socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Annette Koechlin, Johannes Gruntz-Stoll (Hrsg.): Das Fremde lesen als das Eigene

Cover Annette Koechlin, Johannes Gruntz-Stoll (Hrsg.): Das Fremde lesen als das Eigene. Beiträge zur narrativen Heilpädagogik. Haupt Verlag (Bern Stuttgart Wien) 2013. 144 Seiten. ISBN 978-3-258-07740-6. D: 36,90 EUR, A: 38,00 EUR, CH: 38,00 sFr.

Reihe: Lernen ermöglichen - Entwicklung fördern - Band 7.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Narrative Differenz als literarischer Zugang

Menschen sind differente Lebewesen; das ist eine redundante Aussage, die sich erst mit der Bedeutungsdifferenzierung erschließt. Der Rückgriff auf die Bedeutung der Differenz lässt sich, human, in drei Postulaten verankern: Die eine entnehmen wir der von den Vereinten Nationen am 10. Dezember 1948 in Artikel 1 proklamierten Feststellung: „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geiste der Brüderlichkeit begegnen“. Die andere wurde von der Weltkommission „Kultur und Entwicklung“ 1995 mit der Forderung versehen, im lokalen und globalen Zusammenleben der Menschen „eine positive Einstellung zu anderen Menschen und zu ihren unterschiedlichen Lebensweisen, ihrer kreativen Vielfalt“ zu entwickeln. Die dritte ergibt sich aus dem von den Vereinten Nationen am 3. 5. 2008 verabschiedeten Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen. Es konkretisiert die in der Menschenrechtsdeklaration grundsätzliche Bestimmung der Gleichwertigkeit und der Würde des Menschen, indem es die Stärkung der Rechte für Menschen mit Behinderungen hervorhebt, Behinderung als Teil der Vielfalt menschlichen Lebens würdigt und das noch weitgehend praktizierte Prinzip der Fürsorge überwindet (vgl. dazu: Utta Isop /, Viktorija Ratkovi?, Differenzen leben. Kulturwissenschaftliche und geschlechterkritische Perspektiven auf Inklusion und Exklusion, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/11666.php). Das bedeutet, dass die Forderung nach Gleichheit und Gerechtigkeit in der Welt die Anerkennung der Unterschiedlichkeit der Menschen beinhaltet; freilich im Sinne einer globalen Ethik, die Höherwertigkeitsvorstellungen wie Unterdrückungen und Ungerechtigkeiten ausschließt (Julia Weitzel, Existentielle Bildung. Zur ästhetischen und szenologischen Aktualisierung einer bildungstheoretischen Leitidee, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/14260.php). Im Menschenrechtsdiskurs kommt der Frage, wie die globale Ethik als allgemeingültig und nicht relativierbar von allen Menschen, Kulturen und Ideologien anerkannt werden kann, eine zunehmende Bedeutung zu (Hans Joas, Die Sakralität der Person. Eine neue Genealogie der Menschenrechte, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12425.php); insbesondere der pädagogischen Herausforderung, wie vermittelt werden kann, was in der Verfassung der UNESCO (16. 11. 1945) als Bildungsauftrag formuliert wird : „da Kriege im Geist der Menschen entstehen, müssen auch die Bollwerke des Friedens im Geist der Menschen errichtet werden“. Klagen und Warnungen von Erwachsenen über scheinbar aus dem Ruder laufende Entwicklungen und Verhaltensweisen von Kindern und Jugendlichen sind bekannt. Dabei steht immer im Mittelpunkt die Überzeugung, dass Kindheit eine Werdensstufe hin zum Erwachsenensein darstellt; was bedeutet, dass das Kind auf diesem Weg Fürsorge, Leitung, Führung und Erziehung bedarf (Rudolf Dreikurs / Vicki Soltz, Kinder fordern uns heraus. Wie erziehen wir sie zeitgemäß? 2008, www.socialnet.de/rezensionen/5966.php; sowie: Frank Dammasch / Martin Teising, Hrsg., Das modernisierte Kind, 2013, www.socialnet.de/rezensionen/14552.php). Weil aber Bildung weder auf dem Berg Sinai, noch im virtuellen Netz rezeptologisch bereitgestellt und auch (im wesentlichen) nicht in die Wiege gelegt wird, bedarf es der Erkenntnis, dass Bildung ein Prozess ist, der von den Individuen und Gemeinschaften der Menschen erworben werden muss (Michael Maaser / Gerrit Walther, Hrsg., Bildung. Ziele und Formen, Traditionen und Systeme, Medien und Akteure, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12295.php). Somit ist Bildung ein Prozess, der zeitlebens für alle Menschen, ob jung oder alt, ob mit oder ohne geistigen Defiziten wirksam wird (Daniela Michaelis, Hrsg., Bildung: integral. Integrale Modelle für eine innovative Lehr- und Lernkultur, 2013, www.socialnet.de/rezensionen/14967.php).

