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Hessischer Volkshochschulverband (Hrsg.): Perspektiven der interkulturellen Öffnung

Cover Hessischer Volkshochschulverband (Hrsg.): Perspektiven der interkulturellen Öffnung. W. Bertelsmann Verlag GmbH & Co. KG (Bielefeld) 2013. 100 Seiten. ISBN 978-3-7639-5178-9. D: 15,90 EUR, A: 16,40 EUR, CH: 22,90 sFr.

Reihe: Hessische Blätter für Volksbildung - Jg. 63, Nr. 1.
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Thema

Während zur interkulturellen Öffnung (ikÖ) sozialer Einrichtungen bereits viele Veröffentlichungen, zum Teil mit sehr konkreten Handlungsempfehlungen, vorliegen, ist das Feld der Weiterbildung bisher vergleichsweise vernachlässigt. Insofern deckt das vorliegende Themenheft, in dem speziell auf Fragen der Öffnung des Angebots von Volkshochschulen eingegangen wird, einen Nachholbedarf.

Entstehungshintergrund

Im Editorial wird zum einen Bezug genommen auf das Zuwanderungsgesetz von 2005, das mit der Institutionalisierung der Integrationskurse den Weiterbildungseinrichtungen eine neue, wenn auch nicht ganz neue Aufgabe zugewiesen und eine wachsende Zahl an Kursteilnehmenden zugeführt hat. Zum anderen wird auf das Jahresgutachten des Sachverständigenrats Integration und Migration von 2010 verwiesen, nach dem die Integrationsleistungen des Bildungssystems nach wie vor verbesserungswürdig sind.

Aufbau und Inhalt

Die acht Beiträge verteilen sich auf einen theoretischen Teil, in dem „begriffliche Differenzierungen“ vorgenommen werden sollen, einen mittleren Teil, in dem „Perspektiven und professionelle Anforderungen der interkulturellen Öffnung“ ausgeführt werden, und einen Schlussteil, der die Aufmerksamkeit auf die „Adressatenperspektive“ lenkt.

Unter der Überschrift „Integration – Inklusion – Verschiedenheit“ nimmt Armin Nassehi als Soziologe eine begriffliche Differenzierung zwischen Integration und Inklusion aus systemtheoretischer Perspektive vor. Unter diesem Blickwinkel ist entscheidend, ob die Individuen in die Teilsysteme, in die sich die moderne Gesellschaft ausdifferenziert hat, inkludiert werden oder von Exklusion betroffen bzw. bedroht sind. Vf. ist bemüht, den Lesern klar zu machen, dass diese Gesellschaftsform „ein Zentrum ausschließt, von dem her die Einheit der Gesellschaft für alle verbindlich repräsentiert werden könnte“ (S.7), so dass die normative Integration nicht mehr ausschlaggebend für die Bestandssicherung ist. Vielmehr sei es die Indifferenz oder Gleichgültigkeit der verschiedenen Lebenswelten zueinander. Die Unterscheidung zwischen „Interkultur – Transkultur – Hybridkultur“ führt Steffi Robak ein, wobei sie als Erziehungswissenschaftlerin den jeweiligen „(weiter)bildungsrelevanten Implikationen“ Beachtung schenkt. Ihrer Ansicht nach schließen sich die drei Konzepte nicht aus, wenngleich sie „Spannungsfelder“ dazwischen ausmacht. Sie böten unterschiedliche Anstöße für die Gestaltung von Weiterbildungsprogrammen. Dies wird jeweils nach der Erläuterung des theoretischen Gehalts und der damit verbundenen Intentionen exemplarisch aufgezeigt.

