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Ingo Bode: Die Infrastruktur des postindustriellen Wohlfahrtsstaats

Cover Ingo Bode: Die Infrastruktur des postindustriellen Wohlfahrtsstaats. Organisation, Wandel, gesellschaftliche Hintergründe. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2013. 390 Seiten. ISBN 978-3-531-19427-1. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 37,50 sFr.
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Thema

Im Fokus der Publikation steht die soziale Daseinsvorsorge, aufgefasst „als Gesamtheit aller wohlfahrtsstaatlich regulierten Vorkehrungen und Organisationsprozesse zur Bewältigung sozialer Risiken“ (366) Mit der ‚Infrastruktur‘ des Wohlfahrtsstaats meint der Autor das gesamte Ensemble der Institutionen, welche wohlfahrtsstaatliche Leistungen erbringen. Analysiert werden aktuelle Entwicklungen ihrer organisatorischen Logik vor dem Hintergrund einer gesellschaftlichen Entwicklung, die als Übergang von einer hochindustriellen in eine postindustrielle Epoche interpretiert wird.

Autor

Ingo Bode ist Professor für Sozialpolitik, mit Schwerpunkt gesellschaftliche und organisatorische Grundlagen, am Institut für Sozialwesen der Universität Kassel

Aufbau und Inhalt

Im ersten der drei Hauptkapitel stellt der Autor die konzeptionellen Aspekte seiner Analyse der „Infrastruktur“ der sozialen Daseinsvorsorge dar, wobei ihm als Metapher ein Gebäude dient. Das Fundament bilden Grundprinzipien des Wohlfahrtsstaats, wie sie in Verfassung und gesetzlichen Grundsatzbestimmungen festgelegt sind. Bausteine und Gerüst sind die Organisationen, welche wohlfahrtsstaatliche Leistungen steuern bzw. erbringen, die Subsystemen wie der Pflege oder der Jugendhilfe zugeordnet werden können. Ihr Agieren wird wesentlich geprägt durch die verantwortlichen Akteure, seien es Ministerialreferenten, Leiter von Einrichtungen, Verbandsfunktionäre oder Vereinsgründer. Zusammengehalten wird das Bauwerk durch Eckpfeiler und Scharniere. Bode versteht darunter alles was in diesem System regulierend wirkt, seien es detaillierte gesetzliche Regelungen, festgelegte Hilfeprogramme, oder die Logiken der unterschiedlichen Professionen. Schließlich gehören auch alle Koordinationsmechanismen, ob hierarchische Entscheidung oder Wettbewerb, zu diesem Kitt des Wohlfahrtsstaats.

Im zweiten Hauptkapitel analysiert der Autor den organisatorischen Aufbau des deutschen Wohlfahrtsstaats, wobei er die Organisationen typologisch neun Clustern zuordnet: Fachbehörden mit exekutiven Funktionen, Sozialkassen, Verbände der Sozialkassen, Quangos (quasi-non-governmental-organisations), Öffentliche Dienstleistungserbringer, Gemeinnützige Leistunganbieter, Verbände der gemeinnützigen Leistungserbringer, Selbsthilfe und unabhängige Nutzerberatung, Dienstleistungserbringer mit privat-gewerblichem Charakter. Teilweise wird innerhalb dieser Cluster noch differenziert, anhand von konkreten Beispielen wird das typische des jeweiligen Clusters verdeutlicht. Anschließend werden für verschiedene Subsysteme der sozialen Daseinsvorsorge (Arbeitsmarktintegration, Ruhestand, Gesundheit & Pflege, Invalidität & Behinderung, Lebensweltorientierte Hilfe) die jeweils vorherrschenden Koordinationslogiken, typische Akteursprofile und prozedurale Strukturlogiken dargestellt. Den Abschluss bildet ein exemplarischer Blick über die Grenzen hinaus, der zeigt wie unterschiedlich wohlfahrtsstaatliche Systeme auf dieser institutionellen Ebene ausgestaltet sein können.

Das dritte Hauptkapitel beschäftigt sich mit aktuell spürbaren Wandlungstendenzen im System der sozialen Daseinsvorsorge. Hintergrund ist die These des Übergangs in eine postindustrielle Gesellschaft, der in Änderungen der Sozialstruktur (Dekollektivierung), in einem kulturellen Wandel (Flexicurity Orientierung und Elitendiskurshegemonie) aber auch in einer Transformation der Zivilgesellschaft (Verbürgerlichung) zum Ausdruck kommt. „Die entscheidende Differenz zur Spätphase der Industriemoderne ist die, dass die ehemals fremdartigen Bezugswerte aus der Welt der Erwerbswirtschaft mittlerweile Einzug in die alltägliche Sinnwelt der für soziale Daseinsvorsorge zuständigen Verbände, Behörden und Einrichtungen gehalten haben und dort mit den alten Bezugswerten konkurrieren.“(284) Bode konkretisiert diese Tendenzen in der sozialen Daseinsvorsorge in fünf Trends: Kommodifizierung & Aktivierung auf Ebene der Leistungen und der Leistungskonditionen, Liberalisierung im Sinn von mehr Trägerwettbewerb und Unsicherheit bezüglich des Leistungsangebots, Formalisierung als Forderung von mehr Transparenz und Rechenschaftslegung, eine Schwerpunktverlagerung innerhalb der Koordinationsmechanismen in Richtung von mehr Markt und weniger Netzwerk, sowie Post-Korporatismus im Sinn eines Einflussgewinns markt- und wirtschaftsstarker Akteure.

Diskussion

Die Publikation fasst viele aktuelle Diskussionsstränge zusammen und strukturiert sie in einer nachvollziehbaren Weise. Herkömmliche Interpretationsmuster wie der „welfare mix“ werden an den thematischen Rahmen der Analyse angepasst, was auch zu Einengungen des Blicks führt. So werden als Organisationsformen im „welfare mix“ angeführt: staatsbestimmte öffentliche Organisationen, formal-selbstverwaltete staatsnahe Körperschaften, formal mitgliederbestimmte Nonprofit-Organisationen, eigentümergesteuerte erwerbswirtschaftliche Träger. Dass sich eine „Infrastrukturanalyse“ auf formale Institutionen beschränkt hat eine gewisse Logik, sollte jedoch nicht den Blick für den gesamten informellen Bereich sozialer Unterstützung verbauen.

Soziale Daseinsvorsorge als Schlüsselbegriff für die Thematik zu verwenden bringt gegenüber gebräuchlicheren Begriffen wie Wohlfahrts- oder Sozialstaat den Vorteil, dass er stärker auf die Tätigkeit der institutionellen Leistungserbringer fokussiert. Erstaunlich ist allerdings, dass die entsprechende Diskussion auf EU-Ebene über Sozialdienstleistungen von allgemeinem Interesse (SDAI) nicht berücksichtigt wird. Damit bleibt die Publikation abgesehen von exemplarischen Blicken auf das internationale Umfeld doch sehr stark auf die deutschen Verhältnisse bezogen.

Fazit

Ingo Bodes sachlich abwägende Analyse hebt sich wohltuend von der in der einschlägigen Literatur nach wie vor anzutreffenden pauschalen Polemik gegen eine neoliberale Zerschlagung des Sozialstaats ab. Er kommt zu dem Schluss: „Die wohlfahrtsstaatliche Infrastruktur lässt sich auch aus der postindustriellen Gesellschaftsformation nicht wegdenken – ein Ende der organisierten sozialen Daseinsvorsorge ist nicht absehbar.“ (368) Ein informatives Buch, wobei aufgrund des sehr kleinen Drucks Lesern ohne Adleraugen eher die e-book-Ausgabe zu empfehlen ist.


Rezensent
Prof. Dr. Markus Lehner
Leiter des Departements Gesundheits-, Sozial- und Public Management der FH Oberösterreich, Fakultät für Gesundheit und Soziales
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Zitiervorschlag
Markus Lehner. Rezension vom 02.12.2013 zu: Ingo Bode: Die Infrastruktur des postindustriellen Wohlfahrtsstaats. Organisation, Wandel, gesellschaftliche Hintergründe. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2013. ISBN 978-3-531-19427-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15089.php, Datum des Zugriffs 21.06.2018.


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