Entstehungshintergrund und Autorenteam

Einer besonderen Aufmerksamkeit ist dabei zu widmen den Zuwendungen und Entwicklungsprozessen bei Kindern und Erwachsenen, deren geistige und körperliche Fähigkeiten eingeschränkt sind (Marlies Tieck, Entwickelkinder, 2008, www.socialnet.de/rezensionen/6949.php). Nur allzu leicht und unbedacht ordnen wir diese Menschen in die Schublade „Minderheiten“ ein (Jost M. Kramer / Robert Schediwy, Minderheiten. Ein tabubelastetes Thema, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/14089.php) und delegieren die Aufgabe an gesonderte Dienste und Professionen (Wolfgang Müller, Helfen und Erziehen, 2008, http://www.socialnet.de/rezensionen/6798.php). Dass es sich dabei um eine gesellschaftliche Herausforderung für alle Menschen handelt, wird viel zu selten wahr- (Ellen Bareis / Christian Kolbe / Marion Ott / Kerstin Rathgeb / Christian Schütte-Bäumner, Hrsg., Episoden sozialer Ausschließung. Definitionskämpfe und widerständige Praxen, 2013, www.socialnet.de/rezensionen/15142.php) und zur Kenntnisgenommen, dass die Vielfalt menschlichen Lebens als Reichtum des menschlichen Daseins auf der Erde zu verstehen ist (Marianne Krüger-Potratz , Hrsg., Bei Vielfalt Chancengleichheit. Interkulturelle Pädagogik und durchgängige Sprachbildung, 2010, www.socialnet.de/rezensionen/10508.php). In der narrativen Heilpädagogik kommt der Erzählung in den verschiedenen individuellen und literarischen Formen eine besondere Bedeutung zu. Bei einer Tagung im September 2012, die vom Institut Spezielle Pädagogik und Psychologie der Fachhochschule Nordwestschweiz in Basel zum Thema „Erzählte Behinderung“ stattfand, wurde diskutiert, wie sich narrative Differenz in erzählten und erlebten Geschichten zeigt und zum Ausdruck kommt, dass „das Andere oder Fremde zum Eigenen literarisch geschaffen und vermittelt, bearbeitet und verstanden“ werden kann.

Die Heilpädagogin Annette Koechlin und der Sonderpädagoge Johannes Gruntz-Stoll geben den Sammelband heraus

Aufbau und Inhalt

Neben der Einführung durch das Herausgeberteam plädiert der Gießener Philosoph Odo Marquard (geb. 1928) mit seinem Beitrag Narrare necesse est“ dafür, dass die Menschen ihre Geschichten, als Erfahrungen und Reflexionen, erzählen müssen und sich darin Menschsein ausdrückt. Insbesondere die Geisteswissenschaften sind – zu allen Zeiten und in diesen insbesondere – aufgerufen, Modernisierungs- und Zivilisationsentwicklungen zu begleiten und zu kompensieren: „sonst sterben die Menschen an narrativer Atrophie“.

