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Gesa Bertels, Manuel Hetzinger u.a. (Hrsg.): Interreligiöser Dialog in Jugendarbeit und Schule

Cover Gesa Bertels, Manuel Hetzinger, Regina Laudage (Hrsg.): Interreligiöser Dialog in Jugendarbeit und Schule. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2013. 160 Seiten. ISBN 978-3-7799-2870-6. D: 16,95 EUR, A: 17,50 EUR, CH: 24,50 sFr.
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Thema

Die Publikation widmet sich dem interreligiösen Dialog in Jugendarbeit und Schule und zeigt neben konzeptionellen Grundlagen auch die Praxisfelder sowie die Projekterfahrungen aus Begegnungs- und Dialogprojekten mit Jugendlichen. Die Publikation richtet sich an pädagogische Fachkräfte aus Schule und Jugendarbeit sowie Interessierte aus dem kirchlichen Bereich ebenso wie VertreterInnen anderer Religionen und ReligionswissenschaftlerInnen.

Herausgeberkreis

  • Gesa Bertels, Dipl.-Sozialpädagogin (FH), Soziologin (M.A.) und Journalistin (FJS), Geschäftsführerin der Kath. Landesarbeitsgemeinschaft Kinder- und Jugendschutz NW e.V.
  • Manuel Hetzinger, Dipl.-Pädagoge, Fachreferent bei der Landesgemeinschaft Katholische Offene Kinder-und Jugendarbeit in NRW.
  • Regine Laudage-Kleeberg, Religionswissenschaftlerin (M.A.) bei der Kath. Landesarbeitsgemeinschaft Kinder- und Jugendschutz, Referentin in der Fachstelle „Christen und Muslime“ im Bischöflichen Generalvikariat Münster.

Aufbau

Die Publikation ist in drei Teile gegliedert:

  1. Im Teil I werden die konzeptionellen Grundlagen zum interreligiösen Dialog und zum Umgang mit religiöser Vielfalt in Deutschland dargelegt.
  2. Im Teil II werden die Praxisfelder der offenen Kinder- und Jugendarbeit, religiösen Jugendverbänden und dem interreligiösen Lernen in der Schule ausgeleuchtet, während
  3. im Teil III die Projekterfahrungen aus religionssensibler Schulentwicklung, Peer-Trainings, aus der Demokratieerziehung im Kontext von Religion sowie aus Begegnungsprojekten und interkulturellen Trainings wiedergegeben werden.

Im abschliessenden Fazit werden die Perspektiven des interreligiösen Lernens in Jugendarbeit und Schule aufgezeigt.

Inhalt

Die Grundidee, welche diese Publikation trägt, ist, dass die religiöse Vielfalt unserer heutigen Gesellschaft die Chance bietet, dass sich Angehörige unterschiedlicher Religionen begegnen können und dies auch nutzen sollten, um „nicht nur über-, sondern auch voneinander lernen“ zu können (Bertels et al. 2013:11). Die Jugendzeit als eine wichtige Transitionsphase der Persönlichkeitsentwicklung und Identitätsbildung bietet sich hier besonders gut an, da Sinnfragen aktuell werden und die Gruppenbildung und Auseinandersetzung unter Jugendlichen auch über Differenzlinien wie kulturelle Zugehörigkeiten laufen können. Die drei Herausgebenden plädieren für die interreligiöse und interkulturelle Kompetenz der Fachkräfte, damit sie Dialog- und Begegnungsprojekte mit Jugendlichen angemessen begleiten und gemeinsame Lernprozesse anregen können.

