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Inge Angelika Strunz (Hrsg.): Tiergestützte Pädagogik in Theorie und Praxis

Rezensiert von Dorothea Dohms, 05.11.2013

Cover Inge Angelika Strunz (Hrsg.): Tiergestützte Pädagogik in Theorie und Praxis ISBN 978-3-8340-1166-4

Inge Angelika Strunz (Hrsg.): Tiergestützte Pädagogik in Theorie und Praxis. Schneider Verlag Hohengehren (Baltmannsweiler) 2013. 214 Seiten. ISBN 978-3-8340-1166-4. D: 19,80 EUR, A: 20,40 EUR, CH: 28,50 sFr.
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Herausgeberin

Studium für das Lehramt an der PH Ludwigsburg; Diplom in Erziehungswissenschaft (Schulpädagogik). Promotion in Pädagogik an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Im vorliegenden Band ist die Herausgeberin auch Autorin der beiden Artikel „10-Punkte-Checkliste für die Tierhaltung in Kindergärten und Schulen“ und „Lernfeld ‚Nutztier’.“

Lieferbare Werke

  • Landwirtschaftliche Betriebe als außerschulische Lernorte – Erwartungen der Institution Schule. GRIN Verl. 2010.
  • ‚Deutsch kann ich am besten’ GRIN Verl. 2011.
  • Tiergestütztes Lernen im Bauernhof-Kindergarten. GRIN Verl. 2011.
  • Der Beitrag der tiergestützten Pädagogik zum Lernen auf dem Bauernhof. GRIN Verl. 2013.
  • Kind – Tier – Kindergarten. Schneider Verl. 2013.

Aufbau und Inhalt

Die vorangegangenen, ausführlichen Kapitel dieses Sammelbandes, die sich u. a. befassen mit „Kleintieren im Unterricht“, mit dem „Lernen auf dem Bauernhof“, mit der heilpädagogischen Arbeit auf dem österreichischen Melk-Hof „Esperanza“, mit dem Projekt „Green Care“, mit dem „Bewegungslernen auf dem Pferd“ und der Überwindung von Vortragsangst mit Hilfe von Hund und Fisch, finden ihre Zusammenfassung in der abschließenden Studie über die „Wirkungsmechanismen tiergestützter Therapie“ (Autoren: Rainer Wohlfarth, Bettina Mutschler und Eva Bitzer).

Mit gebotener Vorsicht wird hier darauf hingewiesen, dass es sich bis heute bei der tiergestützten Therapie um „keine einheitliche, theoriegeleitete, eigenständige Interventionsform“ handelt. Die „Begriffsvielfalt“, die unterschiedlichsten Formen der Intervention, das „Fehlen eines theoretischen Rahmenkonzeptes“ erschweren es bisher der Forschung, die „Wirksamkeit tiergestützter Interventionen“ zweifelsfrei nachzuweisen. Es fehlen Kontrollgruppen und damit oft auch „fundierte, spezifische Theorien“, die kleinen Fallzahlen taugen häufig nicht für fundierte Hypothesen, und allzu oft wir bei den bestehenden Erklärungsmodellen außer acht gelassen, dass sich die alltägliche Beziehung zwischen Mensch und Tier fundamental unterscheidet von „einem Mensch-Tier-Kontakt im Rahmen einer therapeutischen oder pädagogischen Beziehung“, sich deshalb die allgemeinen Erkenntnisse zur Mensch-Tier-Beziehung nicht unbedingt übertragen lassen auf die spezielle Situation der tiergestützten Therapie/Pädagogik. Diese stellt „eine besondere Form einer kontrollierten menschlichen Beziehung dar“, deren Wirkfaktoren eine große Vielfalt aufweisen.

