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Karin Priester: Rassismus. Eine Sozialgeschichte

Cover Karin Priester: Rassismus. Eine Sozialgeschichte. Philipp Reclam jun. Verlag GmbH (Stuttgart) 2003. 320 Seiten. ISBN 978-3-379-20076-9. 11,90 EUR.

Reihe: Reclam-Bibliothek Leipzig - Band 20076.
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Einführung in das Thema

"Wir leben in einer Zeit, in der Rassismus wieder einmal aus seiner Asche steigt und sich in einer Heftigkeit ausbreitet, die wir nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ein für allemal für verschwunden geglaubt hatten", so führt der UNESCO-Kurier, eine Zeitschrift, die leider in den Zeiten der Einsparungen und Etatkürzungen, aber wohl auch der Zurückhaltung der Abonnenten, im Jahr 2000 eingestellt wurde, das Schwerpunktthema "Die Wurzeln des Rassismus" ein. Die wissenschaftlichen Einschätzungen, welche Ursachen das Aufkommen und Verschwinden von Rassismus in der Menschheitsgeschichte habe, sind unterschiedlich. Für den französischen Soziologen Michel Wieviorska müsse das Wiedererwachsen von Rassismen in der Moderne als Folge des Zusammenpralls von wirtschaftliche Globalisierung und kulturellem Individualismus verstanden werden; der französische Politologe Etienne Balibar ist Rassismus ein schreckliches Instrument zur kollektiven Identifikation; der amerikanische Soziologe Stephen Steinberg geht davon aus, dass nur ein staatliches Eingreifen in die Strukturen der Diskriminierungen Abhilfe schaffen könne; und der Genetiker Albert Jacquard verweist darauf, dass sich im gesellschaftlichen Diskurs Rassismus weiterhin von Ängsten und Verdrängungen nähre, je deutlicher sich die Unwissenschaftlichkeit in der Begriffsbenutzung darstelle. Der Umgang mit Rassenideologien und -theorien in den jeweiligen Menschheitsepochen verweist darauf, dass Rassen erst durch Rassenkonflikte geschaffen werden (Patrik von zur Mühlen). Die zahllosen Opfer in der rassistischen Wirklichkeit überall in der Welt machen eine Auseinandersetzung über Entstehung, Tradierung und Verbreitung rassistischen Denkens und Handelns unerlässlich (vgl. dazu auch: Christoph Burgmer, Hg., Rassismus in der Diskussion, ElefantenPress, Berlin 1999).

Inhalte

Deshalb ist es gut, dass Karin Priester den Versuch unternimmt, eine "handliche" Sozialgeschichte des Rassismus vor zu legen. Ihre erste These ist unumstritten; ihr Hinweis darauf, dass Rassismus auf den Willen zur Vorherrschaft von Mehrheiten, so genannten Eliten oder im Höherwertigkeitsdenken verhafteten Gruppen, gegenüber Minderheiten beruhe, muss aber immer wieder ins individuelle und gesellschaftliche Bewusstsein gebracht werden. In ihrer zweiten These verweist sie auf die ebenfalls bekannte Tatsache, dass es sich beim Rassismus um keine politische Doktrin handele, sondern Rassisten mit Unschärferelationen operierten und mit den Ängsten der Menschen spekulierten. Daraus entwickelt sie ihre Begriffsdefinition: "Unter Rassismus im engeren Sinne lässt sich eine gesellschaftliche Praxis verstehen, in Wort und Tat Menschengruppen wegen ihrer Herkunft oder Hautfarbe zu diskriminieren". Die begriffliche Auseinandersetzung mit gesellschaftlicher Diskriminierung ist notwendig, um den bisher schwammig benutzten Benennungen entgegen zu wirken. Die Autorin grenzt sich deshalb zum Beispiel von historischen und aktuellen Erscheinungsformen, wie etwa dem Ethnozentrismus ab (vgl. dazu auch die Besprechung des Buches von Tarek Badawia u.a. , Wider die Ethnisierung einer Generation). In ähnlicher Weise dürfte es notwendig sein, die Begriffsbenutzung "Fremdenfeindlichkeit" in den rassistischen Zusammenhang zu stellen, um Verniedlichungen von rassistischen Tatsachen entgegen zu wirken (vgl. dazu auch: Kalpala/Räthzel, Die Schwierigkeit, nicht rassistisch zu sein). In ihrer Analyse beschränkt sie sich auf die wichtigsten Ausprägungen: Kolonialismus, Antisemitismus, Eugenik. Rassismus, das stellt auch die Autorin fest, ist keine anthropologische oder biologische, sondern eine soziale Kategorie.