Wenn von interreligiösem Lernen als Prozess gesprochen wird, werden auch Fragen der Heterogenität „in den eigenen Reihen“ nicht ausgeklammert, wie etwa wenn sich Christen für Zen-Buddhismus interessieren, oder unterschiedliche christliche Bewegungen, doch konzentriert sich diese Publikation auf die Begegnung von ‚Hauptreligionen‘. Ziel des interreligiösen Dialogs ist eine Auseinandersetzung mit der religiösen Identität und eine neue Verwurzelung des Lernenden in der eigenen Religion, doch sind auch innere Abspaltungen ein mögliches Resultat, welche zu einer grossen Belastung in Form von Dissonanzen und im Extremfall auch zu einer Konversion führen können (vgl. Rötting 2013:45). Über diesen individuellen Transformationsprozess geht es aber auch um eine Dialogerfahrung der Gesamtgesellschaft und eine Auseinandersetzung und Vernetzung auf der Ebene religiöser Institutionen, welche sich über konkrete Projekte näher kommen und von einer gemeinsamen Motivation der Friedensförderung getragen sind. Dies dürfte auch ein wichtiger Grund darstellen, weshalb solche Dialogprojekte von Modellprogrammen verschiedener Bundesministerien in den Ländern gefördert werden und zur Qualitätskontrolle Kriterien für deren Evaluation vorgegeben werden. Ein Beitrag dieser Publikation setzt sich denn auch mit der messbaren Wirksamkeit von interreligiösen Dialogprojekten auseinander und diskutiert die verschiedenen Grundvoraussetzungen, über welche solche Projekte verfügen sollten, wie gleicher Status der Dialogbeteiligten, die Formulierung von Gemeinsamkeiten, die institutionelle Unterstützung des Dialogs, der Freiwilligkeit und Nachhaltigkeit, damit positive Emotionen und gegenseitiges Vertrauen entstehen können. Der Autor beleuchtet die Ergebnisse die Befragung von Teilnehmenden und stellt fest, „dass der Kontakt in interreligiösen Dialoginitiativen überwiegend als positiv und angenehm wahrgenommen wird. Angesichts der Tatsache, dass 25% der dialogaktiven Christen und 86% der dialogaktiven Muslime in ihrem Alltag Diskriminierungserfahrungen und Bedrohungsgefühle im Zusammenhang mit Personen anderer Religionen oder Herkunft erfahren, kann der Kontakt im Dialog im Idealfall als positiver Kontrapunkt zu negativen Alltagserfahrungen wirken.“ (Klinkhammer 2013:74). Dazu kommt, dass rund die Hälfte der christlichen Teilnehmenden durch den Dialog erstmals Kontakt zu Muslimen erhält und die Projekte damit dieser fehlenden persönlichen Erfahrung entgegen wirken können. Damit in Zusammenhang steht auch die Hoffnung auf einen Multiplikatoreneffekt, dass nämlich die Teilnehmenden in ihrem Familien- und Freundeskreis vom Austausch berichten und sie so weitere Kreise ziehen können, damit dies zu einer Verringerung von Intergruppenkonfikten mit beitragen möge.

Interessante Anknüpfungspunkte werden in der offenen Jugendarbeit aufgezeigt, wo über den interreligiösen Dialog die Prinzipien von Offenheit und Freiwilligkeit, Teilhabe und Lebensweltorientierung von einer neuen Seite her beleuchtet werden können. Aber auch in der Demokratieerziehung, wo unter dem Titel „Meine Freiheit ist auch deine Freiheit“ über einen künstlerischen und lebensnahen Zugang gegenseitige Wertschätzung und Akzeptanz gefördert werden soll. Ein Projekt der Peer-Education zeigt, dass Jugendliche keineswegs gefestigte religiöse Positionen vorweisen müssen, um in einen Dialog mit anderen zu treten, sondern dass es um einen ständigen Prozess der Ko-Konstruktion religiöser Haltungen und Weltanschauungen geht und dies mit einer weltanschaulich neutralen Methodik unterstützt aber gleichzeitig auch ernst genommen werden muss. Dabei handeln die Jugendlichen selbständig Dialog- und Konfliktregeln aus und erleben dabei auch das Streiten als konstruktives Moment des Dialogs (vgl. Modler-El Abdaoui 2013:148).

Im Bereich der Schule, soll das nebeneinander zu einem miteinander leben werden, wie ein Beispiel einer religionssensiblen Schulentwicklung (Projekt lebens.werte.schule) zeigt, wie ein gemeinsames Lernen an Unterschieden gefördert werden kann.

Diskussion

Diese Publikation leistet einen wichtigen Beitrag zu einem aktuellen Thema und ist dem Grundsatz verpflichtet, dass interreligiöse Bildung auch Friedenserziehung bedeutet. Offenheit und Respekt gegenüber der Vielfalt von Religionen und deren Einbezug in den Alltag von Schule und Jugendarbeit prägen. Die Beiträge und zeigen die vielfältigen Bemühungen zur gemeinsamen Verständigung über Religion, Identität und Demokratie.

Die Herausgebenden merken in der Einleitung an, dass es den Lesenden auffallen mag, dass viele der Autorinnen und Autoren aus dem christlichen Milieu stammen und aufgrund der Schwerpunktsetzung auf in Deutschland sehr präsente Religionen nicht alle religiösen Strömungen gleichermassen berücksichtigt werden konnten. Dies mag nachvollziehbar sein und gleichzeitig wird das Bemühen der Herausgebenden aber auch der Beitragenden deutlich ethnozentristische oder hier spezifisch religionszentristische Sichtweisen zu vermeiden. Trotzdem lässt sich aber die Grundidee der Publikation auch hinterfragen, denn sind Religionsfragen für eine Mehrheit der Jugendlichen wirklich so relevant, als dass sie an solchen Dialogprojekten interessiert sind? Auch dieser Frage nach dem Stellenwert von Religion weichen die Beiträge nicht aus und es wird thematisiert, dass einige Jugendliche auch mit Abwehr oder Indifferenz auf solche Angebote reagieren und gerade im Bereich der offenen Jugendarbeit eine Teilnahme an derartigen Projekten auf Freiwilligkeit beruht. Diejenigen, die dann aber solche Projekte durchlaufen, lassen sich, wie die Erfahrungsberichte und auch die dargestellte Evaluation belegen, auf die Auseinandersetzungen ein, lassen sich zu Diskussionen anregen und stufen den Prozess als gewinnbringend ein. So schaffen es Dialogprojekte, die Reflexivität der Jugendlichen zu interreligiösen Fragen anzuregen und sie zu involvieren.