Die Verminderung oder gar Heilung von seelischem oder körperlichem Leiden erwächst aus den unterschiedlichsten Diagnosen wie etwa Stresserkrankungen, Angst, Depressionen. Die tiergestützte Intervention kann bei der Therapie zur Entspannung beitragen, kann depressive Stimmungslagen mindern. Sie ist vor allem in der Lage, das Vertrauensverhältnis zwischen Therapeut/Pädagoge und Klient nachhaltig zu fördern. „Angstminderung“ und „Stimmungsverbesserung“ können oft erreicht werden allein durch den Körperkontakt („das weiche Fell der meisten Tiere“). Durch die Nähe zu einem Tier (Streicheln, Fellpflege, gemeinsame Aktivitäten) lassen sich zahlreiche „Aspekte der Bindungstheorie“ auf diese spezielle Mensch-Tier-Beziehung übertragen, kann eine Partnerschaft aufgebaut werden, bei der das Tier als Freund, Familienmitglied oder gar Kindersatz empfunden wird. Das Tier aktiviert darüber hinaus das „Pflegeverhaltenssystem“ (Caregiving = Fürsorgeverhalten) des Menschen, ein bislang eher vernachlässigter Faktor der Beziehung zwischen Mensch und Tier.

Dass ein Tier als „Motivator“, als „positiver Verstärker“, um „Emotionalität und Logik“ miteinander zu verbinden, wirksam werden kann, ist bisher eher eine Annahme als eine empirisch fundierte Erkenntnis. Doch legt die positiv besetzte Anwesenheit eines Tieres etwa in der Schule die berechtigte Vermutung nahe, dass hierdurch Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl vor allem bei Kindern gefördert werden.

Wenn man davon ausgehen will, dass Tiere als eine Art Katalysator, als „Vermittler“ etwa zwischen Therapeut und Klient (und hier vor allem bei Kindern) oder Pädagoge und Schüler wirken können, dann ist vielfach zu beobachten, dass der emotional geprägte Umgang mit einem Tier, der „angstfreie Beziehungsaufbau“ hinführen kann zu einem offenen und entspannten Verhältnis in einer therapeutisch/pädagogischen Situation. Die als angenehm empfundene Anwesenheit des Tieres („Sympathiebonus“) unterstützt die „Bereitschaft zur Selbstmitteilung“ und mindert zudem die häufig auftretende „Therapiemüdigkeit“. Hier wirkt ein Tier als „Eisbrecher“, die Zuwendung des Klienten zu ihm überträgt sich alsbald auf den Therapeuten und kann „die Atmosphäre einer Therapiesitzung so nachhaltig beeinflussen“, dass Akzeptanz und Einfühlungsvermögen, Fundamente also einer tragfähigen Beziehung, unterstützt und gefördert werden.

Die Empathiefähigkeit von Tieren, menschliche Stimmungen zu erspüren und entsprechend zu reagieren, sich, nach unseren Vorstellungen, wert- und vorurteilslos zu verhalten, macht diese, einschlägigen Beobachtungen zufolge, zudem zum „akzeptierenden und geduldigen Partner“, der, da er fähig ist, seine Gefühle unmittelbar zu zeigen, auch hier seinen Beitrag leisten kann zu „einem positiveren Selbstbild und einer verbesserten Selbstachtung“ des Patienten. Für viele Kinder wirkt bei einer Therapie das Tier als Medium der Fragestellung, der „indirekten Kommunikation“, zu Anfang weit „weniger bedrohlich, als die direkte Kommunikation mit dem Therapeuten“ (weitere Forschungsarbeiten auch auf diesem Gebiet nicht ausgeschlossen).

Auch die Beobachtung, dass Tiere als „spiegelndes Selbstobjekt“ die Fähigkeit des Menschen zur Selbstkontrolle und Selbstbeherrschung unterstützen können, ist derzeit noch zu wenig empirisch überprüft. Sicher dagegen scheint zu sein, dass die „lebendige, interaktive Beziehung zu Tieren“ für den (vor allem jungen) Menschen eine Fülle von Möglichkeiten bieten kann, dass eigene Verhalten in einem neuen Licht zu sehen, die Chancen eigener sozialer Interaktionen besser einzuschätzen und neuen Fähigkeiten in seinem Verhaltensrepertoire Raum zu geben, um so die eigene „Selbstwirksamkeit“ zu fördern.