Sabine Handschuck und Hubertus Schröer, zwei ausgewiesene Experten für Fragen der ikÖ, unterscheiden in ihrem Beitrag zwischen „interkultureller Orientierung“ und ikÖ. Erstere verstehen sie als „strategische Ausrichtung“, „die sich in der Vision einer Organisation, in ihrem Leitbild niederschlägt“ (S.31), m.a.W. das, was man auch als die philosophy einer Institution bezeichnet. Die ikÖ ist dagegen bereits deren handelnde Umsetzung in einer lernenden Organisation. Vf. beziehen sich hierbei auf Konzepte des Qualitätsmanagements. Besonders hervorgehoben werden die Rolle der Leitung, die Vorbereitung der Führungskräfte, die notwendige Kontinuität des Prozesses, ikÖ als Querschnittsaufgabe und die dafür nötige Kommunikation. Ebenso wie diese beiden Autor/inn/en kann sich Veronika Fischer auf langjährige Erfahrungen mit ikÖ stützen, und zwar im Gegensatz zu jenen speziell im Bereich der Erwachsenenbildung. Ihren Aufsatz über „Professionelle Anforderungen an die interkulturelle Öffnung von Weiterbildungs- und Familienbildungseinrichtungen“ eröffnet sie mit knappen Hinweisen auf „Disparitäten in der Weiterbildungsteilnahme“, um dann zu fragen, welche Konzepte und Strategien eine inklusive Weiterbildung ermöglichen. Dafür sind, so Fischer, Anforderungen auf der Ebene des gesellschaftlichen Makrosystems, auf der Ebene des Mesosystems, d.h. des jeweiligen institutionellen Rahmens, und des Mikrosystems in den Blick zu nehmen. Gemeint ist hier die Ebene der Interaktionen zwischen den pädagogischen Fachkräften und den Teilnehmenden sowie Kooperationspartnern. Hervorgehoben seien die Ausführungen zur mittleren Ebene, wo Vf. die Vorzüge von Netzwerken in lokalen Bildungslandschaften, von Runden Tischen und multiprofessionellen Teams betont (vgl. den Bericht über die Weiterbildungskonferenz NRW im Berichtsteil des Heftes). Am Schluss wird für Migranten die Eröffnung von Übergängen aus Integrationshilfen in andere Angebote der Weiterbildung als Aufgabe festgehalten. Clinton Enoch und Isabel Sievers bringen in ihrem kurzen Beitrag den Diversitäts-Ansatz in die Diskussion ein, der im Gegensatz zum Konzept der ikÖ die Gefahr der Kulturalisierung vermeide und für die Vielfalt von Differenzlinien sensibel mache, und zwar ohne dichotome und essentialisierende Bewertungen. Besonders geeignet erscheint dieser Ansatz den Vf. „als Analysefokus empirischer Forschungen“ (S.47). Im folgenden Beitrag über „Das Anerkennungsgesetz des Bundes“ klären Ariane Baderschneider und Otmar Döring über die Konsequenzen auf, die das 2012 verabschiedete Gesetz zur Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse, nicht zuletzt auch für die Weiterbildungseinrichtungen hat. Denn das vorgeschriebene Anerkennungsverfahren sieht je nach Fall verpflichtende Anpassungslehrgänge vor oder motiviert zu freiwilligen Anpassungsqualifizierungen.

Im dritten Teil, wo es um die Adressatenperspektive geht, referiert Alisha M. B. Heinemann aus einer noch laufenden Studie, in der Personen mit Migrationshintergrund darüber befragt wurden, was sie zur Teilnahme an Weiterbildungsangeboten motiviert bzw. was sie an der Teilnahme hindert. Als Barrieren werden u.a. genannt: unsicherer Aufenthaltsstatus, prekäre Zugehörigkeit und damit unklare Perspektiven, geringe formale Bildung, aber auch die Unübersichtlichkeit des Weiterbildungssystems. Der letzte Beitrag von Marc Ruhlandt verdeutlicht, dass sich das Programmangebot der VHS aufspaltet in die migrantenspezifischen Angebote der Deutsch- und Integrationskurse einerseits und die eher Mittelschichten ansprechenden Bildungsangebote andererseits. Es gelte deshalb, „organisationsinterne Schwellen für Übergänge zwischen Fachbereichen zu erschließen und diese gegebenenfalls zu beseitigen“ (S.73).

Diskussion

Sehr hilfreich für Projekte der ikÖ dürften die Beiträge des zweiten und dritten Teils sein, wobei sich die Empfehlungen von Handschuck & Schröer, die beide auf dem Feld der Sozialarbeit zuhause sind, und die Ausführungen von Veronika Fischer gut ergänzen. Der systemtheoretische Aufklärungsversuch von Nassehi wäre sinnvoll, wenn er an die Adresse der Politik gerichtet wäre, wo zum Teil noch immer die Idee einer Leitkultur in den Köpfen spukt. Aber der Nutzen für die kritische Reflexion von Weiterbildung bleibt unklar, weil selbst die Vermittlung von Alltagswissen Kulturaneignung impliziert. Hier rächt sich die Blindheit der Systemtheorie für die kulturelle Überformung der je systemspezifischen Codes, nicht nur eines Teilsystems wie dem Erziehungssystem, sondern z.B. auch der Wirtschaft. Der Beitrag von Steffi Robak ist dem Rezensenten nur partiell zugänglich gewesen. Ob das dem in diesem Fach beobachtbaren Trend zum priesterlichen Geheimcode zuzuschreiben ist, muss offen bleiben. Wenn man, wie mancher einwenden wird, dem Thema nur so gerecht werden kann, so sollte man das Verständnis nicht zusätzlich mit dem unnötigen Gebrauch von Fremdwörtern erschweren wie „evozieren“, „relationieren“, „emergieren“ oder „irisiert“.

Fazit

Die bereits positiv gewürdigten Teile der Publikation sind für alle mit Weiterbildung Befassten lesenswert, besonders aber für alle in Öffnungsprozesse involvierten Fachkräfte von Nutzen.


Rezensent
Prof. Dr. Georg Auernheimer
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Zitiervorschlag
Georg Auernheimer. Rezension vom 30.12.2013 zu: Hessischer Volkshochschulverband (Hrsg.): Perspektiven der interkulturellen Öffnung. W. Bertelsmann Verlag GmbH & Co. KG (Bielefeld) 2013. ISBN 978-3-7639-5178-9. Reihe: Hessische Blätter für Volksbildung - Jg. 63, Nr. 1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15105.php, Datum des Zugriffs 16.11.2018.


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