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Jonas Schäfer: Teufelskreis Terrorismus

Cover Jonas Schäfer: Teufelskreis Terrorismus. Sinn und Funktion eines Konfliktsystems. Tectum-Verlag (Marburg) 2013. 333 Seiten. ISBN 978-3-8288-3101-8. D: 34,90 EUR, A: 34,90 EUR, CH: 43,30 sFr.
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Anlässe

Als der Rezensent Anfang August 2013 die Besprechung zu diesem Buch niederzuschreiben begann, warnte die US-Regierung vor Anschlägen des Terrornetzwerks al-Quaida im Nahen Osten und in Nordafrika. Die Gefahr, so die Warnung, bestehe bis Ende August. Daraufhin wurden US-Botschaften in 17 Staaten geschlossen; Großbritannien, Frankreich und die Bundesrepublik schlossen ihre Botschaften im Jemen ebenfalls für einige Tage. SPIEGEL ONLINE berichtete, dass die US-Nachrichtendienste nach eigenen Angaben geheime Kommunikationen zwischen führenden Mitgliedern von al-Quaida abgefangen hätten. In diesen Kommunikationen sei es um Terroranschläge auf US-amerikanische Einrichtungen gegangen (SPIEGEL ONLINE; Internetquelle, aufgerufen am 5.8.2013).

Bevor diese Terrorwarnung um die Welt ging, hatten massive Überwachungsaktivitäten des US-Geheimdienstes NSA (und die entsprechenden Enthüllungen durch den US-Amerikaner Edward Snowden) nicht nur die öffentlichen Diskurse in Deutschland bestimmt. Von „Spähaffäre“, „Überwachungsskandal“ und „Geheimdienste außer Kontrolle“ wurde gesprochen und geschrieben. Gefragt wurde auch, ob und inwieweit die Gefahren des transnationalen Terrorismus es erlauben, massiv  in die verfassungsrechtlich garantierten Grundrechte einzugreifen. Man könnte meinen, mit den nun ausgesprochenen Terrorwarnungen hätten die US-Geheimdienste die Berechtigung ihres Daseins und ihrer massenhaften Datensammlungen geliefert. Man könnte aber mit Jonas Schäfer auch fragen: „Über welches Konstrukt stabilisiert das terroristische Konfliktsystem die Instabilität der Weltgesellschaft?“ (S. 265). Mit anderen Worten: Es geht Jonas Schäfer auch darum, den „symbiotischen Mechanismus“ (z.B. S. 238) aufzudecken, mit dem sich die Protagonisten oder Widerparte des terroristischen Konfliktsystems selbst bekräftigen.

Autor

Jonas Schäfer (Jahrgang 1980) ist Soziologe und hat 2012 an der Friedrich-Schiller-Universität (unter Betreuung von Hartmut Rosa) promoviert. Das vorliegende Buch entspricht weitgehend der Promotionsschrift.

Aufbau und Inhalte

Jonas Schäfer untersucht den Terrorismus als Konfliktsystem. Die systemtheoretische Konflikttheorie (weitgehend im Sinne Niklas Luhmanns) liefert dazu den metatheoretische Rahmen. Die Lektüre ist also keine einfache – zumindest nicht für jene, die keinen Techno mögen. [1] Elf Kapitel und einen umfangreichen Anhang (mit Tabellen, Abbildungen und Analysematerial) umfasst das Buch.

In den Kapiteln 1 bis 5 beschreibt der Autor die „Beobachtungsgrundlagen“, mit denen er das „terroristische Konfliktsystem“ als „sekundäres Funktionssystem der Weltgesellschaft“ (S. 4) definiert und beobachtet. Dazu werden zunächst erkenntnistheoretische Voraussetzungen formuliert, die  – wie gesagt – der Systemtheorie verpflichtet sind. Dass diese Voraussetzungen nicht perfekt sind und auch der in der Systemtheorie beliebte Beobachter zweiter Ordnung nicht sich selbst beobachten kann, weiß Jonas Schäfer sehr wohl. Und so sind seine theoretischen Grundlagen vor allem als Beobachtungsangebote zu verstehen. Um diese selbst realisieren zu können, greift er auf die Differenztheoretische Text-Analyse (DTA) zurück, ein von Titscher und Meyer (1998) entwickeltes heuristisches Verfahren zur Analyse von Texten. Mit diesem Verfahren, das ausführlich beschrieben wird, analysiert Jonas Schäfer in den späteren Kapiteln Reden und Verlautbarungen u.a. von Georg W. Bush, Barack H. Obama, Osama bin Laden und Al-Zawahiri.

Dass der Autor auf diese und andere Texte zurückgreift, um (s.o.) Protagonisten oder Widerparte des terroristischen Konfliktsystems quasi beim Wort zu nehmen, hat einen gewichtigen Grund, den der Rezensent gern mit einem ausführlichen Zitat aus dem Buch beschreiben möchte: „Versucht man die ‚Kommunikationsstrategie‘ des Terrorismus nur mit seinen Eskalationsmomenten zu erklären, sieht man zwar eine Form nicht-legitimer Gewalt gegen Zivilisten, die das Medium des Systems – gewaltsame, politische Machtverhältnisse nicht anerkennende, Widerspruchskommunikation – ermöglicht, aber eben nur eine. Die Kommunikanten – Personen denen eine Mitteilung zugerechnet wird – kommunizieren nicht nur mit Gewalt; die Struktur des Systems prozessiert ebenso in anderen Verdichtungsmomenten, in verschriftlichten Formen des Mediums: zumeist in Anschuldigungs- und Drohkommunikation“ (S. 47f.; Hervorhebungen und Kommafehler im Original). Die mittlerweile weitgehend akzeptierte Sichtweise auf den Terrorismus als Kommunikationsstrategie (vgl. auch Waldmann, 2005; Frindte & Haußecker, 2010) reicht eben nicht, um die Dialektik des terroristischen Konfliktsystems analysieren zu können.

