung wird an vier Dimensionen festgemacht und an ihnen beobachtet:

  1. Dimension „Domestizierung“: der Vorgang der immer perfekteren Beherrschung und Dienstbarmachung der Natur, sowohl der äußeren „natura naturans“ als auch der inneren Triebnatur. Hiermit verbunden ist der Siegeszug der instrumentellen, an technischer Effizienz orientierten Vernunft.
  2. Dimension „Rationalisierung“: die Umstellung der leitenden Legitimations- und Begründungsmuster von Politik, Recht und Wissenschaft auf objektiv bzw. intersubjektiv nachvollziehbare Vernunftgründe.
  3. Dimension „Differenzierung“: das Auseinandertreten der Wert- und Funktionssphären der Gesellschaft. Das „Wahre, Gute, Schöne“ bilden keine Einheit mehr; Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Kunst, Religion etc. folgen je eigenen „Logiken“. Modern ist es, das „Wahre“ bei der Wissenschaft, das „Schöne“ bei der Kunst und das „Gute“ bei Moral und Recht anzusiedeln.
  4. Dimension „Individualiserung“: Individuen und deren Autonomie werden zu Letztinstanzen der Begründung von gesellschaftlichem Zwang und politischer Herrschaft – und nicht mehr: Gott, Natur, Volksgemeinschaft etc. Die Einzelnen gewinnen ein nicht da gewesenes Maß an Entscheidungsfreiheit und (Selbst-)Verantwortung, was nicht eo ipso gleichzusetzen ist mit einem Mehr an „Autonomie“.

Grundfragen der Soziologie

Unter diesen Bedingungen der Modernisierung werden die Grundfragen der Soziologie gestellt, auf die weniger hermeneutische als empirische Antworten erwartet werden, denn ein anderes Wort für Soziologie war am Anfang „soziale Physik“:

  • Was ist und wie entsteht soziale Ordnung? Welche Muster, Regel- bzw. Gesetzmäßigkeiten der Soziogenese lassen sich feststellen?
  • Was hält Gesellschaften zusammen? Welche Muster, Regel- bzw. Gesetzmäßigkeiten der Integration und Desintegration lassen sich feststellen?
  • Was bewegt und verändert Gesellschaften? Welche Muster, Regel- bzw. Gesetzmäßigkeiten des sozialen Wandels lassen sich feststellen?
  • Sind diese Prozesse steuerbar? Welche Ratschläge sind vertretbar, von technokratischen Rezepten bis zu diskussionswürdigen Argumenten?

Basismuster der Erklärung

Drei Methoden des soziologischen Erklärens durchziehen alle Denk-Ansätze des Buches:

  1. Handlungstheoretische Methoden gehen von individuellen Akteuren und ihren Handlungen aus: Gesellschaften sind das Produkt der handelnden Gesellschaftsmitglieder („methodologischer Individualismus“).
  2. Strukturtheoretische Methoden erklären das individuelle Wollen und Handeln aus herrschenden gesellschaftlichen Strukturen: Das Sein bestimmt das Bewusstsein. Die Individuen sind das Produkt der Umstände, also der herrschenden Produktions- und Verständigungsverhältnisse („methodologischer Holismus“).
  3. Interaktionstheoretische Methoden behaupten ein Wechselspiel zwischen Gesellschaft und Individuum. Gesellschaftsstrukturen und Persönlichkeitsstrukturen bilden sich interaktiv heraus („methodologischer Relationismus“).

Die „Mannschaftsaufstellungen“

Die Abteilung „frühe Moderne“ tritt mit folgenden „Gründungsvätern“ des soziologischen Denkens an:

  • Karl Marx (für die Dimension der „Domestizierung“);
  • Max Weber (für die Dimension „Rationalisierung“);
  • Emile Durkheim (für die Dimension „Differenzierung“) und
  • Georg Simmel (für die Dimension „Individualiserung“).

Dieses Schema wiederholt sich im Buch ein zweites und ein drittes Mal. Die Abteilung „Entwickelte Moderne“ sieht in der gleichen Abfolge der Dimensionen folgende soziologischen Meisterdenker vor:

  • Theodor W. Adorno (nur eingeschränkt mit: Max Horkheimer)
  • Jürgen Habermas
  • Talcott Parsons / Niklas Luhmann
  • Norbert Elias (mit einem Exkurs zu Ulrich Beck).

Schließlich treten für die Abteilung „Spätmoderne“ an:

  • Bruno Latour
  • die nicht näher personalisierte Rational Choice Theory
  • Michael Hardt / Antonio Negr
  • Michel Foucault.

Jedes Kapitel enthält „Leitfragen“, „Begriffsdefinitionen“, „Zusammenfassungen“, „Literaturhinweise“ und „Lernkontrollfragen“. Diese lernfreundliche Gliederung macht das Buch zu einem guten Lehrbuch.

Fehlanzeigen

Dass Namen wie zum Beispiel Thorstein Veblen, Anthony Giddens und Helmut Schelsky fehlen (um nur einige wenige zu nennen), wird nicht weiter begründet. Dass die zu erwartenden Auguste Comte (auf ihn geht der Name „Soziologie“ zurück) und Herbert Spencer nicht auftauchen, liegt daran, weil sie nicht zu den Gründungsvätern der Soziologie, sondern zu ihren „Vorläufern“ gerechnet werden.

Das kleine Einmaleins soziologischen Denkens: menschliches Verhalten als Rollenspiel auf der Bühne der Gesellschaft, wie es im „Homo sociologicus“ von Ralf Dahrendorf zelebriert wird, findet im Buch keine Erwähnung.

Irritation

Dass die Gründer der Soziologie als Wissenschaft keine studierten Soziologen sein konnten, ist einleuchtend. Dass aber auch unter den heutigen Vertretern der Soziologie kein studierter Soziologe zu finden ist, wirft die Frage auf: Wen und was bringt die universitäre Disziplin der Soziologie eigentlich hervor, wenn ihre hervorragenden Repräsentanten nach wie vor Philosophen, Psychologen, Volkswirte, Juristen etc. sind?

Von der Moderne zur Postmoderne

Schaut man vom Ende des Buches auf den Anfang zurück, haben die Dimensionen der Modernisierung einen fundamentalen Wandel durchgemacht:

  • Wenn „Domestizierung“ die ehrgeizige Beherrschung der Natur heißt, so erleben wir heute eine doppelte Rückkehr der Natur, einerseits als „Rache der Natur“ in Gestalt von Klimawandel und Ökokatastrophe, andererseits als Letzterklärung für menschliches Verhalten in Gestalt der Neurobiologie und Genomforschung.
  • Wenn „Rationalisierung“ das Berechenbarmachen der Welt bedeutet, so erleben wir heute eine Rückkehr der Irrationalismen, etwa in Gestalt religiöser Fundamentalismen mit militanten Ablegern, die in Gestalt des „Terrorismus“ die Welt in Atem halten.
  • Wenn „Differenzierung“ die klare Trennung von Funktionssphären meint, erleben wir heute eine Phase der Entdifferenzierung, in der sich die Zuständigkeiten von Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Unterhaltung wieder vermischen und in der globalisierten Welt tendenziell alle Außengrenzen verschwinden. Auch Kultur und Natur entwickeln sich nicht durch „Ausdifferenzierung“ weiter, sondern „Hybridisierung“. – Eine Tendenz, die die Theorietradition von Parsons bis Luhmann „alt“ aussehen lässt.
  • Wenn „Individualisierung“ einen Vorgang bezeichnet, bei dem Individuen eine zunehmende Kontrolle über ihr eigenes Leben gewinnen, dann lässt heute die Dynamik der globalisierten Welt das Leben in vielen Hinsichten völlig unvorhersehbar und unbeherrschbar werden, was als Prozess der Ent-Individualisierung bezeichnet werden kann.

Es scheint, dass wir die Epoche der Moderne verlassen haben und uns in einem Entwicklungszustand befinden, der besser „Postmoderne“ als „Spätmoderne“ heißen sollte. Jedenfalls so lange, bis uns bessere Begrifflichkeiten zur Verfügung stehen.

Fazit

Nicht nach soziologischen Schulen wird hier in die Soziologie eingeführt, sondern systematisch und historisch werden einzelne soziologische Ansätze anhand ihrer jeweiligen Diagnose der modernen Gesellschaft, die das Fach erst hervorgebracht hat, vorgestellt. Das ist eine gelungene Wegweisung im Kosmos soziologischen Denkens. Für den Studienanfänger ist dieses in guter wissenschaftlicher Prosa geschriebene „Musterbuch“ soziologischer Erklärungsansätze zugleich eine Einladung, eigene Vorlieben zu entdecken und weiter zu vertiefen.


Rezension von
Prof. Dr. Klaus Hansen
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Zitiervorschlag
Klaus Hansen. Rezension vom 28.11.2013 zu: Hartmut Rosa, David Strecker, Andrea Kottmann: Soziologische Theorien. UVK Verlagsgesellschaft mbH (Konstanz) 2013. 2., überarb. Auflage. ISBN 978-3-8252-3832-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15084.php, Datum des Zugriffs 05.04.2020.


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