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Heidi Keller (Hrsg.): Interkulturelle Praxis in der Kita

Cover Heidi Keller (Hrsg.): Interkulturelle Praxis in der Kita. Wissen – Haltung – Können. Herder (Freiburg, Basel, Wien) 2013. 175 Seiten. ISBN 978-3-451-32624-0. D: 22,95 EUR, A: 23,60 EUR, CH: 32,90 sFr.

Reihe: "Im Dialog". Niedersächsisches Institut für Frühkindliche Bildung und Entwicklung.
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Herausgeberin

Die Herausgeberin Prof. Dr. Heidi Keller von der Universität Osnabrück leitet das Niedersächsische Institut für frühkindliche Bildung und Entwicklung (nifbe) und hat für den vorliegenden Band Beiträge von Expertinnen und Experten auch von anderen Hochschulen und aus der Kita-Praxis versammelt.

Aufbau und Inhalt

Die ersten vier Beiträge behandeln die gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen; darauf folgen sieben Aufsätze, die sich mit frühkindlicher Bildung befassen; vier Berichte aus der Praxis beschließen den Band.

Ausgangspunkt ist ein weiter Kulturbegriff, der sich auf Wissen, Fertigkeiten und Einstellungen (Werte) bezieht. Das Beispiel aus der Einleitung macht dies sofort klar: Afrikanischen Eltern erscheine es grausam, Säuglinge auf dem Rücken liegen zu lassen, in einem Gestell mit Rasseln und Klingeln, ohne Körperkontakt. Die Reflexion der eigenen Praxis mit dem kritischen Blick des Anderen wird denn auch durchgängig in diesem Band propagiert (aber leider nicht wirklich ausgeführt).

Als grundlegende kulturspezifische Dimension ist offensichtlich allen Autoren das Erziehungsziel vorgegeben: Das Kind zu selbständigem Denken und Handeln, zur Realisierung eigener Wünsche und Bedürfnisse, zur Individualität zu führen, ist die eine Seite, die soziale Verantwortung, Übernahme von Pflichten, Einbindung in die Gemeinschaft das Gegenkonzept. Faktisch fänden deutsche Mittelschichtfamilien es nicht erstrebenswert, dass die Kinder in den ersten Lebensjahren lernen, den Eltern zu gehorchen.

Islamisches Erziehungsverständnis, so H.-H. Uslucan, ist demgegenüber stärker an einem kollektivistischen Menschenbild orientiert. Es gehe weniger darum, das Kind in seiner wachsenden Selbstbestimmung zu unterstützen, als viel mehr ihm zu helfen, sich harmonisch in die Gemeinschaft einzufügen. Allerdings sind bei Familien mit Migrationshintergrund auch die Schichtzugehörigkeit und die Lebenssituation zu beachten, die – wenn das unterstützende Umfeld entfällt – bedrohlich empfunden werden können. Die Umfragen von Uslucan (allerdings von 2003 und mit recht kleinen Kohorten) zeigen indes auch, dass die religiöse Orientierung von der Tatsache der Migration kaum beeinflusst wird. Umgekehrt unterscheiden sich Einstellungen von türkischen Einwanderer in mancher Hinsicht von Deutschen und von in der Türkei lebenden religiösen Türken kaum ( „Freiheit“), während aber hiesige religiöse Türken an manchen Stellen, etwa wenn sie die „Achtung vor Tradition“ betonen, mit den Deutschen und den Türken in der Türkei weniger gemein haben.

Die Autorinnen Westphal und Grünheid porträtieren die insgesamt etwa 2,5 Mio. Einwanderer aus der Sowjet-Union (bzw. den Nachfolgestaaten) in allen Details, können insbesondere auch deren Vielfalt in Hinsicht auf rechtlichen Status, Lebensbedingungen, Sozialisation etc. verständlich machen. Sie beziehen sich allerdings auch noch häufig auf Untersuchungen aus den 1990er Jahren, die den starken Familienzusammenhalt oder die patriarchalisch-traditionellen Leitbilder herausstellten. Sie räumen schließlich ein, dass sich diese Einwanderer (inzwischen) in allen Milieus wiederfinden.

Zur interkulturellen Praxis in Kitas formulieren G. Yoksulabakan und N. Haddou einige grundlegende Überlegungen. Es sind alle Anstrengungen zu unterstützen, die doppelte Benachteiligung von Kindern, die aus armen und Migrationsfamilien kommen, auszugleichen. Dabei kommt den Kitas die Aufgabe zu, die Unterschiedlichkeit aller Kinder als Normalität zu vermitteln. Die Autorinnen deuten aber auch an, dass es kontraproduktiv sein kann, kulturspezifische Traditionen herauszuarbeiten, da dies der Stereotypenbildung dienen kann und der Individualität der Kinder nicht gerecht wird.