Trotz allem gilt es hier zwei Fragen aufzuwerfen, nämlich zum einen, ob die Auseinandersetzung mit Religion und die damit verbundenen Rituale (Gebote und Verbote, Feste etc.) ein Grundbedürfnis für die Mehrheit der Jugendlichen darstellt, oder ob es sich dabei um eine Projektion handelt. Und zum anderen lässt sich diskutieren, ob nicht für viele Jugendliche das heterogene Zusammenleben nicht schon derart zu ihrem normalen Alltagsleben gehört und sie derart säkularisiert sind, dass ihnen solche Gegenüberstellungen und Attribuierungen auch zu ihrer eigenen Religion als befremdend empfinden. Anschliessend an diese letzte Überlegung wäre auch zu hinterfragen, unter welchen Umständen solche Dialogprojekte auch zu kontraproduktiven Effekten führen können, zumal eigene Projektevaluationen mit einem Begegnungsprojekt mit Jugendlichen mit dem Judentum eindrückliche Bumerangeffekte erzeugt hatte (Eser Davolio 2000, 2012).

Wichtig bleibt auch der Punkt bezüglich der „Mission“ solcher Projekte und ob es einzelnen Projektträgern in erster Linie um den interreligiösen Dialog zur besseren Verständigung geht, oder um das Bewirken einer klareren Verankerung in der eigenen Religion durch die Auseinandersetzung mit Angehörigen anderer Religionen und damit auch um den Versuch, der steigenden Säkularisierung in einer globalisierten Welt entgegen zu wirken. Letzteres stellt sich weniger als Frage, wenn es um die Arbeit mit christlichen Jugendverbänden geht. Hier werden Jugendliche angesprochen – wie in einem der Beiträge gezeigt wird –, welche auch aus Regionen stammen, wo wenig Bezug zur religiösen Heterogenität besteht und welche sich deshalb im Rahmen solcher Projekte zum ersten Mal in direktem Kontakt mit einem ‚Alien‘ (Angehöriger einer fremden Religion) befinden. Hier bieten solche Dialogprojekte sicher dringend nötige Begegnungsmöglichkeiten, damit gegenseitige Fremdheitsgefühle oder allenfalls auch Vorurteile und Abwehrhaltungen abgebaut werden können, ist doch aus verschiedenen deutschen Studien bekannt, dass Jugendliche aus Regionen mit geringem Ausländeranteil sowie auch religiös verankerte Menschen durchschnittlich höhere Intoleranzwerte aufweisen.

Fazit

Eine informative, wissenschaftlich abgestützte Publikation mit vielen Anregungen für die Praxis interreligiöser Bildung für Jugendarbeit und Schule, welche einen guten Überblick über laufende Projekte und deren Erfahrungen bietet. Die Herausgebenden halten in ihrem Fazit fest, dass man mit dem interreligiösen Dialog auch immer ein politisches Parkett betritt und er wenig mit dem Besuch einer Moschee, einer Synagoge oder einer Kirche zu tun habe, sondern vielmehr um Integration, Frieden und Gemeinschaftsbildung gehe. Wenn dieser Dialog nicht hergestellt wird, dann laufen die Einstellungsbildungen über die herkömmlichen Kanäle mit Schlagzeilen zu Anschlägen, Beschneidungsurteil oder Kopftuchverbot, argumentieren sie,- womit sie wohl recht haben dürften.

Literatur

  • Eser Davolio, Miryam (2000). Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Gewalt. Festgefahrenes durch Projektunterricht verändern. Bern: Haupt Verlag.
  • Eser Davolio, Miryam (2012): Einstellungen von Jugendlichen zum Holocaust verändern – ein schwieriges Unterfangen. In: Ziegler, B.; Schär, B.C.; Gautschi, P. & Schneider, C. (Hg.): Die Schweiz und die Shoa. Von Kontroversen zu neuen Fragen. Zürich: Chronos, S.47-62.

Rezension von
Dr. Miryam Eser Davolio
Dozentin am Departement Soziale Arbeit der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW), forscht und lehrt in den Themenbereichen Extremismus und Jugendgewalt, Migration und Integration sowie zu Fragen der Sozialen Arbeit.
Homepage www.sozialearbeit.zhaw.ch
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Zitiervorschlag
Miryam Eser Davolio. Rezension vom 07.05.2014 zu: Gesa Bertels, Manuel Hetzinger, Regina Laudage (Hrsg.): Interreligiöser Dialog in Jugendarbeit und Schule. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2013. ISBN 978-3-7799-2870-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15109.php, Datum des Zugriffs 16.01.2021.


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