In ihrem Gang durch die Sozialgeschichte der Menschheit beginnt sie mit Christoph Columbus` Amerika-"Entdeckung", der "Hoch"-Zeit des Sklavenhandels und in der europäischen Geschichte sich darstellenden Judenverfolgungen, -austreibungen und -progromen. Das (europäische) 18. Jahrhundert mit Germanenmythos, gegen den Absolutismus gerichtete Aufklärungsbestrebungen und nicht zuletzt den anthropologisch (wissenschaftlich) gestellten Fragen: Gibt es einen Zusammenhang zwischen äußerlicher, körperlicher Vielfalt und der psychologisch-geistigen Veranlagung, insbesondere der Befähigung zur Vernunft? Mit der Darstellung von ausgewählten Rassen- und Volkstumstheorien, etwa des französischen Grafen Joseph Arthur de Gobineaus (1816-1882) Theorie von der "Ungleichheit der Menschenrassen" und seiner hierarchischen Einteilung in die weiße, gelbe und schwarze Rasse, verweist Karin Priester auf die historischen Tradierungen rassistischen Denkens. Mit dem naturphilosophischem Denken Johann Gottfried Herders und der Gleichsetzung von Volk und Nation werden gleichsam die imperialistischen und nationalistischen Türen auf den unseligen Weg in den neueren Rassismus geöffnet. Houston Stewart Chamberlain schließlich liefert mit seinem zweibändigen Werk "Grundlagen des 19. Jahrhunderts" den Nationalsozialisten und Faschisten die endgültigen Rechtfertigungen für ihr unmenschliches und kriminelles Tun.

Die Jetztzeit holt die Autorin herein mit einem Vergleich der südafrikanischen Apartheids-Politik mit der umstrittenen "Rassendemokratie" Brasiliens. Sie legt ihren Finger in eine Reihe von Wunden und weist auf vielfach als "eindeutig" erkannte Diskrepanzen im internationalen Diskurs um Rassismen hin. Antisemitismus zum Ende des 19. Jahrhunderts und die mörderischen Ausprägungen zur Bildung von antijüdischen Stereotypen im völkischen Denken und Handeln, bis hin zu rassenhygienischen und eugenischen Konzepten, vervollständigen das Rassismus-Bild in unseren Gesellschaften.

Die aktuelle, globale Diskussion befruchtet Karin Priester mit der Auseinandersetzung um "neu-rassistische" Begrifflichkeiten, wie etwa dem Ethnopluralismus, als Gegenbegriff der Rassisten gegen den des Universalismus (vgl. dazu auch den der "Ethnisierung"). Sie entlarvt damit die "Neue Rechte" bei ihren Bemühungen, den Mythos einer gemeinsamen, indoeuropäischen Ethnie und dem Anspruch auf eine entsprechende Hegemonialstellung in der Welt. Zwangsläufig muss sie sich auch mit den Begrifflichkeiten "Ethnische Identität", "Pluralismus" und "Multikulturalismus" beschäftigen; Denk- und Handlungsformen, die mittlerweile von ganz unterschiedlichen gesellschaftlichen Strömungen akquiriert werden. Sie liefert damit zum globalen Diskurs um "Rassismus" interessante Aspekte und nachdenkenswerte Überlegungen, etwa, wenn sie anmahnt, dass ein Universalismus, der von Menschenrechten und Demokratie spreche, dabei aber an wirtschaftliche Ressourcen und hegemoniale Vorherrschaft denke, wenig überzeugend sei.

Fazit

Karin Priesters Baustein "Rassismus - Eine Sozialgeschichte" ist ein notwendiger Beitrag zum globalen Diskurs, wie eine humanere, gerechtere, antirassistische und demokratische Welt geschaffen werden kann. Von der Gesellschaft Minderheiten in der Schweiz (GMS) und der Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus (GRA) aus Zürich wurde soeben eine Chronologie "Rassistische Vorfälle in der Schweiz" (2003) vorgelegt. In der jährlich erscheinenden Dokumentation werden mehr als einhundert einzeln aufgeführte verbale Rassismen, Diskriminierungen, Bedrohungen, Gewalttaten, Verbreitung von rassistischen Schriften und Medien, sowie "Behördenrassismus", angeprangert: "Intoleranz, Hass und Unverträglichkeit beginnen oft fast unbemerkt, als leise Gärprozesse". Diese historische Erkenntnis gilt auch heute noch. Sich in Definition, in wissenschaftlichen Analysen und im gesellschaftlichen Umgang miteinander mit Rassismen auseinander zu setzen, ist notwendig, heute wie Eh und Je.


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 23.03.2004 zu: Karin Priester: Rassismus. Eine Sozialgeschichte. Philipp Reclam jun. Verlag GmbH (Stuttgart) 2003. ISBN 978-3-379-20076-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/1512.php, Datum des Zugriffs 21.06.2021.


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