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Lakshmi Kotsch, Ronald Hitzler: Selbstbestimmung trotz Demenz?

Cover Lakshmi Kotsch, Ronald Hitzler: Selbstbestimmung trotz Demenz? Ein Gebot und seine praktische Relevanz im Pflegealltag. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2013. 136 Seiten. ISBN 978-3-7799-2907-9. D: 14,95 EUR, A: 15,40 EUR, CH: 21,30 sFr.

Reihe: Randgebiete des Sozialen.
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Thema

Der Begriff der Selbstbestimmung ist in Leitlinien von Pflegeheimen theoretisch fest verankert. Doch die Praxis wirft Fragen und Schwierigkeiten auf, gerade in der Pflege und Betreuung dementer Menschen. Unsicherheit und fehlende Vorstellungen, wie das Selbstbestimmungsgebot im Alltag umgesetzt werden kann, sind nicht selten.

Autoren

  • Ronald Hitzler ist Inhaber des Lehrstuhls für Allgemeine Soziologie an den Fakultäten „Erziehungswissenschaft und Soziologie“ und „Wirtschafts- und Sozialwissenschaften“ der Technischen Universität Dortmund.
  • Lakshmi Kotsch hat Selbstbestimmungs- und Demenzforschung sowie soziologische Videographie als Arbeitsschwerpunkte.

Entstehungshintergrund

Das Buch schließt an ein Forschungsprojekt der Autoren Ronald Hitzler und Lakshmi Kotsch zum Thema Selbstbestimmung an.

Aufbau und Inhalt

In der Einleitung wird der Ansatz der Autoren Ronald Hitzler und Lakshmi Kotsch eingeführt. Selbstbestimmung muss interaktiv verstanden werden. Dieses Verständnis ist leitend für die gesamte Arbeit der Autoren. Dazu gehört auch die Frage: Woher kommt das Wissen darüber, was Selbstbestimmung bedeutet, und außerdem, welches Selbstbestimmungsverständnis bestimmt die Situation mit dem dementen Menschen.

Die Autoren beleuchten in Kapitel 2 die Wichtigkeit von Selbstbestimmung in unterschiedlichen Pflegebereichen. Ein hohes Maß an Selbstbestimmung der Person, die Hilfen und Pflege in Anspruch nimmt, ist bei der persönlichen Assistenz körperbehinderter Menschen zu finden. Psychische Beeinträchtigungen bei Hilfsbedürftigen, wie bei einer Demenzerkrankung, ergeben besondere Herausforderungen. Diese skizzieren die Autoren aus pflegerischer und auch rechtlicher Perspektive. Die Autoren halten fest, dass in der Interaktion von Pflegenden und dementen Menschen grundsätzlich ein Ungleichgewicht existiert, was die Deutung der Situation angeht.

Kapitel 3 geht auf die Forschungskonzeption und Feldgegebenheiten ein. Die Untersuchung bezieht sich fast ausschließlich auf den stationären Pflegebereich.

In Kapitel 4 wird anhand ausgewählter Abschnitte aus protokollierten teilnehmenden Beobachtungen im Pflegeheim die Interaktion selbst genauer betrachtet. Verbale und nonverbale Willensäußerungen der Dementen und die vorausgehenden oder folgenden Reaktionen der Pflegenden werden in verschiedenen typischen Pflegesituationen analysiert und diskutiert. Untersuchte Themen sind zum Beispiel die körperliche Unversehrtheit, arbeitsorganisatorische Erfordernisse und hygienisches Wohl.

In Kapitel 5 nehmen die Autoren die Sichtweise der Pflegekräfte näher in den Blick. Mittels Interviews wird das eigene Selbstbestimmungsverständnis der Fachkräfte betrachtet. Arbeitsbelastung, Zeitmangel oder das Dilemma zwischen Fürsorgepflicht und Selbstbestimmungsrecht sind dabei auch angesprochene Aspekte.

Kapitel 6 dient der Zusammenfassung und abschließenden Diskussion. Die Autoren gehen darauf ein, welche unterschiedlichen Folgen sich aus dem Selbstbestimmungsgebot bei dementen Menschen, im Gegensatz bei psychisch gesunden, pflegebedürftigen Menschen ergeben. Der Einsatz von Tricks und Kniffen in der Pflege und Betreuung wird ebenfalls diskutiert.

Diskussion

Trotz des eingetretenen Autonomieverlustes sind Pflege- und Betreuungsmitarbeiter verpflichtet, dem demenzkranken Menschen ein möglichst selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen. Demente Menschen brauchen in der Regel Unterstützung durch dritte Personen, um ihre eigenen Wünsche und Bedürfnisse umsetzen zu können. Ronald Hitzler und Lakshmi Kotsch stellen fest, dass das Pflegepersonal bisher nur vereinzelt die Rolle einnimmt, die Selbstbestimmung Demenzerkrankter aktiv zu fördern.

Im Ergebnis findet Selbstbestimmung noch nicht die weitreichende Beachtung in der Praxis, die ihr zusteht. Angesicht der steigenden Zahl demenzkranker Menschen und einem sich wandelnden Verständnis, was die Ansprüche an die Versorgung angeht, wird das Thema zunehmend relevanter werden.

Fazit

Das Fachbuch von Ronald Hitzler und Lakshmi Kotsch gibt einen Einblick in die aktuelle fachliche Diskussion zum Selbstbestimmungsrecht dementer Menschen in der stationären Altenpflege. Außerdem werden Impulse für Fach- und Führungskräfte gegeben, um die eigene Arbeit in dieser Hinsicht zu reflektieren.


Rezensentin
Alexandra Günther
M.A., Pädagogin/Ethikerin
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Zitiervorschlag
Alexandra Günther. Rezension vom 20.08.2013 zu: Lakshmi Kotsch, Ronald Hitzler: Selbstbestimmung trotz Demenz? Ein Gebot und seine praktische Relevanz im Pflegealltag. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2013. ISBN 978-3-7799-2907-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15119.php, Datum des Zugriffs 12.11.2019.


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