In ihrem kurzen Beitrag machen Döge/Schröder darauf aufmerksam, dass wir zum Teil kategoriale, zum Teil aber auch funktionale Beziehungen zwischen Objekten wahrnehmen bzw. ausdrücken. In der Kita könnten und sollten beide Muster gefördert werden. Die Praxisbeispiele hierzu überzeugen allerdings nicht.

Das große Thema der Sprachförderung darf in einem solchen Band nicht fehlen, Tatsächlich widmen sich ihm Schröder/Döge lediglich in einem kurzen Beitrag, der auf den Forschungsstand nicht eingeht. Dieser Beitrag ist aber wichtig als Plädoyer für eine umfassende Strategie, die da lautet: „Kinder erwerben Sprache im Rahmen bedeutungshaltiger Situationen des Alltags“. Die Unterscheidung, welche Kinder welchen Kontext oder Hintergrund haben, ist insofern tatsächlich irrelevant. Kita ist gut, wenn sie die Kinder, alle Kinder zum Sprechen bringt. Und dann kann und muss ein Kind aus einer „weniger kindzentrierten Familienkultur“ sehr wohl anders, z.B. über soziale Inhalte angesprochen werden.

Dass Kinder religiöse Fragen haben und philosophieren können, ist unbestritten. H.B. Gundlach versäumt es leider, konkret die Themen vorzustellen und die Gespräche zu dokumentieren, die Kinder wirklich interessieren. Die „Lektüre von originalen Heiligen Schriften“ ist in der Kita wohl kaum umzusetzen.

G. Wesseln-Borgelt erinnert daran, dass die Kita die Eltern miteinbeziehen sollte – wobei es auch hier einmal gut wäre, die Sicht umzudrehen: Warum formuliert niemand, was sich die Eltern von den Erzieherinnen erwarten? In diesem Beitrag findet sich auch eines der wenigen kritischen Ereignisse, die nun mal zum interkulturellen Lernen führen: Mädchen dürfen auch im weißen Kleidchen toben!

Neben den genannten Beiträgen befassen sich weitere Autorinnen recht kursorisch mit interkulturellen Trainings oder der künstlerisch-musischen Bildung in der Kita. In den Praxisberichten werden einige Events beschrieben, die die Wertschätzung anderer Muttersprachen fördern sollen.

Diskussion

Während die einleitenden Aufsätze zu sehr im Allgemeinen bleiben, können die praxisorientierten Beiträge mögliche oder reproduzierbare Lernprozesse kaum dokumentieren. Es fällt auf, dass weder hier noch dort Situationen beschrieben werden, die kultursensibles Handeln ermöglichen oder verlangen. Ohne kulturelle Überschneidungssituation ist aber die Handlungsfähigkeit interkulturell-kompetenter Erzieherinnen und Erzieher nicht wirklich auf die Probe gestellt.

Die gesellschaftliche Wirklichkeit bringt nun aber Vielfalt/Diversität in einer solchen Dichte und in einem solchen Umfang hervor, übrigens keineswegs auf Herkunft oder Religion reduzierbar, dass an Fallstudien, auch aus den Praxisfeldern der frühkindlichen Bildung, kein Mangel herrschen sollte. Im Konkreten könnte dann auch das Geflecht von Unterschieden und Gemeinsamkeiten, das moderne Transkulturalität hervorbringt, veranschaulicht werden.

Fazit

Der vorliegende Sammelband bringt gute Materialien, die Praktikerinnen und Praktiker der frühkindlichen Bildung sicher mit Gewinn durcharbeiten: Wie sie die Praxis gestalten, ist dann noch jeweils zu bedenken. Dabei könnten Teams, die Diversität abbilden, also auch Personal und Eltern mit Migrationshintergrund einbeziehen, hilfreich sein.


Rezensent
Prof. Dr. Wolfgang Berg
Hochschule Merseburg
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Zitiervorschlag
Wolfgang Berg. Rezension vom 23.09.2013 zu: Heidi Keller (Hrsg.): Interkulturelle Praxis in der Kita. Wissen – Haltung – Können. Herder (Freiburg, Basel, Wien) 2013. ISBN 978-3-451-32624-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15104.php, Datum des Zugriffs 16.10.2019.


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