Um diese Analyse geht es in den Kapiteln 6 bis 8. Angelehnt an Luhmanns „Sinndimensionen“ werden die „Zeitdimension“, die „Sozialdimension“ und die „Sachdimension“ des terroristischen Konflikts – auf der Basis o.g. Reden und Verlautbarungen – analysiert. Irritierend und die Lektüre nicht erleichternd (s.o.) sind dabei die ständigen Neueinführungen theoretischer Konstrukte (etwa ein „Prozessmodell sozialer Konflikte“ nach Messmer, 2003 – siehe S. 66 - oder der nicht ausreichende Bezug auf die Theorie der sozialen Identität von Tajfel und Turner, 1979 – siehe S. 128f., um die Struktur und Funktion von Feindbildern zu erklären). Auch bleiben die Kriterien, nach denen nun gerade die analysierten Reden und Verlautbarungen bzw. entsprechende Passagen für die Analyse ausgewählt wurden, etwas unbestimmt. Die Ergebnisse der Analyse lassen dieses Manko aber in den Hintergrund treten. Dem Autor gelingt es zu zeigen, dass sich der Terrorismus als sekundäres Funktionssystem (in der dialektischen Verknüpfung von terroristischen Netzwerken und Terrorismusbekämpfung) nicht nur selbst erhält, sondern „immer brutalere und immer mehr tödliche Gewalt“ (S. 255) generiert.

In den Kapitel 9 und 10 werden die Folgerungen aus dieser Analyse behandelt. Es geht schlicht und ergreifend um die Frage: „Wie können ohne Gewalt Adressen konstruiert werden, die als kommunizierende Akteure Welt neu ordnen? bzw. Wie kann anders über Weltordnung kommuniziert werden?“ (S. 276). Mögliche Antworten auf diese Fragen – konsequent im systemtheoretischen Vokabular formuliert: „Anerkennung der Positionalität von Bewertungen und Werten, Öffnung von Erwartungsstrukturen für eine unbestimmte Zukunft und die Dekonstruktion von Feindbildern sind Möglichkeiten, Neu-Ordnung anzudenken“ (S. 291). Das ist zwar noch immer sehr abstrakt, impliziert aber eine einfache Forderung: Aussteigen aus der Gewaltfalle und ein neues, besseres Spiel beginnen.

Fazit

Das Buch ist trotz der umfangreichen Empirie im hohen Maße theoriehaltig. Das hängt natürlich mit der Entscheidung seines Autors zusammen, sich in seinen Beobachtungen zweiter Ordnung von einer „systemtheoretische(n) und konstruktivistische(n) Konfliktforschung“ (S. 45) leiten zu lassen. Unter dieser Perspektive liefert das Buch von Jonas Schäfer eine interessante und anregende Illustration zentraler Strukturelemente eben jener von ihm gewählten Entscheidung. Dass sich Leserinnen und Leser dabei mühen müssen, um Anschluss an diese Entscheidung herstellen zu können, liegt auf der Hand. Aber es lohnt sich durchaus, diese Mühe aufzubringen. Anregungen für die weitere Erforschung des terroristischen Konfliktsystems finden sich allemal.


Zitierte Literatur

  • Frindte, W. & Haußecker, N. (2010). Inszenierter Terrorismus. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.
  • Messmer, H. (2003). Der soziale Konflikt. Kommunikative Emergenz und systemische Reproduktion. Stuttgart: Lucius & Lucius.
  • Tajfel, H. und Turner, J.C. (1979). An integrative theory of intergroup conflict. In W. G. Austin & S. Worchel (Eds.), The social psychology of intergroup relations (pp. 33-47). Monterey, A: Brooks/Cole.
  • Titscher, S. & Meyer, M. (1998). Text und Gegentext. Die Differenztheoretische Textanalyse (DTA): Ein Methodenvorschlag. Soziale Systeme, 4, 2.
  • Waldmann, P. (2005). Terrorismus. Provokation der Macht. Hamburg: Murmann Verlag.
  • www.spiegel.de/politik; aufgerufen am 5.8.2013.


[1] Das ist eine Anspielung auf eine Formulierung, die der Rezensent vor Jahren auf DIE WELT ONLINE las: „Luhmann lesen ist wie Techno hören. Es schadet nicht, mal ein paar Kapitel lang innerlich abzuschalten. Alles wiederholt sich ständig.“ (Quelle: www.welt.de)


Rezension von
Prof. Dr. Wolfgang Frindte
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Institut für Kommunikationswissenschaft - Abteilung Kommunikationspsychologie
Homepage www.ifkw.uni-jena.de
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Zitiervorschlag
Wolfgang Frindte. Rezension vom 10.09.2013 zu: Jonas Schäfer: Teufelskreis Terrorismus. Sinn und Funktion eines Konfliktsystems. Tectum-Verlag (Marburg) 2013. ISBN 978-3-8288-3101-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15085.php, Datum des Zugriffs 17.06.2021.


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