Der Hamburger Autor und Behindertenpädagoge Christian Mürner zeigt in seinem Beitrag „Ein Ich sichtbar machen“ an ausgewählten literarischen Erzählbeispielen auf, wie literarische Sprache dazu beitragen kann, „Fragen aufzuwerfen und Antworten hinauszuzögern“, was eben bedeutet, nicht fertige, festgefügte und traditionell überkommene Antworten parat zu haben (vgl. dazu auch: Hermann Mückler / Gerald Faschingeder, Hrsg., Tradition und Traditionalismus. Zur Instrumentalisierung eines Identitätskonzepts, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/12770.php), sondern die Chance zu nutzen, dass real erlebte, nachempfundene oder nacherzählte Geschichten dazu beitragen, Ansichten, Einschätzungen und Befindlichkeiten über verschiedene Lebensformen zu realisieren und zu korrigieren.

Die Zürcher Sonderpädagogin Susanne Schriber erzählt „Tupfis Traum“, nämlich die Hoffnung „des Dazugehörens im Anders-Sein“. Es sind Identitätserwartungen und -findungsprozesse, trotz des Andersseins Gleich den anderen (den „Normalen“) zu sein. Dabei richtet die Dozentin für Sonderpädagogik an der Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik ihren Blick sowohl auf Betroffene, als auch auf professionelle Betreuer und Begleiter. Für beide kommt dabei zustande, was sich als „Probehandeln für besondere Kinder“ darstellt und zu einer „Verstrickung“ im Sinne eines pädagogischen, individualisierten und professionalisierten Umgangs mit sich und den anderen führt; was im guten Sinne dazu beitragen kann, dass Differenzerfahrungen eigenen kulturellen Anschauungen irritieren, aber auch festigen (siehe dazu auch: Sylke Bartmann / Oliver Immel, Hrsg.,Das Vertraute und das Fremde. Differenzerfahrung und Fremdverstehen im Interkulturalitätsdiskurs, 2010, www.socialnet.de/rezensionen/12833.php).

Andreas Fischer, Leiter der Fach- und Koordinierungsstelle des Verbandes für anthroposophische Heilpädagogik und Sozialtherapie in Dornach, diskutiert mit seinem Beitrag „Ich verstehe mehr, als du denkst!“ Prozesse des Wahrnehmens und Verstehens von Menschen mit Behinderungen. Er bezieht sich dabei auf eigene Erfahrungen mit Erzählungen und musikalischen Werken. Die in zahlreichen Forschungsergebnissen aufgewiesenen Fähigkeiten von Behinderten, in bestimmten, hergestellten wie akuten Situationen Formen von außergewöhnlichen Wahrnehmungsfähigkeiten zu zeigen, werden vom Autor anhand von Praxisbeispielen bestätigt, und er ruft dazu auf, „Möglichkeiten und Aspekte aufzuzeigen, die es uns Fachleuten erlauben, mit Hilfe von inneren Bildern dieses Defizit andeutungsweise zu überwinden“.

Johannes Gruntz-Stoll erzählt „Geschichten mit Behinderung“, indem er eine „Heilpädagogik als erzählende Wissenschaft“ entwirft. Dabei kombiniert er die im Zusammenhang mit theoretischen Überlegungen formulierten Grundlagen von heilpädagogischen Konzepten mit vor allem praktischen Findungsprozessen, wie erzählende Texte über Behinderung. Zusammen mit Christian Mürner hat der Autor mehrere Anthologien zusammengestellt und veröffentlicht und so darauf verwiesen, dass hinter jeder Geschichte wiederum Geschichten stehen, die es zu ergründen und zu verstehen gilt, „dass sich in den Erzählungen Erdachtes und Erlebtes vermischen, wodurch beim Lesen und Verstehen jeweils Mögliches als wirklich und Wirkliches als möglich erscheint, sich der Horizont des Verstehens und Wissens also erweitert und zusätzliche Perspektiven des Denkens und Handelns erschließt“.