Die bisher noch unzureichenden „Rahmenkonzepte für tiergestützte Intervention“ lassen allerdings „prüfbare Hypothesen“ kaum zu, ihre „empirische Fundierung“ wird daher von den Autoren als bisher eher schwach eingeschätzt. Belege jedoch aus der „Mensch-Haustier-Forschung“, aus teils sehr unterschiedlichen, teils sich überlappenden theoretischen Überlegungen, lassen für die möglichen Wirkmechanismen tiergestützter Therapie dennoch den Schluss zu, dass „Tiere im Therapie- und Förderprozess in unterschiedlichen Phasen“ hilfreich sein können. Neben der „Eisbrecher“-Funktion erleichtern sie es vor allem dem kindlichen Patienten, sich den therapeutischen Maßnahmen zu öffnen. Sie wirken in den Sitzungen beruhigend und angstmindernd und lassen so den Klienten Sicherheit und emotionale Unterstützung erfahren. Dennoch bleiben viele Fragen offen. Die Forschungsergebnisse geben z. B. noch wenig Auskunft etwa darüber, wie bestimmte Persönlichkeitsmerkmale oder eigene frühere Erfahrungen mit Tieren die tiergestützte Intervention beeinflussen, ob die Interventionen dauerhaften Charakter aufweisen und damit etwas aussagen können über Dauer und Intensität tiergestützter Wirksamkeit. Schließlich sollte nicht vergessen werden, dass Tiere keinen therapeutischen Prozess gestalten, sondern ihn lediglich begleiten und unterstützen können. Daher besteht ein weiterer Forschungsbedarf im Hinblick darauf, inwieweit die „Merkmale des Therapeuten und des therapeutischen Setting die Wirksamkeit tiergestützter Intervention beeinflussen“.

Ein wichtiger, ebenfalls nicht genügend erforschter Aspekt ist die Frage nach dem geeigneten Tier für einen Therapieprozess, soll heißen: welche Tiere sind für welche Menschen bei welchen Problemen am besten geeignet. Als sicher kann hingegen schon heute gelten, dass „der Umgang des Therapeuten mit seinem Tier entscheidend für den Erfolg der Therapie ist“. Dieser sollte nicht nur die „Sprache seines Tieres verstehen, sondern die wesentlichen Faktoren für eine gelingende Mensch-Tier Beziehung kennen, umsetzen und reflektieren können“. Und nicht zuletzt sollte er bedenken, dass, wie für ihn selbst, die Therapie auch für das Tier eine nicht unerhebliche Belastung darstellt.

Fazit

Eine, in weiten Teilen in recht trockenem Ton verfasste, Sammlung von Untersuchungen zur Thematik der tiergestützten Intervention, die hierzulande seit etwa 10 Jahren auf das Interesse einer breiteren Öffentlichkeit stößt. Ihre Motivation zieht sie aus dem „Defizit an Theoriebildung“ und dem „Mangel an empirischer Forschung auf dem Gebiet der Human-Animal Studies“, auf den pädagogischen und therapeutischen Arbeitsfeldern ein „eher selten erforschtes Terrain“. Einem jeden Artikel ist am Ende ein umfangreiches Instrumentarium an weiterführender Literatur beigefügt. Somit lassen die Texte in ihrer Konzeption vor allem für den interessierten Fachmann kaum Wünsche offen und sind ein weiterer und wichtiger Baustein bei den Bemühungen, diesen noch jungen Therapie/Pädagogik-Trend auf wissenschaftlich verlässliche Füße zu stellen und ihm zudem die Chance zu geben, im Fächerkanon der entsprechenden Ausbildungsfelder seinen Platz zu finden.

Rezension von
Dorothea Dohms
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Es gibt 41 Rezensionen von Dorothea Dohms.

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Zitiervorschlag
Dorothea Dohms. Rezension vom 05.11.2013 zu: Inge Angelika Strunz (Hrsg.): Tiergestützte Pädagogik in Theorie und Praxis. Schneider Verlag Hohengehren (Baltmannsweiler) 2013. ISBN 978-3-8340-1166-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15108.php, Datum des Zugriffs 17.05.2022.


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