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Sandra Grimm, Caroline Residori u.a.: Lokale Netzwerkbildung als strategisches Konzept in der Prävention

Rezensiert von Arnold Schmieder, 09.10.2013

Cover Sandra Grimm, Caroline Residori u.a.: Lokale Netzwerkbildung als strategisches Konzept in der Prävention ISBN 978-3-658-00536-8

Sandra Grimm, Caroline Residori, Patrice Joachim, Jean Philippe Décieux, Helmut Willems: Lokale Netzwerkbildung als strategisches Konzept in der Prävention. Evaluation einer Sensibilisierungskampagne zum Alkoholkonsum im Jugendalter. Springer VS (Wiesbaden) 2013. 278 Seiten. ISBN 978-3-658-00536-8. D: 39,95 EUR, A: 41,07 EUR, CH: 50,00 sFr.
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Thema

Um Jugendliche vor den so genannten Alkoholgefahren zu schützen, wird in der Studie im Hinblick auf eine in Luxemburg durchgeführte Kampagne untersucht (u.a. mit Methoden der Netzwerkforschung), inwieweit sich bei Erwachsenen eine „soziale Verantwortung“ mit Zielrichtung auf Eindämmung riskanten Alkoholverhaltens junger Menschen „entwickeln und stärken“ lässt. Die Kampagne selbst bedient sich eines settingbezogenen Ansatzes und richtet sich – zunächst – an Erwachsene, die im beruflichen wie privaten Kontext in Vereinen, Schulen etc. mit jungen Menschen zu tun haben. Dabei soll über einen Prozess der „kollektiven Wissensaneignung“ nicht nur für das Problem generell sensibilisiert werden, sondern es sollen „Verantwortungsgemeinschaften“ gestiftet werden, wobei zugleich die Problematik des Alkoholmissbrauchs von Jugendlichen insgesamt „deutlicher als gesellschaftliches Problem“ konturiert werden soll. (S. 11 f.)

Über Präsentationen, Plakate, Inserate und weitere Kommunikationsmittel wurde gezielt eine „nachhaltige Umsetzung der Kampagne auf lokaler Ebene forciert, indem sie lokale Schlüsselpersonen und Netzwerke“ mobilisierte, um so die erwachsenen ‚lokalen Schlüsselpersonen’ wie auch die „12 bis 21 Jährigen auf unterschiedlichen Wegen“ zu erreichen. Durch diese sehr wichtige „Streuung der Kampagne“ sollten auf kommunaler und lokaler Ebene „Multiplikatoreneffekte“ nutzbar gemacht werden. (S. 245) Allemal war dabei günstig, dass sich die „Arbeits- und Kommunikationsweise im Netzwerk als ein Mischverhältnis von formalen und informellen Interaktionen“ darstellte, wobei die konkreten Umsetzungen, Maßnahmen und Projekte – lokal – unterschiedlich waren. (S. 180)

Die Kampagne stufen die ForscherInnen als „interessanten Forschungsgegenstand“ ein, weil sie mit einer aus „Sicht der Prävention ungewöhnlichen Strategie“ vorgeht, nämlich den scheint´s Umweg über Personen, die dank ihrer Nähe zu Jugendlichen erzieherische Funktionen wahrnehmen. (S. 11 f.)

Aufbau und Inhalt

Wesentlicher Gegenstand der Untersuchung ist, ob und wie die Kampagne die erwachsenen „Netzwerkakteure“ erreicht hat, von ihnen aufgenommen und in ihrem Verhalten gegenüber den Jugendlichen umgesetzt wurde, ob Wahrnehmung und Stärkung einer ‚erzieherischen’ Verantwortlichkeit von den Jugendlichen zur Kenntnis genommen und vor allem in dem Sinne bewertet wurde, dass sich deren „Verhalten und Wissen gegenüber dem Thema (…) verändert hat.“ (S. 13) Dabei greift die Forschungsgruppe die „methodischen Ansätze der qualitativen Netzwerkanalyse und der Netzwerkevaluation“ auf, die sie weiterentwickeln, da sie nach ihrer Einschätzung in der vorliegenden Form als wissenschaftliches Instrumentarium nur unzulänglich sind. (S. 12)

Die sich auf umfangreiche Sekundärliteratur stützende Studie wird in acht Kapiteln präsentiert, wobei zunächst das Erkenntnisinteresse, der Wissenstand um den heutigen Umgang von Jugendlichen mit Alkohol bis in den Missbrauchsbereich und soziale Einflussfaktoren sowie die spezifisch Luxemburgische Situation vorgestellt werden. Bevor die Kampagne „Kein Alkohol unter 16 Jahre – Wir halten uns daran“ dargestellt wird, gehen die AutorInnen auf die Bedeutung von sozialer Verantwortung unter Bezugnahme auf relevante Forschungsansätze ein, um projektrelevante Themen auszuweisen. Kern des empirischen Teils der Arbeit (der sehr akribisch und ausführlich dokumentiert ist) sind Rezeption und Umsetzung der Kampagne-Botschaften seitens der Adressaten, der ‚Netzwerkakteure’, dann die präventionsstrategisch relevante Frage, wie die Wahrnehmung der Inhalte ein Bewusstsein sozialer Verantwortung gestärkt hat und auf dieser Folie in gezieltes Verhalten übersetzt wurde. Nicht zuletzt wurde erhoben, wie und ob die Jugendlichen diese Verhaltensveränderungen zur Kenntnis genommen haben und – was letztendlich über die Sinnhaftigkeit der Kampagne Aufschluss gibt – ob ihr Wissen um Alkoholgefahren vertieft wurde und in sie der Folge ihr Alkoholverhalten verändert haben.

Die AutorInnen kommen zu dem Ergebnis, dass die über den ‚Umweg’ verantwortungsbewussterer Erwachsener erreichten jungen Menschen gegenüber dem Thema Alkohol durchaus kritischer geworden sind und einen frühen Beginn wie auch regelmäßiges Trinken „klar als suchtbegünstigende Faktoren“ einschätzen, woraus sie schließen, dass „Reflektions- und Lernprozesse in den Netzwerken“ dazu geführt hätten, „dass sich das Wissen über die Probleme und Risiken verbessert hat.“ Dass die „lokalen Netzwerkakteure“, also die erzieherisch intervenierenden Erwachsenen, dank der Kampagne „eine ‚gemeinschaftliche’ Verantwortung gegenüber den Jugendlichen übernehmen möchten“, wird betont wie zugleich gefragt wird, „ob die Kampagne nicht zukünftig verstärkt versuchen müsste, die Eltern einzubinden.“ (S. 247)

Fazit

Nicht zu bestreiten ist, dass die Studie „für die soziologische und sozialisationstheoretische Forschung Relevanz“ hat, „denn sie untersucht das bisher in der Soziologie wenig beachtete Phänomen der sozialen Verantwortung als Gegenperspektive zu dem seit Jahren in der Soziologie und Sozialisationsforschung aufgezeigten Individualisierungs- und Pluralisierungstrend“. Insofern reklamieren die ForscherInnen, „zur Ausdifferenzierung und Weiterentwicklung von Forschungsansätzen auf dem Feld der Netzwerktheorie und Netzwerkanalyse“ beizutragen (S. 12), was ihnen mit ihrer Arbeit überzeugend gelungen ist.

Übernahme von Verantwortung ist wesentliche Thema im Zuge der inhaltlichen Ausrichtung der Kampagne für den Zweck der Eindämmung von Alkoholgefahren, denen junge Menschen ausgesetzt sind. Blickt man über den Tellerrand oder hier: Becherrand des Themas hinaus, stellen sich weitergehende Bedenken ein: Aus der Befragung geht nämlich auch eine Erwartungshaltung seitens der Jugendlichen hervor, die beinhaltet, dass die Erwachsenen durchaus eine Vorbildfunktion haben. Als gleichrangig wichtig schätzen sie ‚Verantwortung’ ein. Kontrolliert oder belehrt werden möchten die jungen Menschen nicht. Was sie sich wünschen, und dies sicherlich nicht nur in Bezug auf einen Alkoholdiskurs, ist die „Form eines intergenerationellen Miteinanders“. Die Erwachsenen ihrerseits sind sich ihrer Verantwortung bewusst, jedoch waren „weniger als die Hälfte der befragten lokalen Netzwerkakteure bereit, in Alkohol-Situationen „einzugreifen und z.B. die Jugendlichen oder die Person, die den Alkohol ausgeschenkt oder verkauft hat, anzusprechen.“ (S. 248) – Das ‚Weggucken’, wie es hier und in anderen, häufig weit dramatischeren Situationen zu beobachten ist und beklagt wird, ist nicht zu vernachlässigender Stolperstein auf dem Weg glaubwürdiger Prävention.

Von hervorzuhebender Relevanz ist ganz offensichtlich, worüber die Forschungsergebnisse belehren, dass jenes auch von Philosophen diskutierte ‚Prinzip Verantwortung’ zusammen mit der Vorbildfunktion ein Punkt ist, dem ein prominenter Stellenwert in allem erzieherischen Handeln einzuräumen ist. Diese Botschaft ist über zweitausend Jahre alt – auch im Hinblick auf Alkoholverhalten. Und da hapert´s: In Platos Gastmahl sagt einer der Teilnehmer, ihm sei klar geworden, „daß die Trunkenheit ein schädliches Ding für die Menschheit ist, und ich möchte daher mit meinem Willen weder selber zu viel trinken, noch auch es einem anderen raten“. Dass „hinsichtlich der Umsetzung von Wissen und Verantwortungsgefühl in konkretes Handeln noch einige Fragen offen“ sind (S. 248), wird im Schlusssatz nicht unterschlagen. Das stimmt nachdenklich und ist als Hinweis ebenso dankenswert, wie die Studie ein wichtiger Beitrag zur Präventionsforschung ist.

Rezension von
Arnold Schmieder
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Zitiervorschlag
Arnold Schmieder. Rezension vom 09.10.2013 zu: Sandra Grimm, Caroline Residori, Patrice Joachim, Jean Philippe Décieux, Helmut Willems: Lokale Netzwerkbildung als strategisches Konzept in der Prävention. Evaluation einer Sensibilisierungskampagne zum Alkoholkonsum im Jugendalter. Springer VS (Wiesbaden) 2013. ISBN 978-3-658-00536-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15094.php, Datum des Zugriffs 25.05.2022.


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