Die Mainzer Kulturphilosophin Karen Joisten ist uns bereits mit mehreren ihrer wissenschaftlichen Arbeiten bekannt (etwa: Karen Joisten, Hrsg., Räume des Wissens. Grundpositionen in der Geschichte der Philosophie, .2010, www.socialnet.de/rezensionen/10650.php). Zum Tagungsband steuert sie den Beitrag „Im Sanatorium der kranken Geschichten“ bei, in dem sie eine Anamnese der abendländischen Vergessenheit von Geschichten vornimmt, eine Diagnose des Verschwindens der narrativen Differenz und der Geschichtsvergessenheit stellt und eine Therapie empfiehlt, die sich als „Heim-Weg“ darstellt, „die beiden Seiten unserer selbst, die Beständigkeit und das Werden, die Dauer und die Dynamik, das Wohnen und das Gehen im produktiven Konflikt aufeinander beziehen und zu entfalten versuchen“. Dabei kommt sie zu einer „narrativen Philosophie“, die sich „in Form von gelebten/erzählten/geschriebenen Geschichten als primäre Zugangsweise zum Menschen in seinen konkreten Lebenszusammenhängen versteht und diese untersucht, hinterfragt und problematisiert“.

Odo Marquard schließlich beendet den Sammelband mit seinem Beitrag „Die Philosophie der Geschichten und die Zukunft des Erzählens“, indem er erzählt, welche (prägenden) Erinnerungen er an Wilhelm Schapp (1884 – 1965) hat, der mit einem Buch „In Geschichten verstrickt“ bis heute Einfluss auf die narrative Heilpädagogik ausübt. Schapps phänomenologische These: „Die Menschen, das sind ihre Geschichten, die erzählt werden müssen", ist heute aktueller denn je; denn „die Erwartung, dass das Erzählen in unserer gegenwärtigen und zukünftigen Welt zu Ende gehen wird, ist … eine Fehlerwartung… Die Geschichten und Erzählungen verschwinden in unserer modernen Welt nicht nur nicht, sondern sie müssen … festgehalten werden“.

Fazit

Die Basler Tagung vom September 2012 hatte nicht zuvorderst das Thema, wie professionell und adäquat mit Menschen mit Behinderungen umzugehen ist (Boris Traue, Das Subjekt der Beratung. Zur Soziologie einer Psycho-Technik, 2010, www.socialnet.de/rezensionen/10379.php), oder welche Behandlungen und Therapien angezeigt sind (Anette Baumeister-Duru / Helmut Hofmann / Helene Timmermann / Andrea Wulf, Psychoanalytische Behandlung von Kindern und Jugendlichen mit Angststörungen und Depressionen. Behandlungsmanual, 2013, www.socialnet.de/rezensionen/14803.php); vielmehr ging es darum herauszuarbeiten, dass Geschichten immer erlebte und erzählte Geschichten sind: „In der Erzählung gewinnt das Erleben Gestalt, während das Erzählen seinerseits zum Erlebnis wird“. Dieses Phänomen in die narrative Heilpädagogik zu übertragen ist ohne Zweifel eine intellektuelle und professionelle Herausforderung für Theorie und Praxis.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
E-Mail Mailformular


Alle 1375 Rezensionen von Jos Schnurer anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 04.09.2013 zu: Annette Koechlin, Johannes Gruntz-Stoll (Hrsg.): Das Fremde lesen als das Eigene. Beiträge zur narrativen Heilpädagogik. Haupt Verlag (Bern Stuttgart Wien) 2013. ISBN 978-3-258-07740-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15099.php, Datum des Zugriffs 16.09.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung